Ausgabe 
1.3.1903
 
Einzelbild herunterladen

T

FFC... ͤ ˙»

Nr. 9.

Mitteldeutsche Sountags⸗ Zeitung.

Se lie g.

verteufelt weuig und wie hoch dieExtraver gütung an die männlichen Arbeiter sein wird, ist nicht gesagt. Es wird ein ganz magerer Brocken sein, der von dem Rlesenprofit für die Arbeiter abfällt. Im Allgemeinen denken die Herren Aktionäre aber gar nicht an die Arbeiter und wenn sie noch so hohe Dividende einsacken. So erhielten die Aktionäre der Varziner Papierfabrik einen netten Eatbehrungslohn. Die Generalversammlung der Fabrik genehmigte einstimmig den Abschluß für 1902 und setzte die Dividende auf 10 Prozent fest. Der Vor⸗

sitzende bemerkte bezüglich der Aussichten für

das laufende Jahr, daß die Gesellschaft vollauf beschäftigt sei. Ob für dle Arbeiter auch etwas weiter abgefallen ist als niedrige Löhne, wird nicht berichtet.

Staatsstreichgelüste in Holland.

Der für die Arbeiter günstige Verlauf des neulichen Transport- und Eisenbahnarbeiter⸗ streiks liegt den holländischen Kapitalisten schwer im Magen. Der geschäftsführende Ausschuß der Kapitalistenklasse, die Regierung, plant da⸗ her ein Attentat auf das Streikrecht der Ar⸗ beiter und hat ein diesbezügliches Gesetz in der Kammer eingebracht. Unterdessen wird Militär zusammengezogen und man scheut fich nicht, einen argen Druck auf die Arbeiter auszuüben, um sie zum Austritt aus der Organisation zu bewegen. Auf verschiedenen Stationen läßt man das Personal Schriftstücke unterzeichnen, worin sie erklären, entrüstet zu sein über den letzten Streik und geloben, nie mehr streiken zu wollen. Es wird also hier bei der Erpressung von Unterschriften nach bekanntem deutschen Muster vorgegangen. Das interessauteste ist aber wohl, daß nach übereinstimmenden Mel⸗ dungen die zolländische Regierung zu ihrem Vorgehen durch Winke von außen, und zwar durch Winke von Deutschland, veranlaßt worden sei, wo man nicht ohne Beunruhigung den jüngsten Eisenbahnerstreik beobachtet hat und derlei schlechte Vorbilder nicht gern sich wiederholen sieht. Eine holländische Zeitung brachte sogar die Mitteilung:Der deutsche Kaiser soll ein persönliches Schreiben an unsere Regierung gerichtet haben, worin er die Frage stellte, ob unsere Regierung dafür sorgen könne, daß der Briefverkehr aus Deutschland unge⸗ hindert vor sich gehen kann,da der Kaiser sonst selbst mit einem Zug kommen würde. Verschiedene Truppenkommandanten haben be⸗ reits an ihre Soltes en Ansprachen gehalten, denaufrührerischen Schreiern gegenüber ihre Pflicht zu tun, und wenn es wirklich so weit kommen sollte, daß einmal Feuer kommandiert wird, dann nicht in die Luft zu schießen. Aber auch die Arbeiter rüsten sich, um dem Gewaltstreich zu begegnen. Wie bekannt wird, hat eine Versammlung der Vorstände der Ar⸗ beitervereinigungen, die 90000 Arbeiter vertreten, beschlossen, die Eisenbahnangestellten zu unterstützen, die in den Ausstand treten werden, falls von den Eisenbahn⸗Gesellschasten und der Regierung ein Angriff auf das Orga⸗ nisationsrecht der Arbeiter erfolgt. Vorläufig wollen die Führer der Arbeiter die Behandlung des Gesetzes in der Kammer abwarten, es ist aber möglich, daß die Gesellschaften zum An⸗ riff durch Aussperrung übergehen. l man in Deutschland sofort bereit wäre, in solchen Fällen das Kriegsheer gegen die Ar beiter in Bewegung zu setzen, glauben wir gerne.

Deutscher Reichstag.

Eine Stöckerschlacht. Bei der Fortsetzung der großen sozlalpolitischen Debatte,

die sich bei Beratung des Etats des Reichsamts des

Innern entsponnen hatte, kam es am vorigen Mittwoch zu einer heftigen Auseinandersetzung unserer Genossen mit Stöcker. Der berühmte Hofprediger außer Diensten, Verfasser des Schelterhaufen⸗ Briefes, Erfinder der christlich⸗sozialen Bewegung usw. empfindet von Zeit zu Zeit ein unwiderstehliches Hautjucken, das ihn antreibt, sich an der Sozialdemokratie zu reiben. Daß er sich bei dieser Beschäftigung schon wiederholt einen Buckel voll moralischer Schläge geholt hat, scheint auf den teuren Gottesmann uicht kurlerend zu wirken. Vor

fast genau zwei Jahren 1901 wurde er im Reichstage öffentlich ausgepeitscht natürlich im figür⸗ lichen Sinne; keine Hand erhob sich zu seinen Gunsten, nur Dr. Arendt, der Getaufte, machte einen schwachen Versuch, dem gezüchtigten Wahrheitsfreund Hilfe zu bringen. Die derbe Lektion wirkle für einige Zeit. Aber nicht für immer. Kaum sind die blutigen Strie⸗ men auf dem Buckel Luthers II. ein wenig vernarbt, als er auch wieder den Drang nach neueröffentlicher Betätigung empfindet. Der trotz aller scheinbaren Schläue plumpe Pfaffe, kann das Schnappen nach Wahlkreisen und Führerrollen nicht aufgeben und zog wieder auf Raub aus. Es ist ihm herzlich schlecht bekommen.

Vor aller Welt ist jetzt festgestellt worden, daß Herr Stöcker, dessen Leichtfertigkeit im Ablegen von Elden gerichtsnotorisch ist, auf Grund des Zeugnisses von Lockspitzeln wie Normann⸗Schumann, dessen Spitzel⸗ Tätigkeit im Tausch⸗Prozesse unwiederleglich festgestellt wurde und der nach der Schweiz flüchtete, weil ihm Strafverfolgung wegen Majfestätsbeleldigung drohte.

Geradeso wie beis der letzten Stöcker⸗Debatte vor zwei Jahren sprang Keiner aus der Junkerpartei dem ausrangirten Hofprediger direkt bei. Aber sie unter⸗ stützten ihn insofern, baß sie die groben Beschimpfungen, die er gegen die Sozialdemokratie vorbrachte, mit tosen⸗ den Beifall begleiteten. Unser Genosse Ledebour sagte dann auch der Rechten, es scheine, daß sie unter der Spitzel⸗Flagge des Normann⸗Schumann in den Wahl⸗ kampf ziehen wolle. Der Volke parteiler Lenzmann hielt dem Hofprediger ebenfalls noch eine Reihe Dinge vor, die letzteren in recht ungünstigen Lichte erscheinen lassen. Die sozialpolitische Debatte wurde nach der Stöcker⸗Affaire geschlossen; der Titel: Gehalt der Staats⸗ sekretärs war aber damit noch nicht erledigt, die Be⸗ ratung dieses Gegenstandes setzte sich vielmehr noch am Donnerstag fort, wo besonders die Merkwürdigkeiten der Theater⸗Censur von dem Freisinnigen Müller⸗ Meiningen in zutreffender Weise beleuchtet wurden.

Meckleuburgische Schulzustände schilderte im Verlaufe der Freitagssitzung der soztaldemokratische Abg. Herzfeld. Der Reichstag war schlecht besetzt wie immer, wenn es sich nicht um einen agrarischen Beutezug handelt. Höherer Schwung kam erst in die Debatte, als der Titel Reichskommission Anlaß zu einer angeregten bisweilen erregten Erörterung über die bekanntlich mehr als im Argen liegenden Schulverhältnisse in feudalen Lande des Ochsenwappens, d. h. in Mecklenburg, gab. Gen. Dr. Herzfeld, Vertreter des Wahlkrelses Rostock, war es wieder, der sich der Volksschulen und der Volks schul⸗ lehrer annahm, die nächst der Arbeiterklasse wohl am meisten unter den vorsinflutlichen Zuständen in jenem feudalen Junkerparadies zu leiden haben. Zweimal ergriff er das Wort, um an den blamablen Volks⸗ schulzuständen Mecklenburgs die Notwendigkeit eines Reichsschulgesetzes zu erweisen. Graf Posadowsky erhob den Kompetenzeinwand, der mit Recht so beliebt ist, wenn es gilt, Reformen zu vereiteln und die Besprechung von Mißständen zu verhindern. Mißstände in Kraukenhäusern.

Am Montag bei dem Etat des Reichsgrund⸗

amts schilderte Genosse Antrick, so wie er es schon

in vorhergehenden Jahren getan, die oft mlserablen

Zustände, die in manchen Krankenhäusern herrschen, die ungenügende Ausbildung und noch schlechtere Be⸗ zahlung des Pflegepersonals, die nur zum Schein vor⸗ genommenen Revisionen wie die unzureichende Beauf⸗ sichtigung der Anstalten. In zweistündiger Rede brachte er eine große Fülle einzelner Beschwerden vor, unter anderm auch über die bereits in der Stadtverordneten⸗ versammlung selbst vom Magistrat zugestandenen und nur beschönigten Mängel der städtischen Krankenhäuser Berlins. Trotzdem hielt der greise Stadtverordneten⸗ vorsteher Dr. Langerhans(freis. Vp.) es für richtig, Antricks Anklagen als aus der Luft gegriffen zu bezeichnen. Singer frischte das Gedächtnis des Herrn Langerhans wieder auf.

Das Umsichgreifen der Wurmkrankheiten und die in den Bergwerken herrschenden ungesunden, unsau⸗ beren Zustände geißelte Genosse Sachse und als Ver teidiger tat sich der Schutzgeist des Kapitalismus, Minister Möller auf, der dabei noch durch den Berg⸗ werksbesitzer Hilbck(natl.) übertrumpft wurde.

Viele Einzelheiten wurden bei der weiteren Debatte über das Reichgesundheitamt am Dienstag vorgebracht. Die Notwendigkeit energischere Maßnahmen als bisher gegen die in den Bürsten⸗ und Pinselfabriken, Roßhaar⸗ spinnereien und Gerbereien herrschenden Milzbrandin⸗ fektionen zu ergreifen, wurde von unserm Genossen Dr. Südekum in längeren Ansführungen nachgewiesen. Hoffmann⸗Hall von der süddeutschen Volkspartei pflichtete ihm bei, dagegen zeigte sich der nationalliberale Abgeord⸗ nete Wehl, der eine äußerst komisch wirkende Jungfern⸗ rede schwang, höchst besorgt um den Profit der leder⸗ gerbenden Unternehmer.

ññꝗœͤͤb

Parteigenossen! Gedenket des Wahlfonds!

Gewerkschaftl. u. Arbeiterbewegung.

F Der Schriftgießerstreik in Frank⸗ furt und Offenbach wurde auf Grund beiderseitigen Entgegenkommens beendet. In den von beiden Teilen angenommenen Arbeits- bedingungen, die auf die Dauer von fünf Jahren vereinbart wurden, ist die Arbeitszeit auf Stunden festgesetzt, also um ½ Stunde verkürzt. Ferner hat eine Erhöhung des Mindest⸗ lohnsatzes von 25 Mk. auf 27.50 Mk. statt⸗ gefunden. Sobald die Vereinbarungen unter⸗ zeichnet sind, sollen die Werkstellen allen früheren Arbeitern wieder geöffnet sein. Die von den Gehilfen geforderte Festlegung einer Lehrlings⸗ skala, nach der die Zahl der einzustellenden Lehrlinge im Verhältnis zur Zahl der beschäf⸗ tigten Gehilfen besttmmt werden soll, wurde abgelehnt. Immerhin hat der Kampf, an dem zirka 400 Manu beteiligt waren, einen für die Arbeiter günstigen Verlauf genommen. Bei Beginn der Differenzen glaubte auch das Gießener Amtsblatt gegen die Gehilfen hetzen zu müssen, indem es die Lohnlisten der Arbeiter veröffentlichte. Damit sollte dargetan werden, welch' gute Löhne die Schriftgießer verdienten. Warum hat das Blatt nicht zu gleicher Zeit die Gewinne der Fabrikanten bekannt gegeben?

Hessischer Landtag.

Von der Sitzung am Freitag ist noch mit⸗ zuteilen, daß ein Antrag des Genossen Dr. David, der dahin ging, die bei dem Kapitel: Auswärtige und Bundesverhältnisse geforder⸗ ten 36000 Mk. zu streichen. David führte zur Begründung seines Antrages an: Diese Summe werde angefordert für die hessische Vertretung im Bundesrat in Berlin. So lange der andere gesetzgebende Faktor des Reichs, die Mitglieder des Reichstags, ohne Diäten die Arbeit leisten müßten, könne man das auch von den Vertretern der Regierung im Bundes⸗ rat verlangen. Und so lange diese Vertreter sich dagegen sträuben, auch den Reichstagsmit⸗ gliedern Diäten zu bewilligen, so lange sollte man auch ihnen die Diäten verweigern.

Im Verlauf der weiteren Debatte sprach sich Staatsminister Rothe für die Diäten für Reichstagsabgeordnete aus. Es wird dann eine Resolution einstimmig angenommen, in welcher die Regierung ersucht wird, durch ihren Bevoll⸗ mächtigken im-Bundesrat für die Bewilli⸗ gung von Diäten an die Reichstagsabgeord⸗ neten einzutreten. 8

Zu einer lebhaften Debatte kam es au.

geordneten Häusel u. Gen. betr. die Miets⸗ entschädigungen für Dienstwohnungen der Staatsbeamten zur Beratung. In der An⸗ frage wird daraufhingewiesen, daß den Beamten,

innehaben, die Wohnungen viel zu billig an⸗ gerechnet werden. Dagegen sind diejenigen Be⸗ amten, die keine Dienstwohnungen haben, im Nachteil.

In Beantwortung der Anfrage erklärte die Regierung, daß sie nicht geneigt sek, eine Aenderung an der Besoldungsordnung vorzu nehmen. Nachdem der Fragesteller sowie der Abg. Molthan vom Zentrum und der Antisemit Hirschel erklärten, daß sie von der Antwort der Regierung nicht befriedigt seien, ergriff Genosse Ulrich das Wort. Er sprach sich entschieden gegen die Knauserei aus, der verschiedene Redner in der Debatte das Wort geredet hatten. Man solle sich nicht nicht auf den Standpunkt des Neides stellen. Er sei stolz darauf, für die Erhöhung der Beamten⸗ gehälter eingetreten zu sein. Er stehe auch gar nicht an, zu erklären, datz für einen Minister 12000 Mark keine anständige Bezahlung zu nennen sei. Man sehe nur, was

Fabrikanten, Bankiers, Rechtsanwälte ꝛc. ver⸗

Donnerstag. Es stand eine Anfrage des Av

welche vom Staate gestellte Dienstwohnungen