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Seite 2.
Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung.
Nr. 9.
er überließ dies den reakttonaren Parteien und setzte nur den Wettbewerbern die entschiedene Frage auf die Brust, wie weit sie als Ab⸗ geordnete die Bundesforderungen zu vertreten gedenken. Diesmal dürfte es wohl auders kommen; sicher werden zahlreiche Bundes⸗ kandidaten aufgestellt werden. Die bündlerischen Stimmen dürften in vielen Wahlkreisen ent⸗ scheidend ins Gewicht fallen. 5
Der Bauernbund ist eine mittel⸗ und kleinbäuerliche Abart des Bundes der Land⸗ wirte, der hauptsächlich in Bayern seinen Sitz hat. In den Forderungen für den Schutz der Landwirtschaft unterscheidet er sich kaum von dem Bunde der Landwirte; aber er bestitzt ausgesprochene partikularistische Tendenzen und eine starke Gegnerschaft gegen den Adel und namentlich gegen das preußische Junkertum dessen Bestrebungen ihm verhaßt sind. Ent⸗ sprechend den Interessen der Schichten, aus denen er sich rekrutiert, ist er etwas demo⸗ kratisch und wenn auch nur ein lauer Anhänger des allgemeinen gleichen direkten und geheimen Wahlrechts, der Preß⸗, Vereins⸗ und Ver⸗ sammlungsfreiheit, jedoch ein Gegner der Koalitionsfreiheit. Seine Anhängerschaft im deutschen Reichstag ist sehr gering; sie unter⸗ scheidet sich hauptsächlich von dem ihnen am nächsten stehenden Zentrum durch schärfere Betonung der agrarischen Forderungen und geringere Sympathie für Militär und Flotten⸗ bewilligungen.
Die Wahlbewegung.
Wie unserm Frankfurter Parteiblatt mitgeteilt wurde, wollen die dortigen Demo⸗ kraten im Verein mit den Freisinnigen den Stadtverordneten Dr. Rößler aufzustellen. Man glaubt auf demokratischer Seite, daß auch die Nationalliberalen diese Kandidatur unter⸗ stützen werden. Rößler ist einer der angesehensten Demokraten, und es wäre in seinem Interesse zu bedauern, wenn er sich als Mischmaschkandidat hergäbe. Die Wahl unseres Genossen Schmidt dürfte in Frankfurt doch ziemlich sicher sein.
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Im Wahlkreise Hanau⸗Gelnhausen wollen die Konservativen und Nationalliberalen als gemeinsamen Kandidaten den Amtsrichter Lucas in Langenselbold aufftellen. Dort siegte 1898 unser Genosse Hoch mit 12692 Stimmen im ersten Wahlgange, während sämtliche Gegner zusammen nur 10325 Stimmen erhielten. Der konservativ⸗nationalliberale Herr Amtsrichter wird natürlich einen kolossalen Reinfall erleben.
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Der jetzige Vertreter des Wahlkreises Kassel, der Sanitätsrat Endemann(natl.) hat eine Wiederwahl abgelehnt. Die Antisemiten haben den Amtsrichter Lattmann als Kan⸗ didaten aufgestellt. Für diese Kandidatur wollen sie auch die Konservativen und Bündler ge⸗ winnen und kuhhandeln deswegen mit ihnen. Für unsern Kandidaten Thiel(er sitzt gegen⸗ wärtig im Gefängnis) sind die Aussichten in diesem Kreise sehr günstige.
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Unsere sächsischen Genossen haben den Aufmarsch für den Wahlkampf vollendet. In sämtlichen 23 Wahlkreisen des Königreich Sachsen sind die sozialdemokratischen Kandidaten auf⸗ gestellt. Am 15. März findet die sächs. Landes⸗ konferenz statt, wobei alles noch für den Wahl⸗ kampf Nötige erledigt werden wird.
politische Rundschau.
Gießen, den 27. Februar.
Ueber ein Wahlkartell
der Brotwucherparteien konnte unser Zentral- organ kürzlich berichten. Die Beteiligten Konservative, Nationalliberale und Zentrums⸗ leute versuchten mit sehr verdächtigem Eifer abzuleugnen, daß eine solche Abmachung ge⸗ plant sel. Der„Vorw.“ antwortete aber dem nationalliberalen Organ:
Die Nationalliberale Korkespondenz weit sehr gut, daß die von uns mitgeteilten Einzel⸗ 15 aus dem nationalliberalen Kartellplan
ie nahezu wörtliche Wiedergabe des vom Vorstand resp. im Zentralbureau der nationalliberalen Partei letzthin ausgearbeiteten Entwurfs ist. Wir fordern die nationalliberale Korre⸗ spondenz auf, diese Behauptung klipp und klar abzuleugnen.
Noch bestreiten die Blätter der Zollräuber die Mitteilungen des Vorwärts, da kommt aus Sachsen die Nachricht, daß der Ausschuß der nationalliberalen Partei des Königreichs Sachsen mit allen gegen eine Stimme beschloß, das Kartell mit den Kouservattven, Anti⸗ semiten und dem Bund der Landwirte abzuschließen. Doch soll sich dasselbe nur auf die Reichstagswahlen beschränken. Nun also. Demnach werden sich nationalliberale Börsenjuden und antisemitische Judenfresser, Ueberagrarier, Industriekapitalisten, Mittelstands⸗ leute vereinigen, um getreu dem im„Vorwärts“ längst veröffentlichten Geheimplane gemeiusam gegen die Sozialdemokratie zu kämpfen. Nun desto besser für uns; das Kampffeld ist so viel besser zu überblicken, und wir werden dafür sorgen, daß die Erfolge der Kartellbrüder nicht so dick ausfallen.
Ueber die Bedeutung des Kartells hat, wie der Vorwärts weiter mitteilt, ein nicht wieder kandidierender Zentrums führer, der von dem Kartell nichts wissen will, sich wie folgt geäußert:
„Wenn es denn Angehörigen dieser Politik der Sammlung, dieser Neuauflage des Kartells, gelingen sollte, für sich die Mehrheit in dem neuen Reichstag zu erlangen, so sei es um das gleiche, allgemeine Wahlrecht geschehen. Das Gesetz über die Abänderung des Wahlrechts zum Reichstage liege schon seit dem vorigen Sommer fertig ausgearbeitet da und es unterliege gar keinem Zweifel, daß es dem Reichstage vorgelegt werde, sobald ein be⸗ willigungslustiger Reichstag vorhanden sei. Ebenso werde von einem solchen Reichstage unser Vereins⸗ und Versammlungsrecht abge⸗ ändert und eingeschränkt werden. Vorgeschoben würden als Ziel der Sammlungspolitik aller⸗ dings rein wirtschaftliche Interessen, der Schutz der nationalen Arbeit usw. das aber seien nur Phrasen, um den Wählern Sand in die Augen zu streuen.“
Antisemitische Wahlrechtsfeinde.
Obwohl sich die Herren Antisemiten in den Volksversammlungen mit Vorliebe als Be⸗ schützer des Reichstags wahlrechts auf⸗ spielen, sind sie in dieser Beziehung höckst un⸗ sichere Kantonisten. So tobt der Führer der Leipziger Autisemiten, Th. Fritsch in seinem Monatsblättchen„Der Hammer“ gegen das Reichstagswahlrecht. In seinem Artikel:„Der Bankrott des Parlamentarismus“ heißt es da:
„Darum muß diesem Parlaments-Unfug so bald und so gründlich als möglich ein
Ende gemacht werden, wenn nicht Staat
und Gesellschaft, wenn nicht Sitte und Kultur darüber zu Grunde gehen sollen. Derartige
Parlamente gehören zu den Nährböden der
Zuchtlosigkeit, zu den Mitteln der schlimmsten
Demoralssation. Und welcher verständige
Mann wollte diesem Reichstag eine Thräne
nachweinen, wenn er für immer nach
Hause geschickt würde?“
Daß sich die Spitze dieses Produktes gegen das Reichstagswahlrecht richtet, darüber kann kein Zweifel bestehen. Die Hetze des Herrn Th. Fritzsch ist aber eine ganze systematische, fast jede Nummer bringt Angriffe gegen das wichtigste Volksrecht. Das Treiben zeigt jedenfalls, daß auch die Antisemiten recht zweifelhafte Freunde des Reichstagswahlrechts sind. Zwar hat sich Liebermann von Sonneberg noch kürzlich für die Aufrechterhaltung des Reichstagswahlrechts ausgesprochen. Wenn aber seine nächsten politischen Freunde— zu denen Th. Fritzsch epört— sich in so ab⸗ fälliger Weise über den„Bankrott des Parla⸗ menkarismus“ äußern, so sieht das sehr ver⸗
bächtig aue.— Auch Böckel machte ahnliche wegwerfende Bemerkungen über den Reichstag. Dieser Mann, der vor zehn Jahren hier in Hessen als echter und rechter Volksstreiter auftrat, sich äußerst radikal gebärdete, wild gegen die Junker donnerte— er ist Hör ig er der Junker geworden, steht bei ihnen in Lohn und Brot nud muß natürlich auch deren herrschsüchtige und volksfeindliche Politik ver⸗ treten. So ändern sich die Zeiten!
Religiöse Streitfragen
wurden in der letzten Zeit recht lebhaft in der Presse erörtert. Vor einiger Zeit hat der Professor Delitzsch-Berlin einen Vortrag über „Babel und Bibel“ gehalten, in dem nach⸗ gewiesen wurde, daß der Inhalt der Bibel babylonischen Ursprungs ist. Auch der Kaiser wohnte dem Vortrage bei, was zu der Meinung veranlaßte, daß der Kaiser die freie Bihel⸗ forschung unterstütze. Schon liefen die Ortho— doxen dagegen Sturm— da wurde ein Brief des Kaisers veröffentlicht, der zu diesem Streit und dem Vortrage des Professors Stellung nimmt. Am Schlusse der umfangreichen Dar⸗ legung legt der Kaiser folgendes Glaubens⸗ bekenntnis ab:
Ich glaube an Einen, Einigen Gott.
Wir Menschen brauchen, um ihn zu leh⸗ 5 eine Form, zumal für unsere Kin⸗
e r.
Nie war Religion ein Ergebnis der Wissenschaft, sondern ein Ausfluß des Herzens und Seins des Meuschen aus seinem Verkehr mit Gott.
Es seien nur einige Punkte aus dem kaiser⸗ lichen Handschreiben herausgegriffen. Der Kal⸗ ser sagt im ersten Satze, er„glaube“ an einen Gott; im zweiten, daß dieser Gott„ge⸗ lehrt“ werden müsse. Es ist aber ein Unding, Glauben zu lehren. Nur Wissen kann ge⸗ lehrt werden. Nun meint der Kaiser: nie war
Religon ein Ergebnis der Wissenschaft. Was
folgt daraus? Daß Religion nicht gelehrt wer⸗ den kann, also auch in der Schule nichts zu suchen hat. Behauptung, daß man zur Lehre eine Form brauche,„zumal für unsere Kinder“. Was der Kaiser unter dem„Verkehr mit Gott“ versteht, vermögen wir nicht zu beurteilen, da wir einen solchen Verkehr noch nicht gehabt haben.
Vernünftiger Vorschlag.
Im oldenburgischen Landtage meinte der Abg. Grimm bei Besprechung der schlechten finanziellen Lage des Fürstentums Lübeck, der Großherzog könne recht wohl auf den auf das Fürstentum entfallenden Anteil seines Fürstengehalts so lange verzichten, bis die Lage des Ländchens sich gebessert habe. Für diesen vernünftigen und gutgemeinten Vorschlag wurde der Redner zur Ordnung gerufen. Warum denn das?
Rücktritt des bayr. Ministerpräsidenten.
Der bisherige bayrische Ministerpräsident v. Crailsheim hat seinen Abschied genommen und an seine Stelle ist der Kultus minsster v. Podewils getreten. Sein Rücktritt soll eine indirekte Folge des Swinemünder Kaisertele⸗ gramms sein.
Soziales.
Unternehmer ⸗Prosite. Der Aufsichtsrat der Pommerschen Prov.⸗Zuckersiederet wird der im März d. J. stattfindenden General⸗ versammlung für das Jahr 1902 vorschlagen, neben reichlichen Abschreibungen eine Dividende von 30 Prozent an die Aktionäre zu verteilen. Im vorigen Jahre konnten nur armselige 20 Prozent verteilt werden. Ferner wurde be⸗
schlossen, für die Beamten und Vorarbeiter eine 8
erheblich größere Grattfikation, als bisher zu reservieren, den erwachsenen männlichen Arbei- tern eine Extravergütung zu zahlen und dem Unterstützungs⸗ und Pensionsfonds, dem in den beiden letzten Jahren zirka 100000 Mark zu⸗ flossen, weitere zirka 73000 Mark zu über⸗ weisen.— Diese Fonds nützen dem Arhelter
Damit erledigt sich zugleich die
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