Ausgabe 
1.11.1903
 
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Dorlar, Dutenhofen, Kinzenbach,

Nr. 44.

Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.

Seite 5.

und stets weidlich über die Sozialdemokraten loszog. Seine Gegnerschaft wird unserer Partei nicht viel schaden!

Aus dem Rreise Wetzlar.

h. Auf die Parteiversammlung, die nächsten Sonntag den 8. November nachmittags 3 Ühr im Lokale Orbig stattfindet, machen wir nochmals aufmerksam und ersuchen die Genossen im Kreise möglichst zahlreich zu er⸗ scheinen. i 5

Eine Volks versammlung findet die⸗ sen Sonntag, 1. Nov., nachmittags 3 Uhr im Feußer'schen Lokale in Gleiberg statt. Die Genossen Krumm und Vetters aus Gießen werden über das ThemaVor 25 Jahren sprechen. Alle Arbeiter und Genossen in Glei⸗ berg, Krofdorf und Up gebung werden ersucht, recht zahlreich zu erscheinen.

h. Die Abteilungslisten zur Land⸗ tagswahl liegen nach einer Bekanntmachung des Bürgermeisters in Wetzlar am 2 und 4. November im Zimmer Nr. 2 auf der Bürger- meisterei offen.

h. Zur Landtagswahl sind im Kreise Wetzlar sovjel Kandidaten in Vorschlag gebracht, daß es den Wählern angst und bange werden muß. Erheiternd wirken die Einsendungen, mit denen sich die Anhänger der verschiedenen Kandidaten im Amtsblatt bombardieren. In einer derselben lassen konservative Bauern den liberalen bisherigen Abg. Schlabach hochleben! Das ist gewiß ein Beweis für die gute Gesinnung derBauern. Oder sollte es Bosheit sein?

h. Die Vorträge der Lesevereini⸗

ung begannen am Mittwoch Abend mit der Rezitation von Maxim Gorki's ergreifendem sozialen DramaNachtasyl durch Herrn Wal⸗ kotte. Der große Saal des Schützenhofes war dicht besetzt und mit Spannung folgten die Zuhörer dem Vortrage des Künstlers, ihn am Schlusse mit lebhaftem Beifall belohnend. An weiteren Vorträgen hat die Lesevereinigung vorgesehen: am 12. Nov.Die Beziehungen des Lichtes zur Pflanzenwelt von Prof. Kohl in Marburg; am 23. Nov.Land und Leute in Mazedonien von Dr. Oestrich in Mar⸗ burg und am 10. Dezemb.Die Sonne als Energiequelle von Prof. Schaum in Marburg.

Vergehen im Amte. DemHerbor⸗ ner Tageblatt wird aus dem Kreise Wetzlar geschrieben:Gegen den Bürgermeister B. in aer die Staatsanwaltschaft das Unter⸗ suchungsverfahren wegen Uuterschlagung einge⸗ leitet. Da Zeugenvernehmungen bereits statt⸗ gefunden haben, auch der Aufsichtsbehörde wegen anderer Unregelmäßigkeiten des B. An⸗ zeige erstattet worden ist, so ist zu erwarten, daß derselbe in Bälde seines Amtes enthoben wird, was umsomehr zu wünschen ist, als die Angelegenheit das allgemeine Tagesgespräch bildet und große Aufregung in der Bevölkerung hervorgerufen hat.

Diese Notiz bezieht sich offenbar auf den Bürgermeister Lichtenthäler in Krofdorf. Uns sind hierüber ebenfalls zahlreiche Mitteilungen zugegangen. Tatsächlich sind allerhand Gerüchte in der Bevölkerung in Umlauf; daß es sich aber um Unterschlagung handelt, möchten wir vorläufig nicht behaupten. Jedenfalls wäre es Sache des Gemeinderates in Krofdorf und der dazu gehörigen Gemeinden, Klarstellung der Angelegenheit zu fordern, dadurch würde über⸗ triebenem Gerede die Spitze abgebrochen und die Bevölkerung beruhigt.

Herbst⸗Kontroll⸗Versammlungen im Kreise Wetzlar finden statt in: Wetzlar, Land, Schützengarten, 4. November 10 Uhr vormittags für Hof Altenberg, Garbenheim, Nauborn, Oberbiel, Stein⸗ dorf. Oberndorf, Ausgang nach Wetzlar, 6. No⸗ pember 1 Uhr 30 nachmittags für Albshausen, Bon⸗ baden, Braunfels, Burgsolms, Oberndorf. Aßlar, Bahnhof, 7. November 1 Uhr 15 nachmittags für Aßlar, Berghausen, Beasbach, Klein⸗Altenstädten, Wer⸗ dorf. Wetzlar, Stadt einschließlich Nieder⸗ girmes Schützengarten, 7. November 3 Uhr 30 nachmittags. Wiß mar, Bahnhof, Wirt⸗ schaft Brück 10. November 11 Uhr 30 vormittags für Gleiberg, Krofdorf, Launsbach, Odenhausen, Salz⸗ böden, Vetzberg, Wißmar. Dutenhofen, Bahn⸗

Aus dem Rreise Marburg-Nirchhain.

* Einen artigen Handel haben die Antisemiten mit dem Marburger Wahlkreis getrieben oder wenigstens zu treiben versucht. Wie bereits in letzter Nummer mitgeteilt, sagte Zimmermann auf dem antisemitischen Partettag, daß ihm der Wahlkreis Marburg von Böckel gleichsam zum Kauf angeboten worden sei. Dar⸗ auf erwiderte Böckel in dem Berliner Scharf⸗ macherblattePost:

Auf die Frage, ob ich bereit sei, Reden und Agi⸗ tationsreisen zu übernehmen, habe ich erklärt, daß dies mir angesichts der großen Verluste, die mir das politische Leben gebracht habe, nur möglich sei, falls Unkost en und Zeit verlust ersetzt werden. Daß Herr Zimmermann zu solchen Verdächtigungen greift, ist doppelt wunderbar angesichts des Umstands, daß er sich bei der Wahl in Marburg alstreuesten Freund und Mitkämpfer Böckels in Reden und Flug⸗ blättern aufspielte und mir in einem Briefe Geld anbot, falls ich ihn unterstützen wollte.

Böckel gab also den Kandidaten auf eine zarte Weise zu verstehen, daß sie seiner Agitation nicht entraten könnten und ihn dafür ausreichend bezahlen müßten. So erhielt die Verschacherung allerdings eine weniger anstößige Form, als wenn Böckel einfach gesagt hätt: Gib mir zweitausend Mark für mein Stimmvieh, ich halte dafür auch ein paar Reden! Zimmermann hat auf die Böckel'sche Erklärung geantwortet und dabei bemerkt, daß Böckel einem Vertrauens⸗ mann gegenüber den Konservativen v. Pappen⸗ heimer, nicht den Antisemiten Zimmermann zur Wahl empfohlen habe! Sehr dick scheint danach die Freundschaft zwischen den beiden antisemitischen Führern nicht zu sein, auch mit der gegenseitigen Ehrlichkeit scheints zu hapern.

PolnischeEdelste vor dem Schwur gerich

Ein Aufsehen erregender Prozeß begann am Montag vor dem Berliner Schwurgericht. Als Angeklagte erscheint die jetzt im 51. Lebens⸗ jahre stehende polnische Gräfin Isabella Wen⸗ sterska⸗Kwilecka, geb. Gräfin Bnin⸗Bnitzki auf Wroblewo unter der Beschuldigung der Kindes- unterschiebung und der Verleitung zum Meineide, während neben ihr noch weitere vier Personen, und zwar ihr Gatte, der Majorats⸗ herr Graf Zbiengniew Wensterski⸗Kwilecki, die Hebamme Ossowko aus Warschau, die Kammer⸗ frau der Gräfin Frau Chwielkowska aus Trop⸗ pau und deren Mutter, die Dienstfrau Knoska aus Wroblewo in Posen, wegen Beihilfe zur Kindesunterschiebung und wegen wissent⸗ lichen Meineides, beziehungsweise Verlei⸗ suhe zu diesem Verbrechen mit unter Anklage

ehen. f Die Gräfin soll die in Berlin am 27. Januar 1897 erfolgte Entbindung von einem Sohne vorgespiegelt haben, um sich das stark verschul⸗ dete Majorat zu sichern und um Kredit zu haben. Für die Verhandlung sind vierzehn Tage in Aussicht genommen. weihundert der deutschen Sprache teilweise unkundige Zeugen sind geladen. Die Angeklagte Gräfin Isabella Kwilecka bestritt entschieden ihre Schuld. Sie behauptete, trotz ihrer 51 Jahre, unglücklicher Ehe und sonstiger Verdachtsgründe, die eine Entbindung unwahrscheinlich erscheinen lassen, einen natürlichen Sohn namens Joseph Adolf Stanislaus zu besitzen. Letzerer ist als Zeuge anwesend; er soll der Sohn einer Weichensteller⸗ 0 Cäcilie Meyer aus Lipine(Oesterr.⸗Schl.) ein, die den kleinen Grafen als ihr Kind re⸗ klamiert. Sie will es vor ihrer Verheiratung

eboren haben. Der Vater sei Hauptmann im

0. österreichischen Infanterieregiment und heiße angeblich Felix Ritter v. Ziegler. Unter den Zeugen befindet sich ferner das Haupt der Agnaten, die Anspruch auf das Majorat erheben, Graf Micislaus Kwileckt, Mitglied des Herren⸗ hauses, und dessen Sohn Graf Hektor.

Die alte Matrone Andruzewska sagte, die ganze Geschichte der Schwangerschaft der Gräfin sei eitel Komödie. Die Gräfin habe allerlei Kunstgriffe angewandt, um ihrem Aeußern einenschwangeren Anstrich zu geben. Die Gräfin habe ihr(der Matrone) auch oft gesagt,

sie sollte ihr einen zum Januar 1897 neuge⸗

hof, 10. November 3 Uhr 45 nachmittags für Atzbach, Münchholzhausen.

borenen Knaben mit schwarzen Augen und

dunklem Haar besorgen. Für einen Pack Hundertmarkscheine sei sie zu einer Hebamme gegangen und diese habe ihr ein Kind ausfindig gemacht und dieses der Gräfin gebracht.

Versammlungskalender.

Samstag, den 31. Oktober. Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei LöbWiener Hof. Brauer. Abends 9 Uhr Versammlung bei Löb(Wiener Hof). Wieseck. Soz.⸗dem. Wahlverein. Abends 9 Uhr außerordentliche Generalversammlung bei B. Wacker. Sonntag, den 1. November.

Gießen. Metallarbeiter. Nachmittags 3 Uhr Versammlung bei Orbig. Marburg. Wahlverein. Abends 9 Uhr Ver⸗

sammlung bei Jesberg. Sonntag, den 8. November. Wetzlar. Parteiversammlung für den Kreis Wetzlar nachmtttags 3 Uhr bei Orbig⸗ Gießen, Rittergasse.

Unter dem Sozialistengesetz.

Während des Sozialistengesetzes machte unsern 1215 die Einführung desSozial- demokrat über die deutsche Grenze bedeutende Schwierigkeiten und es mußte von den Be⸗ teiligten mit der größten Umsicht(Entschlossen⸗ heit) verfahren werden, um das verbotene und verfolgte Blatt sicher und möglichst pünktlich in die Hände seiner Leser zu bringen. Es glückte aber fast immer; den Behörden fielen nur wenige Sendungen in die Hände. Dabei gab's auch manche heitere Abenteuer.

Genosse Belli in Stuttgart, früher in Zürich, der zu dutzendmalen bei diesem Dienste seine Haut furchtlos für die Partei zu Markte trug, teilte demVorwärts aus seinem reichen Schatze seiner Erfahrungen ein paar Erlebnisse mit, die auch unsern Lesern gefallen dürften.

Eine schlaue Haussuchung.

Wurde da mal gemunkelt, auf der Boden⸗ seeinsel Reichen⸗Au bei Konstanz lagert bei dem Schreiner Grießer eine Ladung der verbotenen Ware. Plötzlich erscheint ein Amtsrichter mit Gendarm ꝛc., um Haussuchung zu halten. Wohnung und Werkstatt wurden besetzt. Die Fenster gingen nach Süden auf den Bodensee hinaus. Die Sonne schien herein und das störte den suchenden Amtsrichter. Er befahl die Rouleaus herunterzulasseu. Dadurch gelaug es einem der Söhne unbemerkt hinauszukommen. Er schlich auf den Speicher. Bort lagerten drei Ballen, die er nun einfach zum Speicherloch hinauswarf. Den heruntergelassenen Rouleaus war es aber zu verdanken, daß das Herunter⸗ fallen der Ballen dem Herrn Amtsrichter un⸗ bemerkt blieb.

Der Junge lud dann die Ballen auf einen Nachen und fuhr auf den See hinaus. Die Herren suchten stundenlang und fanden nichts.

Hinter dem Hause war ein Hügel mit Gartenhäuschen und prächtiger Aussicht; allda waren auch noch einige Kolli eingegraben. Gr. lud die Herren dorthin zu einem Trunke Wein ein als Belohnung für die Strapazen und um ihnen die Gegend und Ausblick zu zeigen. Später ließ er die Herren mal wissen, daß sie eigentlich auf dem Braten gesessen hätten. Als die Gesetzhüter wieder fort waren, kam auch der Junge vom See zurück und die Sache wurde dann ohne Anstand fortgeschafft.

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Mißglückte Spionage.

Mein Nachbar in Kreuzlingen hatte einen Lehrjungen, der mit einem Polizisten in Kon- stanz verwandt war. Der Poltzist instruterte den Jungen, sich mit meinem Jungen ins Be⸗ nehmen zu setzen, um allemal zu erfahren, wann und wohin ich verreise. Daß auf dem Bahn⸗ hof in Kreuzlingen ein Schweizer Beamter den Auftrag hatte und auch unschweizerisch genug war, es zu tun, allemal Meldung an die Kon⸗ stanzer Polizei zu machen, wenn ich dort ein⸗ stieg, das wußte ich. Ich ließ nun dem Jungen sagen, daß ich am Donnerstag nach Romanshorn und dann nach Friedrichshafen fahre. Ich

kaufte auch in Kreuzlingen ein Billet nach Ro⸗

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