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Mitteldeutsche Son utogs⸗Zeitung.
Nr. 9
Unterhaltungs-Ceil.
Ein Narr
des 19. Jahrhunderts. Von Heinrich Zschokke.
(Fortsetzung)
„Sieh mich an, Norbert!“ sagte Olivier lächelnd, stellte sich vor mich hin, drückte das Barett auf seinen Kopf ein wenig seitwärts, stewmte keck die linke Hand auf seine Hüfte und sagte:„Ich, Nordländer, in meiner an⸗ schließenden, bequemen und einfachen Tracht, würd' ich neben einem altrömischen Bürger so gar übel stehen? Warum gefällt uns noch immer die spanische, italienische und deutsche Tracht des Mittelalters? Weil sie, obwohl nordisch, schön ist. Ein österreichischer Reiter im Helm, selbst der Husar, würden heut' noch den Blick Julius Cäsars gefallen. Warum, ihr andern steifen Herren, folget ihr nicht dem Bessern nach, wie unsere Frauenzimmer schon begonnen haben, seit sie die Schleppen und gepuderten Toupés ablegten? Würdet ihr euch ein mal schämen, von außen Karikaturen zu sein, vielleicht würdet ihr dann auch von innen aufs Natürlichere kommen. Es liegt etwas Wahres in dem Sprichwort: Kleider machen Leute. Und ich sage dir, Norbert, meine Amalie hat mich hübscher gefunden, seit ich den Bartwuchs nur leicht mit der Schere mir stutzte, aber nicht vertilgte; ja, ich glaubte, es ist seitdem in ihrer Zuneigung etwas Inbrünstigeres erregt, seit sie ihre Wange nicht mehr an ein glattes Weiber⸗ gesicht, sondern an das männliche lehnt. Denn das Weib will den männlichen Mann!“
Indem Olivier so sprach, war er ganz Feuer. Er stand in der Tat vor mir wie ein kräftiges Heldengebilde aus frühern Jahrhunder⸗ ten, wie aus einem alten Gemälde lebeudig hervorgegangen; wie einer aus einer Welt, die nicht mehr unsere Welt ist, und die wir nur bewundern, aber nicht wiederherstellen können.
„Wahrhaftig, du könntest mich,“ sagte ich zu ihm,„zum ehrlichen Bart bekehren, und ich gewönne dabei noch, daß ich gllwöchentlich dreimal der Folter des Bartscherers entginge.“
„Freund“, rief Olivier lachend,„dabei köunte es nicht bleiben. Der Bart zieht viel anderes nach sich. Denke dir deine Figur im krausen Bart und dazu den dreieckigen Schnabel⸗ hut auf dem Kopf wie ein Jude, das gepuderte Haupt mit dem Rattenschwänzlein im Nacken und den französischen Frack mit Rockschößen, die dir hinten wie ein Bachstelzen⸗ oder Schwalbenschwanz stehen. Fort mit den Narr⸗ heiten! Kleide dich bescheiden, schamhaft, warm, bequem, aber geschmackvoll, daß es auch dem Auge wohltut und die erhabene Menschengestalt nicht verzerre. Alles Zwecklose verbanne! Eben das Zwecklose ist das Unvernünftige, eben das Unvernünftige ist das Unnatürliche!“
Als wir noch über diesen Gegenß and unsern Wortwechsel fortsetzten, ließ uns die Baronin durch einen Diener zum Mittagessen rufen. Ich ging neben Olivier schweigend hin und hatte den Kopf voller Gedauken, die ich leider nicht aussprechen durfte. Es war mir ganz wunderlich zu Mut, und ich mußte den Baron ein paarmal seitwärts ansehen. In meinem Leben war mir's nicht geworden, einen Narren so philosophieren zu hören. Ich war auch gar nicht im stande gewesen, seinen Bemerkungen über die europäische Kleidertracht gründliche Einwendungen entgegenzustellen. Was er sagte, schien mir richtig. Hier ließ sich mit Recht anwenden: Kinder und Narren reden die Wahrheit.
Das Gastmahl. Bei Oliviers Vorliebe zu den alten Römern
und den homerischen Griechen ward ich auf
des Gastmahls bekümmert. Denn von seinem Bart, Barett und übrigen Anzug zu schließen, konnte ich nichts anders als eine für mich höchst unbequeme Haltung am Tisch erwarten, daß ich, entweder altrömisch auf Polstern der Länge nach hingelagert oder wohl gar schneidermäßig, auf gut orientalisch, die Beine kreuzweis unter⸗ müsse. geschlagen, die Suppe zu mir nehmen müsse.
Die liebenswürdige Baronin kam uns ent⸗ gegen und führte uns ins Speisezimmer. Meine Sorge ward sogleich durch Anblick eu⸗ ropäischer Tische und Stühle gehoben. Es waren zwölf Gedecke auf dem runden Tische. Die Gäste fanden sich auch bald ein; es waren Mägde, Knechte, Schreiber des Barons. Ein artiges junges Stubenmädchen blieb ohne Stuhl und bediente als Hebe beim patriarchalischen Mahle. Der Baron verrichtete, ehe wir uns setzten, ein kurzes Gebet. Dann ging's zur kräftigen Suppe. Die Speisen waren vor⸗ trefflich zubereitet, doch einfach. Ich bemerkte nur, daß außer dem Wein alle Gerichte aus Erzeugnissen des eigenen Bodens und benach⸗ barten Meeres bestanden, daß auch sogar alle 5 1 Gewürze fehlten, selbst der Pfeffer, eren Stelle Salz, Kümmel, Fenchel usw. ein⸗ nehmen mußten.
Die Unterhaltung ward heiter und allgemein; ste betraf meistens ländliche Geschäfte oder Ereignisse der Umgebungen, von Flyeln. Die Leute betrugen sich in Gegenwart ihrer Herr⸗ schaft weder blöde noch unbescheiden, sondern mit vielem Anstand. Ich kam mir unter diesen hübschen bärtigen Männern in ihrer schlichten Tracht, mit ihrem brüderlichen und doch ehrerbietigen Du— ich möchte fast sagen, etwas albern oder lächerlich vor und saß da mit meinen Puderkopf, steifen Zöpfen, Frack und geglättetem Kinn mitten in Europa wie in einem fremden Weltteil. Es war mir recht wohltuend, daß, so sehr ich auch von allen ab⸗ stach, und so häufig mir auch zwischen dem Du, besonders wenn ich damit die reizende Baronin anreden sollte, ein Sie durchschlüpfte, doch nie⸗ mand zum Lachen gereizt ward.
Nach einer halben Stunde ließ uns die Dienerschaft allein; wir drei andern aber pflogen des Mahles und wurden beim alten goldenen Rheinwein traulicher im Gespräch.
„Ich sah dir's wohl an“, sagte die Baronin lächend zu mir, indem sie einige Leckereien von Backwerk aufstellte,„du vermissest in Flyeln die Hamburger oder Berkiner Küche.“
„Und ich sehe es meiner liebenswürdigen Freundin an,“ versetzte ich,„daß ich der Küche von Flyeln noch das gebührende Lob schuldig geblieben bin, das ich selbst auf Unkosten der Berliner und Hamburger Küche zollen kann, ohne eine Schmeichelei erborgen zu müssen. Nein, ich bekenne dir, zum erstenmal in meinem Leben lernte ich bewundern, welch eine leckere Kost unser heimatlicher Boden auftischen kann, und wie leicht wir sogar der Molukken entbehren können!“
„Setze hinzu, Freund Norbert,“ sagte Oli⸗ vier,„und mit den Molukken auch die Ueber⸗ reizungen unserer Nerven und die fremden Laster, die sich aus den überreizenden oder ab⸗ gereizten Nerven im krankhaften Leib entwickeln. Ohne gesundes Fleisch und Blut kein gesunder Sinn und Mut! Die meisten Europäer sind heutzutage Selbstmörder, Leibes und Seelen⸗ mörder zugleich, vermittelst ihrer Kochkünste. Was eure Rousseaus und Pestalozzis gut machen wollen, tötet ihr wieder mit Kaffee, Thee, Pfeffer, Muskatnüssen, Zimm. Lebet einfach, lebet natürlich, und ihr könnet zwei Drittel eurer Predigten, Moralbücher, Zucht⸗ häuser und Apotheken ersparen.“
„Ich geb' es zu,“ sagte ich,„und man wußte das schon längst; allein...“
„Nun denn!“ rief er,„eben darin besteht die bisjetzt heillose Narrheit der Europäer. Sie wissen das Bessere und meiden es, sie verab⸗ scheuen das Schlechtere und suchen es. Sie vergiften ihre Speisen und Getränke mit teuren Giften und halten Doktoren und Apotheker, wieder genesen zu können und die Vergiftung zu erneuern. Sie befördern die vorschnelle
dem Hingang zum Schlosse ein wenig wegen Reife der Knaben und Mädchen und jammern
hintennach erschrocken über deren verwilderte Triebe. Sie ermuntern durch Gesetze und Be⸗ lohnungen, ohne es zu wollen, das Sittenver⸗ derben, und strafen es hintennach mit Galgen und Schwert. Sind sie nicht allesamt den Irrenhäuslern gleich?“
„Aber, lieber Olovier, das war doch wohl von jeher so?“
„Ja, Norbert, von jeher, das heißt, sobald und so oft die Menschen sich einen Schritt weiter von der Natur entfernten zur Barbarei herüber. Wir aber, durch den Schaden der Väter endlich gewarnt, sollen nicht nur wissens⸗ reicher als sie, sondern auch weiser sein. Wozu sonst unser Wissen? Denjenigen achte ich für den Vernünftigsten, welcher mit der Unschuld und Lebensreinheit der Naturkinder die mannig⸗ faltige Kenntnis und Geistesbildung des Zeit⸗ alters vereinen kann. Giebst du dies zu, Norbert?“
„Wie sollt' ich nicht?“
„Wie, du giebst dies zu? und machst in deinem Hause und in deinem Innern nicht den Anfang des Bessern?“
„Es könnte doch unter gewissen Umständen möglich werden. Indessen bekenne ich dir, Olivier, wir Kunstmenschen so gut wie je die einfachsten Naturmenschen hangen in den schwer zerbrechlichen Banden der Gewohnheit. Unser gekünsteltes Sein ist an sich selbst schon wieder eine Art Natur geworden, die wir nicht unge⸗ straft plötzlich wieder ablegen können.“
„Vormals dacht' ich gleich dir, Norbert. Ich habe mich des Gegenteils aus Erfahrung überzeugt. Es gehörte nur ein einziger schwerer Augenblick dazu, ein starkes Herz, den ersten Kampf zu bestehen mit der Raserei der Welt,
um zur Glückseligkeit und Ruhe durchzubrechen.
Ich schwankte lange; ich kämpfte lange ver⸗ gebens. Ein bloser Zufall entschied mein
Glück und das Glück meiner sämtlichen An⸗ 3
gehörigen.“
„Und dieser Zufall? Erzähle mir auch den,“ sagt' ich, denn ich war begierig, das kennen zu lernen, was unmittelbar auf Gemüt und Ver⸗ stand meines Freundes so mächtig eingewirkt hatte, ihn zu den seltsamsten Grillen und zu der schwärmerhaftesten Lebens- und Handlungs⸗ weise überzulocken.
Er stand auf und verließ uns.
(Fortsetzung folgt.) Zwiegespräch.
Von Edmondo De Amicis“) (übersetzt von Gisela Michels-Lindner). Die Mutter(betrübt).... Also, du bist nun Sozialdemokrat und glaubst nicht mehr an Gott und(berührt ein kleines Kruzifix, das sie am Halse trägt) hast auch kein Vertrauen
mehr zu diesem hier, das du doch als Kind
küßtest. f
Der Sohn. Wann habe ich das denn je gesagt? Nein, liebe Mutter. Ich behaupte zwar nichts, aber ich leugne auch nichts, ich hoffe nur. Das ist der Zustand, in dem sich mein Gewissen befindet, und ebenso, glaube mir,
ist in Wirtlichkett auch der Standpunkt der Meifen
unter denen, welche sich gute Christen nennen. Wenn ich keinen felsenfesten Glauben habe, so kommt das nicht daher, daß ich Sozialdemokrat, sondern weil ich ein Kind meiner Zeit bin. Der Zweifel ist in mir heraufbeschworen worden durch die geistige Schulung in der Erziehung, die mir doch nicht von den Sozialdemokraten gegeben worden ist. da findest du unter unseren Freunden und Bekannten wer weiß wie viele in jedem Alter, die auch von dir hochgeschätzt werden, welche dem Sozialismus so feindlich wie nur möglich gegen⸗ überstehen, und die doch nicht glauben, ja, die das sogar offen zugeben, oder, wenn sie au
behaupten gläubig zu sein, so leben sie doch wenigstens so, als wenn es nicht der Fa ll wäre. Der Sozialismus schreibt uns absolut nicht vor,
„) Aus der Sammlung betitelt„Lotte Civi Florenz, 1899, Seite 93. Edmondo De Amicis, früher der bekannteste monarchisch⸗militaristische Schrift steller Italienz, ist im Jahre 1892 zur sozialistischen Partei übergegangen. 5
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Sieh dich doch einmal un:


