Ausgabe 
1.3.1903
 
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il und kim

Nr. 9.

Mittelden sche Sountogs⸗Zeitung.

Seite 5.

worden. Mit der Eroberung des Kreises durch die Antisemiten, die Hirschel in seinem Alatte in Aussicht stellt, fieht unter diesen Umständen ziemlich windig aus. Vielmehr dürfte der Herr Dr. Giese zu der Rolle des betrübten Lohgebers verurteilt werden. Uebrigens wird natürlich unsere Partei ein sehr kräftiges Wörtlein mitreden.

Diegesicherte Existenz der Arbeiter. Aus dem Siegener Kreise

wird berichtet, daß am 10. Februar den auf der Eisensteingrube Krämer bei Hommelsberg beschäftigten 106 Arbeitern gekündigt wurde. Der Betrieb der Grube wurde dauernd ein⸗ gestellt, weil die Wasserhaltungsmaschinen die starken Gewässer nicht mehr beseitigen können. Der Rest der Belegschaft, 30 Mann, ist mit Aufräumungsarbeiten, die etwa drei Monate in Anspruch nehmen, bischäftigt. So sieht diegesicherte Existenz der Arbeiter aus! Dabei hatte Stöcker in einer vor nicht langer Zeit in Siegen stattgefundenen Versammlung die Kühnheit, die Lage der Siegerländer Arbeiter als besonders günstig zu schildern, so daß sie nicht nötig hätten, sich der Sozial⸗ demokratie anzuschließen!

Aus dem Nreise Marburg⸗Nirchhain.

St. Das Gewerkschaftsfest am ver gungenen Sonntag abend im Café Quentin dahier nahm, wie vorauszusehen war, seinen programmgemäßen Verlauf. Der Besuch war erfreulicherweise ein so starker, daß die Räume kaum zur Aufnahme der Festteilnehmer aus⸗ reichten. Die Kapelle Pauli erfreute durch ihre schönen Konzertstücke; die Sänger unseres ArbeitergesangvereinsEintracht boten unter der bewährten Leitung ihres Dirigenten Herrn Pauli jr. mehrere sehr exakt vorge⸗ tragene Chöre. Beide ernteten lebhaften Bei⸗ fall. Aber auch die wackeren Schauspieler des Abends wollen wir nicht vergessen. Sie ver⸗ standen es in der vortrefflichen Wiedergabe der PosseDie alte S vachtel die Lachmuskeln der Zuschauer in fortwährender Bewegung zu erhalten und wurden am Schlusse des Spiels durch reichen Applaus belohnt. Auch die sonstigen komischen Vorträge waren recht gut. Später hielt dann ein flottes Tänzchen die Teilnehmer noch lange in fröhlicher Stimmung beisammen.

Die Volksküche bewährt sich recht gut und es bestätigt sich, daß eine solche Ein⸗ richtung ein wirkliches Bedürfnis für Marburg war. Schon jetzt ist die Frequenz so stark, daß sich die vorhandenen Räumen bereits als zu klein erweisen. Am letzten Montag betrug die Zahl der Besucher schon 108, wenn aber erst die Bausaison beginnt, so dürfte sich diese Ziffer noch bedeutend erhöhen, denn gerade die Bauarbeiter werden die Volksküche am meisten in Aaspruch nehmen. Das Essen wird allge⸗ mein gelobt und die Portionen sind für dem Preise von 15 Pfg. reichlich bemessen. Hoffent⸗ lich bleibt es auch so in Zukunft.

Verschiedenes. Am Montag, den 2. März, beginnt hier die diesjährige Früh⸗ jahrs⸗Schwurgerichtsperiode. Eine anschei nend geisteskranke Frau versuchte am Montag abend in die Lahn zu springen, sie wurde aber durch einen Schutzmann an ihrem Vor⸗ haben verhindert und ins Arbeitshaus gebracht. Der früher hier bestehende Arbeiterbildungs⸗ vereinEintracht hat sich aufgelöst und seine ziemlich reichhaltige Bibliothek den hiesigen Gewerkschaften überwiesen. Dieselbe ist einst⸗ weilen bei Gastwirt Hilber ger am Hirschberg untergebracht und dürfte demnächst den Mit⸗ gliedern zur Benutzung zugänglich gemacht werden.

Notleidende Agrarier.

Daß die Großbauern im Osten Deutschlands zu leben wissen, ist bekannt. Viele von ihnen natürlich nicht alle sind sogar sehr leicht⸗ sinnig. So ist in der Niederung(Kreis im Regierungsbezirk Gumbinnen), wie unser Königs⸗ berger Parteiblatt schreibt, Spielen noch viel

km Schwange. Heinrichswalde, Neukirch, Kau⸗

tehmen kleine Orte von 10002000 Ein⸗ wohnern haben wohl jedes ein halbes Du⸗ tzend stattlicher Hotels, in welchen viele wohl habende Großbauern der fruchtbaren Niederung gern einen guten Trunk tun und halbe Tage und Nächte mit endlosem Skatspielen totschlagen. Es ist noch nicht lange her, daß zwei Besitzer um einen wertvollen Rappen eine Partie Sechs⸗ undsechzig spielten. Und vor kurzem hat ein Niederunger Gutsbesitzer in Heinrichswalde in einer Nacht 4000 Mark verspielt. Und dieselben Herren können ihren Arbeitern gegen⸗ über, deren Hände Werk doch die Werte schafft, die sie in leichtsinnigen Stunden vergeuden, in knauserigster Weise um einen Pfennig feilschen und dingen! Das soztal Aufreizende, die länd⸗ lichen Arbeiter zur Empörung Aulstachelnde solcher Handlungsweise muß der Landrat des Kreises Niederung, gefühlt haben, da er die beiden Herren, den Verlierer wie den Gewinner, zu sich bestellte und ihnen eine ernste Straf predigt hielt.

Nur kein Zola!

Ueber die Stadtbibliothek in Barmen wird derFr. Presse berichtet: Seit einigen Jahren ist in der Ruhmeshalle eine Bibliothek einge⸗ richtet, die es jedem Bürger ermöglicht, dieselbe dortselbst zu benutzen, wie auch Bücher zu ent⸗ leihen, ohne eine Leihgebühr hinterlegen zu müssen. Nach Einblick in den erbetenen Kata⸗ tog fanden wir auch unter der RubrikUeber setzungen, was wir suchten: ein Werk Zolas. Jeder wird nun glauben, annehmen zu dürfen, daß das, was in einem deutschen Katalog un⸗ terUebersetzungen steht, ein in die deutsche Sprache übersetztes Werk bedeutet. Doch dem scheint nicht immer so zu sein; denn auf unser Verlangen wurde uns der Bescheid, daß die Stadtbibliothek überhaupt kein Buch von Zola in deutscher Sprache besitzt und auch niemals bestellen werde.

Kleine Mitteilungen.

* Gebrochene Ordnungsstütze. Zu einem Jahr und acht Monaten Zuchthaus und 5 Jahren Ehrverlust verurteilte heute die Coburger Strafkammer den frühe en Schultheiß des Dorfes Lützelbuchs Ed. Mex. Er hatte seit dem Monat März 1902 fortgesetzt Geldbeträge im ganzen 645%, die er als Schultheiß und Steuereinnehmer erhalten, veruntreut.

* Soldat zum Tode verurteilt. Das Kriegs⸗ gericht in Bromberg verurteilte den Unteroffizier Karnowski wegen Mordes zum Tode, Degradation und Entfernung aus dem Heere. Karnowski hatte das

ihm von einer Schneiderin geborne 14 Tage alte Kind

durch Einflößen von Salzsäure vergistet.

k Selbstmord einer Lehrerin. Die Lehrerin Sittard in Köln erschtlen am 20. Februar, Vor⸗ mittags, vor der Klassentür eines Volksschullehrers, mit dem sie ein Liebes verhältnis unterhalten hatte, und schoß sich eine Kugel in den Kopf. Die Lehrerin war sofort tot. Ursache der Tat scheint eine Differenz zu sein, die sie mit ihrem Geliebten hatte.

* Ein Großfeuer äsch erte in der Nacht vom Samstag zum Sontag in dem Orte Hürtgen bei Düren im Rheinland über 90 Häuser ein. 500 Menschen ssud obdachlos. In Lichtnau brannten in derselben Nacht 44 Häuser ab.

k Von dem Räderwerk zermalmt wurde vo rigen Freitag der 25jährige Sohn des Besitzers der Rudingshainer Mühle. Der Unglückliche war abends in die Mühle gegangen, um zu kontrollieren und war dabei in die Räder geraten.

** Opfer der Arbeit. Einer der beiden Arbeiter, die vorige Woche bei der Explosion in dem Wasser leitungsschacht in Frankfurt schwere Brandwunden erlitten, namens Schultheiß aus Langenselbold, ist im Krankenhause gestorben. In Haiger geriet der in der Lederfabrik Schramm beschäftigte Gerbereiarbeiter Heuser, welcher damit beschäftigt war, Leder zu walzen, mit der rechten Hand zwischen die Walze, wodurch ihm drei Finger der rechten Hand vollständig zerquetscht wurden. Die Finger mußten ihm sofort amputirt werden.

k Von zwei Einbrechern die in Mainz am Montag verhaftet wurden, zog der eine auf der Wache plötzlich ein Messer und brachte sich eine tiefe Schnitt wunde am Halse bei. Die darauf entstandene allge- meine Aufregung benutzte der andere, um zu fliehen.

Arbeiterbewegung. Metallarbeiter. Bei der Ma⸗ schinenfab ik Lanz in Naunheim drohen

ernste Differenzen auszubrechen. bildete die Einführung von Kontrolluhren, welche die Firma beschlossen hat. Die Unter handlung mit der Betriebsleitung verlief resul⸗ tatlos; deshalb beauftragte eine Versammlung der Arbeiter, die am Donnerstag stattfand, ihre Kommission nochmals vorstellig zu werden. Wenn die Kontrolluhren nicht beseitigt werden, sollen sämtliche Arbeiter kündigen.

Partei-Nachrichten.

Eine reich illustrierte März ⸗Zeitung, die dem Andenken an den unvergeßlichen Vorkämpfer des Proletariats, Karl Marx, seit dessen Tode 20 Jahre verflossen sind, gewidmet ist, wird die Vorwärtsbuch⸗ handlung herausgeben. Die Textbeiträge von Karl Kautsky und Fr. Mehring schildern die Bedeutung des großen Toten für die Wissenschaft und für die revo⸗ lutionären Kampfe des Proletariats. Den illustrativen Schmuck besorgt ein hervorragender Künstler, der im Mittelbilde den Schlachtruf der ArbeiterklasseProletarier aller Länder vereinigt Euch! zu einer prächtigen Apotheose der Siegeskraft des Sozialismus geformt hat. Der Preis beträgt 10 Pfg.

Versammlungskalender.

Genossen! Besucht regeimäßig Eure Versammlung en!

Samstag, den 28. Februar.

Gießen. Soz.⸗dem. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig.

Wieseck. Allgemeine Versammlung. Abends punkt 9 Uhr im Lokale Karl Kreiling(früher Karl Dorfeld). Tagesordnung: Anschluß der Ge meinde Wieseck an das Gewerbegricht Gießen.

Sonntag, den 1. März.

Mainzlar. Volksversammlung.

tags 4 Uhr bei Wirt Koch. Montag, den 2. März.

Gießen. Schneiderver band.

Versammlung bei Orbig. Mittwoch, den 4. März.

Gießen. Gewerkschaftskartell.

Sitzung bei Orbig.

Nachmit⸗ Abends 9 Uhr

Abends 9 Uhr

Gießen. Jeden Dienstag, Abends punkt 1/9 Uhr Diskussions⸗ und Unterrichtsstunde imWiener Hof bei b(oberes Zimmer).

Eupfehlenswerte sozialistische Schriften.

Die Kolportage⸗Kommission des Wahlvereins Gießen, Wirtschaft Orbig empfiehlt:

Freie Stunden. Beste Romanlitteratur. Illu⸗ striert. Wöchentlich ein Heft. à 10 Pfg.

Die Hütte. Zeitschrift für das Volk und seine Jugend. Illustriert. Prachtvoll ausgestattet. Alle 14 Tage ein Heft. à 25 Pfg.

Lohnarbeit und Kapital. Separatabdruck aus der Neuen Rheinischen Zeitung vom Jahre 1849 von Karl Marx. Preis 20 Pfg.

Wahrer Jakob; Süddeutscher Postillon, Witzblätter. Erscheinen alle 14 Tage. Preis 10 Pfg. die Nummer.

Weltkrach und Weltmarkt. Eine weltpoli⸗ tische Skizze von Fr. Mehring. Preis 25 Pfg.

Die Neue Zeit. Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie. Allwöchentlich ein Heft. Preis 25 Pfg.

Christentum und Sozialismus. Von A. Bebel. Preis 10 Pfg.

Diese religiöse Polemik zwischen unserm Genossen und dem Kaplan Hohoff fand bereits in den Jahren 1873/74 statt. Der Inhalt des Schriftchens ist aber noch heute durchaus zeitgemäß.

Berustein und das Sozialdemokratische Programm. Von Karl Kautsky. Eine Anti⸗ kritik. Preis brosch. 2 Mk.

Städteverwaltung und Munizipal⸗Sozi⸗ alismus in England. Von C. Hug o. Preis brosch. 2 Mk., gebd. 2.50 Mk.

Handelspolitik und Sozialdemokratie. Von Karl Kautsky. Eine populäre Darstellung der handelspolitischen Streitfragen. Preis 30 Pfg.

Auf ben Unterhaltungsteil der heu⸗ tigen Nummer, besonders den Artikel des ita lienischen Genossen de AmicisZwiegespräch, (übersetzt von Frau Michels-Lindner, Mar⸗ burg,) machen wir unsere Leser besonders auf merksam.

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