Ausgabe 
3.5.1903
 
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Seite 6.

Mitteldeuische Sountags⸗Zeitung.

Nr. 18.

ö 5 10 Unterhaltungs-Ceil. 7

ů

E Maien-Trost. Eine Seele, ein Herz, Ein einziger Schlag

Das Volk aller Länder Am Maientag!

Und ob man uns schmiedet Ein ehernes Joch Vereinigte Kräfte Sie brechen es doch! (Postill.)

Die Schreckensnacht.

Am Stammtische des Gasthauses zum Blauen Wallfisch herrschte eine gedrückte Stimmung.

Morgen ist der erste Mai da wollen sie losschlaͤgen, bemerkte der hagere Seifensieder Köhler.

Sie wollen Alles teilen, betonte in an⸗ klagendem Tone der Bauunternehmer Backstein, welchem das Teilen ohnedies viel Sorgen machte, da er sich zur Zeit in Konkurs befand.

Sie wollen die Ehe abschaffen, fügte der Schneider Kümmerlein hinzu.

Ach, das leidet ja Deine Frau gar nicht, neckte der Schuster Lehmann, darauf anspielend, daß Kümmerlein als Pantoffelheld bekannt war.

Wird es denn wirklich so schlimm werden? erkundigte sich der Rentier Schulze, ein dickes Männchen mit ängstlichem Gesichtsausdruck.

Freilich es hat ja im Kreisblatt ge⸗ standen, betonte Köhler,am ersten Mai erheben sich gleichzeitig in allen Ländern die Sozialdemokraten, um die bestehende Staats⸗ odnung gewaltsam umzustürzen.

Aber geht es denn S schnell? fragte Schulze.

Es soll ganz genau acht Stunden dauern, bis der heutige Staat umgestürzt und der Zukunftsstaat errichtet wird, belehrte Köhler, darum wird die Sache auch die Achtstunden⸗ bewegung genannt. n

Aber wir haben doch Militär und Polizei, bemerkte Schulze.

Allerdings, sagte Köhler,es wird harten Kampf geben und das Blut wird in Strömen fließen. Wer kann da im Voraus wissen, wie die Sache ausgeht! Anno Achtundvierzig in meiner Heimat haben die Revolutionäre dem Ortspolizeidiener einfach das Gewehr wegge nommen und haben ihn dann abgesetzt.

Schauderhaft, seufzte der ängstliche Schulze, und weng der Streich gelingt?

Dann müssen Sie Ihren Geldschrank an den sozialdemokratischen Wahlverein abliefern und werden gezwungen, Ihr Brot durch Arbeit zu verdienen.

Ach, eine solche Schändlichkeit ist ja gar nicht denkbar, rief Schulze mit Entrüstung.

Der Seifensieder Köhler nahm das Kreis⸗ blatt zur Hand und las verschiedene Stellen aus dem Artikel vor. Dieser Artikel wandte sich gegen die Sozialdemokraten, welche als Umstürzler und Teiler bezeichnet waren. Der phantasiereiche Verfasser dieses Artikels knüpfte an die in Aussicht stehenden inter⸗ nationalen Kundgebungen zum ersten Mai aller⸗ lei Befürchtungen, und erzielte damit den Er⸗ folg, die Spießbürger des Städtchens, soweit sie das Kreisblatt zu ihrer einzigen Lektüre erwählt hatten, ganz aus Rand und Band zu bringen. Besonders auf den Rentier Schulze machte dieser Artikel großen Eindruck. Er hatte vor dem Kreisblatt allen Respekt, weil das⸗ selbe ihm täglich zu Heller und Pfennig genau angab, wie seine Eisenbahn⸗Aktten und Industrie⸗ Papiere standen. Wenn ein solches Blatt eine Gefahr signalisterte, dann mußte es doch Grund dazu haben!

Die Tafelrunde blieb heute länger wie gewöhnlich beisammen, man ging vom Bier zum Grog über und die Diskussion über die Gefahren des ersten Mai gestalte sich immer lebhafter und abenteuerlicher. Endlich schlug aber doch die Trennungsstunde, und als der Rentier Schulze mit unsicheren Schritten die Treppe zu seiner Wohnung emporstieg, da fiel es ihm schwer aufs Herz, daß er diese Nacht ganz allein in seiner Behausung sein werde. Seine Wirtschafterin hatte sich Urlaub erbeten, um Verwandte zu besuchen. Also böllig isoltert am Morgen der blutigen Revolution!

Das schien Herrn Schulze bedenklich, besonders da er ganz waffenlos war. Er ent⸗

sann sich jedoch trotz der Verwirrung, die

Bier und Grog in seinem Kopfe angerichtet hatten, daß er im Besitz einer alten Flinte sein welche sein Großvater als Nationalgardist getragen hatte. Pulver und Blei hatte diese Flinte vielleicht nie gesehen, auch Schulze hatte solche Munition natürlich nicht im Hause, aber das Bajonnet war immerhin eine nicht zu unterschätzende Waffe. Freilich lag diese Flinte oben unterm Dach im Bodenraum, aber der ängstliche Rentier scheute die Mühe nicht, sie herabzuholen. Er stieg mit einer brennenden Kerze die zwei Treppen empor, ergriff die Nrust und nun fühlte er wieder Mut in seiner rust.

Herr Schulze legte sich zu Bett und ver⸗ fiel in einen festen, traumlosen Schlaf. Leider sollte er aus demselben bald unsanft gestört werden. Der schrille Klang der Hausglocke tönte an sein Ohr, und er glaubte Lärm und Stimmengewirr zu vernehmen. Schlaftrunken öffnete er die Augen es war erst Morgen⸗ dämmerung, also noch sehr früh am Tage; Schulze wandte sich im Bett um und schloß die Augen wieder. Doch in diesem Moment erneuerte sich der Lärm; man hörte rufen, dann das Rollen schwerer Wagen, jetzt sogar Signale.

Was ist das? fragte sich Schulze und richtete sich empor. Da fiel sein Blick auf die alte Flinte, gleichzeitig fielen ihm die gestrigen Stammtischgespräche ein, der Zeitungsartikel richtig, der schrecklichste erste Mai war eben angebrochen!

Herr Schulze sprang auf, zog seinen Schlaf⸗ rock an and spähte durch die Gardinen. Das Fenster des Schlafzimmers mündete in die schmale Seitengasse. Der Erschrockene konnte nicht viel wahrnehmen, aber so viel erkannte er doch, daß etwas ganz Ungewöhnliches vor⸗ gehe. Leute liefen eilig herbei, Schulze glaubte sogar hier und da einen Helm blitzen zu sehen; Pferdegetrappel und kurze Signale konnte er jetzt deutlich in nächster Nähe hören. Und nun gar Lärm auf der Treppe! Schwere Schritte näherten sich der Tür von Schulzen's Woh⸗ nung; man schellte, man rief, man schlug mit Gewalt an die Tür.

Das sind sie! sie wollen den Geldschrank holen! jammerte Schulze und sank vor Schreck in seinen Lehnstuhl. In welch anderer Absicht konnte man auch sonst in so stürmischer Weise Morgens vor vier Uhr an seine Tür kommen?

Schulze ermannte sich und ergriff seine Flinte.

Das Militär wird ja hoffentlich bald ein⸗ schreiten; bis dahin kann ich mich vielleicht halten, dachte er.

Die Hoffnung auf das Militär kräftigte ihn wieder. Das schwere Rollen da unten war vielleicht schon die Auffahrt der Artillerie. Schulze ging ins Wohnzimmer, dessen Fenster nach der Haupstraße mündeten. Plötzlich stieß er einen lauten Schrei aus

Das Fenster, dem er sich näherte, krachte und splitterte, die Spitzen einer Leiter zeigten sich und dann eine dunkle, männliche Gestalt mit geschwungenem Beil

Jetzt ists aus! jammerte Schulze und flüchtete mit seiner Flinte in den Vorsaal, um womöglich die Treppe zu gewinnen. Hier machte er zunächst eine neue schreckliche Wahr⸗ nehmung; es herrschte ein merkwürdiger Brand⸗ geruch. Sollten die Revolutionäre das Haus niederbrennnen? Nun mußte er doch versuchen,

sich bis auf die Straße durchzuschlagen, sonst war er verloren.

Da krachte die Tür, und es sprangen so⸗ sbn 1925 Behelmte mit Beilen bewaffnet auf ihn los.

Zurück oder ich schieße! rief Schulze mit dem Mute der Verzweiflung und hielt den Ein⸗ brechern das Bajonnet entgegen.

Einer der Männer packte ihn am Arme. Keine Narrenspossen! rief er.Geben Sie schnell die Schlüssel zu den Bodenräumen her, daß wir nicht so viel Zeit mit dem Einschlagen der Türen verschwenden.

Ach Gott, verschonen Sie mich! bat Schulze rührend.

Vorwärts! wollen Sie denn verbrennen? schrie ihn der Fremde an.

Ach nein, lieber gebe ich meinen Geld⸗ schrank gutwillig, beteuerte Schulze.

Bei dem scheints nicht richtig zu sein, äußerte der Fremde, da stürmte schon wieder ein Trupp Männer herauf, die gleichfalls mit Beilen bewaffnet waren; man brachte auch Licht, und wenn Schulze nicht ganz außer Fas⸗ sung gewesen wäre, hätte er jetzt deutlich er⸗ kennen müssen, daß es Feuerwehrmänner waren.

Sie stießen den Rentier bei Seite und die

Nachbarn fanden ihn, wie er an seiner Tür lehnte, während die alte Flinte vor ihm auf dem Boden lag.

Was geht hier vor? stammelte Schulze.

Es brennt! wurde ihm geantwortet.Es scheint, als ob Brandstiftung vorliegt. Aber was ist denn das? Mit diesen Worten hob der Nachbar die Flinte auf. f

Ach, die Flinte, sagte Schulze,ich habe sie vom Boden geholt, um dem ersten Mai nicht so ganz schutzlos gegenüberzustehen...

Vom Bodenraum heruntergeholt mit Licht und über Nacht?

Schulze nickte ganz zerknirscht.

O, dann ist Alles aufgeklärt, da haben Sie selbst durch eine Unvorsichtigkeit Brand angestiftet.

Und so war es auch. Schulze mußte in

*

seinem Dusel in der Nacht irgend einen leicht

brennbaren Gegenstand mit dem Licht gestreift haben, das Feuer hatte sich langsam entwikelt, bis es nach außen sichtbar zum Ausdruck ge⸗ kommen war. Durch das rasche Eingreifen der Feuerwehr ward das Feuer bald gelöscht. Immerhin war der Schaden nicht unbedeutend und Schulze hatte ihn allein zu tragen; außer⸗

dem mußte er wegen fahrlässiger Brandstiftung

einer Strafe gewärtig sein. a Das erste, was Schulze tat, als er wieder zu sich kam, war, das Kreisblatt abbestellen, das ihn und die Bürgerschaft so schändlich an⸗ gelogen hatte. Sodann ging er auf die Fest⸗ wiese, um sich die Soziademokraten aus nächster Nähe anzusehen. Einem Gerücht zufolge soll er mit einigen Führern in später Stunde Brüderschaft getrunken haben. a Der erste Mai verlief im Uebrigen bei prächtigstem Wetter. Außer dem in früher Morgenstunde stattgehabten Brand bei Schulze sind weitere Ruhestörungen nicht vorgekommen.

Die Eutstehung der arabischen Ziffern.

Unsere Ziffern 1 bis 9 haben wir bekanntlich von den Arabern erhalten und diese nannten sie wieder indische Ziffern. Franzose,

Nun hat ein 4 wie dieSchweizer Graphischen

Mitteilungen berichten, eine Aufklärung über

die richtige Entstehung unserer Ziffern gegeben. Nach diefer Theorie sind diese durch eine Zu⸗ 1 sammensetzung einfacher Striche entstanden, von

denen jeder Strich als eins zählt. Die Er⸗

findung unserer Ziffern wäre demnach in der⸗ selben Weise vor sich gegangen wie bei den Römern, nur ist die Gruppierung der einzelnen 4 Das ursprüng⸗ licke Aussehen der einzelnen Ziffern muß nach⸗ 5

Striche viel einfacher gewesen. stehendes gewesen sein:

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1üů̃ů ỹꝛLwpWꝛrͥ 3 8

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