Ausgabe 
31.8.1902
 
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Seite 6.

MNitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 35.

1 e 4 0 Unterhaltungs-Ceil. 5

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Das Goldmacherdorf.

Eine anmutige und wahrhafte Geschichte für Schule und Haus. Von Heinrich Zschokke.

140(Fortsetzung).

17. Vom Blitzstrahl im Parrhause und dem neuen Herrn Pfarrer.

Zu dieser Zeit war in einer Nacht ein erschreckliches Gewitter. Der ganze Himmel stand in Flammen. Der Donner rollte, daß die Häuser bebten und die Fenster klirrten. Wenn die Bauern das ganze Jahr ruchlos blieben, so beteten sie doch allemal beim Gewitter recht laut und bereuten ihre Sünden von ganzem Herzen so lange, bis das Wetter vorüber war. Dann lebten sie wieder wie vorhin.

Plötzlich fuhr mit entsetzlichem Krachen und Prasseln der Blitz ins Dorf. Er fiel wie ein Feuermeer auf das Pfarrhaus; doch zum Glück zündete er nicht und beschädigte niemanden. Aber am folgenden Morgen sah man, wie der Blitz das ganze Dach zerschmettert hatte, und der alte Herr Pfarrer war vom Schrecken so hart befallen worden, daß er nach wenigen Tagen starb.

Da schimpften die Goldenthaler auf die

Regierung und sagten:Die Regierung ist an dem ganzen Unglück Schuld. Denn hätte sie nicht verboten, beim Hochgewitter mit der Glocke zu läuten, so wäre das nicht geschehen. Sonst hat man doch das Wetter, wenn es kam, wegläuten können; jetzt ist das verboten. Diese großen Herren haben keine Religion mehr im Leibe. Nun haben wir das Unglück. So sprachen die Goldenthaler. Oswald aber sagte:Wie denket ihr doch in eurem Herzen so thöricht, und sprechet so lästerlich! Die Regierung hat den Blitz nicht auf das Dach des Pfarrhauses gezogen, sondern der metallene Knopf mit der eisernen Wetterfahne hat es gethan. Denn es liegt in der Natur des Blitzes, immer dem Wasser oder den Metallen auf der Erde nachzugehen, besonders den metallenen Spitzen. Denn sobald der Blitz Metalle findet, an denen er bis in den Erdboden dringen kann, ist er unschädlich.

So sprach Oswald, und führte die Bauern auf das Dach des Pfarrhauses. Da sahen sie alle in dem vergoldeten Knopf kleine einge⸗ schmolzene Löcher, und sahen, wie der Blitz den aufrechtstehenden Nägeln der Hohl- und Eck⸗ ziegel am Dache nachgelaufen war, bis unter das Dach zu einem Eisendraht, an welchem man vor der Hausthür zu klingeln pflegte, wenn man zum Herrn Pfarrer wollte. Weil nun der Blitz solch einen eisernen Weg zur Stunde gefunden, war das übrige Haus von ihm ver⸗ schont worden und ein kalter Schlag geblieben. wie die Bauern sagten. Er wäre aber, hätte er jenes leitende Eisenzeug nicht gefunden, wohl leicht ein gar heißer Schlag geworden.

Oswald sprach ferner:Weil die Kirch⸗ türme hohe Spitzen tragen und viel Eisenwerk im Junern, geschieht es oft, daß der Blitz sie trifft. Und weil daher schon mancher arme Mensch beim Gewitterläuten erschlagen worden ist, hat die hohe Obrigkeit das unnütze und abergläubige Läuten verboten.

So sprach Oswald; und weil er merkte, daß sich seit der Zeit viele Leute vor dem Blitzstrahl mehr als vorher fürchteten, that es ihm leid. Und er sprach:Angst und Schrecken beim Gewitter sind ein Unglück; das Gewitter selbst ist ein Segen für die Länder. Darum legt euren Kummer ab. Gehet hin, befestiget auf dem Giebel eures Hauses eine eiserne Spitze, eines Schuhes hoch; knüpfet daran einen eisernen Draht, nicht dicker als die Spule einer großen Schreibfeder, der muß über das Dach herab bis zur Erde gehen in eine feuchte Stelle.

So habet ihr dem Blitz einen Weg gemacht, auf dem er unschädlich zur Erde führt, wenn der Draht ein einziges Stück ist von oben bis unten, und ihr ihn sauber haltet von allem Rost und Schmutz. Ein Blitzableiter ist ein Furchtableiter, und bewahrt zugleich Haus und Dorf gegen ein mögliches Unglück und Feuersbrunst durch den Strahl.

Also redete der Schulmeister, und setzte auf sein eigenes Haus eine Eisenspitze mit dem daran hängenden Draht(denn Elsbeth fürchtete sich stark bei Gewittern). Der Müller hatte dergleichen schon längst in der Stadt gesehen und that es auch. Viele Bauern folgten dem Beispiel nach, denn es kostete nicht viel und half doch zur Beruhigung.

Andere aber nahmen in ihrer Dummheit daran großes Hindernis und sagten:Heißt das nicht, unserm Herrgott nach den Augen stechen und ihm Gesetze vorschreihen? Kann er nicht mit seinen Blitzen treffen, wen er

will? Werden die vielen Wetterstangen nicht

die fruchtbringenden Gewitter verhindern und schlechte Witterung machen?

Da antwortete der Schulmeister und sprach: Ihr Thoren, die Wetter Gottes gehen über tausend Spitzen der Bäume des Waldes, wie über kahle Ebenen; und seine Blitze befruchten den Erdboden, sie mögen in den Wipfel der Eiche oder in Eisenstäbe, oder in See'n, Flüsse und Meere fallen. Wir haben aber Einsicht, auf daß wir uns bewahren sollen vor dem Schaden, den die herrlichste Sache am unrechten Ort stiftet. Das Feuer ist mit Licht und Wärme wohl ein herrliches Ding, aber nicht wenn das Haus brennt. Darum gab uns Gott das Wasser zum Löschen des Feuers. Brauchet ihr nun das Wasser zum Löschen des Feuers, warum traget ihr Bedenken, das Eisen zum Löschen des Blitzes zu gebrauchen? Es ist kein Uebel in der Welt, es giebt dagegen ein Mittel. Aber der Mensch soll es erkennen und mit Dank empfangen. Wer nun in blinder Verstocktheit das Mittel verschmäht, ist ein Verächter von Gottes teuersten Gaben, und leidet gerechte Strafe, es sei, daß sein Haus verbrenne von der Flamme des Feuers, oder daß sein Haupt vom Blitzstrahl getroffen werde.

Viele glaubten an diese verständigen Reden. Andere aber, die Blöden und Hochmütigen, verachteten solche Worte in ihrem Herzen, und wollten nicht zugeben, daß es der Schul⸗ meister besser verstehe, als sie; denn sie schämten sich dumm zu sein, und wollten ihrer Unver⸗ ständigkeit das Ansehen der Klugheit verleihen.

Die Stelle des verstorbenen Herrn Pfarres blieb nicht lange unbesetzt. Der neu erwählte Herr Pfarrer Roderich, damals noch ein junger Maun von siebenundzwanzig Jahren kam ins Dorf.

Ei! riefen einige Bauern;was soll uns dieser Knabe? Wenn die Regterung keinen Glauben mehr hat, so soll sie uns doch bei unserm Glauben lassen, und einen würdigen Mann schicken, der Jahre und Erfahrung hat. Andere sprachen:Der Herr Pfarrer ist auch einer von der neuen Mode. Gott sei es geklagt. Wenn er predigt, spricht er so wie unsereins, und man kann wahrhaftig alles begreifen und behalten. Das taugt nichts. Es ist nicht ge⸗ lehrt genug und sollte mehr lernen. Da muß man den alten Herrn Pfarrer selig in Ehren halten. Das war ein ganz anderer Mann! Der predigte so schön und gründlich gelehrt, daß ihn unsereins nur nicht verstand, und wenn er anderthalb Stunden auf der Kanzel war. Der wußte unsereins herzunehmen, wenn er von der Hölle und ewigen Pein anfing und von Buße und Glauben, und wenn er das ganze Sündenregister hersagte. Zumal im Winter, wenn es in der Kirche fror, daß man hätte Ach und Weh schreien mögen, dann machte er's am längsten! Wieder andere sagten:Ja, der alte Herr selig, das war ein Mann! Wenn er auf der Kanzel stand oder beim Altax, da war doch von seiner großen, breiten Gestalt etwas zu sehen. Der neue Herr Pfarxer ist viel zu schmal, und dünn wie ein Zwirnfaden. Ja, wenn der alte Herr selig einmal eifern wollte, hörte man

ihn weit über's Dorf hinaus richtig beim Vieh auf der Almende; und den Leuten, wenn sie aus der Kirche kamen, klangen die Ohren zwei Stunden hernach. Der hatte eine Stimme! Aber der neue Herr Pfarrer spricht so, als wäre er bei uns in der Stube.

So urteilten die Leute zu Goldenthal, doch auch nicht alle.

19. Glück führt oft zur Unglücks⸗ Schwelle, Unglück oft zur Glückes⸗Quelle. In denselben Tagen aber begab sich ein großes Unglück im benachbarten Dorfe Ferkel⸗ hausen, wo am hellen Tage eine Feuersbrunst ausbrach, während die Leute dort auf dem Felde gearbeitet hatten. Zwar aus Goldenthal,

wie aus andern naheliegenden Ortschaften,

war man sogleich zur Hilfe dahin geeilt. Allein binnen wenigen Stunden lagen sechs Wohn⸗ häuser von den Flammen in Schutt und Asche verwandelt und einige Stücke Viehs blieben in den Ställen lebendig verbrannt. Solches Unheil war durch Unvorsichtigkeit von Kindern gestiftet worder, die in einem der Häuser zurückgelassen worden waren, als sich die Erwachsenen zur Arbeit auf ihre Aecker und Wiesen begeben hatten. Die Kinder hatten in der Küche mit der Kohlenglut auf dem Herde gespielt. Ein Unglück kömmt selten allein, sagt man. Und diesmal war's der Fall.

Als Abends die Goldenthaler vom Löschen heimkamen, sahen sie vor der Hausthür des Adlerwirts Kreidemann einen Haufen Weiber, Knechte, Mägde versammelt. Einige trockneten sich die Thränen vom Auge, andere seufzten mitleidig; alle standen ernst und niedergeschlagen da. Aus dem Hause aber erschollen Stimmen lauten Jammers und Wehklagens. Denn das jüngste vierjährige Töchterlein hatte auf ent⸗ setzliche Weise sein junges Leben eingebüßt. Es war hinter dem Hause, beim Stalle, in die Mistjauche gefallen, und elendiglich in der stinkenden Pfütze ertrunken. Jedermann hatte das Kind lieb gehabt, denn es war artig und hübsch, wie ein kleiner Engel, gewesen. Darum sah man überall so großes Herzeleid.

Als Herr Pfarrer Roderich zwei Tage nach⸗ her beim Begräbnis des Mägdleins rührende Worte des Trostes gesprochen hatte, begab er sich zu seinem Freunde Oswald und sagte: Lieber Freund, gute Worte sind allerdings löblich; aber gute Thaten viel löblicher. Es ist besser, ein Unglück verhüten, als darüber trösten. Es ist unverantwortlich, daß Leute zur Feldarbeit gehen und ihre unmündigen Kleinen ohne Aufsicht zu Hause sich selbst überlassen! Es ist unverantwortlich, weil un⸗ verständig, gegen alle Elternpflichten gesündigt, und gefahrvoll für sie selbst und andere. Warum richtet man bei uns kein Bewahr haus der Unmündigen ein, keine sogenannte Kleinkinderschule, wie man in vielen Städten und Ortschaften hat? Das ist ja gar nicht kostspielig; erspart den Eltern Angst und Sorge, wenn sie, um Geld zu verdienen, vom Hause sich entfernen müssen, und beugt manchem Jammer und Elend vor.

Oswald schüttelte den Kopf. Er gestand, er habe von dergleichen Bewahrhäusern, oder Kleinkinderschulen, nie gehört noch weniger gesehen. Dessen verwunderte sich der Herr Pfarrer sehr. Er erteilte ihm darüber Auskunft und sagte: man gebe die Kinder, welche noch nicht alt genug wären, die Schule zu besuchen, der Aufsicht einer verständigen Frau. Diese hüte und besorge die Kleinen den ganzen Tag über, während die Eltern außer Hauses in der Arbeit wären; spiele mit ihnen in der Stube, oder, bei gutem Wetter, im Freien; gewöhne sie zur Reinlichkeit, und zum Gehorsam; lehre ste im Spielen mancherlei Nützliches, und gebe ihnen zu essen, was man Morgens für sie geschickt hätte.

Es hörte Oswald die Worte des Pfarres mit großer Aufmerksamkeit; schüttelte dann aber mit bedenklicher Miene den Kopf, und sprach:Die Bauern hier zu Lande sind noch etwas rohes Volk. Viele Eltern sind gewissenlose Menschen, die sich um ihre Schweine, Ziegen und Kühe weit mehr, als um ihre eigenen

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