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Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung
Kr. 5.
Wahlrechtsvorlage in Hessen.
Die neue Regierungsvorlage über die Land⸗ stände ist den Abgeordneten zugegangen. Der Entwurf zeigt im Vergleich zu dem vom vorigen Landtag abgelehnten nur unwesentliche Aende⸗ rungen.
Gießener Angelegenheiten.
— Auf die Gewerkschaftsversamm⸗ lung, die Sonntag, den 1. Februar im Lokale Orbig stattfindet, werden die Gewerkschafts⸗ mitglieder nochmals aufmerksam gemacht und zu zahlreichem Besuche aufgefordert. Neben dem Kartellbericht steht die Gewerbegerichts⸗ wahl auf der Tagesordnung und hierbei ist es nötig, daß sich die einzelnen Gewerkschaften über die aufzustellenden Kandidaten verständigen. Die bisherigen Gewerbegerichtsbeisitzer werden ebenfalls ersucht, in der Versammlung zu er⸗ scheinen. Nach Erstattung des Kartellberichts wird erst ein Vortrag über das Gewerbegerichts⸗ gesetz gehalten werden.
— Das neue Gewerbegerichtsstatut für das Gießener Gewerbegericht ist von dem Ministerium vorbehaltlich einiger unwesentlicher redaktioneller Aenderungen genehmigt worden. Diesen Aenderungen stimmte die Stadtverord⸗ neten⸗Versammlung in ihrer letzten Sitzung zu, womit das Statut rechtsgültig geworden ist. Wie schon früher mitgeteilt, ist darin das Pro⸗ portionalwahlrecht für die Wahl der Beisitzer vorgesehen. f
l. Der Besuch des Volksbades ist gegen das Vorjahr etwas zurückgegangen. Im Jahre 1902 wurden insgesamt 96594 Bäder abgegeben, mehr als tausend weniger als im Jahre vorher. Das ist gewiß bedauerlich, denn häufiges Baden übt zweifellos auf die gesund⸗ heitlichen Verhältnisse einen wohltätigen Ein⸗ fluß aus. Es sollten sich deshalb auch alle Arbeiter und Arbeiterfrauen daran gewöhnen, mindestens allwöchentlich ein Bad zu nehmen. Für den Preis, den z. B. ein Brausebad kostet, (10 Pfennig), kann sich niemand zu Hause ein Bad leisten. Allerdings sind Brausebäder auch nicht jedermanns Sache und Wannenbäder wiederum für Arbeiterverhältnisse zu teuer. Hier könnte die Ortskrankenkasse etwas tun, wenn sie Billets für Wanneubäder in größeren Mengen kaufte und, indem sie einen geringen Prozentsatz des Preises darauflegte, billiger an ihre Mitglieder abgeben würde. Die dafür gemachten Aufwendungen würden sich wohl durch Verminderung der Apotheker⸗ und sonstigen Heilkosten ausgleichen.
— Der Sanitätsverein hielt am Montag Abend im„Gambrinus“ seine Haupt⸗ versammlung ab. Nach dem vom Vorsitzenden Bräutigam erstatteten Jahresbericht gehören dem Verein 581 Mitglieder an. Der infolge neuerer Bestimmungen des Ortskrankenkassen⸗ statuts erfolgte Uebertritt von Hausgewerbe⸗ treibenden in die Ortskrankenkasse veranlaßte den Austritt einer größeren Anzahl von Mit⸗ gliedern, wofür im abgelaufenen Jahre 30 neu eintraten. Der Kassenbericht weist an Ein⸗ nahmen 5171 Mk. 47 Pfg, an Ausgaben 5095 Mk. 14 Pfg. nach. Die ausscheidenten Vor⸗ standsmitglieder wurden wieder gewählt.
— Ein Schurkenstreich. Auf vorigen Sonntag hatten unsere Genossen eine Volks⸗ versammlung nach Rödgen einberufen, in der unser Kandidat, Genosse Krumm, sprechen sollte. Bei diesem lief am Sonntag Vormittag eine mit„Der Vorstand“ unterzeichnete Post⸗ karte ein, des Inhalts, daß der Wirt den Saal nicht zur Verfügung stelle. Der Referent blieb infolgedessen zu Hause, es ging aber ein anderer Genosse nach Rödgen, um nach der Ursache der Saalverweigerung zu forscheu. Und siehe da, die Geschichte stellte sich als Schwindel her⸗ aus, vielmehr warteten zahlreiche Versammlungs⸗ besucher auf den Referenten! Irgend ein schuftiger Gegner hat die Fälschung begangen, um unsere Versammlung zu verhindern. Dies⸗ mal ist's ihm gelungen, ein zweites Mal fällt sicher niemand mehr darauf herein. Wird der Bursche herausgefunden, dann dürfte die Sache ein gerichtliches Nachspiel haben. Unseren Ge⸗ nossen ist aber bei der bevorstehenden Wahl⸗
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bewegung die größte Vorsicht anzuempfehlen, wer an irgend einen Vertrauensmann oder das Wahlkomitee schreibt, soll stets seinen vollen Namen unterzeichnen.— Für diesen Sonntag (JI. Februar) ist in Rödgen eine neue Ver⸗ sammlung auf mittags 3 Uhr im Saale von H. Wagner anberaumt, in der Gen. Krumm⸗ Gießen sprechen wird. Die Parteifreunde in AI wollen für recht zahlreichen Besuch wirken!
Aus dem Nreise gießen.
— Die Versammlung in Annerod, die am Sonntag stattfand, nahm den besten Ver⸗ lauf. Der Besuch war wegen der ungünstigen gewählten Tageszeit nicht sehr stark. Fragen der Reichstagspolitik wurden sehr beifällig aufgenommen. In einigen Wochen wird dort eine weitere Versammlung stattfinden.
r. Der Arbeiterbildungsverein in Steinberg hielt am Samstag seine Jahresversammlung ab, die sehr zahlreich be⸗ sucht war. Der Kassenbericht des Kassirers wurde für richtig befunden. Bei der Vor⸗ standswahl wurden die bisherigen Mit⸗ glieder wiedergewählt. Ferner erfolgte die Wahl dreier Genossen als Delegirte zur Kreis⸗ konferenz. Weiter gelangte ein Antrag zur Annahme, der den Kretswahlvereins⸗Vorstand ersucht, den Punkt:„Uuẽnsere Presse“ als 5. auf die Tagesordnung der Konferenz zu setzen. Im Anschluß hieran wurde beklagt, daß wir noch immer nicht zur Erweiterung und besserer Ausgestaltung unseres Blattes gelangt sind und der Wunsch ausgesprochen, daß es der Kreis⸗ konferenz gelingen möge, hier Besserung zu schaffen. Eine Hausagltation für die„Mittel⸗ deutsche Sonntags⸗Zeitg.“ wurde beschlossen. Nach lebhafter Diskusston über die politischen Tagesfragen und nach der Aufforderung, unsre Ideen für die Befreiung der bedrückten Mensch⸗ heit auszubreiten, wurde die Versammlung mit einem Hoch auf die Sozial demokratie geschlossen.
h. Für die Weltmachtspolitik— so schreibt man uns aus Großenlinden— scheint sich unser Bürgermeister und Landtags⸗ ab geordneter Leun sehr zu interessieren. Am Samstag hatte er einen Vortrag für Krieger⸗ vereinler ꝛc. arrangiert, in dem ein Herr Selters aus Gießen, der den Hunnenzug mitgemacht haben will, das glorreiche Chingabenteuer in die richtige patriotische e zu rücken suchte. Der Herr erzaͤhlte sehr viel von China und dem Kreuzzuge, was aber die Geschichte den deutschen Steuerzahlern gekostet hat, da⸗ rüber sagte er nichts. Die Ermordung des Gesandten Ketteler stellte er als die Ursache des Chinakrieges hin, was bekanntlich mit den Tatsachen keineswegs übereinstimmt.— Ehe aber Herr Leun sich um Vorträge über den Chinarummel bemühte, sollte er Ueber mal in den verschiedenen Orten selnes Wahlkreises über seine Landtagstätigkett berichten; viele Wähler wüßten z. B. gerne, warum er gegen das direkte Wahlrecht gestimmt hat!
Aus dem Rreise friedherg⸗Püdingen.
J. Ulrich in Friedberg. Am Sonntag sprach im Saalbau Reichstagsaßgeordneter Ulrich aus Offen⸗ bach über den Zolltarif vor dem deutschen Reichstage. Saal, Nebenzimmer, Wirtszimmer und Vorplatz waren dicht angefüllt. Genosse Busold, der den Vorsitz fü rte, machte in der Einleitung bekannt, daß diese Versamm⸗ lung die Antwort sein solle auf die Versammlung vor 14 Tagen, in der uns Graf Oriola über eine Stunde lang angegriffen, aber nicht verteidigen ließ. Genosse Ulrich nahm dann auch die Gelegenheit sofort wahr, um das Verhalten dieser modernen Bauernfreunde Oriola, Windecker und Konsorten in das rechte Licht zu stellen. Feige, wie sie nun einmal sind, schimpfen sie bei jeder Gelegenheit, wo sie unter sich sind, über uns, aber ich wette drum, daß heute, wo sie Gelegenheit hätten, dies zu wiederholen, keiner derselben anwesend ist. Und nun kam der Redner auf das Verhalten unserer Fraktion im Reichstage zu sprechen. An der Hand reichen Ma— terials wies er nach, daß die Fraktion nicht anders handeln durfte. Ganz besonders unsere hessischen Ver— hältnisse wurden eingehend beleuchtet. Dann beleu tete Redner die einzelnen Parteien und schilderte ihr Ver⸗ halten im Reichstage, wobei er sich eingehend mit dem jetzigen Vertreter des Wahlkreises Friedberg, Grafen Oriola beschäftigte. Nachdem Redner noch ausführlich
das Verhalten un serer Partei bei den Reichstagsdebatten dargelegt und gerechtfertigt, richtete er an die Versamm⸗ lung die dringende Mahnung, aus diesen Verhandlungen die richtigen Konsequenzen zu ziehen. Wenn die Bauern aber heute noch ihrem„Bruder“ Oriola vertrauer, in 10 Jahren werden sie ihm die Knochen im Leibe ver⸗ wünschen. Langandauernder Beifall lohnte den Redner. — Trotz wiederholter Aufforderung meldete sich kein Gegner zum Wort, was allgemein bedauert wurde. Nachdem noch Genosse Ulrich aufgefordert, bei der nächsten Wahl dem sozialdem. Kanditaten Busold die Stimme zu geben, wurde eine Resolution angenommen, in der die Versammlung ihr Einverständnis mit den Ausführungen Ulrichs erklärt und sich verpflichtet, bei der nächsten Wahl für den sozialdem. Kandidaten ein⸗ zutreten. Etwa 700 Personen waren anwesend.
Aus dem Rreise Wetzlar.
Vorspiele zur Reichstagswahl. Unsere Parteigenossen haben an den beiden letzten Sonntagen die Wahlagttation mit der Verteilung eines Flugblattes(Dezemberaufruf der Reichstagsfraktion) und des Landkalenders begonnen. Die Verbreitung vollzog sich pro— grammäßzig und ohne Zwlschenfall. Die Auf⸗ nahme in den Landorten war eine durchweg gute und läßt nach der vorhandenen Stimmung in der Landbevölkerung auf eine erhebliche Zu⸗ nahme unserer Stimmenzahl schließen. Das Amtsblatt des Kreises, der„Wetzlarer Anzeiger“ ärgert sich in einem„Eingesandt“ über den Inhalt des Flugblattes und spricht vom Stand⸗ punkt der satten Tugend und der zahlungs⸗ faͤhigen Moral, von„ungeheuerlichen Ueber⸗ treibungen, handgreiflichen Verdrehungen“ usw. Der Einsender zählt sich in seinem Schreiben zu den verständigen, den e und wahrheitliebenden Menschen und schließt mit einem Apell an die bürgerlichen Parteien, mög⸗ lichst bald und geschlossen in den Wahlkampf einzutreten. Unsere Gegner sind recht sonder⸗ bare Käuze. Erst bringen sie durch Rechts⸗ bruch einen Beutezug in Sicherheit und dann wollen sie noch von uns mit Sammethand⸗ schuhen angefaßt sein. Daß der Aufruf unserer Reichstagsfraktion auch nur eine Unwahrheit oder„handgreifliche Verdrehung“ enthält, glunde uußer dem„wahrheitfucheuden“ Ein⸗ sender kein Mensch. Wenn die bürgerlichen Parteien„geschlossen“ und„einheitlich“ sich auf einen„klerikal⸗konservatib⸗nationalltberal⸗ antisemitisch⸗bündlerischen Kandidaten einigen wollen, solls uns recht sein. Hoffentlich finden sie den gewünschten Universalprachtmenschen, Wie wärs mit Herrn Vorsteher Diehl?
Die Nationalliberalen scheinen im nächsten Wahlkampfe die„blamierten Europäer“ werden zu sollen. Wie anderwärts, so werden ste auch in unserem Wahlkreise zum Dank für die Mithülfe bei der Dezember⸗Kardorffiade von ihren konservativen Bundesgenossen an die Wand gedrückt. Die letzteren wollen nämlich dem seitherigen Abgeordneten Krämer(nutl.) die Wahlhülfe versagen und haben die Absicht, mit den Christlich-⸗sozialen und dem Bunde der Landwirte einen gemeinsamen Kandidaten auf⸗ zustellen, welcher sich der deutschkonservativen Fraktion anschließen soll. Als Kandidat ist Herr Stackmann ausersehen. Derselbe war früher Landrat in Wetzlar, dann Oberpräsidial⸗ rat in Koblenz und zuletzt Finanzdirektor der Firma S. Schuckert in Nürnberg.
h. Der Bund der Landwirte be⸗ treibt gegenwärtig in unserem Wahlkreise eine umfassende Agitation. Es zieht ein Agitator herum, der sich als„Kleinbauer“ in den Ver⸗ sammlungen vorstellt, in Wirklichkeit ein Ange⸗ stellter des Bundes der Landwirte zu sein scheint. Ihm ist die Hauptsache, Mitglieder für den Junkerbund zu werben, was ihm der Antisemit Reuther nach Möglichkeit zu er⸗ schweren sucht. In Oberbiel fand am Samstag eine Versammlung statt, in welcher der Bauernbündler als Referent die Bescheiden⸗ heit hatte zu sagen, daß in dem angenommenen Zolltarif die Jul viel zuniedrig gesetzt sesen, so daß dieser Zolltarif den Bauernstand ruiniren müsse. Letzteres ist wohl möglich, aber nicht durch zu niedere Zölle, sondern das gerade Gegenteil ist der Fall. Das sagte ihm auch unser anwesender Genosse Vetter s⸗Gießen, der die junkerliche Raubpolitik, sowie die poli⸗


