Ausgabe 
1.3.1903
 
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1 icht ausreicht.

Nautter, wieviele

Nr. 9.

Mittel deutsche Sountags⸗Zeitung.

Seite 7.

daß wir nicht glauben dürfen; er sagt ganz einfach:Das Gewissen ist frei. Und leuchtet es dir denn nicht auch ein, daß er recht hat? Ist es am Ende nicht richtig, daß der wahre 1 nur in einem freien Gewissen entstehen ann

M. Nun also, wenn du doch in manchen Augenblicken an Gott glaubst, warum kommst du da nicht auf den Gedanken, du armer Sohn, der du die Welt verbessern willst, daß die heutige Gesellschaft eben gerade so beschaffen ist, wie sie ist, weil Gott es so will?

S. Nein, liebe Mutter, das kann ich nicht denken. Die Welt von heute ist eine ganz andere als die Welt vor einigen hundert Jahren. Das giebst du mir zu? Nun, wenn sie sich also geandert hat, so geschah das doch, weil Gott damit einverstanden war. Wenn er nun aber erlaubt hat, daß sie sich früher veränderte, warum sollte er dann nicht ebenso erlauben, daß sie sich auch in Zukunft ändere? Wo ist der Fromme, der es wagen könnte zu behaupten, daß die gegenwärtige Gesellschaftsform die letzte sei, die er billigt, daß gerade sie dazu bestimmt sei, sich nicht mehr zu verändern, und daß Gott alle Mißstände und alle Uebel, die ihr anhaften, für immer bestehen lassen wolle? Wenn irgend etwas offenbar ist, dann ist es doch gerade das, daß Gott uns eben gewähren läßt, denn wenn dem nicht so wäre, dann hätten wir ja keinen freien Willen; und ohne freien Willen gäbe es weder Verdienst noch Verschulden. Es steht uns also frei alles das zu tun, was uns gut scheint, alles das zu zerstören, was uns schlecht scheint, die Gesellschaft in diejenige Form umzuändern, die wir zuträglicher für sie halten, und sobald wir das zu tun imstande 198 so haben wir auch vor Gott die Pflicht

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zu.

M. So wird es wohl sein, das leugne ich nicht Aber euer Irrtum steckt eben darin, daß, wie doch Alle sagen, eure Idee eine Utopie ist, die auf einer falschen Auffassung von dem innersten Wesen der Menschheit aufgebaut ist.

S. Aber, liebe Mutter, wie ist es dann erst mit der Idee Christi, daß alle Menschen sich wie Brüder lieben, daß die Reichen alles den Armen geben und sich so selbst auch arm machen sollen, daß man alle Beleidigungen verzeihen und keine irdischen Güter sammeln soll? Scheint das dir nicht vielleicht auch eine Utopie, die auf einer falschen Auffassung von dem innersten Wesen der Menschheit aufgebaut ist? Du siehst doch, daß sie sich in 1900 Jahren nicht ver⸗ wirklicht hat; glaubst du, daß sie das jemals tun wird?

M. O, das ist doch ganz etwas anderes! Ein jeder kann all das tun, was das Evan⸗ gelium vorschreibt, wenn er es nur will. Ge⸗ setzt den Fall, alle täten es, so würde die Welt verbessert worden sein, und die Gesellschafts⸗ form würde sich so verändert haben, wie du es dir wünschest. Siehst du, daß die Religion allein zu allem ausreicht?

S. Nein, liebe Mutter. Wenn die Religion allein dazu ausreichte, um die Menschen auf dem guten Wege zu erhalten und weiterzuleiten, warum waren denn dann, selbst bei den froͤmmsten Völkern, soviele Gesetze und soviel Kraftaufwand nötig, um Leben und Eigentum zu schützen, um bie Menschen im Zaum zu halten und zu be⸗ strafen, um Ordnung und Frieden aufrecht zu erhalten? Das zeigt, daß die Religion eben Wenu sie nicht einmal das dischen Gute erhalten kann, was heutzutage da st, dann ist sie noch weniger dazu im Stande vas Bessere zu fördern, was wir erstreben.

M. Das weiß ich nicht..... aber alle agen doch: ihr wollt einen Wechsel, der un⸗ möglich ist, eine Gesellschaftsform, die nur von uch erdacht ist, die niemals existiert hat und kiemals sein wird.

Si. Aber auch die heutige Gesellschaftsform. it noch niemals dagewesen. Und auch die Form, die wir heute haben, steht nicht fcb federn schreitet fort. Schau um dich, liebe inricktungen, Gesetze, Ideen, Eitten, Meinungen da sind, von denen in deiner

Jugendzeit noch nichts zu merken war, oder 0 1 10 dich noch daran erinnerst, so sprach

man vielleicht damals davon, als von extra⸗ vaganten Ideen Einzelner, die sich nie verwirk⸗ lichen würden. Denke einmal an alle solche Dinge wie Arbeiterorganisationen, Konsum⸗ vereine, Gewerkschaften, Arbeiterschutzgesetze, Schiedsgerichte, Ideeen von Solidarität und Gleichheit, Eroberungen von Rechten und Re⸗ formen, ungeheure Kämpfe zwischen Arbeitern und Fabrikherren; verfolge einmal mit dem Getste die Weiterentwickelung all dieser Dinge in der Zukunft, so wie du mit den Augen ebenso viele Linien, die sich alle demselben Punkte nähern, verfolgen würdest denn alle diese Kräfte streben auf ein einziges Ziel zu, nämlich auf ein glücklicheres Dasein der Massen zieh deinen Verstand zu Rate und dann sieh zu, ob der dir nicht sagen wird, daß an dem Punkte, an dem sich alle Kräfte treffen müssen, der Sozialismus stehen wird oder doch ein Zustand, der ihm sehr ähnlich sieht und der in der Folge notwendiger⸗ weise zu ihm führen muß. Du siehst, daß die Welt sich verändert. Du bist si ger, daß sie in 100 Jahren sehr verschieden von der heutigen sein wird. Glaubst du also, daß sie dann sehr viel näher, oder sehr viel weiter von der sozialen Ordnung entfernt sein wird, die wir ersehnen?

M.(verwirrt) Ich bin nicht im Stande über solche Dinge zu diskutieren, lieber Sohn. Aber, was du auch sagen magst, so fühle ich doch einen solchen Widerwillen gegen eure Ideeen und eine lebhafte Furcht, an der doch irgend etwas sein muß.

S. Aber bedenke wohl, daß es in Wirk⸗ lichkeit nicht unsere Ideeen sind, die in dir diesen Widerwillen, diese Furcht erregen; die haben die Menschen in dir erweckt, welche unsere Ideeen entstellen und uns verläumden.

Bedenke, daß lange, lange Zeit hindurch Millionen von Menschen aufrichtig geglaubt haben, daß die ersten Christen, die doch mitten unter ihnen lebten, boshafte und verderbte, zu jeder Niedertracht und jedem Verbrechen fähige Menschen seien.

M. Ach, lieber Sohn, mache nicht solche Vergleiche! Es kann ja sein, daz die Welt sich in der Weise verändern wird, wie du es

saͤgst; aber sie wird sich nicht verbeifern, wenn

nicht mit Gottes Hülfe. Aus ihm allein kommen die guten Gefühle und die guten Gedanken. Und das Herz sagt mir, daß ihr nicht mit ihm seid. Was wird denn je aller Fortschritt, alle Zivili⸗ sation, all das, was du wünschest, bedeuten, ohne die Religion?

S. Und was ist denn überhaupt die Religion ohne die guten Werke, liebe Mutter? Prüfe doch unsere Forderungen einmal nacheinander. Her Sozialismus will eine Gesellschaft, in der man sich weder mit der Arbeit Anderer bereichern, noch überhaupt leben kann ohne zu arbeiten, in der aber jeder, der arbeitet, auch ein Recht zum Leben hat, in der für keinen die Arbeitslast übermäßig groß ist, weil alle arbeiten und des⸗ wegen keiner zu verdummen braucht und keiner gequält wird, eine Gesellschaft, die dem Arbeiter Zeit und Möglichkeit läßt, die Kräfte anzu⸗ frischen, für seine Familie zu sorgen und den Geist zu bilden; der Sozialismus will, daß dieser verhängnisvolle Zwang aufhören soll, der nur der Fabrik zum Nutzen, die Mutter von den Kindern, und die Kinder vom Hause und von der Schule losreißt, der Frauen und Kinder entkräftet und verdirbt, der die Unwissenheit der Menge erhält und den Tod unter den Schwächlichen aussät; der Sozialismus will, daß diese zügellose Konkurrenz aufhören soll, die die Ursache so vieler niedriger Leidenschafteu, so viel angstvoller Not und Verderbnis ist, diese wütige Hast zu erwerben, diese Furcht zu ver⸗ lieren, dieses wüste Handgemenge von Menschen, die sich unter einander um eine Handvoll Erde und einen Bissen Brot beißen; er will, daß alles das aufhören und einer Gesellschaft weichen soll, die nicht mehr durch Klassenstolz und Klassenhaß getrennt ist, die nicht mehr durch ein Schauspiel der Ungleichheit, der Ungerech⸗ tigkeit und des unverdienten Elends erregt wird, das jeden ehrlichen Sinn traurig und mutlos machen muß; alles in allem will er also, daß die Menschen sich einigen sollen und sich, soviel wie irgend möglich, zu einer großen

arbeitenden Familie zusammenschließen, und, wenn sich auch Egoismus, Schmerzen, und ungleiche Charaktereigenschaften nicht unterdrücken lassen, so sollen doch in der soz. Gesellschaft die Schmerzen gelindert, der Egoismus bezähmt, die Ungleichheiten durch die gegenseitige Zuneigung und das Gefühl für das Allgemeinwohl abge⸗ schwächt werden und Hunger sowie Verzweiflung nicht mehr neben Ueberfluß und Festesjubel bestehen. Nun sage mir, liebe Mutter, steht ein einziger all dieser Wünsche und Vorschläge im Widerspruch mit deiner Religion? Ist da ein einziger darunter, den dein gutes, groß⸗ mütiges Herz zurückweisen könnte? Und nun sage mir noch einmal, daß man an einen guten und gerechten Gott glauben kann ohne zugleich auch zu glauben, daß dieser den Wunsch habe, daß dieses Ideal sich verwirklichen möge? Und daß man das glauben kann und trotzdem nicht die zwingende Pflicht empfinden mit allen Kräften an der Erreichung dieses Ideals zu arbeiten? Du sagst, daß die guten Gefühle von Gott kommen. Und woher, liebe Mutter, kommt mir dann wohl dieses Mitgefühl, das ich für die Menge empfinde, die sich abmüht und leidet, dieses Mitleid, das mein Herz bluten macht, diese Sehnsucht nach dem Guten, dieser Haß gegen alles Schlechte und alle Ungerechtigkeit, der den Frieden meines Lebens zerstört hat und mir doch die edelsten Freuden verschafftt

die man auf Erden empfinden kann? M.(bewegt) Gewißß. wenn ich dich so sprechen höre Nun, wenn du auf⸗

richtig bist(mit plötzlichem Entschluß nimmt ste das kleine Kruzifix vom Halse und hält es mit sanftem Lächeln dem Sohne hin) so küsse dieses hee

S.(einfach) Er hat die Armen geliebt, die Unglücklichen getröstet, die Gerechtigkeit gepredigt, er ist für seine Mitmenschen sogar gestorben. 110 W Seele...(küßt das Kruzifix drei

al.

M.(mit heftig ausbrechender Erregung) Geliebter Sohn!(aber sie hält sich plötzlich wieder zurück, von neuem von Zweifel erfaßt und sagt traurig, indem sie mit der Hand über Mh! ich verstehe es nicht.

S.(zu sich selbst, mit einem Seufzer) Das ist ja eben das große Unglück k.. sie ver⸗ stehen es nicht(dann laut mit inniger Zärt⸗ lichkeit und Nachdruck.) Ach, liebe Mutter, ich kann dich nicht noch zärtlicher lieben; aber wenn du statt immer zu zweifeln, mir Vorwürfe zu machen und mich zurückzuhalten, mir eines Tages sagtest: Nun ja, mein Sohn, du hast Recht, ich bin mit dir, geh, kämpfe für dein heiliges Ideal, der Segen deiner Mutter folgt 5⁊ G32 dann würde ich vor dir und deinem Kreuze auf die Kniee fallen und so sanft wie ein Lamm und so stark wie ein Held sein!

M.(drückt das Taschentuch an die Augen.) Sage nichts weiter, mein Sohn. ehh laß mich nachdenken.

Humoristisches.

In Verlegenheit. Frau(in der Stammkneipe ihres Mannes):Jetzt hast Du schon bei drei Kell⸗ nern ein Glas Wasser für mich bestellt und Keiner bringts! Mann:Ja weißt Du, das glaubt mir hier Keiner!

Schöne Aussicht.Johann, ist mein Mann schon von seiner Automobilfahrt zurück?Nein, gnädige Frau aber drei Polizisten haben schon ge⸗ fragt nach ihm!(Fl. Bl.)

Geschichtskalender.

1. März. 1864: schreiben veröffentlicht.

LasallesOffenes Antwort⸗

1861: Bauernbefreiung in Rußland.

3. 1896: Grubenkatastrophe in Kattowitz, 106 Tote. 1806: Roßmäßler, demokratischer Politiker in Leipzig,*. 4. 1895: Professor Giczyckt, Ethiker in Berlin, 118 5. 1894: Minister Bronsart verteidigt Faustrecht und Duell im Reichstage.

6. 1898: Cavalotti, ital. Dichter und Abgeord⸗ neter fällt im Duell.

7. 1901: Grubenunglück auf derKonsolidatlon

bei Gelsenkirchen, 10 Tote.

1 0 8.3 T eee. die-Augen fährt) Und doch ich weiß

2. 1892: Erste Lex Heinze vor dem Reichstage.

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