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Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung.
Ne. 31.
den Stichwahlen handele es sich darum, eine möglichst große Oppositionspartei herzustellen, die man auf 140 bis 150 Mandate bringen
könne.
Die Linksliberalen suchen sich über das eigene Mißgeschick durch die Behauptung zu trösten, daß wir unsere Erfolge hauptsächlich unserer Tätigkeit auf dem Gebiet der staats⸗ bürgerlichen und geistigen Freiheit zu danken hätten und dies Gebiet sei doch eigentlich nicht spezifisch sozialdemokratisch, sondern ursprüng⸗ lich liberal. Darin liegt einiges Richtige. Aber was ergibt sich daraus? Uns ist des⸗ wegen ein Vorwurf nicht zu machen. Gerade umgekehrt ist dies ein scharfes Urteil gegen den bürgerlichen Liberalismus, der sich als unfähig zur Wahrnehmung und Durchsetzung seiner eigensten Aufgaben erweist und darüber das Vertrauen des Volkes verloren hat. Er muß die Erfüllung seiner Aufgaben nun endgiltig den kräftigen Händen der Sozial de mokratie überlassen. Ich will nicht sagen, daß für den Liberalismus keine Aufgaben mehr vorhanden wären; wir Sozialdemokraten sind nicht solche Neidhammel und würden uns aufrichtig freuen, wenn die Liberalen auf politischem und geistigem Gebiete im Kampf gegen die Reaktion mit uns wetteifern wollten. Aber im übrigen muß man sich daran gewöhnen, daß sich die Dinge bei uns etwa so, wie in Belgien entwickeln werden und daß die Liberalen nicht anders tun können, als an der Seite und unter der Führung der Sozialdemokratie ihre Aufgabe durchzuführen.
Zur Sozialdemokratie übergehend meinte der Redner:
Es gibt zwei Sorten von Erfolg: Den Augenblickserfolg, den des Zufalls, die List und Gewalt des Einen und die Schwäche des Anderen geboren hat. Die blinde Anbetung dieses Erfolges haben wir immer gering ge⸗ schätzt und bekämpft. Wenn aher eine Bewegung, die von ihrem Aufang an und auf ihrem ganzen Wege Alles, was Macht hat in Staat und Gesellschaft im rücksichtslosen Kampfe gegen sich sieht, alle gegen sie aufgeworfenen Hindernisse aus eigener Kraft überwindet und nun solche jeder Berechnung spottenden Siege gewinnt, dann ist das wahrhaftig kein Zufallserfolg, sondern ein Kennzeichen und Beweis ihres Rechtes. Das soll nicht heißen, daß wir uns deswegen für unfehlbar halten und meinen, daß alle unsere Handlungen gleich gut seien. Eine solche Selbstgefälligkeit wäre unser unwürdig und gefährlich. Wir werden immer suchen müssen, unsere Fehler zu entdecken, auch wenn sie durch sehr viel größere Fehler unserer Gegner überragt werden. Wohl aber haben unsere Wahlerfolge aufs Neue und deutlicher als je gezeigt, daß die Sozialdemokratie nicht, wie gewisse Leute meinen, eine„vorübergehende Erscheinung“ ist, eine Flut, die schnell wieder zurückgeht, sondern ein aus solidestem Material gebautes, jedem Angriff widerstehendes Fahr⸗ zeug, das sich mit ruhiger Sicherheit auf der rechten Bahn bewegt und dem erstrebten Ziel zusteuert, der Eroberung der politischen Macht zur Erlösung des unter⸗ drückten Volkes.
Man weiß nicht, wie lange der Kampf noch dauert, noch unter welchen Umständen wir den Sieg erringen werden, aber das Eine weiß ich: Eine Partei, die im Kampfe mit staatlichen und gesellschaftlichen Mächten heute bereits die anerkannte Vertretung eines Drittels des deutschen Volkes geworden ist und über deren unaufhaltsame Weiterentwicklung so wenig Zweifel bestehen, daß die Gegner schon vor den kommenden Wahlen Angst haben, diese Partei ist heute ein notwendiges Lebens⸗ Element der weiteren wirtschaftlichen und politischen Entwickelung des Reiches. Sie ist die Partei der nationalen Zukunft und besitzt heute auf politischem Gebiete einen Ein⸗ fluß ersten Ranges. Allerdings kommt dies heute nicht so zur Erscheinung, wie es wäre, wenn die Wahlgesetze besser und nicht so eingerichtet werden, die Größe der Partei nicht zum Ausdruck kommen zu lassen. Wenn wir eine Berechnung anstellen, so sehen wir, daß uns durch ein rechts- und gesetzwidriges
Pluralwahlsystem der dritte Teil der uns zu⸗ kommenden Mandate genommen ist. Hätten wir ein Proportional⸗Wa hlsystem, so müßte heute schon die sozialde mokratische Fraktion 125 statt 81 Mandate haben. Darauf bauen auch die Mehrheitspar teien und suchen dem deutschen Volke die Ergebnisse seiner letzten Anstrengungen wieder zu rauben, um die alte Herrschaft im jetzigen Geleise fortführen zu können. Sie haben nur Eines vergessen, daß die Zahl auf politisch⸗parlamentarischem Gebiet zwar viel, aber nicht Alles ist, und daß eine kraftvolle Minderheit, die von dem Willen des Volkes getragen wird, sehr viel vermag.
Schon bisher hat die Sozialdemokratie die Regierung zu manchem gedrängt, das wird nun noch mehr der Fall sein; wir befinden uns mit 81 Abgeordneten in größerer Machtstellung als bisher. Beim Abschluß der Handels⸗ verträge kann die Regierung von der Sozial⸗ demokratie abhängig sein, und die Fälle können sich mehren, in denen sie auf uns angewiesen ist. Denn wo immer sie genötigt ist, moderne Forderungen im Interesse des Staatsganzen durchzusetzen, um der dringenden wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung einigermaßen gerecht zu werden, wird sie mit uns rechnen müssen. Redner bespricht dann die Auseinandersetzungen in der Partei über die Präsidentenfrage. Es sei nicht nötig gewesen, diese mit solcher Eile anzuschneiden, das hätte die Fraktion beim Zusammentritt des Reichstags in aller Ruhe erledigt. Wir haben Anspruch auf einen Präsidenten und er kann uns in vieler Be⸗ ziehung nützen.
Vollmar beschäftigte sich eingehend mit ver⸗ schiedenen Artikeln, welche in dieser Frage gegen Bernstein geschrieben worden sind und faßt seine Meinung dahin zusammen: Das entschei⸗ dende Moment in der Präsidentenfrage liegt wo anders, es handelt sich darum, ob die zu erwartenden Vorteile die Nachteile aufwiegen oder umgekehrt. Aber daß ein Sozialdemokrat sich etwas vergäbe, wenn er als Vertreter des Reichstages mit dem verfassungsmäßigen Reichs⸗ oberhaupte zusammentrifft, das bestreite ich. Weiß er seinen Mann zu stellen— und ich denke, daß man dies Zutrauen in dem von uns zu Wählenden wird haben können—, so wird er vielmehr viel dazu beitragen können, die Würde der Volksvertretung wirk⸗ sam zur Geltung zu bringen. Und wenn der Kaiser etwa die Wahrheit wissen will, dann würde er sie hören— er könnte es notwendig brauchen!— Ich sehe die Sache also als eine Frage der Macht⸗ erweiterung der Partei an und bin der Meinung, daß diese uns das Recht und die Pflicht auf⸗ erlegt, uns an der Führung der Geschäfte zu beteiligen und die damit verbundene Verant- wortung zu übernehmen.
Wie immer nun sich diese und alle anderen parlamentarischen Machtfragen gestalten mögen, unsere Aufgabe wird unter allen Umständen die sein, noch energischer als bisher weiterzu⸗ arbeiten und alle Machtfaktoren des parlamen⸗ tarischen Lebens auszunützen, um unsere Ideale ins Leben zu setzen. Dazu ist aber nötig, daß wir nicht auf unseren Lorbeeren ausruhen und uns nicht verführen lassen, in unseren An⸗ strengungen zu erlahmen. Wir müssen für unsere Gesinnung werben und unermüdlich tätig sein für unsere Organisation. Nur der Rückhalt, den sie uns im Kampfe gibt, schafft uns An⸗ hang und den Glauben an unsere Ideale und 5 0 es, der uns stark, der unwiderstehlich macht.
politische Aundschau. Gießen, 30. Juli.
Vom christlichen Staate.
Die„Staatserhaltenden“ und ihre Diener, die Regierungslente, bemühen sich ja stets auf das lebhafteste, alles zu tun, um dem Volke die vaterländische Gestnnung, Kaiser⸗ und Königstreue und Religion zu erhalten. Man sollte meinen, es müßte dann auch der oberste Grundsatz des Christentums, das Gebot der
Nächstenliebe im vollen Umfange betä⸗ tigt werden. Als aber jetzt Unwetter und Ueberschwemmungen in Schlesien über viele Zehntausende unserer Volksgenossen Not und Elend brachten, rührte sich die Regierung nicht, den wirklich und im höchsten Grade Notleidenden zu helfen. Der gottlose„Vor⸗ wärts“ mußte erst die christliche Regierung an ihre Pflicht erinnern. Und wenig genug ist, was jetzt noch getan mird.— Für den China⸗ zug waren ohne Zustimmung des Reichstags Millionen vorhanden; sind aber unsere eigenen Landsleute durch die Wut der Elemente ge⸗ schädigt, so verweist man auf die private Wohltätigkeit!
Deutschlands Ein⸗ und Ausfuhr.
Nach den Veröffentlichungen des statistischen Amtes über den auswärtigen Handel betrug im ersten Halbjahr 1903 die deutsche Einfuhr (in runden Zahlen) 21,7 Millionen Tonnen (1 Tonne— 20 Zentner), das sind 2,06 Mil⸗ lionen Tonnen mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Der Wert der Einfuhr beträgt 3068,3 Millionen Mark, gegen das Vorjahr 229,2 Millionen Mark mehr. Die Ausfuhr war mit 18,3 Millionen Tonnen um 2,5 Mill. Tonnen größer als im Vorjahre; ihr Wert betrug 2410,4 Mill. Mk., 186,9 Mill. Mk. mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. — Die bedeutendste Zunahme in der Einfuhr zeigen Erze, Holz, Kohlen, Getreide und Land⸗ bauerzeugnisse. Gesteigerte Ausfuhr ist zu verzeichnen bei Kohlen, Eisen und Eisenwaren, Drogerie- und Farbwaren.
Kleinbauer und Großgrundbesitzer.
Im„Bayerischen Vaterland“, dem ehemaligen Organ des Dr. Sigl, das jetzt eine bauernbündlerisch-ultramontane Richtung vertritt, klagte kürzlich ein guter Kenner der bäuerlichen Verhältnisse über die Gleichgültigkeit der Bauern den Güterschlächtern gegenüber. Er sagt am Schlusse seiner Betrachtungen:
„Wer unter Bauern lebt, der weiß, wie schwer es ist, sich ihr Vertrauen zu gewinnen, besonders wenn es sich um wohlhabende
Landwirte handelt, bei denen der Bauern⸗
stolz mit im Spiele ist. Kleinere Land⸗
wirte, Gütler und Söldner sind wieder leichter zu organisieren, aber was manchen
Großbauern betrifft, mein Gott,— schweigen
wir lieber. Und doch sähe ich im Groß⸗
baueenstand das Material, aus dem heut⸗ zutage die Bauernführer genommen werden müßten. Aber es müssen diese Großbauern auch ein warmes Herz für ihre Kameraden, die Söldner und Gütler, haben, dena diese drei Kategorien: Großbauer, Söldner und
Gütler, die sind in unseren Augen der
eigentliche Bauernstand. Der Groß⸗
grundbesitz mit seiner Neigung zur
Latifundienbildung ist weiter nichts,
als das große Maul, das nach dem
eigentlichen Bauernstande schnappt, um diesen nach und nach aufzuzehren.“
Dazu bemerkt mit Recht unser Münchener
Parteiorgan, dem wir obiges Zitat entnehmen,
daß die sozialdemokratische Presse genau das⸗ selbe schon längst betont hat, was da über den Großgrundbesitz gesagt wird. Die„berufenen“ Vertreter der Landwirtschaft wollten es aber nicht Wort haben. Vielleicht glauben sie es dem Bündler⸗Blatte.
Das Bromberger Zuchthausurteil,
wodurch über 13 streikende Arbeiter insgesamt 14 Jahre Zuchthaus und 17 Jahre Gefängnis sowie viele Jahre Ehrverlust verhängt wurden, erfährt in der„Sozialen Praxis“, einem bürger⸗ lichen Blatte, folgende treffende Kritik:
„Dies Urteil erfüllt uns geradezu mit Schrecken und Grauen. Gewiß haben die Richter sich an das Gesetz gehalten und nach bester Ueberzeugung ihren Spruch gefällt. Aber kein fühlender Mensch wird bestreiten können, daß die furchtbare Härte der Strafe in keinem Verhältnis zur Tat steht. Die unglücklichen Arbeiter haben in leidenschaft⸗ licher Erregung gehandelt, die doch erklärlich war; sie haben nicht nur Gewalttaten begangen,
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