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Gießen, den 1. März 1903.
10. Juhrg.
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Kirchenplatz 11, Schloßgasse.
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Der Internationalismus der Sozialdemokratie.
Internationalismus ist nicht Vaterlands⸗ losigkeit. Man kann sein Vaterland sehr lieb haben und dabei doch sehr gut international sein. Ja, ich möchte sogar behaupten, daß, je mehr man sein Vaterland liebt, desto mehr wird man auch die anderen Völker achten. Nicht als ob wir die großen Unterschiede, die in Kultur und Lebensanschauung, Charakter und Lebensart zwischen den einzelnen Völkern bestehen, nicht wahr haben wollten. Sozialismus ist Wissenschaft und als solche wird er nie daran denken, Tatsachen zu leugnen. Auch ist es keineswegs unser Bestreben, diese Verschieden⸗ heiten beseitigen zu wollen. Ebenso wenig, wie der Sozialismus„teilen“, das heitzt das Privat- vermögen aller Menschen auf Heller und Pfennig gleich machen will, ebenso wenig hat er auch im Sinn, den Italienern etwa abzugewöhnen, Polenta und Maccheroni zu essen oder den Deutschen etwa ihre Vorliebe für Kartoffeln zu nehmen.„Gleichmachen“ möchte er beide nur darin, daß er dafür Sorge tragen will, beide Völker in den Stand zu setzen, sich mit kräftigeren Nahrungsmitteln, wie Fleisch usw. zu nähren. Der Sozialismus erkennt an, daß es natürliche Verschiedenheiten zwischen den Völkern giebt und will auch die Grenzen nicht vernichten. Aber er erkennt nicht an, daß diese natürlichen Verschiedenheiten zu gegenseitigem Haß und zu mörderischem Blutvergießen ausarten müssen und will, daß jedes Volk und jeder Volksstamm das unveräußerliche Recht haben soll, seine Zugehörigkeit zu diesem oder jenem Land selbst freiwillig zu bestimmen und verabscheut deshalb alle Belagerungszustände und Germanisationen der Welt.
Ist der allgemeine Friede eine Utopie 9) 2 Vorderhand vielleicht ja, weil wir immer noch im Zeitalter des Kapitalismus leben und es ab und zu immer wieder sich ergeben kann, daß es im Interesse der herrschenden Klassen dieses oder jenes Landes liegt, sich im Krieg materielle Beute und ideellen Ruhm zu holen, indem sie mit der erzwungenen Stärke der das Heer ausmachenden, Gemeinen“ den Konkurrenten des anderen Landes totschlagen lassen und sich aus dem Tode ungezählter Proletarter, die einer Marotte oder eines Verbrechens der herrschenden Klasse zu Liebe sich hatten totschlagen lassen müssen, sich selbst den Heiligenschein aneignen, dessen sie bedürfen, um den Dummköpfen Sand in die Augen zu streuen und sich als der„Retter des Vaterlandes“ aufspielen zu können. Aber an und für sich ist der„ewige Friede“ keine Utopie. Denkt doch einmal nach! Im Mittelalter be⸗ fehdeten sich die einzelnen Städte, ja, die ein⸗ zelnen Burgen der Ritter mit Feuer und Schwert, und der Haß zwischen Oberschwaben und Unterschwaben im schwäbischen Städtekrieg am Ende des 14. Jahrhunderts oder der zwischen den Nachbarstaaten der„freundvetterlichen“ Duodezherrscher von Lothringen und der Pfalz im sogenannten Wildfangsrechtkriege 1668 mag
vielleicht nicht schwächer gewesen sein als der
künstlich entzündete Haß zwischen Franzosen und Deutschen im Jahre 1870. Noch 1866
) Utopie= soviel wie Phantaste; erträumter, uner⸗
reichbarer Zustand.
haben Preußen mit Badensern, Hessen und Bayern usw. blutig gekämpft. Wer würde ein solches Gemetzel heute noch für möglich halten? Die Geschichte lehrt uns aber, daß schon manche „Utopien“ sich verwirklicht haben, und, wenn man tiefer in ste hineinschaut, so stieht man auch, daß die sich feindlich gegenüberstehenden Verbände der Zahl nach immer kleiner und der Ausdehnung nach immer größer werden. Die Periode der„Städtekriege“ ist endgiltig überwunden. Mit fortschreitender sozialistischer Weltdurchdringung werden auch die kontinen⸗ talen Kriege verschwinden, und in den Geschichts⸗ büchern unserer Enkelkinder wird man von ihnen reden wie von völlig unbegreiflichen Taten einer Horde von Kannibalen.
Aber nicht nur die Ideen der Humanität, nicht nur das liebevolle Verstehen anderer Nationen und ihrer Eigenarten, nicht nur der Wunsch in lebhaftem Gedankenaustausch mit ihnen sich intellektuell zu bereichern, haben den Sozialismus zu einem internationalen ge⸗ macht, sondern auch ein historisches Bedürfnis und eine volkswirtschaftliche Einsicht. Der Sozialismus ist die Partei des Proletariats, das heißt aller Darbenden an Geld und an Bildung. Das Proletariat aber und seine Leiden sind auf kein Land beschränkt, sondern überall, wo es Kapitalisten giebt, da giebt es auch ein Proletariat. Das historische Bedürfnis aber sagt den Proletariern: seid international, verbrüdert euch miteinander und schließt die Reihen, denn eure— nicht immer persönlichen, stets aber politisch⸗sozialen— Widersacher, die sitzen nicht im Auslande, sondern auf Tronen und Meinistersesseln, Reichstagsbäuken und Fabrikan⸗ tenstühlen aller Länder, einschließlich des eurigen. Eure Löhne werden nicht gedrückt, die Berech⸗ tigung zur Bildung euch nicht entzogen durch die bösen Ausländer, sondern durch die Inter⸗ essenwirtschaft der besitzenden Klassen in eurem eigenen Lande. Gegen diese kämpft an, ge⸗ meinsam, ohne Unterschied der Rasse und des Geschlechts, der Sprache und der Religion, kämpft mit anständigen, der Kultur des Zeit⸗ alters entsprechenden Waffen, aber kämpft un⸗ aufhörlich, bis ihr den Sieg errungen! Das Bedürfnis aber ist historisch, d. h. geschichtlich geworden, weil auch eure überall, in Deutsch⸗ land wie in Bulgarien, in Italien wie in Dänemark, in Rußland wie in Amerika in den Grundzügen gleiche Lage überall eben durch die Geschichte eine gleiche geworden ist. Die volkswirtschaftliche Elnsicht aber zeigt uns, daß der Krieg nur dazu dient, den Militarismus und mit ihm die besitzenden Klassen zu fördern, Gewalt auch im eigenen Lande vor Recht zu setzen und einen Polizaistaat großzuzüchten, der das arbeitende Volk, wo er nur kann, bevor⸗ mundet und drückt. Die volkswirtschaftliche Einsicht sagt uns aber auch, daß die Befreiung des deutschen Proletariats gar nicht geschehen kann, ohne daß gleichzeitig das Proletariat aller anderen, auf derselben Kulturstufe stehenden Nationen ebenfalls seine Emanzipation durch⸗ setzt. Eine sozialistische Gesellschaft auf ein Land allein beschränkt, ist nicht lebensfähig. Abgesehen davon, daß sie von den Bajonetten der Nachbarmonarchien sofort angegriffen und niedergeschmettert werden würde, wäre auch eine Regelung von Produktion und Konsumtion, wie wir sie erstreben, nicht in genügendem
Maße durchzuführen, wenn die Grenzen jeden Augenblick geschlossen werden köunten.
Es sind also sehr gewichtige Gründe viel⸗ fältigster Art— und alle habe ich sie hier noch nicht einmal nennen können— welche die Sozialdemokratie zu einer internationalen Er⸗ scheinung machen und ihre unbedingte inter⸗ nationale Solidarität bedingen. Ueberall, wo organisierte Arbeiter verschiedener Nationen an gleichen Orten zusammen gearbeitet haben, da haben sie in einer kompakten Masse zusammen⸗ gestanden.
Aber wir Sozialisten sind nicht nur inter⸗ national. Wir sind auch national, ja, wir sind diejenigen unter allen Deutschen, die ihr Volk am meisten lieben. Denn das Vaterland besteht nicht so sehr in einem bischen Erde, geschweige denn in einem Geschichtswälzer oder einer bunten Fahne. Das Vaterland ist menschliches Fleisch und Blut, und das Glück des Volkes steht höher als die sogenannte Machtentfaltung des Staates nach außen. Für das Glück des Volkes aber, nicht nur des sozialdemokratisch denkenden Teiles desselben kämpfen wir. Der Sozialismus ist ein Ziel der Menschheit, nicht das Ziel einer Sekte.
Dr. Robert Michels.
Zu den Reichstagswahlen. II
Den Konservativen, deren Bestrebungen wir in der letzten Nummer kurz schilderten, sehr nahe verwandt ist der
Bund der Landwirte. Dieser stellt keine eigentliche politische Partei dar; die— allerdings nur wenigen— Abge⸗ ordneten, die sich zu ihm zählen, befinden sich bei den anderen Fraktionen, meistens aber bei den Konservativen. Der Bund der Landwirte wurde in einer Versammlung von Grundbesitzern am 18. Februar 1893 im„Tivoli“ in Berlin gegründet und von da an nahm die Agrar⸗ bewegung einen bedeutenden Aufschwung. In seinen Forderungen legt der Bund der Landwirte das Hauptgewicht auf den sogenannten Schutz der Landwirtschaft, auf hohe Getreide, Vieh⸗ und sonstige Lebensmittelzölle. Die Förderung der agrarischen Interessen ist der ganze Inhalt seiner Politik; er nimmt bei seinen Forderungen keine Rücksicht darauf, ob die übrige, nichtagrarische Bevölkerung darunter leidet.— Anstoß zu Gründung des Bundes der Landwirte gab ein Aufruf des Gutspächters Ruprecht in Ransern bei Breslau, deu dieser im Dezember 1892 in der„Landw. Tierzucht“ erließ und in dem es u. a. hieß: f „Ich schlage nichts mehr und nichts weniger vor, als daß wir unter die Sozial⸗ demokraten gehen und ernstlich gegen die Regierung Front machen... Wir müsse! aufhören zu klagen, wir müssen schreten! .. Darum müssen wir aufhören, liberal, ultramontan oder konservativ zu sein und zu wählen, vielmehr müssen wir uns zu einer einzigen großen agrarischen Partei zusam⸗ menschließen und dadurch mehr Einfluß auf die Parlamente und Gesetzgebung zu gewinnen eee
Infolge dieses Aufrufs kam es zu der oben erwähnten Versammlung. Bisher hat der Bund noch selten eigene Kandidaten aufgestellt,
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