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Mtteldentsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 18.
Wurde der Persoalichteit zug heben. Die im Genuß verschrumpfte Denkfähigkeit der herrsch⸗ enden Klassen hindert sie, gerecht zu sein, treibt sie zur Brutalität und ruft so den Kampf zwischen den Besitzenden und Besitzlosen hervor.
Der Kampf um den Achtstundentag ist Klassenkampf. Und dieser Klassenkampf wird nicht eher entschieden, bis die besitzlosen arbei⸗ tenden Klassen durchgehends erkannt haben, daß ihre Macht auch in ihrer Zahl ruht und daß keine Macht der Erde die Uebermacht bezwingen kann, die im bewußten Zusammen⸗ gehen aller Arbeiter spielend das Unrecht ihrer Ausbeutung und Knechtung beseitigen kann.
Heraus mit dem Achtstundentag! Ueberall erschallt dieser Ruf am 1. Mai, ob ihn die feiernden Arbeiter in Massendemon⸗ strationen ertönen lassen, oder ob er in der Werkstatt, der Fabrik, ob bei der Arbeit über oder unter der Erde von schaffenden Arbeitern erhoben wird. 0 1 Wie es aber die Aufgabe der Unterdrückten und Ausgebeuteten selbst ist, den Klassenkampf bis zur Beseitigung der Klassenherrschaft durch⸗ zukämpfen, so ist es auch ihre heilige Pflicht, die gegenseitige Zerfleischung der Völker, den blutigen Krieg aus dem Leben der Völker auszutilgen. Gegen den Massenmord auf wirtschaftlichem und politischem Gebiet protestiert und demonstriert die organisierte, zielbewußte Arbeiterschaft am 1. Mai. Der schmählichste Hohn auf die Menschlichkeit ist der Krieg; entfesselt von niedrigen Leidenschaften, macht er Menschen zu Bestien und zertrümmert alle Errungenschaften menschlichen Geistes und menschlicher Moral. Seine Wurzel ist die gleiche, wie die des Kapitalismus: die brutale Selbstsucht. Ausbeutung und Massenmord bilden das Schandmal der heutigen Ordnung. An ihre Stelle eine bessere, auf reinster Humanität aufgebaute Gesellschaftsordnung 51 schaffen, ist das Endziel der Arbeiterbewegung, ie die Maifeier auch als eine Errungenschaft zur Einigung und Festigung der Arbeiterparteien aller Länder betrachtet.
Darum auf zur Maifeier!
Hoch der Achtstundentag!
Noch der Völkerfrieden!
Zu den Reichstagswahlen. VI
Das Zentrum.
Im vorigen wie im gegenwärtigen Reichs⸗ tage war das Zentrum die stärkste und darum maßgebendste Partei. Ste verfügt über 104 Abgeordnete, abwohl sie 1898 ein Drittel der Stimmen weniger als die Sozialdemokratie erhielt. Seit ihrem Bestande, seit 1874 schwankte ihre Stimmenzahl von 1,3—1,5 Millionen, nur 1881 wurden blos 1,1 Millionen Zentrums⸗ stimmen abgegeben. Die Zahl ihrer Abgeord⸗ neten betrug in jedem Reichstage 90 bis einige über 100. Der Ursprung des Zentrums ist im sog. Kulturkampf zu suchen, der durch Bismarck unmittelbar nach der Unfehlbarkeitserklärung des Papstes durch das vatikanische Konzil im Jahre 1870 inszeniert wurde. Bismarck sah hierin ein Wiederaufleben der alten Bestrebungen des Papsttums, sich zum geistlichen Oberherrn über alle Reiche zu machen. Er begann den Kampf gegen die sich als Zentrumspartei sammelnden Katholiken mit den seinem Naturell entsprechenden Gewaltmaßregeln, die in der Ausweisung der Jesuiten und der ihnen liirten Ordensgesellschaften und einer Reihe Ausnahme— gesetze gegen die katholische Kirche bestanden. In Folge dieser Politik nahm das Zentrum in den siebziger Jahren eine entschieden oppo⸗ sitionelle Stellung ein, wofür es mit den Sozialdemokraten, Welfen, Polen und Elsässern als eine revolutionäre, vaterlandslose Partei von Bismarck und seinem Anhang ge⸗ brandmarkt wurde, deren eigentliche Btstrebungen auf die Vernichtung des Deutschen Reichs hinausliefen. Später sah Bismarck ein, daß der Kulturkampf ein schwerer politischer Fehler war, er machte seinen Frieden mit Rom und dem Zentrum und letzteres trat dafür in die Reihen der„Ordnungs“parteien ein, wurde
gar Regierungspartei. Im Grunde ist diese Partei durchaus konservatib, rückschrittlich. In ihr sind die in den S Elemente ver⸗ treten, welche nur in dem Schutze der Interessen der katholischen Kirche ihre gemeinsame Aufgabe erblicken. Früher, bis zum Jahre 1893 stand es allen größeren Militär⸗ nnd Marineforde⸗ rungen äußerlich oppositionell gegenüber. Mit der Zeit wurde es aber immer bewilli⸗ gungseifriger; es ist mit der eifrigste Befür⸗ worter der sog. Weltpolitik und war von jeher die Stütze der Kolonialpolitik, welche bekanntlich der Masse der werktätigen Bevölkerung unge⸗ heuere Lasten auferlegt und nur einzelnen Rhedern und Großkaufleuten Vorteile bringt. Die von Bismarck in Angriff genommene Schutzzoll⸗ und indirekte Steuerpolitik hat das Zentrum unterstützt, es half die Zucker⸗ und Branntweinliebesgaben schaffen. Um den Zoll⸗ tarif durchzubringen, schreckte es vor keiner Gewaltmaßregel zurück und gab sich zur Ver⸗ schlechterung der Geschäftsordnung des Reichs⸗ tages her. Durch die Erhöhung der Lebens⸗ mittelzölle und der indirekten Steuern infolge der Annahme des Zolltarifs hat diese Partei, der leider auch noch viele Arbeiter anhängen, die Lebensinteressen der Arbeiterklasse auf's Schwerste geschädigt. Verschiedentlich rebellierten denn auch Zentrumsarbeiter gegen diese„Arbeiterpolitik“. Um aber die katholischen Arbeitermassen an sich zu fesseln, tritt es für Arbeiterschutzpolitik ein, sobald aber sozial⸗ demokratischerseits Anträge eingebracht werden, die wirklichen Arbeiterschutz herbeizuführen ge⸗ eignet wären, so stimmt sie das Zentrum nieder. Zu einer solchen Haltung in der Sozialpolitik wird diese Partei bestimmt durch die Rücksicht auf die Großunternehmer, Handwerker und Bauern, die es zu seinem Anhang zählt. Weil es aus so verschiedenartigen Elementen mit gegensätzlichen Interessen zusammengesetzt ist, muß es bald dieser, bald jener Schicht Rechnung tragen, muß Schaukelpolitik treiben. Bet allen größeren gesetzgeberischen Aktionen der letzten Jahre war der Umfall des Zentrums an der Tagesordnung. Auch in Bezug auf das Wahlrecht ist das Zentrum ein ziemlich unsicherer Kantonist. Aeußerungen ver⸗ schiedener seiner Führer deuten darauf hin, daß es unter Umständen für eine Verschlechte⸗ rung des Reichstagswahlrechts zu haben wäre. In Schul⸗ und Bildungsfragen ist es ganz besonders rückständig. Charakteristisch dafür ist, was sein Führer P. Reichensperger bet der Beratung des Zedlitz'schen Schulgesetzent⸗ wurfes im Jahre 1892 äußerte. Er sagte da u. a.:
Ich trage gar keine Bedenken, meine Ueberzeugung dahin auszusprechen, daß allgemein für all: Volksschulen als obligatorische Lehrgegenstände nur hingestellt werden können, gründlicher Unterricht in der Religion, im Lesen, Schreiben und Rechnen, damit diese Materien ganz von dem Zögling aufgenommen werden Nun sagt der§ 5 der Vorlage, daß als allgemeine obligatorische für alle Volksschulen geltende Lehrgegen⸗ stände dienen sollen: vaterländlische Geschichte, Geographie, Naturkunde, Zeichnen! Nun meine Herren, das sind alles recht schöne Dinge, aber sie sind meiner Ueber⸗ zeugung nach nicht blos ein überflüssiger Luxus, sondern sie tragen die allergrößten Gefahren für die Gesamtheit, für den Staat in ihrem Schooße. Ich frage ganz einfach, ob denn junge Leute, die bis zum vollendeten vierzehnten und fünfzehnten Lebensjahre mit allen diesen schönen Dingen traktirt worden sind, mit Zufriedenheit und innerer Befriedigung in den ihnen allein geöffneten Lebensweg eintreten können, als Ackerknecht oder Stallknecht, als Ziegenhirt oder Gänse⸗ hirt, als Lehrling und Fabrikarbeiter? Ich frage, meine Herrren, ob diese jungen Leute mit Befriedigung, ja ohne Scham und Wut in solche Stellungen eintreten und ob sie sich nicht für viel zu gebildet und zu gut erachten, dergleichen Obliegen⸗ heiten auf sich zu nehmen.“
Und seit dieser Zeit haben sich die Ansichten des Zentrums in der Volksbildungsfrage keines⸗ wegs geändert, es steht hierin auf dem Stand⸗ punkt jenes ostelbischen Großgrundbesitzers, der im Herbst 1897 in einer Konferenz seiner Standesgenossen äußerte: Der dümmste Arbeiter ist der Beste.— In unserem Ver⸗ breitungsgebiete kommt das Zentrum im Kreise Wetzlar, Limburg, Friedberg, Marburg und dem 3. nassauischen in Betracht. Letzterer Wahl⸗ kreis ist eine sichere Domäne der Ultramontanen,
die auch gegenwartig den Wahlkreis Limburg⸗ Diez besitzen. Im Kreise Friedberg wurden 1898 1274, im Gießener 79, im Marburger 1910 Zentrumsstimmen abgegeben, dagegen im Wetzlarer Kreis 5400, im Limburger 5091 und im Kreise Dillenburg⸗Herborn 3477. Die Arbeiter haben nicht die geringste Veran⸗ lassung ihre Stimmen dieser Partei des Rück⸗ schritts und der Brodverteuerung zuzuwenden.
politische Rundschan.
Gießen, den 30. April.
Preußische Landtagswahlen und die Sozialdemokratie.
Am Sonntag fand im Berliner Gewerk⸗ schaftshause eine sozialdemokratische Partei⸗ konferenz preußischer Delegierter statt, die nach dem Beschlusse des Münchener Parteitiges die Stellung der Sozialdemokratie in Preußen zu den Landtagswahlen festzulegen hatle. In sehr rascher und energischer Arbeit hat sich die Konferenz dieser Aufgabe entledigt. Besucht war sie von 92 Delegierten. Nach einem ein⸗ 9 und sachlichen Referate des Genossen
r. Arons und ebenso eingehender Diskusston wird die vom Pgrteivorstande vorgeschlagene Resolution angenommen, welche sich in Anleh⸗ nung an den Beschluß des Mainzer Parteitags für Beteiligung an den Landtagswahlen aus⸗ für di Bei Entfaltung der Agitation komme ür die Sozialdemokratie in erster Linie die Aufklärung der Massen in Betracht. Ohne Rücksicht auf materielle Erfolge soll überall dort in die Wahl eingetreten werden, wo über⸗ haupt vie Aufstellung soztaldemokralif cher Wahl⸗ mannskandidaten möglich ist. Das gilt im besonderen auch für einzelne vorgeschrittene Orte solcher Wahlkreise, in denen im allge⸗ meinen an die Aufstellung sozialdemokratischer Wahlmänner nicht gedacht werden kann.— Kommt es bei den Urwahlen zur Stichwahl, in der nach Ausfall der Sozialdemokraten liberale Kandidaten solchen anderer Parteien gegenüberstehen, so wird im allgemeinen für die liberalen Kandidaten zu stimmen sein.
Aßzrarische Unwahrheiten.
In den agrarischen Zeitungen und Ver⸗ sammlungen wird beständig die Behauptung aufgestellt, daß Deutschland so viel an land⸗ wirtschaftlichen Produklen erzeugen könne, als seine Bevölkerung brauche. Diese Behauptung steht aber mit den Tatsachen in direktem Widerspruch, wie die amtliche Statistik nachweist und wie oft genug auch unsererseits hervorge⸗ hoben worden ist. In dieser Beziehung sind Angaben von Interesse, welche kürzlich die „Deutsche Wirtschaftspolitik“ machte. Da werden jene agrarischen Behauptungen in folgender Weise abgeführt:
Wir führen jährlich z. B. die Häute von etwa 1 Million Pferden ein, ferner an Kalb⸗ fellen und Rindshäuten 80 000 Doppelzentner (das sind die Häute von nahezu 5 Millionen Stück Rindvieh, während knapp zweieinhalb Millionen jährlich in Deutschland geschlachtet werden). Es müßte also, von den Bedürfnissen der Fleischgewinnung völlig abgesehen, der deutsche Pferdebestand vervierfacht, der Rind⸗ viehbestand verdreifacht werden, nur um den Häutebedarf zu decken.— Welter: Dte etwa 10 Millionen deutscher Schafe geben hochgerechnet jährlich 20000 Tonnen Wolle; die Mehreinfuhr an Wolle betrug im Jahresdurchschnitt 18981900 aber etwa 160000 Tonnen. Der heimische Schafbestand müßte also neunmal so Jaun oder vielmehr, da man doch auch die Baumwolle durch Wolle ersetzen müßte, etwa 27mal so groß werden, wie er heute ist.„Nun ist aber das ganz besonders Mißliche, daß die Land⸗ wirtschaft diesen und vielen anderen Verpflich- tungen— Borsten, Klauen, Hörner usw. zu liefern— nur schwer nachkommen könnte, ohne andere zu vernachlässigen; das Fleischschwein bat gar keine Borsten, das Fleischschaf viel
schlechtere Wolle, die Shorthornrinder liefern f
keine Hörner usw. Ob all' das Federvieh, das in geradezu unglaublichen Mengen nach Deutsch⸗
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