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— alten mn.
Nr. 5.
Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung.
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tischen und wirtschaftlichen Verhältnisse in Deutschland gehörig beleuchtete. Herr Reuther ergriff auch das Wort, um sich gegen unseren Genossen zu wenden. Dieser antwortete ihm, indem er die Rückständigkeit und Zerfahrenheit des Antisemitismus darlegte, der ebenfalls mit den Junkern im Bunde sei. Unter Beifall der Versammlung empfahl er, bei den Wahlen für die Sozsaldemokratie einzutreten, als derjenigen Partei, die jederzeit unentwegt die Interessen des werktätigen Volkes gewahrt habe. Wir 15 mit der Versammlung sehr zufrieden ein.
r. Kaiserfestessen mit Keilerei. Aus Haiger schreibt man uns: Zur Feier von Kaisers Geburtstag hatten die hiesigen„besseren“ Patrioten am 27. Jan. ein Festessen im Casino veranstaltet. Nachdem gegessen und„gehocht“, dazu gar nicht wenig getrunken worden war, ging man nach christlich⸗germanischer Art zu den Kampfspielen über, oder deutlicher aus ge⸗ drückt, es kam zu einer ganz gehörigen Prügelei. Der angeblich schuldige Teil, ein Provisor, mußte infolgedessen die Klinik aufsuchen, weil er Schläge aufs Auge erhielt. Vorher hatte er aber seinen Gegner, einen Chemiker, der nach den in höheren Kreisen herrschenden Be⸗ griffen nicht„satisfaktionsfähig“ sein soll, mit der Hundspeitsche bedroht.— Man sieht also was ein guter Patriot für Kaiser und Reich alles zu leiden hat.
Aus dem Nreise Marburg⸗Rirchhain.
St. Parteiversammlung. Nächsten
amstag, den 7. Februar Abends 9 Uhr findet im Jes bergschen Lokale eine öffeniliche Parteiversammlung statt, in welcher Genosse Vetters⸗Gießen über ein noch näher zu bestimmendes Thema referieren wird. Außer⸗ dem findet die Abrechnung der Kolportage⸗ kommission, sowie eine Besprechung über die bevorstehenden Reichstagswahlen statt. Die Versammlung darf also, ihrer reichhaltigen und interessanten Tagesordnung wegen, hoffent⸗ lich auf einen starken Besuch der Parteigenossen rechnen.
— Die Kaiser⸗ Geburtstagsfeier nahm hier ihren gewohnten Verlauf und wir würden auch weiter keine Notiz hiervon nehmen, wenn wir nicht beim Lesen der hiesigen Zeitungs⸗ berichte auf einige Vorkommnisse aufmerksam geworden wären, die uns einer Erwähnung wert erscheinen. Am Abend des 27. Januar fand auch ein„Festessen“ im Restaurant Fronhof statt, an dem sich eine Anzahl Bürger beteiligten; hierbei hielt der Tapetenfabrikant Schäfer(Vorsitzende des hies. konservativen Vereins), der ob der Zahlung„horrenter Löhne“ an seine Arbeiter und zugleich als eifriger Agitator für den Flottenverein weit bekannt ist, die Jestrede, in der er vor allem der Fürsorge des Kaisers für die Flotte gedachte. Wenn Herr Schäfer(einem Wunsche des Kaisers gemäß) an diesem Tage seiner Arbeiter gedacht hätte, vielleicht durch eine kleine Lohn⸗ erhöhung, würde er sich einer dankbareren Aufgabe unterzogen haben. Statt dessen er⸗ folgten vorige Woche Entlassungen derselben und weitere sollen noch bevorstehen.— In einer Festversammlung des Postunterbeamteu⸗ Vereins feierte der Vorsitzende Kronemann den Kaiser in einer„schwungvollen“ Rede, in welcher er u. a. sagte, daß wir(die heutige Generation) das ganze, reine Glück eines fast idealen Staatslebens() genießen dürfen und nicht nötig hätten, einer Vergangenheit nachzu⸗ trauern, noch viel weniger voll bangender Spannung einer verschleierten Zukunft entgegen zu sehen. Wir möchten den Mann, ob seiner naiven Auffassung der politischen und wirt⸗ schaftlichen Lage Deutschlands, fast beneiden. Jedenfalls bezieht er ein bedeutendes Ge⸗ halt, daß er so zuversichtlich der bevorstehenden Verteuerung aler Lebens- und Verbrauchsar⸗ tikel durch den e Auch entgegenblickt. Ob seine Kollegen diese Anschaung mit ihm teilen, möchten wir bezweifeln, denn es ist doch all⸗ gemein bekannt, daß diese Postunterbeamten in unserem„idealen Staate“ nicht besonders
glänzend hynorirt werden.— Im Uebrigen bot der Kaisertag das gewohnte Bild: viele („gebildete“) Betrunkene auf den Straßen, fürchterlicher Radau in der Nacht.
„— Bahnhofs⸗Erweiterung. Im dies⸗ jährigen Eisenbahn⸗Etat sind für die Erweite⸗ rungsbauten des hiesigen Haupt⸗Bahnhofs 150 000 Mark vorgesehen.— Bekanntlich sind die Arbeiten einem Wiesbadener Unternehmer unter der Bedingung zur Ausführung über⸗ tragen worden, möglichst nur hiesige Arbeiter einzustellen. Trotzdem arbeiten meist Italiener bei ihm. Wahrscheinlich arbeiten diese noch billiger wie die hiesigen Arbeiter, die doch wirk⸗ lich in ihren Ansprüchen so bescheiden wie nur möglich sind.
Kleine Hitteilungen.
* Verhaftungen in Offenbach. Wegen
Verbrechen wider das keimende Leben wurden ein Werkmeister und mehrere Arbeiterinnen verhaftet. Der Werkmeister soll der Anstister der Verbrechen sein. Ein
Stück Arbeiterinnen-Elend!
r Ein schrecklicher Vorfall ereignete sich Donnerstag Abend auf den Frankfurter Haupt⸗ bahnhof. Eine ca. 25 Jahr alte unbekannte Frau warf sich vor den einfahrenden Limburger Zug und wurde zermalmt.
* In Heldenbergen fiel am Montag Abend der Postwagen, der von hier nach Höchst an der Ridder fährt, durch Scheuen des Pferdes an einer Kurve um. Von den Insassen des Wagens, die herausfi len, erlitt der Viehhändler und Metzger Isaak Haas in Höchst, einen doppelten Beinbruch.
* Erdbeben wurden am Sonntag in verschie⸗ denen Orten der Pfalz verspürt.
Gewerkschaftl. u. Arbeiterbewegung.
Bei der Berggewerbegerichtswahl im rheinisch⸗westfälischen Kohlen⸗ gebiete, von deren günstigen Ausfall für den alten Bergarbeiterverband, der auf dem Stand⸗ punlt der freien Gewerkschaften steht, wir schon be⸗ richteten, wurden nach endgiltiger Feststellung 26 710 Stimmen abgegeben. Davon erhielt der Bergarbeiter verband 14,123, der Gewerk⸗ verein 8884, die Zechenpartei 2600 Stimmen. Von den 104 Kreisen hat der Bergarbeiterver— band 56, der Gewerkverein nur 38 erobert, 8 Sitze konnte der letztere nur durch sein Bünd⸗ uis mit der Unternehmerpartei behaupten. In 11 von den 18 Spruchkammern hat der Ver⸗ band jetzt die Mehrheit der Beisitzer. Insge⸗ sammt gehören ihm 88 Beisitzer au, dem christ⸗ lichen Gewerkverein nur 49. Dieser Wahl⸗ ausgang bedentet eine wichtige Entscheidung nicht nur für die Beteiligten, sondern für alle Gewerkschaften. In ihrer eigenen Domäne wurde die„größte christliche Organisation“ aufs Haupt geschlagen und die schon fertigen Jubel⸗ artikel über„die entscheidende Niederlage des roten Verbandes“ mußten in den Papierkorb wandern. So muß es früher oder später überall kommen.
Schneiderstreik in Wien. Die in der Herrenkleiderkonsektionsbranche beschäftigten Schneider Wiens beschlossen am Sonntag in den Ausstand einzutreten. Es kommen ca. 20000 Gehilfen in Betracht. Auch die Schneider in der Provinz wollen streiken.
Schlosser und Dreher haben in den Adler⸗Fahrradwerken in Frankfurt die Arbeit niedergelegt wegen Lohndifferenzen und Maßregelungen. Zuzug fernhalten!
Der Natfonalsoziale Tischen⸗ dörfer, bisher Vorsitzender des Lithographen⸗ Verbandes, hat seine Aemter in der Gewerk—
aftsbewegung niedergelegt.
5 9 Weg treikvergehen standen vorige Woche drei Arbeiter vor der Magdeburger Strafkammer. Den Angellagten, Maurer Schleue, Arbeiter Busch und Herwig wird vorgeworfen, im August 1902 versucht zu haben, die Bauunternehmer Kräbel und Lochner durch Drohung zur Zahlung höherer Löhne zu nötigen und dadurch ihren Kollegen einen rechtswidrigen Vermögensvorteil zu verschaffen. Außerdem sollen sie Arbeitswillige durch Diohungen und Verrufserklärung zu best maten versucht hüben,
an Verabredungen zum Behufe der Erlangung günstigerer Lohn⸗ und Arbeitsbedingungen teil⸗ zunehmen und ihnen Folge zu leisten. Außer⸗ dem waren sie noch der Erpressung und des Hausfriedensbruchs angeklagt. Die Beweisauf⸗ nahme fiel für die Angeklagten sehr günstig aus, trotzdem erhielten Schleue und Busch je elnen Monat Gefängnis, Herwig 30 Mark Geldstrafe.
Partei-Nachrichten.
Zurück in die deutsche„Freiheit“. Am Sonntag ist der Redakteur des Vorwärts Robert Schmidt aus der Strafanstalt Plötzensee, wo er eine ihm wegen Veröffentlichung der Hunnenbriefe zuerkannte Gefängnisstrafe von 6 Monaten verbüßt hatte, entlassen worden. Eine große Begrüßungsfeier mit zahlreichen Ansprachen war veranstaltet, bei welcher der Gefeierte auf seinem Ehrenplatze unter Blumen fast verschwand.
Wegen Beleidigung des Nürnberger Magistrats wurde Genosse Rodolph, jetzt Redakteur der„Metallarbeiter-Zeitung“ zu 4 Monaten Ge⸗ fängnis verurteilt. Rudolph soll das Verbrechen in einer Rede begangen haben, die er in einer kurz vor den Nürnberger Gemeindewahlen stattgefundenen Volks⸗ versammlung hielt.
Wahlkreis Gießen⸗Grünberg⸗Nidda. Sonntag, den 15. Februar 1902, Vormittags 10 Uhr
Kreiskonferenz in Gießen, Lokal Orbig, Rittergasse 17. Tagesordnung:
1. Vorstandsbericht und Neuwahl des Vertrauens⸗ mannes; 2. Organisation und Agitation im Kreise (Ref. Gen. Orbig); 3. Die bevorstehende Reichstags⸗ wahl(Ref. Gen. Krumm); 4. Maifeier(Ref. Beck⸗ mann). Die Parteigenossen aller Parteiorte im Kreise werden ersucht, für ihre Vertretung zu sorgen. Jeder Ort hat das Recht, bis zu drei Delegierten zu ent⸗ senden. Etwaige Anträge sind baldmöglichst einzureichen. — Ferner werden die Parteigenossen ersucht, ihre Vor⸗ schläge über den Ort, wo das geplante Kreisfest abgehalten werden soll, noch vor der Konferenz an uns
gelangen zu lassen. Der Vorstand des Kreiswahlvereins.
Versammlungskalender. Genossen! Besucht regelmäßig Eure Versammlung en!
Samstag, den 31. Januar.
Gießen. Soz.⸗dem. Wahl verein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Referat:„Das Reichs⸗ tagswahlrecht“.
Sonntag, den 1. Fedeuar.
Gießen. Zrauer verband. Mittags 1½ Uhr Versammlung bei Lö b, Wiener Hof.,
Lollar. Wahl verein. Nachmittags 5 Uhr Ver⸗ sammlung bei Wirt Kübler(Germania).
Rödgen. Volksversammlung. Nachmittags 3 Uhr bei Wirt H. Wagner.
Montag, den 2. Februar.
Gießen. Schneiderverband. Abends 9 Ur
Versammlung bei Orbig. Samstag, den 7. Februar.
Lollar. Metallarbeiterverband. Abends 9 Uhr
Abend⸗Unterhaltung bei Wirt Weinrich.
Gießen. Jeden Dienstag, Abends punkt 1/9 Uhr, Diskussions⸗ und Unterrichtsstunde im„Wiener Hof“ bei Lö b(oberes Zimmer).
An die Parteigenossen! Diejenigen Orte, welche Versammlungen wünschen, wollen sich an den Vorsitzenden des Wahlkomitees, Gg. Beckmann, Grün⸗ bergerstr. 44, oder an die Redaktion unseres Blattes wenden. Brtefkasten.
Friedberg. Gewerksch. und Kartell⸗Bericht in nächster Nummer.
Letzte Nachrichten.
Bei der Neuwahl des ersten Präsi⸗ denten im Reichstage wurden 285 Stimm⸗ zettel abgegeben, darunter 195 für Balle strem, 89 waren unbeschrieben. Ballestrene nahm die Wahl an.(Huzugefügt zel hier, daß Ballestrem zum erblichen Mitglied des Herrenhauses ernannt wurde und eiren Orden erhielt.)


