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Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung.

Nu. 44.

lich an der Zeit, daß der Landtag der Kinderei ein Ende macht. Schließlich könnte sich diese klerikal⸗antisemitische Protestkomödie zu einer Kammerblamage auswachsen, die der famosen Junggesellensteuerhanswurstiade, die sich die Kammer vor mehreren Jahren geleistet hat, an die Seite gestellt werden kann.

Gießener Angelegenheiten.

DasSozialistengesetz-Jubiläum feierlen auch die Gießener Gen ssen durch eine Ver⸗ sammlung, die am Sonntag in Lony's Bierkeller statt⸗ fand. Trotz des schönen zu Ausflügen einladenden Herbstwetters war die Versammlung gut besucht, der Saal dicht besetzt. Genosse Ulrich von Offenbach, der nun auch schon zu den älteren Genossen zählt und das S; andgesetz vollständig mit durchkosten mußte, hatte es übernommen, den 12 jährigen Kampf unserer damals noch jungen Bewegung zu schildern. Er tat das in kurzen Zügen; seine Ausführungen wurden aber von der Versammlung mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgt. Es ist eine Erinnerung für die Alten, der Rückblick auf jene Zeit, führte er etwa aus, und zugleich eine Lehre für die Jungen. Das Scszialistengesetz zeigte, daß eine geistige Bewegung nicht mit dem Polizeiknüppel zu ver⸗ nichten ist. Aeußerlich war jenes Gesetz durch die Attentate veranlaßt. Die wirkliche Ursache war jedoch die Schwenkung Bismarck's vom Freihändler zum Schutz⸗ zöllner. Er wollte seinen geliebten Junkern höhere Einkommen aus der Staatskrippe verschaffen. Das war die treibende Kraft, nachdem der Versuch, die Arbeiterbewegung für seine Zwecke auszunützen, fehl⸗ geschlagen war. Vorher versuchte man, der wachsenden soztalistischen Bewegung durch den Staatsanwalt Herr zu werden; Tessendorf's Feldzug gegen uns sollte die proletarische Organisation vernichten. Die Verfolgung schmiedete aber die beiden sich bekämpfenden sozialistischen Richtungen zusammen, es kam zur Einigung. Nun kam das Sozialistengesetz. Sofort als der Schuß Hödels gefallen war, telegraphierte bekanntlich Bismarck: Ausnahmegesetz gegen die Sozialdemokratie! Und es kam so schnell an den Reichstag, daß boshafte Zungen behaupten, Lismarck habe das Gesetz schon vorher fertig im Pult liegen gehabt. Aber die Liberalen zeigten noch einiges Rückgrat. Der Reichstag lehnte das Gesetz ab. Bald darauf fielen die Schüsse Nobilings, der, obwohl er ein Nationalliberaler war, der Sozial⸗ demokratie an die Rockschöße gehängt wurde. Reichs⸗ tagsauflösung folgte und der unter beispielloser Hetze zu Stande gekommene neue Reichstag bewilligte Bismarck sein Sozialistengesetz. Redner schilderte nun die Ver⸗ folgungen, die unsere Genossen unter demselben zu er⸗ dulden hatten. Zahlreiche Opfer kostete der Kampf, viele Wunden wurden uns geschlagen. Aber unsere Genossen hielten siy tapfer, trotzdem die Polizei durch alle Tücken in unsere Partei Zwiespalt zu bringen suchte. Tatsächlich hatte sie es dahin gebracht, daß eine zeitlang der Anarchismus an Ausbreitung gewann. Doch die 81er Wahlen zeigten, daß die Sozialdemokratie lebte. Ulrich schilderte dann unter Heiterkeit einige lustige Episoden aus dem Kampfe mit der Polizei; auch, wie es ihm einst hier gelang, eine Versammlung in Leih⸗ gestern abzuhalten, ohne von der Polizei, die man auf den Schiffenberg gelockt hatte, belästigt zu werden. Dann wies er auf das immerwährende Wachstum unserer Partet hin. Bei jeder Wahl stiegen die Stimmen und jedesmal sagten die Gegner, nun habe die Sozialdemo⸗ kratte ihren Höhepunkt erreicht und bei der nächsten Wohl stiegen wir wieder! Der Sozialismus hat seine treibende Kraft in der Masse und steigt so lange, als noch ein einziger Arbeiter existiert, der uns nicht ange⸗ hört. Immer tüchtig weiter zu arbeiten, die besitzlosen und arbeitenden Massen über die wirtschaftlichen und politischen Tatsachen aufzuklären, das sei auch fernerhin unser: Aufgabe! So schloß der Redner unter lebhaftem Beifall. Genosse Vetters wies dann darauf hin, wie auch heute noch mit denselben brutalen Gewaltmitteln gegen uns gearbeitet wird, wie seit Jahrzehuten. Zum Beweise dafür verlas er dasGedicht des Gießener Ordnungshelden an Frau Zetkin, das unten abgedruckt ist. Orbig schilderte dann, oft von Heiterkeit unter⸗ brochen, wie er und die Gießener Genossen mit dem Sozialistengesetz fertig wurden und trotz desselben nach besten Kräften agitiertn. Krumm wies auf den Frantfurternationalen Arbeiterkongreß hin, der wieder einen Versuch darstelle, die Arbeiterschaft zu spalten. Unser Opfermut dürfe nicht erlahmen, müsse vielmehr noch erstarken! Förderung der politischen und gewerk⸗ schaftlichen Organisation sei notwendig, denn es ständen uns noch harte Kämpfe bevor. Jeder müsse mit seiner ganzen Kraft an der Herbeiführung besserer Zustände mitarbetten! Mit dem Gesang der Arbeitermarseillaise schloß die aufs beste verlaufene Versammlung.

Ordnungswüterige. Mit der nötigen Entrüstung weisen unsere Gegner täglich auf den revolutionären Karakter der Sozial⸗ demokratie hin. Besonders zu Wahlzeiten werden

sie nicht müde, uns als die verworfene Menschen⸗ klasse hinzustellen, die in blutiger Revolution die gottgewollteheilige Ordnung dieOrd⸗ nung, daß eine Handvoll Menschen alle übrigen ausbeutet und unterdrückt, nennen sie gottgewollt umstürzen und den Staat vernichten wolle. Sie wissen dabei ganz genau, daß ein Sozial⸗ demokrat nie der gewaltsamen Revolution das Wort geredet hat. Verdächtigungen gehören aber mit zu dengeistigen Waffen derStaats⸗ erhaltenden. Jeder Arbeiter weiß heute, daß mit Säbel, Flinte und Galgen die wirtschaft⸗ lichen und sozialen Verhältnisse nicht gebessert werden können; er weiß auch, daß wenn wir von Revolution reden, wir damit die Eroberung der politischen Macht durch die arbeitende Klasse meinen. Flinte, Säbel, Guillotine, Zuchthaus, sind vielmel r die Mittel, durch welche der Ka⸗ pitalismus seine Herrschaft zu erhalten bestrebt ist und die er unter Umständen gegen uns an⸗ zuwenden bereit ist. Wie verbreitet diese rohe Auffassung vom politischen Kampfe unter unseren christlich⸗fromm Gebildeten ist, zeigt folgendes Gedicht, das unserer Genossin Zetkin von einem Gießener Ordnungsmenschen zugesandt wurde. Von der bürgerlichen Presse war der Frau Zetkin kürzlich fälschlich nachgesagt worden, sie habe in einer Stuttgarter Versamm⸗ lung Bismarck als Sauhirten bezeichnet. Wie es sich damit in Wirklichkeit verhält, hat Frau Z. selbst unseren Lesern neulich auseinander⸗ gesetzt. Also dieser gebildete und christliche Bürger schrieb:

Du wagtest frech ihn zu verhöhnen,

Mit gift'ger Zung zu schmäh'n sein Angedenken,

Der doch der Edelste von Deutschlands Söhnen; Dies, Furie, wird kein deut scher Mann dir schenken.

Trieb Wahnsinn dich, ein sinnlos wütend Rasen, Dein bißchen Hirn dir völlig zu betören? Den Gegner magst du ehrlich hassen,

Doch laß' die Toten ruhn; die sollst du ehren.

Drum Fluch auf dich und deine ganze Meute, Dir bleibt für immer dies ein Schandenmal. Am liebsten sähen wir schon heute, Verdammtes Weib, dich am Laternenpfahl!

Natürlich war auch diese wie alle übrigen unserer Genossin zugegangenen Schmähschriften anonym;das Gedicht hatte der mutige Kämpfer für Ordnung und Sitte mitGer⸗ manicus(Deutscher) unterzeichnet. Allem Anschein nach ist es von Frauenhand geschrieben, der Tapfere fürchtete, sich vielleicht durch seine Handschrift zu verraten. Unterdrückungs wut, Roheit und Feigheit sind doch immer bei⸗ einander! So sehen die deutschen Helden bür⸗ gerlicher Ideale aus! Jene Leistung läßt einen Blick tun in die moralische und geistige Ver⸗ faͤssung deshonetten Bürgertums und zeigt, mit wie wenig Recht die bürgerliche Presse sich über Gesinnungsroheit etc. der Sozialdemokratie aufregt. Was würde die Ordnungspresse sagen, wenn ein Sozialdemokrat auf eine Beschimpfung eines unserer Vorkämpfer mit dem frommen Wunsche antwortete: Hoffentlich sehen wir den Kerl, der solches gesagt, bald am Laternenpfahll Unsere frommen christlichen Gegner wünschen uns Galgen und Rad; wir aber arbeiten, um Zustände herbeizuführen, unter denen alle Menschen glücklich leben können; wir werden auch, wenn wir zu Macht gelangen, keinen Fürsten und keinen Pfaffen hängen, wenn er Uns auch noch so sehr beschimpft hat, sondern werden dafür sorgen, daß er möglichst 110 und bequem leben kann! Ja, wir Wilden sind doch bessere Menschen!

Frau Zetkin übersandte uns das Gedicht in der richtigen Annahme, daß es unseren Lesern,

wie ihr, einige heitere Minuten bereiten würde.

Wer mag aber der edle Dichter sein? Er melde sich doch! Das sieht doch viel schöner aus. Wir garantieren ihm hiermit feierlich und öffent⸗ lich, daß Frau Zetkin keine Beleidigungsklage gegen ihn anstrengen wird.

Die Gießener Friedhofs-Affaire kam auch in der hessischen Landes synode in Darmstadt zur Sprache. Auf eine Anfrage des Pfarres Wahl aus Langen, welche Maß⸗ regel die Kirchenbehörde zu ergreifen gedenke, um für die Zukunft einer etwaigen Wieder⸗ holung solcherrechtswidriger Eingriffe in die

Sphäre des evangelisch⸗kirchlichen Lebens vor⸗ zubeugen, antwortete Konsistorialprästdent Buch⸗ ner: Er habe nur wenig zu sagen. Das Kreis⸗ amt habe geantwortet, daß die Verfügung des Oberbürgermeisters zurückgenommen worden sei und die Einweihung am 4. Oktober statt⸗ finden könne. Damit sei die Angelegenheit er⸗ ledigt und zugleich ein Präzedenzfall geschaffen, der den zweiten Teil der Anfrage überflüssig erscheinen lasse. Wahl⸗Langen konstatiert mit Genugtuung die Festhaltung der kirchlichen Ge⸗ meindevertretung in Gießen und die entschiedene Zurückweisung, die derversuchte Eingriff in das kirchliche Leben gefunden habe, er wünscht aber, daß man dem zweiten Teil seiner Anfrage entsprechend eine Norm schaffen möchte, die ähnliche Uebergriffe in die Rechte der evangelischen Kirche verhindere. Natürlich, daß es sich bei der Geschichte nicht um einen Uebergriff des Bürgermeisters, sondern um einen solchen der lieben Geistlichkeit handelte, werden die schwarzen Herren niemals zugeben wollen.

Zu der Rezitation des Herrn Wal⸗ kotte am Donnerstag Abend waren die Zu⸗ hörer äußerst zahlreich erschienen, sodaß der Saal Lonys Bierkeller dicht besetzt war. Wal⸗ kottes Vorträge wurden mit großer Aufmerk⸗ samkeit verfolgt und sehr beifällig aufgenommen. Nach der ergreifenden Erzählung aus dem Leben eines Berliner ProletarierkindesDer Klingel⸗ junge bot Herr Walkotte eine Reihe köstlicher humoristischer Skizzen und Dichtungen, die meistens soziale Materien behandelten und in echt künstlerischer Weise zum Vortrag gebracht wurden. Wir sind überzeugt, daß alle Be⸗ sucher mit Befriedigung auf diesen genußreichen Abend zurückblicken.

Aus dem Nreise sriedberg⸗Büdingen.

Merkwürdiger Freispruch. Am Tage

nach der! eich stagswahl hat sich der Landwirt Heinrich Müller von Eckartshausen an der elf⸗ jährigen Tochter des Maurers D. vergangen, nachdem er vorher das Kind in raffinierter Weise in's Haus gelockt hatte. M., ein noto⸗ rischer Trunkenbold von ca. 40 Jahren, machte nach Bekanntwerden der Sache einen Selbst⸗ mordversuch. Dienstag von dem Landgerichte Gießen frei⸗ gesprochen. Auch der Bürgermeister Lehr hat eine eigentümliche Rolle in der Affäre gespielt. Er zeigte die Sache der Staatsanwaltschaft nicht au, dieser wurde die Anzeige vielmehr anonym von dritter Seite gemacht. Bürger⸗ meister Lehr suchte die ganze Geschichte als aus Haß von sozialdemokratischer Seite ban le hinzustellen, dem derehrenwerte Landwirt M. zum Opfer fallen solle.

Aus dem Nreise Alsfesd⸗Cauterbach.

b. Ein skandalsüchtiger Ordnungs⸗ mann. Vor dem Alsfelder Schöffengericht hatte sich am Montag der Schuhmachermeister Rupp zu ber⸗ antworten. Er kam dort eines Abends in die Poltzei⸗ wachstube und lärmte ganz gehörig. Von dem Poltzei⸗ diener Koch, der ihn zum Verlassen des Lokals vergeb⸗ lich aufforderte, herausgebracht, legte er sich auf den

Boden und als K. versuchte, ihn aufzuheben, biß er

diesem ins Bein. Er nahm dem Polizeimann auch den Säbel ab und versuchte ihm damit auf den Kopf zu schlagen. Hinzukommende Personen verhinderten das und schleppten den Schuster nach seiner Wohnung. Weil aber Nachbarsleute baten, ihn nicht in die Wohnung zu bringen, weil er sonst die Familie mißhandeln würde, so brachte man ihn in's Spital, das zugleich als Haft⸗ lokol dient und entließ ihn am andern Morgen wieder. Vor Gericht erklärte der Angeklagte, daß er nur, noch soviel von der Geschichte wisse, daß er den Polizeid iener gefragt habe, ob er die Wache habe. Der Amtsanwalt gab seiner Ueberzeugung dahin Ausdruck, daß Rupp nicht betrunken gewesen sei, sondern mit vollem Bewußt⸗ sein gehandelt habe. Rupp sei ein Radaumacher und habe sich trotz seiner Vorstrafen nicht gebessert. Des⸗ halb müsse er die volle Schärfe des Gesetzes fühlen. Er beantragte wegen groben Unfugs Widerstands ee. 2 Monate Gefängnis. Der Angeklagte suchte sich mit Trunkenheit zu entschuldigen und führte u. a. el b st an, daß er ja in der Säuferliste stünde! Sein Auf⸗ treten vor Gericht machte auch keinen guten Eindruck, mildernde Umstände wurden ihm deshalb nicht zugebilligt und eine Gefängnisstrafe von drei Monaten und 4 Tagen über ihn verhängt. Hinzugefügt sei noch daß sich Rupp zur antisemitlschen Partei zählt

Merkwürdigerweise wurde er am