Ausgabe 
2.8.1903
 
Einzelbild herunterladen

Seite 4.

Mittelden i sche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 31.

die Regierung. Bei der Attentatswahl brachte unsere Partei uur noch wenige Stimmen auf und auch bei den folgenden Wahlen blieben wir mit Ausnahme von 1884 stets unter 500 Stimmen. Aber die letzte Wahl hat gezeigt, daß auch in diesem, mit Ausnahme weniger Orte, ziemlich rückständigen und unserer Agita⸗ tion wenig zugänglichen Kreise unsere Sache mehr Boden gewinnt. Die fleißige Agitation der Marburger Genossen wird hoffentlich nicht ohne Erfolg bleiben und wir haben auch hier begründete Aussicht, bei der nächsten Wahl in die Stichwahl zu kommen.

Das Mandat für Marburg kam bei der ersten Reichstagswahl an den konser vativen Justizrat Grimm, der es 1874 an seinem nationalliberalen Kollegen Justizrat Fenner abtreten mußte. Dann vertrat den Kreis bis 1881 der Oberpräsident v. Ende, welcher zur Reichspartet gehörte und ihm folgte der konser⸗ vative Prof. Dr. Arnold, der 1884 wieder von dem Justizrat Grimm abgelöst wurde. 1887 wurde Böckel gewählt, der bis jetzt den Volksvertreter für Marburg markierte. Und diesmal sendet der Kreis den ersten National⸗ sozialen in der Person des Herrn v. Gerlach in das Reichsparlament. Fraglich ist aller⸗ dings, ob bei der nächsten Wahl noch weitere Kreise dent Beispiele Marburgs zu folgen gewillt sind, vielmehr ist anzunehmen, daß v. Gerlach auch dann noch das einzige Mitglied der nationalsozialen Fraktion bleibt.

Pon Nah und Fern.

Hessisches.

Wahlprotest. Gegen die Wahl unseres Genossen Orb im Offenbacher Land⸗ kreise haben die Zentrumsbrüder in Bieber schon wieder Protest erhoben, zu dessen Begrün⸗ dung eine Reihe angeblich vorgekommener Ver⸗ stöße angeführt werden. Dem Bürgermeister von Bieber wird vorgeworfen, daß erdurch seine Abstimmung veranlaßt habe, daß die ganze Wahlkommisston aus Sozialisten bestand. Ferner sollen eine Anzahl nicht Wahlberechtigter abgestimmt haben.

Gießener Angelegenheiten.

Unsere Kreiskonferenz findet, wie aus der Bekanntmachung des Kreiswahlvereins⸗Vorstandes er⸗ sichtlich ist, am 30. August in Gießen statt. Die Genossen wollen es sich angelegen sein lassen, für zahl⸗ reiche Beteiligung zu sorgen. Dabei sei bemerkt, daß auch die Genossen solcher Orte, wo eine lokale Organi⸗ sation nicht besteht, einen Delegierten entsenden können, dem unter Umständen das Fahrgeld aus der Kreiskasse vergütet wird. Die Landes konferenz findet am 6. September in Steinbach(Taunus) statt. Auf der Tagesordnung derselben steht u. a. Referat Davids über die Reichstagswahlen, im Uebrigen die üblichen Geschäftsberichte.

Wahlverein. In der diesen Sams⸗ tag stattfindenden Versammlung wird Genosse Krumm über die neue Friedhofs- und Be⸗ gräbnisordnung sprechen. Die Bestimmungen derselben sind noch lange nicht allgemein be⸗ kannt, darum ist jedem Genossen der Besuch der Versammlung zu empfehlen. Außerdem kommen noch eine Reihe wichtiger Parteifragen zur Eröterung.

Eine Zusammenstellung der dies⸗ jährigen Reichstagswahlergebnisse aus dem ganzen Reiche liegt unserer heutigen Nummer bei und wir sind gewiß, daß diese Beilage den Lesern willkommen sein wird. Der Druck ist so angeordnet, daß die Blätter in Buchform zusammengeheftet werden können, es empfiehlt sich, sie in einem Umschlag zum Aufbewahren und späteren Gebrauche zu befestigen. Die Zahlen sind diejenigen der amtlichen Er⸗ mittelung. Zu bemerken wäre noch, daß eigentümlicherweise die Stimmen der Antisemiten Zimmermann'scher Richtung, die sich alsDeutsch⸗ soziale Reformpartei bezeichnen, nicht in der Tabelle als Antisemiten aufgeführt sind, sondern alsReform⸗Partei unter denVerschiedenen. Unter letzteren befinden sich beispielsweise die Stimmen Bindewalds im Alsfelder Kreise, während wir die Köhlerschen unter Antisemiten

verzeichnet finden. Bei unsern in den letzten Nummern gegebenen Zusammenstellungen der Wahlergebnisse in den oberhessischen Kreisen waren die Zahlen der letzten Wahl bei dem Friedberger und Alsfelder Kreise ungenau, wir 1 5 dieselben nach der Tabelle richtig zu tellen.

Schließlich sei noch der Prozentsatz der sozialdemokratischen Stimmen im Verhältnis zu den Wahlberechtigten und den Wählern mitgeteilt. Es entfielen vom Beginn des So⸗ zialistengesetzes an sozialdemokratische Stimmen: Im Jahre auf 100 Wahlberechtigte auf 100 Wähler

1878 4,8 7,5 1881 3,4 6,1 1884 5,9 9,7 1887 7,8 10,1 1890 13,9 19,6 1893 16,8 23,2 1898 18,4 27,1 1903 24,1 31,7

Bei der letzten Wahl stellen also die sozial⸗ demokratischen Wähler etwa ein Viertel der Wahlberechtigten und ein Drittel der ge⸗ sauten Wähler dar.

Schlamperei? Man schreibt uns: Die Firma Jäger und Rumpf, die Unter⸗ nehmer der Kanalisation in Gießen, haben am Samstag eine Anzahl Arbeiter entlassen, weil die Firma Gail hier angeblich mit der Baumaterfal⸗Lieferung zu langsam sei. Ist dies wirklich der Grund, dann ist wohl die Frage am Platze, warum denn die Lieferung nicht beschleunigt wird. Es ist doch nicht so einfach, wenn Familienväter Knall und Fall arbeitslos werden. Ein Unglück für die Arbeiter dieser Firma ist überhaupt der Mangel der Organisation; es würden Leute, die mit ge⸗ ringen Unterbrechungen 15 Jahre für die Herren Jäger und Rumpf gearbeitet haben, nicht ohne Weiteres weggejagt, wenn sie organisiert wären. Das geht nicht so schnell, wenn sich die Arbeiter zu einer machtvollen Vereinigung zusammen⸗ geschlossen haben. Vielleicht bewirkt das Schicksal dieser Entlassenen nun bei den Uebrigen, daß sie die Versicherungsprämie gegen derartige Fälle nicht mehr sparen wollen, sondern sich organisieren. Sich und ihren Familien sind sie es schuldig.

Wegen Majestätbeleidigung war gegen den Gen. Vetters ein Strafverfahren eingeleitet. Er sollte bei einem in der konser⸗ vativen Versammlung in Ehringshausen (Wetzlar) ausgebrachten Hoch sitzen geblieben sein, was V. bei seiner Vernehmung bestritt. Jetzt hat der Staatsanwalt mitgeteilt, daß das Verfahren eingestellt sei.

Die e nen Sterbekasse der Tischler(Sitz Hamburg) hielt diese Woche in Würzburg ihre General⸗ versammluug ab. Diese beschloß in der Mittwochs⸗Sitzung mit 47 gegen 22 Stimmen die Kasse in eine Zuschußkasse umzu⸗ wandeln. Das heißt also, daß sie dann nicht mehr den Aufforderungen des Kranken⸗ kassen⸗Gesetzes entspricht, ihre Mitglieder nicht von dem Beitritt zu den Zwangkassen befreit sind. Von dem Gießener Bezirk war Orbig als Delegierter gewählt.

Ein Landarzt. Am Dienstag ver⸗ handelte die Strafkammer gegen den Arzt Dr. Braun in Herbstein wegen fahrlässiger Körperverletzung. Der Herr Dokter wurde zu 300 Mk. Geldstrafe und 80 Mk. Buße an die Geschädigte, die Ehefrau Lehmann, verurteilt. Nach dem Gutachten der Sachverständigen Professoren Dr. Walter und Pfannstiel sowie des Medizinalrat Dr. Haberkorn hat sich der Angeklagte bei der Entbindung der Frau grobe Fehler zu schulden kommen lassen, so daß die Wöchnerin schwer erkrankte. Ein Sachver⸗ ständiger erklärte, daß ihm ein solcher Arzt, der noch nicht einmal soviel von der Ge⸗ burtshilfe wisse, wie jede Hebamme kennen müsse, in seiner langjährigen Praxis noch nicht vorgekommen sei. Und einem solchen Eisen⸗ bart ist die Landbevölkerung rettungslos preisgegeben!

Um Verwechselungen vorzu⸗ beugen, teilen wir mit, daß mit dem in vorletzter Nummer erwähnten Rechtsanwalt

Kaufmann(Notiz aus Krofdorf über Wildschadenersatz) nicht der Herr Rechtsanwalt Kaufmann in Gießen, sondern dessen Kollege gleichen Namens in Wetzlar gemeint ist. Eine an uns gerichtete Anfrage veranlaßt uns zu dieser Feststellung; im Uebrigen war ja in jener Notiz nicht der mindeste Vorwurf gegen den Herrn Rechtsanwalt erhoben.

Aus dem Nreise gießen.

p. Treis a. d. Lum da. Den Genossen von Treis und der Umgebung diene zur Nach⸗ richt, daß dieMitteld. Sonnt.⸗Ztg. bei Wirt Römer aufliegt. Angesichts des Ver⸗ haltens der hiesigen Ordnungsleute bei der Reichstagswahl ist es für jeden denkenden Ar⸗ beiter ein Gebot der Pflicht, den Zusammen⸗ halt der arbeitenden Klasse zu fördern soviel in seinen Kräften steht und deshalb auch dort verkehren, wo Rücksicht auf seine Interessen genommen wird. Man erinnere sich nur in welcher Art bei der Reichstagswahl in der liberalen Versammlung bei Benner mit ben Arbeitern und ihrer politischen Vertretung von Seiten dergebildeten Ordnungsleute um⸗ gesprungen wurde! Darum wahrt und verteidigt Eure Sache und sorgt für größte Verbreitung Eurer Presse!

Aus dem Nreise Alsseld⸗Cauterbach.

* Aufgewärmter Schwindel. Erst jetzt brachte das Alsfelder Amtsblättchen jene Schwindelnotiz über dieZustände in der Vorwärts⸗Druckerei, die vor etwa 2 Monaten durch die ganze Reptilpresse lief. Daß der Vorwärts schon damals diese Angriffe sofort als gänzlich haltlos zurückweisen konnte, daß selbst die uns gewiß nicht freundlich gegenüber⸗ stehendeKöln. Volksztg. jene Vorwürfe als ungerechtfertigt bezeichnete, braucht das Alsfelder Reptilchen nicht zu wissen. Wenn es dann noch hinzufügt:Solche Klagen über sozial⸗ demokratische Unternehmungen sind nicht gen; die Sozialdemokraten verstehen die kapital Methode als Unternehmer vortrefflich zu han haben, so wäre ihm zu raten, vor seiner eigenen Türe zu kehren. Die Alsfelder Schriftsetzer wären froh, wenn sie halb so günstige Arbeitsbedingungen hätten, als sie im Vorwärts eingeführt sind, wo die Sstündige Arbeitszeit besteht und durchweg höhere Löhne bezahlt werden, als der Tarif vorschreibt. Fraglich, ob das Alsfelder Blättchen tar if⸗ mäßig bezahlt. Von dem Hirschel⸗Blatte in Offenbach, das neulich auch die Arbeits- verhältnisse in sozialdemokratischen Betrieben glaubte kritisteren zu müssen, wissen wir bestimmt, daß dort noch nicht einmal den Mindestforde⸗ rungen des Tarifs entsprechend bezahlt wird. Diese Schwindelpeter sollen erst einmal bei sich solche Arbeitsverhältnisse einführen, wie sie in sozialdemokratischen Betrieben sind!

Aus dem Rreise Wetzlar.

h. Zur Landtagswahl. Die Nationalliberalen des Kreises Altenkirchen beschlossen, den bisherigen Abgeordneten Krämer wieder auffustellen. Da ist Herr Pfarrer Heckenroth, der konservative Kandidat bei der Reichstagswahl, welcher Mitglied des Drei⸗ klassenhauses für diesen Kreis werden wollte, wieder daneben getreten.

h. Errichtung einer Pensionskasse wird auf der Sophien hütte von Seiten der Verwaltung geplant. Solchen Einrichtungen stehen die Arbeiter durchaus nicht mit großem Zutrauen gegenüber, denn sie haben längst die Erfahrung gemacht, daß bei der⸗ artigenWohltätigkeits⸗Einrichtungen nichts für ste herausspringt, die Nachteile größer als die Vorteile sind.

h. Ein Durchbrenner. Der Kaufmann Jakob in Wetzlar hat sich von dort ohne weitere Förmlich⸗ keiten und ohne von seinen Bekannten und Geschäfts⸗ freunden Abschied zu nehmen, entfernt. Dazu hat er allen Grund gehabt, denn er hat Wechselfälschungen und ähnliche Dinge auf dem Kerbholz, so daß ihm der weitere Aufenthalt in Wetzlar nicht mehr wünschenswert erschien. Eine Reihe Geschäftsleute sollen den Verlust von zusammen 40 50000 Mk. zu beklagen haben. Bei den Arbeitern war Jakob nicht beliebt, obwohl er immer den Biedermann herauskehrte. Er soll den Schauplatz seiner Tätigkeit nach Amerika zu verlegen gedenken.