Ausgabe 
1.11.1903
 
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Nr. 44.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Seite 3.

hatte. Hildebrand ließ auf dem national⸗ sozialen Vertretertag durch Maurenbrecher er⸗ klären, daß er ebenfalls der Sozialdemokratie beitreten werde.

Das Endresultat der sächsischen Land⸗ tags wahlen,

die im ganzen in 29 Wahlkreisen stattfanden, ist folgendes. Gewählt wurden: 17 Konser⸗ vative, 9 Nationalliberale, 1 Reformparteiler, 1 Wildliberaler und 1 Deutschfreisinniger. Die Zweite Kammer wird sich demnach zusammen⸗ setzen aus 56 Konservativen, 23 Nationalliberalen, 1 Wildliberalen, 1 Deutschfreisinnigen und 1 Mitglied der Reformpartei. Wie lange wird sich das Volk das Geldsacks⸗Wahlrecht noch gefallen lassen?

Im Wahlkreise Mittweida,

für den Göhre das Mandat niedergelegt hatte, ist am Sonntag von der riesig besuchten Partei⸗ versammlung Genosse Redakteur Stücklen⸗ Altenburg als Kandidat aufgestellt worden. Verschiedentlich wurde die Wiederaufstellung Göhres in Vorschlag gebracht, jedoch fast einhellig abgewiesen. Göhre habe mit der Mandatsniederlegung, zu der gar keine Veran⸗ lassung vorgelegen habe, die Wählerschaft be⸗ leidigt. Er hätte vorher sicher ein Ver⸗ trauensvotum erhalten, nachdem er aber das demokratische Prinzip so mit Füßen getreten und die Genossen im Kreise in die schwierigste Situation gedrängt hat, könne ihm ein solches nicht mehr erteilt werden. In einer Resolution erklärt die Parteiversammlung die Gründe, mit denen Göhre die Mandatsniederlegung motiviert, als nicht genügend und spricht deshalb dem Genossen Göhre ihre Mißbilli⸗ gung aus. Gegen diese Resolution stimmten nur 15 Genossen. Die Proklamation Stücklens erfolgte unter brausendem Beifall.

Gemeiner Lügner

war der Zentrumspfarrer Gersten⸗ berger, der den letzten Wahlkaupf im Würz⸗ burger Wahlkreis in ausnahmsweis gemeiner Art führte, von der sozialdemokratischenFränk. Volkstribüne titul tert worden. Auch die Be⸗ zeichnungen Lügner, Verleumder, gemei⸗ ner Kerl sah sich unser fränkisches Partei⸗ blatt dem Benefiziaten Gerstenberger, der das Fränkische Volkslatt redigierte, zu geben ver⸗ anlaßt. Gerstenberger klagte. Der angeklagte

Redakteur Genosse Eber har d⸗Nürnberg lehnte

jeden Vergleich ab, und im Laufe der Ver⸗ handlung erschien der Ankläger Gerstenberger als der Angeklagte. Der Vertreter Eberhards

führte den Nachweis, daß Gerstenberger mehr⸗

fach wissentlich die Unwahrheit gesagt habe. Der Gerichtshof erkannte trotz der Schwere der formellen Beleidigungen nur auf eine Geldstrafe von 20 Mark. In der Be⸗

gründung des Urteils heißt es: Das Gericht

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nahm an, daß der von dem Beklagten ange⸗ tretene Wahrheitsbeweis teilweise gelungen sei. Gerstenberger habe in in zwei Fällen bewußt

unwahre Tatsachen behauptet. Bei der Strafausmessung wurde dem Angeklagten der unanständige Ton, den H t berger in seinem Blatt gegen politische

err Gersten⸗

Gegner anschlägt, strafmildernd in Anrech⸗ nung gebracht. Ein angenehmer Prediger der

cgristlichen Nüchstenliebe, der Herr Gersten⸗ 0

berger! Volksabstimmungen in der Schweiz.

Am letzten Sonntag wurde in der Schweiz die allgemeine Volksabstimmung über drei Gesetzesvorschläge vorgenommen, die alle drei verworfen wurden. Mit sehr großer Mehr⸗ heit abgelehnt wurde zunächst die von 57000

5 Bürgern geforderte Reviston der

Verfassung, nach der für die Bestimmung des

5 sses der Vertretung der Kantone im Nationalrat nur die Zahl der Schweizer Bürger mit Ausschluß der Ausländer maßgebend sein soll. Gleichfalls verworfen wurde das sogen. Maulkrattengesetz, das ist die Ergänzung des Bundesstrafrechts, betreffend die Bestrafung der

Anstiftung oder Verleitung Militär⸗

pflichtiger zu einer dem Tatbestand des Verbrechens oder Vergehens bildenden Dienst⸗ pflichtverletzung. Das gleiche Schicksal traf die von der Bundes versammlung beantragte Revision der Bundesverfassung, welche den Kantonen das Recht zu weiterer Beschränkung des Kleinhandels mit geistigen Getränken geben wollte. Diese Abstimmungsresultate bedeuten einen Sieg der Demokratie. Unsere Parteigenossen waren, wie alle freigesinnten Elemente für die Verwerfung dieser drei Gesetzentwürfe eingetreten.

Die ungarische Ministerkrisis,

welche schon seit Monaten andauert, ist mit der Ernennung des Grafen Stephan Tisza zum Ministerpräsidenten beendigt worden. Der neue Minister ist der Sohn des früheren langjährigen Ministerpräsidenten Koloman Tisza. Ob er in der Lage sein wird, die Militairpolitik des österreichischen Kaisers gegen den Widerstand der Ungarn durchzuführen, ist mehr als fraglich. Möglicherweise dauert Tiszas Ministerherrlichkeit gar nicht so lange.

Die serbische Sozialdemokratie

hat bei den jüngsten Skupschtinawahlen in Berücksichtigung aller Umstände recht gut abge⸗ schnitten. Nach dem an das internattonale sozialistische Bureau erstatteten Berichte mußte die Partei, die sich erst unter dem neuen Regime am 2. August organisiert hat, sofort in die Wahlbewegung eintreten. Trotz der Kürze der Zeit sind ansehnliche Erfolge erzielt worden. Ein sozialdemokratischer Kandidat, Genosse Dr. Michael Ilitsch, wurde in Kragujewatz gewählt. In Leskowatz stegte der radikale Kandidat erst in der Stichwahl mit 60. Stim⸗ men Mehrheit über den Sozialdemokraten. In Belgrad, wo die sozialdemokratische Partei am stärksten ist, betrieben die Machthaber schon bei der Anlegung der Wählerlisten schamlose Fälschungen zum Nachteil der Partei. Trotzdem erhielten die sozialdemokratischen Kandidaten mehr Stimmen als die liberalen.

Aus Südafrika

kommt die Nachricht, daß die Buren be völke⸗ rung in beiden Kolonien dem Hungertod nahe sei. Familien, welche früher wohlhabend waren, sind auf Almosen angewiesen. Die Mehrzahl der Familien hat keine Häuser mehr und viele sind gezwungen, Pferde und Maul⸗ esel zu schlachten. Krankheiten fordern große Opfer unter der Bevölkerung. Anstatt Hilfe zu bringen, veröffentlicht die(englische) Regierung falsche Berichte, worin versichert wird, daß die Bevölkerung sich loyal verhalte und die Lagebefriedigend sei. So wirdkolonisiert. Allerdings haben die Mächte in dieser Beziehung einander nicht viel vor zuwerf en.

Soziales, Gewerkschaftliches, Arbeiterbewegung.

Lohn für treue Arbeit. Wie die Fürsorge der Unternehmer für die in ihrem Dienste ergrauten Arbeiter aussieht, dafür bietet folgendes, von der Firma Seiler und Schläfke in Hannover am 9. Oktober ausgestelltes Zeugnis ein Beispiel:

Zeugnis. Der Arbeiter H. K. ist za. 18 Jahre bei uns beschäftigt gewesen, mit seinen Arbeiten waren wir zufrieden.

Derselbe gehört der Ortskrankenkasse VI an.

Seine Entlassung geschieht wegen vorgerückten Alters, da es ihm nicht mehr möglich ist, die schweren Arbeiten zu verrichten.

Also nachdem der arme Teufel achtzehn Jahre lang für die Unternehmer sich abrackerte und ihren Reichtum vergrößern half, nun aber ausgemergelt ist, fliegt er erbarmungslos auf die Straße. Dort kann er verhungern und bis dahin nachdenken über die Dankbarkeit des Kapitals. Das ist der Lohn für treue Dienste!

Mit einer Niederlage für das Scharfmachertum hat die Aussperrung der Bauarbeiter in Kassel geendet. Wie wir in letzter Nummer kurz mitteilten, wurde der Streik und die Aussperrung am vorigen Donnerstag nach sieben monatlicher Dauer

für beendet erklärt. Wie man sich entsinnen wird, hatte die Aussperrung ihre Ursache in einem Streik der Tischler. Diese fochten ihren Kampf gegen das Unternehmertum mit äußerster Hartnäckigkeit durch und standen vor dem Siege. Da traten die Unternehmer der Baubranche an die Maurer, Zimmerer, Bau⸗ arbeiter, Dachdecker ꝛc. heran und forderten sie auf, die Tischler zur Aufnahme der Arbeit zu bewegen, widrigenfalls sie die gesamte Arbeiter⸗ schaft des Baugewerbes aussperren würden. Die Bauarbeiter erklärten, daß es nicht in ihrer Macht stände, die Tischler zur Aufnahme der Arbeit zu bewegen, daß sie aber auch gar keine Veranulassung dazu fühlten, sich in die Ange⸗ legenheiten eines anderen Berufes zu mischen. Darauf erfolgte die Aussperrung der ge⸗ samten im Baugewerbe tätigen Arbeiter Kassels. Der Friede kam jetzt unter folgenden Bedin⸗ gungen zu stande: Die Tischler erhalten für die Zukunft pro Stunde 4 Pfg. mehr, sowie 10 Prozent Akkordaufschlag, und zwar von jetzt ab. Die Maurer vom 1. Juli 1904 ab pro Stunde 50 Pfg. Die Bauarbeiter vom 1. Juli 1904 ab pro Stunde 35 Pfg. Die Steineträger 40 Pfg. Für Akkordarbeit zehn Prozent Aufschlag. Die Zimmerer vom 1. Juli 1904 ab pro Stunde 50 Pfg. Die Dachdecker erhalten vom 1. April 1904 ab 3 Pfg. pro Stunde mehr und vom 1. April 1905 ab weitere 2 Pfg. mehr. Somit hat die Bauhandwerker⸗Aussperrung mit einem Siege der organisierten Arbeiter geendet! Der Kampf hat die Gehülfenschaft 258 000 Mk. gekostet. Vernichtet sollten die Organisationen werden; stolzer, gekräftigter als vor der Aussperrung stehen sie heute da. werker von Kassel ist ein Sieg der gesamten Kasseler Arbeiterschaft. Ein Sieg, errungen durch die Zentralorganisationen Deutschlands.

Einen erfreulichen Erfolg errangen die freien Gewerkschaften bei den Gewerbe⸗ gerichtswahlen in Trier. Ihre Kandi⸗ daten wurden dort mit 220 Stimmen gegen

die christlichen gewählt, die nur 204 Stimmen

erhielten. Ein solcher Sieg in der Stadt des heiligen Rockes beweist, daß es auch in den dunkelsten Ecken zu tagen beginnt.

Von Uah und Fern.

Hessisches.

Alspolitische Kinderei bezeich⸗ net unser Offenbacher Organ zutreffend den neuen Protest der Zentrümler gegen die Wahl des Genossen Orb und seine Behandlung von dem Ausschuß. Der Bericht des letzteren um⸗ faßt 16 Seiten und auf jeder derselben ist schwarz auf weiß zu ersehen, wie in diesem Falle das Land um Druckkosten und Diäten gebracht werden muß, weil sich einige Leute absolut nicht damit zufrieden geben wollten, daß die Mehrheit der Bieberer Wähler von dem Kandidaten der Schwarzen, Herrn Bürgermeister Lammert von Bürgel, nichts wissen will. Kreisausschuß und Kreisamt haben fest⸗ gestellt, daß die Behauptung der Protestler hin fällig resp. beweislos sind, die Mehrheit des dritten Ausschusses beantragt, die Wahl des Genossen Orb für gültig zu erklären. Das macht aber alles nichts, die Minderheit, d. h. der Zentrumsmann Pennrich und der Antisemit Bähr, beantragen: 5

Die Kammer wolle die Sache vorerst von

der Tagesordnung absetzen und die Groß⸗ herzogliche Regierung ersuchen, durch Groß⸗ herzogliches Kreisamt Offenbach weitere ge naue Erhebungen, soweit angängig durch eidliche Vernehmungen hinsichtlich der Staats⸗ angehörigkeit der in Frage kommenden 98 Personen anstellen zu lassen.

Wenn dieser letztere Antrag von der Kammer angenommen werden sollte, dann müßten unter Umständen durch mehrere Hundert Eidschwüre festgestellt werden ob die Eltern resp. Groß⸗ und Urgroßeltern 98 Bieberer Land tagswähler im vorigen resp. vorvorigen Jahrhundert die hessische Staatszugehörigkeit erworben haben oder nicht! Es wäre tatsäch⸗

Der Sieg der Bauhand⸗