Ausgabe 
2.8.1903
 
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N I 1

Seite 6.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 31.

Von Mah und Lern. Ein Akt viehischer Roheit

wird aus dem Dorfe Lütter bei Fulda be⸗ richtet. Dorthin war der Schneider Leopold Schäfer aus Poppenhausen übergesiedelt, der an einer Bahnstation wohnen wollte, da er öfters Arbeit nach Fulda lieferte. Schon bald nach seiner Ankunft wurde er als Ortsfremder der Gegenstand von Hänseleien. Daraus entstand eine feindselige Spannung, die in der Nacht des vorletzten Sonntags zu einem Sturm auf das Schäfersche Haus führte, an dem sich nicht weniger als fünfzehn ledige und verheiratete Ortseinwohner beteiligten. Mit Knüppeln, Hacken und Steinen bewaffnet, erstürmten stie dessen zweistöckiges Haus, schlugen die Hausbewohner nieder und mißhandelten sie in unmenschlicher Weise. Dem Schäfer wurde mit einer Hacke der Schädel gespal⸗ ten; er ist gestorben. Seine Mutter und Schwester wurden bis zur Unkenntlichkeit zerschlagen und zertreten. Alle Türen, Fenster und Möbel im Hause, in dem die Un⸗ holde volle vier Stunden, von 10 bis 2 Uhr nachts, wüteten, wurden zerstört, sogar zwet dem Schäfer gehörige Schweine erstochen und eine Ziege erwürgt, endlich auch die Pflanzen im Garten vernichtet und dessen Zaum umge⸗ rissen. Die beiden mißhandelten Frauen schweben zwischen Leben und Tod. Natürlich hat die Hanauer Staatsanwaltschaft die Haupt⸗ beteiligten verhaften lassen. Die Bevölkerung der dortigen Gegend steht im Rufe großer Frömmigkeit. Roheit und Herzlosigkeit ist immer da in höherem Maße zu finden, wo das Pfaffentum unumschränkt herrscht.

Verhungert und verwahrlost.

Aus Bamberg wird berichtet, daß dort schon wieder ein Armer au Verwahrlosung zu Grunde gegangen ist seit wenigen Monaten der dritte Fall dieser Art in jener frommen Gegend. Am 13. Juli verstarb in dem Dorfe Neuhaus bei Hollfeld der in den 70er Jahren stehende Auszügler Taschner. Der Leichen⸗ schauer konstatierte als Todesursache gänzliche Verwahrlosung. Taschner war längere Zeit krank, wurde aber weder gepflegt, noch wurde ärztliche Hilfe in Anspruch genommen. Der ganze Körper war von Läusen zerfressen, am Rücken und am Gesäß befanden sich ganze Löcher, die dicht mit Maden besetzt waren. Der vom Leichenschauer herbeigerufene Bezirks⸗ arzt nahm eine eingehende Untersuchung des Toten vor und fand außer dem Ungeziefer und den Schwären an den Schultern blaue Flecken, woraus er schließt, daß der arme Teufel auch noch schwer mißhandelt worden sei. Die Schuld trifft in erster Linie den Sohn und die Schwiegertochter des Verstorbenen, die außer⸗ ordentlich fromme Leute sein sollen. Diese haben durch verschiedene Handlungen gezeigt, daß sie kein reines Gewissen haben und die gerichtliche Untersuchung wird das Weitere ergeben.

Duellfexerei.

Ein Säbelduell fand dieser Tage bei Kiel zwischen dem Arzt Dr. Carstens und dem Gerichtssekretär Schütze statt, bei dem Beide, letzterer aber schwerer, verwundet wurden. Ueber die Ursache zum Duell berichtet die Volkszeitung:Kürzlich saßen die beiden Helden des Duells in Tonderun in der Nachtkneipe von Mylin. Da kurz vorher die Reichstagswahl stattgefunden, so kam auch die Rede auf die Politik. Hierbei entstand ein Wortwechsel, in dessen Verlauf der Gerichtssekretär, ein Reserve leutnant, die Bemerkung machte, die Frei⸗ sinnigen seien Schlappschwänze. Das ist ja nun eine Ansicht, die wir beispielsweise bei der letzten Reichstagswahl in Bezug auf den Gießener Freisinn öfters äußern hörten. Aber durch diese Worte fühlte sich der der freisinnigen Partei angehörende Dr. Carstens getroffen, er stellte an Schütze die Frage, ob er die Worte noch einmal wiederholen wolle. Als diefer, der, nebenbei bemerkt, nicht mehr ganz nüchtern war, die Aeußerung widerholte, ver⸗

setzte Dr. Carstens ihm eine Ohrfeige. Eine solche kann man natürlich nicht zu den unbe⸗ zahlten Rechnungen in die Kommodenschublade legen, es kam deshalb nach dem Brauche der besseren Gesellschaft zur Holzerei, die den oben erwähnten Ausgang hatte.

5 b Unterhaltungs-Ceil.

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Sommernachtstraum.

Dämm'rung liegt auf Wald und Fluren, Nur des Mondes blasser Schein

Wirft sein Licht auf alle Spuren,

Die hier schuf der Sonnenschein, Leuchtet über Blatt und Blüten,

Ueber Bäumen, Busch und Strauch, Die um Mittag heiß erglühten

In der Sonne Strahlenhauch.

Holdem Sonnenschein entsprossen, Flüstern in der lauen Nacht f Schlanke Lilien mit den Rosen, Wenn der Mond am Himmel wacht; Leise flüstern Blatt und Blumen, Duftend rauscht der Blütenbaum, Und die Käfer leise summen Sommernacht, süß ist dein Traum!

Von den Blütendüften trunken Sitzt im Busch die Nachtigall, Lautlos lauscht sie traumversunken, Bis sie weckt der Sonne Strahl, Und wie ihre Töne steigen,

Hoch hinauf zum Himmel jetzt, Merke ich: der Nächte Schweigen Nat sie in Musik gesetzt!

Frida Pritzlaff.

Der Wunderschrank. Vaterländische Erzählung von Ludwig Schierk. (Fortsetzung.)

I

Mit siebzehn Jahren schon war er ein Mann.

In dem Lande, wo er lebte und wo der Wunderschrank seines Vaters stand, erreichte man diese Würde um so früher, je weniger man den Schweiß und das Vergnügen gemeiner Arbeit zu kosten brauchte.

An dem bedeutungsvollen Tage, der ihm die ersehnte Selbständigkeit brachte, verließ er das Familienzimmer, welches die Träume seiner Kindheit gehütet. Er bezog dret kunstgewerb lich ausgestattete Wohnräume im nächsten Stock⸗ werke. Sie waren ein Geburtstagsgeschenk des Vaters, der die Schlüssel des Wunderschrankes verwahrte. Denn in dem Lande, wo er lebte und wo jener Wunberschrank stand, machten die Eltern ihren Kindern die sonderbarsten Geschenke.

Die gebückte, hustende Frau, welche die blendende Leibwäsche des vornehmen stebzehn⸗ jährigen Herrn zu besorgen hatte, kaufte einst dem hohlwangigen, kleinen Knaben, an dessen Lager sie des Nachts, wenn sie nicht arbeitete, so oft weinte, ein rotes Holzpferdchen mit schwarzen Heidelbeeraugen.

Dies geschah an demselben Tage, da der Besitzer des Wunderschrankes seinem Sohne, der ein niedliches Gedicht von fünf Zeilen glücklich im Gedächtnisse behalten hatte, ein richtiges Pferdchen scheukte, das mit den Hufen scharrte und lustig wieherte.

Aber lebendige Pferde lenken sich nicht so leicht als rote Holzpferdchen mit Heidelbeer⸗ augen. Der wilde Pony warf den Reiter unter dem Halloh der Leute aufs Pflaster. Damals schrie das alte Paar, das jede Nacht die wirren Laute des Traumes ausstieß, aus dem großen, kunstgewerblichen Fenster die Hilfe des Him⸗ mels an.

Das wirkliche Pferdchen erschrak noch mehr und rannte lustig durch die Leute, die ihm gerne Platz machten.

Zu dieser Stunde saß der hohlwangige Knabe mit dem roten Holzpferdchen auf der

staubigen Straße. Denn gebückte, hustende Frauen erziehen ihre Kinder so sonderbar, daß diese den größten Teil des Tages in dem weichen Staube zubringen müssen, der von den Rädern der vornehmen Wägen gerade hoch genug emporgewirbelt wird, um in die Fenster der niedrigen Arbeiterhäuschen einzudringen, die so unbehaglich dicht am Spazierwege stehen.

Als das wirkliche Pferdchen mit seinen hübschen Hufen heranklapperte, warf es den Knaben und das rote Holzpferdchen in den tiefen Graben und ließ sich dann geduldig einfangen. Am Hinterhufe trug es leichte Blutspuren; da konnte man noch von Glück sagen, daß der Betteljunge mit einer leichten Stirnwunde davon kam.

Der Besitzer des Wunderschrankes schloß sein unglückliches Kind in die väterlichen Arme und verkaufte das wirkliche Pferdchen, das so viel Unheil angerichtet hatte. Die gebückte, hustende Frau ließ den Armenarzt rufen. Der gute Mann kam, putzte seine Brille, während er an dem fadenscheinigen Bettchen saß, und hielt eine lange Rede über die Pflichten der Mütter, die ihre Kinder besser beaufsichtigen sollten. Dann ging er ins nächste Haus. Dort verschrieb er einem armen Hüttenmann, der sich am Schmelzofen einen halben Arm abgebrannt hatte, eine Mischung von Kalkwasser und Baumöl und verfluchte dabei die Pest des Branntweines, die das Unglück natürlich ver⸗ schuldet haben mußte.

Seit jenem Tage durfte die gebückte, hustende Frau die blendende Leibwäsche des vornehmen Knaben besorgen, der von den Dienstleuten der junge Herr genaunt wurde.

Da auch die reichen Leute durch Schaden klug werden, hütete sich das alte Paar, das jede Nacht die wirren Laute des Traumes ausstieß, vor Geschenken, die dem Kinde gefährlich werden konnten.

Diesem Eutschlusse dankte der siebzehnjährige Geldprinz seine eleganten Zimmer im nächsten Stockwerke.

Neben der Treppe lag der Empfangsraum, die Vorhalle der drei Heiligtümer; an der Türe den üblichen Juniorschild aus Email. Er zeigte die stilvolle Einrichtung solcher Stuben, die Gott zu dem Zwecke erschaffen hat, wartende, besorgte Menschenkinder durch zwei Stunden auf die Folter zu spannen.

In diesen zwei Stunden konnte man sich in dem großen Spiegel besehen, der nicht ganz staubfrei war; oder an den Wandgemälden erfreuen, die irgend eine brutale Jagdszene in Oelfarbe darstellten. Die folgende Zeit ent⸗ schwand in Betrachtung des kostbar gebundenen Albums, das die Bildnisse gut genährter, energisch blickender Hausfreunde enthielt, die kein Mensch kannte. Ein letzter Blick galt dem reich gezierten Ofen, der nicht geheizt war, oder dem mageren Kleiderstock, der seine dürren, polierten Arme aus einer Ecke kunstgewerblich hervorstreckte.

In diesem behaglichen Raume pflegte der junge Mensch seine Stiefel auszuziehen. Auf leisen Sohlen trat er dann durch die hohe Türe aus gebeiztem, vaterländischem Eichenholze in sein Arbeitszimmer. Denn in dem Lande, wo er lebte und wo der Wunderschrank seines Vaters stand, haben die Leute, welche nicht arbeiten, ein eigenes Arbeitszimmer.

Hier stand der kunstvolle Schreibtisch, der die Besucher der letzten vaterländischen Gewerbe ausstellung so sehr entzückte. Er hatte eine Summe gekostet, um die man auf dem Dorfe ein kleines Bauernhaus kauft. Der Eigentümer der berühmten Kunsttischlerei, in deren Räumen das Wunderwerk durch einen jungen, unzu⸗ friedenen Hilfsarbeiter hergestellt worden war, wurde ausgezeichnet. Auf der Ebenholzplatte dieses Schreibtisches sitzend, erwarb sich der vornehme Herr in späteren Jahren einige Uebung im Gebrauche der langen Pfeife, die er jeden

Morgen bei dem nützlichen Geschäfte rauchte, einem gezähmten Papagei durch das Vorhalten eines kleinen Spiegels, der die Sonnenstrahlen auffing, zur Verzweiflung zu bringen.

Da nach dem Geschmacke unserer kunst⸗ gewerblichen Gegenwart zur Ausstattung eines

mit dem Titel eines Hoflieferanten