Ausgabe 
2.8.1903
 
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Nr. 31.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Seite 3.

sondern sich auch in einer Zusammenrottung gegen die Staatsgewalt aufgelehunt das ver⸗ dient strenge Strafe. Aber es hat ihnen sicher das Bewußtsein der Schwere ihrer Tat gefehlt; Zorn und Grimm haben ihnen die Hand ge⸗ führt, die begreifliche Erbitterung darüber, daß ihre friedlichen Vorschläge abgelehnt worden waren und ihnen eine Niederlage im Streik drohte. Gehören für einen solchen Augenblick der Verblendung ehrliche Arbeiter und Familienväter wirklich ins Zuchthaus und in Ehrlosigkeit? Schreibt das ein Gesetzesparagraph vor, so muß er geändert werden, weil er dem modernen Rechtsgefühl widerspricht. Hängt es aber von dem subjektiven Ermessen des Staatsanwalts und der Richter ab, so können wir nur wünschen, daß sie sich mit sozialpolitischen Empfindungen erfüllen und in den Arbeitern gleichberechtigte Staatsbürger erblicken, die auf dasselbe Maß von Recht und Wohlwollen wie die Angehörigen anderer Klassen Anspruch haben. Wenn aus den Arbeiterkreisen solche Urteile alsKlassen⸗ justiz angesehen werden, so vermögen wir leider nicht zu widersprechen. Hier ist Summum jus summa injuria(das höchste[Buchstaben] Recht ist das höchste Unrecht. D. Red.), das tief in die Seele des Volkes brennt. DieKöln. Ztg. hat dieser Tage das Bürgertum aufgefordert, sich aller Klassenvorurteile zu entäußern und dem Arbeiter und seinem politischen und sozialen Denken näher als bisher zu treten. Das Bromberger Urteil macht uns aufs schmerzlichste klar, wie weit wir in Deutschland noch hiervon entfernt sind. Gleichzeitig aber müssen wir den Arbeitern warnend zurufen, daß sie durch Exzesse und Tumulte nicht nur sich selbst ins Unglück bringen, sondern auch ihre Sache schädigen. f

Solche Einsicht findet man in bürgerlichen

Blättern sehr selten. Meistens wird über solche Bluturteile ein Triumphgeheul in den Scharf⸗ macherblättern angestimmt, während die übrigen Ordnungsorgane jene ungeheuerliche Verur⸗ teilung zustimmend abdrucken oder mindestens nicht ein Wort dagegen sagen. Auf der anderen Seite wirken derartige Urteile, die so schroff gegen das Rechtsempfinden des Volkes verstoßen, aufklärend über den Klassencharakter unserer Gesellschaft und unserer Justiz.

Aus der Ferienkolonie.

In der letzten Zeit vergeht kaum ein Tag, an dem nicht Soldatenmißhandlungen grauenhaftester Art in die Oeffentlichkeit gelangen. Vor dem Kriegsgericht in München hatte sich der Unteroffizier Sippel vom T7. Feld⸗ artillerie⸗Regiment wegen gemeiner Mißhand⸗ lung des Kanoniers Samm zu verantworten. Dieser Stellvertreter Gottes beschimpfte den Soldaten auf dem Schießplatze, indem er ihn eine Bettdecke um den Kopf schlug mit:Mein⸗ eidiger Schuft!, mit Rücksicht auf seine Armut:Armer Hund!() und mit Rück⸗ sicht darauf, daß er als arme Waise aufge⸗ wachsen:Sie haben nicht einmal eine elterliche Erziehung genossen! Damit hatte aber der Herr Unteroffizier sein Mütchen noch nicht ge⸗ kühlt; um Samm seine volle Verachtung zu zeigen, spuckte er ihn, wie später durch andere Zeugen festgestellt wurde, eine volle Ladung ins Gesicht und auf die Brust. Der Fahrer Samm bewahrte dem allen gegenüber eine bewundernswerte Ruhe, er konnte, obwohl seine Ehre als Mann und Soldat aufs schmach⸗ vollste angegriffen worden war, sich der Disziplin fügen und meldete den Vorfall einfach. Eigentümlich war die Art, wie der Verteidiger, ein Leutnant desselben Regiments, den ange⸗ klagten Unteroffizier weiß zu waschen suchte. Um die Glaubwürdigkeit des Zeugen eben des Mißhandelten zu erschüttern, schlachtete der Herr Verteidiger dessen geringfügige, im Zivil erlittenen Vorstrafen(wegen Bettelus und Dienstentlaufens!) aus. Ferner schilderte er den Samm als einen hinterlistigen Menschen, der einen Vorgesetzten in Strafe bringe, während er selbst bei Reizung zu schlau sei, einen tätlichen Wider⸗ stand zu leisten!! Das Urteil lautet auf 3 Monate Gefängnis, auf Degradation

wurde nicht erkannt, weshalb es nicht ausge⸗

schlossen ist, daß dermakellose Unterofftzier der Truppe erhalten bleibt.

Nach der Meinung des Verteidigers sollen sich also die Soldaten tätlich gegen ihre Vorgesetzten zur Wehr setzen! Wir hielten das ja auch für das beste Rezept, den scheußlichen Quälereien Einhalt zu tun; was passiert aber dann den Soldaten?

Behördliche Agitation für die Sozialdemokratie.

Als solche kann man eine selbst in Polizei⸗ preußen verwunderliche Maßregel bezeichnen, welche die Postverwaltung einem tüchtigen und intelligenten Beamten, dem Oberpostdirektions⸗ Sekretär Richard Wagner gegenüber beliebte. Dieser junge Mann hatte die Kühnheit, sich in seinen Freistunden mit naturwissenschaftlichen und philosophischen Studien zu befassen, anstatt in der Kneipe zu hocken oder sich in Krieger⸗ vereinen und sonstigen mord ppatriotischen Ver⸗ einigungen zu betätigen. Er hat sogar eine poetische SatireEvangelium der Verachtung gedichtet. Das war aber sein Unglück. Weil dessen Inhalt ganz und gar nicht der vor⸗ schriftsmäßigen patriotisch⸗muckerischen Ge⸗ sinnung entspricht, wurde der Dichter gemaß⸗ regelt und nach Hanau strafversetzt. Dies regte den Mann offenbar zu weiterem Nach⸗ denken an und der früher der Sozialdemokratie nicht angehörte hat sich jetzt offen als So⸗ ü demo tent betankt! Die Preußen⸗Deutschland herrschendeGeistes⸗ freiheit veranlaßt ihn, mit Tausenden anderen für den sozialdemokratischenZucht⸗ hausstaat einzutreten!

Wahlmogeleien.

Gleich nach der Wahl war von ungeheuer⸗ lichen Wahlschwindeleien die Rede, die sich nach den Ordnungsblättern die Sozialdemokraten in Berlin hätten zu schulden kommen lassen. Davon hört man jetzt gar nichts mehr; dafür wird aus dem Wahlkreise Kolberg⸗Köslin, wo von den Freisinnigen Dr. Barth kandidierte, mitgeteilt, daß in dem zu diesem Kreise gehörigen Orte Groß⸗Satspe am 16. Juni 20 konser⸗ vatlve, 23 freisinnige und 30 sozialdemokratische Stimmen abgegeben wurden, dagegen zählte man offiziell bei der Stichwahl 60 konser⸗ vative Stimmen und nur 15 für den Frei⸗ sinnigen Dr. Barth. Nun sind aber 43 Wähler in Groß-Satspe ermittelt, von denen es nachweisbar ist, daß sie ihre Stimme dem freisinnigen Kandidaten gaben, während nur fünfzehn Stimmen offiziell für denselben gezählt sind. Das liberale Wahlbureau in Köslin hat auf Grund dieser Ermittelungen bei der Staats⸗ anwaltschaft in Köslin die strafrechtliche Ver⸗ folgung der Wahlfälscher beantragt.

Leider lassen sich die niederträchtigen Wahl⸗ schwindeleien nicht immer in so klasstscher Rein⸗ heit nachweisen wie in diesem Falle.

Ausland. Demonstration für das allgemeine Wahlrecht in Wien.

Die Massenversammlung, welche die Wiener sozialdemokratische Partei am Sonntag veran⸗ staltete, um damit den Kampf für das allge⸗ meine Wahlrecht wieder aufzunehmen, nahm einen großartigen Verlauf. Etwa 10000 Per⸗ sonen hatten sich eingefunden und sie nahmen einstimmig eine Resolution an, worin gegen das derzeitige Privilegienparlament protestiert wird, da es ein unüberwindliches Hindernis für jeden sozialen Fortschritt bilde. Die Ar⸗ beiterschaft fordert energisch eine Verfassungs⸗ reform, eine wirkliche Volksvertretung durch allgemeines, gleiches und direktes Wahlrecht. Die Abg. Pernersdorfer und Dr. Adler griffen den Ministerpräsidenten heftig an. Als Abg. Schuhmeier die Apanagen der Erz⸗ herzöge kritisteren wollte, ließ dies der Regie⸗ rungsvertreter nicht zu. Dagegen protestierte die Versammlung. Schließlich zogen die Teil⸗ nehmer vor das Parlamentsgebäude, wo das Arbeiterlied gesungen wurde.

Entwicklung der Sozialdemokratie in Oberhessen und den angrenzenden Bezirken.

Wahlkreis Wetzlar⸗ Altenkirchen.

s 8 3 5 i S e E 1871 3276 2300 1088 2920 Stichw. 10520 3380 1874 2063 10650 446900 1877 7207 35200 1878 2353 9322 448 1881 4047 5722 3605 4047 Stichw. 9777 86011-ʃ 1884 5155 5219 2407 4644 35 Stichw. 9377 9192r 1887 1413] 2442 42700 1890 8832 7268 140 1073 3447 Stichw. 12131 934T 1893 10224 1080 4933 1144 3383 Stichw. 13224 5911 18988 6109 5274 2507 58037 Stichw. 13070 6208 1903 3828 6743 6192 31063901 Seichw. 14880 1

* SogenannteAltliberale. Darunter Christl.⸗soz, 3041; Reformpartei 2762. Dieser Kreis, der bei der letzten Wahl so hart umstritten wurde, befindet sich, seit es einen Reichstag gibt, im Besitze der konservativen oder nationalliberalen Partei. Im Jahre 1871 wählten die braven Wetzlarer ihren Landrat, den Herrn von Helldorf, der jedoch schon bei der nächsten Wahl von dem Nationalliberalen v. Beugheim verdrängt wurde, dem auch 1877 der Sieg wieder zufiel. Bei der Attentats⸗

wahl siegte wieder der nationalliberale Kandidat,

Hüttendirektor Klein. 1881 eroberten die Konservativen den Wahlkreis wieder mit dem Prinzen Solms⸗ Braunfels und hielten ihn bis 1890 besetzt, wo er dem Nationalliberalen Krämer zufiel, der ihn bei jeder folgenden Wahl behauptete. Sozialdemokratische Stimmen wurden zuerst 1884 abgegeben. Von 1890 an, wo ebenso wie 1893 von unserer Seite Genosse Paul⸗Hannover aufgestellt war, zeigen unsere Stimmen eine stetige Zunahme. Die Verhältnisse liegen in diesem Kreise für unsere Agitation nicht ungünstig; der weitaus größte Teil der Bevölkerung gehört zur arbei⸗ tenden und besitzlosen Klasse und wenn wir es an der nötigen Arbeit nicht fehlen lassen, so müssen wir das nächste Mal in die Stichwahl gelangen.

Wahlkreis Narburg⸗Kirchhain.

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1 1 1871 2103 3081 1462 466d Sich 8%% dx. 1874 2958 2958 1292 2717 Stichw. 4139 5133 1877 5335) 1061 3308 1878 64 14062% 1881 5749 3639 159 1884 6126 1330 590 1887 4314 1057 301 74 1890 3361hC 46 433 8739 1893 2754 809 1425 1600 357 6730 166 Stichw. 3062 Natz. 8778. 1898 2370 1841 1910 496 2818 1630 Stichw. 4940- 5517 1903 4907 3605 1892 1490 2385 Stich, 707, dN ö,

* Reichspartei.

Was uns bei Betrachtung der Wahlergeb⸗ nisse des Marburger Kreises zuerst auffällt, ist, daß hier schon seit 1871 sozialdemokratische Stimmen abgegeben wurden, was in ländlichen Kreisen nur vereinzelt vorkam. Bei der Wahl von 1874 und 1877 brachte die Sozialdemokratie sogar eine ganz respektable Stimmenzahl auf, die sie nur bei der letzten Wahl wieder erreichte und überschritt. Diese Erscheinung findet darin ihre Erklärung, daß damals jedenfalls sämtliche Zentrumsstimusen dem sozialdemokratischen Kandidaten zugefallen sind, denn das Zentrum befand sich zu jener Zeit wegen der Kultur- kampfgesetze in scharfer Oppositionsstellung gegen

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