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Mitteldeuische Sonutags⸗Zeitung.
Nr. 5.
Parteigenossen! Gedenket des Wahlfonds!
Von Nah und Fern
Der Mord auf der„Loreley“.
Am 13. November d. Js. wurde auf dem im Hafen von Piräus(Griechenland) vor Anker liegenden deutschen Stationsschiffe „Loreley“ der wachhabende Unterofftzier Biede⸗ ritzty ermordet und ein wichtige Papiere ent⸗ haltender Kasten geraubt, der aber unerbrochen am anderen Tage gefunden wurde. Da der in der betr. Nacht auf Posten gestandene Matrose Kohler abgängig war, nahm man sofort an, daß dieser die Tat verübt und sich geflüchtet habe. Dieser wurde am 18. Novem. in Athen verhaftet. Am Freitag begann nun vor dem Kriegsgericht in Wilhelmshafen die Verhandlung gegen ihn. Kohler ist geständig. Er giebt an, er sei zufällig einmal vorbeigegangen, als der eiserne Kasten, der auch die Schiffskasse enthielt, geöffnet war. Der Anblick des Geldes habe ihm keine Ruhe mehr gelassen. Als er daher in der betr. Nacht auf Posten stand und wußte, daß nur der Unteroffizier allein unten schlief, habe er den Entschluß gefaßt, die Kasse zu rauben. Den Unteroffizier habe er nicht löten wollen. Allein als er im Salon war, habe der Schlafende plötzlich eine Bewegung gemacht. Darauf habe er in der Augst vor der Entdeckung ohne Ueberlegung einen Messer⸗ stich nach dem Halse seines Opfers geführt. Die Leiche warf er ins Meer. Dann schleppte er den Kasten aus dem Rauchsalon und ließ ihn mit den bereit gehaltenen Tauen in eine Barke hinab, mit der er vom Schiffe abstieß. Ein im Hafen kreuzendes Fischerboot bewog ihn, an Land zu rudern, wo er den Kasten zu öffnen versuchte. Da ihn der Fischer auch dorthin verfolgte, ließ er das Beiboot im Stiche und flüchtete an das Land. Das Boot wurde am nächsten Morgen in der Nähe des Leucht⸗ turmes entdeckt, in diesem fand sich der uner⸗ öffnete Geldkasten. Das Kriegsgericht ver⸗ urteilte Kohler zum Tode, sowie zu 6 Jahren 4 Monaten Zuchthaus und zu dauerndem Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte.
Ein trauriges Schicksal. widerfuhr einer Kaufmannsfamilie in Elber⸗ feld. Nachdem erst kürzlich der eine Sohn, ein 17jähriger Oberprimaner seinem Leben durch Erhängen ein Ende gemacht hat, folgte ihm in einem Anfalle von Schwermut seine 16jährige Schwester und erhängte sich im Walde bei Kronenberg. Nun ist auch der Vater jener Kinder, der eine Eisenbahnfahrt nach Düsseldorf unternahm, nicht mehr zurück⸗ gekehrt, sodaß anzunehmen ist, auch er habe infolge des gewaltsamen Todes seiner Kinder seinem Leben selbst ein Ziel gesetzt.
Der Oberamtsrichter als Dienstherr.
Vom Schöffengericht Bamberg war im November v. J. der Redakteur Schmidt der Bamb. Neuesten Nachr. wegen Beleidigung des Oberamtsrichter Reischel in Hollfeld zu 150 Mk. Geldstrafe verurteilt worden. Er hatte dem Oberamtsrichter vorgeworfen, daß er sein Dienstmädchen, das im Hause der Dienstherrsch-ft von einer Geburt überrascht wurde, menschenunwürdig behandelt habe. Ins⸗ besondere war behauptet worden, daß Reischel resp. dessen Frau bet der Geburt die Abgabe warmen Wassers verweigert und die Wöchnerin schon am Tage nach der Niederkunft auf einem Mistwagen aus dem Hause habe schaffen lassen. Gegen das Urteil ergriff Herr Schmidt Be⸗ rufung und die Strafkammer des Landgerichts hob jetzt das erstrichterliche Urteil auf, sprach Schmidt frei und überbürdete dem Ober⸗ amtsrichter alle Kosten. Durch die Beweisauf⸗ nahme wurde festgestellt, daß der Herr Richter und seine Frau das Dienstmädchen in herzlosester Weise behandelt und ihm außerdem noch un⸗ berechtigterweise Geld abgenommen hatten. In der gleichen Sache schwebt noch gegen den Ge⸗ nossen Gärtner von der Fränk. Tagespost in Nürnberg, ein Verfahren.
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0 G 7 b Anterhaltungs-Ceil. 4 7———
wir sind die Elenden!
Wir sind die Armen, wir sind die Elenden, Arme und Elende sind wir nicht, Weil mit reichen Tönen, mit glückbeseelenden Su uns die Stimme der Sukunft spricht. Wir sind die drunten in Tiefen wohnenden, Um uns're Stirnen noch streicht die Nacht, Doch wir beneiden die droben Thronenden Nicht um die prunkenden Sessel der Macht.
Denn in die Tiefe sollen versinken Gleißende Nerrlichkeiten der Herr'n, Stürzen zur Rechten, stürzen zur Einken, Ob ihren Häuptern erbleicht ihr Stern. Aber zu unsern Häupten entflammen Sterne der Freiheit ihr funkelnd Licht, Säulen der Häßlichkeit brechen zusammen, Nimmer, was wir erbauen, zerbricht.
Uns ist gefallen ein Cos vor allen Unvergleichlich und wahrhaft schön: Wir steigen aufwärts und vorwärts wallen Wir zu des Lebens leuchtenden Nöh'n. Wir sind die Armen, wir sind die Elenden, Arme und Elende sind wir nicht, Weil mit reichen Tönen, mit glückbeseelenden Su uns die Stimme der Sukunft spricht.
K. Henckell.
Aus einem deutschen Hause. Ein Familienbild aus dem neunzehnten Jahrhundert von Ludwig Schierk.
(Schluß.) 4.
Ein Zug dieses Leichtsinnes lag offenbar auch in der nachlässig⸗gemütlichen Art, mit der Aennchen jetzt nach einer Zeder blickte, die aus einem Teppich feinsten Grases in grüner Vor⸗ nehmheit emporragte; obwohl im nächsten Augen⸗ blicke das Köpfchen enttäuscht nach einem Bündel weißer Schnüre gedreht wurde, das ebenda auf der Erde lag.
„Das ist keine Arbeit für mich; will die Jungen aus der Fabrik holen!“ murmelte dann die Schöne in entrüstetem Selbstgespräch, während sie auf den wohlgepflegten Kieswegen dahinschritt. Der aufmerksame Leser hört da⸗ bei dasselbe Stimmchen, das im Angesichte eines für den Prinzen Ewald bereiteten Früh⸗ stückes einer schweigsamen und traurigen Gestalt die Geschichte eines eben eingetroffenen Liebes⸗ h zu erzählen unternahm, ohne Gehör zu inden.
Aenuuchen war die Schwester des strebsamen jungen Franz, auf dessen bedeutende Arbeits⸗ kraft der Inhaber der Firma C. v. H. aus Gründen einer durchaus gerechtfertigten Tugend leider hatte verzichten muͤssen.
Ihr kleines, fröhliches Herzchen schlug zur Zeit unter zwei Sorgen gleich schwer. Sie sollte weiße Schnüre spannen von Baum zu Baum und farbige Papierlaternen daran be⸗ festigen; denn der Firmenchef gedachte am Vor⸗ abende des Jubelfestes seinen Garten zu be⸗ leuchten.
Die zweite Sorge entsprang dem Gedanken an ein bleiches Antlitz mit jammernden Gretchen⸗ augen, die dem beweglichen Doktor auf der Treppe den kleinen Schreck eingejagt hatten.
Aennchen hielt sich verpflichtet, die weit ältere Freundin, die Braut ihres Bruders, bei Munterkeit und Gesundheit zu erhalten. Wie ein Staarmatz pflegte sie die ernste Martha gewöhnlich zu umhüpfen, und wenn sie auf dem stillen Gesichte derselben den Schein eines Lächelns bemerkte, flog sie der Freundin jubelnd an den Hals.
Nun war Martha seit längerer Zeit völlig unzugänglich, sie schien die Nähe der Freundin förmlich zu meiden. Seit einem Monate hatte sie die Briefe ihres Bräutigams ohne Antwort gelassen, und Franz schrieb deshalb in großer Sorge an seine Schwester.
„Wenn ich wüßte, liebe Schwester, daß Du stie am Ende beleidigt hättest, ich drehte Dir gleich Deinen kleinen Hals um!“ schloß die letzte Epistel. i
Das kluge Aennchen wußte diesen Erguß echt brüderlicher Teilnahme der Freundin heim⸗ lich zuzustecken. Martha hatte ihr dabei einen Blick zugeworfen; nur einen Blick, aber Aenn⸗ chen glaubte darunter erstarren zu müssen.
„Es muß ein bbses Unglück sein!“ seufzte das arme Kind.
Unter der Schwere dieser Gedanken trabte Aennchen leichtfüßig nach der andern Seite des Gartens. Hier dehnte sich ein mächtiger Teich aus, dessen jenseitiges Ufer von den umfang⸗ reichen Gebäuden einer lärmenden, sausenden Fabrik eingefaßt wurde. An einer kunstgewerb⸗ lich gezierten Landungsbrücke lag ein Kahn in bi N Nachahmung eines Wikinger⸗
botes.
Das besorgte Aennchen lugte vorsichtig durch die letzten Büsche, die sich aus der Pracht des Gartens noch an diese Stelle verloren, nach jenem Boote; denn zusammengekauert auf der stilvoll geschnitzten Ruderbank desselben saß eine weibliche Gestalt.
Kein Zweifel, es war Martha!
Aennchens literarische Neigungen waren in Folge der mangelhaften Organtsation des Unter⸗ richts eines auf das rein Materielle gerichteten Zeitalters keineswegs bis zu der Höhe gediehen, die ihr eine Heldin, wie ste Tegner in seiner Ingeborg geschaffen, verständlich gemacht hätte. Gleichwohl ahnte sie, daß jene Frau in dem Wikingerboote in stummer Klage irgend ein geheimes Weh dem leichten Winde vertraute, der sich auf der glatten Oberfläche dieses ver⸗ ständiger und einträglicher Arbeit gewidmeten Wassers verlor.
Mit einem Sprunge stand Aennchen im Boote und umschlang die Freundin.
5 W rief sie atemlos,„was fehlt ir 14
Die Angeredete richtete sich empor; ihr bleiches Gesicht zeigte einen erschreckenden Aus⸗ druck.
„Schreibe Franz!“ sagte eine trostlose, brechende Stimme,„schreibe Franz, daß Alles aus ist zwischen uns; ich... ich trage ein Kind unter dem Herzen!“.
Aennchen fühlte plötzlich einen scharfen Stich im Kopfe; der Schrei, den das Mädchen aus⸗ stieß, hallte über die Wasserfläche und lockte den Werkmeister ans Fenster, der das Gnadenbrot der Firma C. v. O. aß.
„Dies Schürzenvolk kann die Narretei nicht lassen!“ brummte der Alte.„Ich glaube gar, 's ist eine in den Teich gefallen.“
In wenigen Minuten stand Aennchen zorn⸗ glühend in ihrem Kämmerchen, daß sich irgend⸗ wo im Dachraum des eleganten deutschen Hauses befand.
Mit zitternden Händen wühlte sie in einem Kästchen, das von Briefchen, Bildchen, Kettchen und derlei nützlichem Kram bevölkert war; Dinge, die den ganzen Stolz dieses niedlichen Geschöpfes ausmachten. rohes Porträt; es stellte Martha vor im Sonntagsstaate mit Schirm und Haudschuhen.
Das zornige Aennchen riß das Bild in Stücke. ö
„Die falsche Schlange!“ zischte es aus dem roten Mündlein.
sterben!“ IV.
Es war ein herrlicher Abend geworden.
Als die Gäste des Inhabers der Firma C. v. O. essensmüde und weinessatt über die kunstgewerbliche Treppe hinabschlichen, um die ärmliche Prosa ihres nächtlichen Lagers aufzu⸗ suchen, erschien jede dieser Gestalten als das verkörperte Lob des gastfreien Hausherrn, der nach dem begeisterten Abschiede in die duftende Oede des Speisesaales zurückgetreten war. a
Eine herrliche Uhr schlug irgend eine späte Nachtstunde.
Bei diesem Zeichen der eilenden Zeit sprang 5
in dem Emailschilde, mit dem jenes Prachtstück
nationalen Kunstgewerbes geschmückt war, ein Türchen auf und zeigte auf goldenem Grund
Bald fand sie ein
„Aber Franz soll daran nicht 4


