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Nr. 35.
Mitteldentsche Sonutags⸗Zeitung.
Seite 7.
armen Kinder bekümmern.„ Ichl fürchte, sie würden, wenn sie ihre Kleinen anderswo auf⸗
gehoben wissen, ihre Elternpflicht noch mehr
bergessen lernen!— Dann aber, glaub' ich auch, taugt es nicht, daß man die kleinen Geschöpfe, ehe sie das sechste Jahr zurückgelegt haben, schon zum Lernen anhalte. Es ist zu früh. Man muß, in so zartem Alter vor allen Dingen nur für die Pflege ihrer Gesundheit, und für Stärkung ihrer schwachen Kräfte Sorge tragen.“
(Fortsetzung folgt.)
Zehn Sätze vom Trinken.
1) Trinke nicht, weil andere es wollen, sondern nur, wenn Du Durst hast!
2) Trinke nie, ohne gegessen zu haben!
3) Wenn Dux erhitzt bist, trinke keine kalten Getränke! f
4) Trinke nie Branntwein!
5) Trinke nie mehr, als Du vertragen kannst! Vom Gegenteil kommt viel Unglück.
6) Spotte nicht über den, der nicht trinken will! Er hat vielleicht mehr darüber nachge⸗ dacht als Du.
7) Denke beim und Kinder! 5
8) Gieb niemals Kindern geistige Getränke! Sie sind ihnen Gift.
9) Laß manchmal ein Glas ungetrunken und verwende das Geld für die Arbeiterbewegung!
10) Denke daran, daß es außer dem Trinken noch Freuden des Lebens giebt, und vielleicht bessere!
Trinken auch an Frau
Wenn der Kaiser reist.
Dieser Tage kommt der Kaiser nach Posen. Aus diesem Anlaß wird die dortige Schutz mannschaft um 105 Schutzleute, 8 Wachtmeister und 2 Kommissare, die aus Breslau kommen, verstärkt. Eine größere Zahl städtischer Schulen in Posen sollen für die Kaisertage zum Teil in Kammern und Büreaus für das Militär um⸗ gewandelt werden. In diesen Schulen wird der Unterricht vom 26. August bis einschließlich 8. September ausgesetzt. Auch die nicht für das Militär in Anspruch genommenen Schul⸗ austalten schließen für die Tage vom 2. bis 4. September. An der Spalierbildung am 3. September sollen nach der„Pos. Ztg.“ nicht nur sämtliche Schulen der Stadt Posen, sondern auch Schulanstalten aus der Provinz, teilnehmen.
Heilig ist das Eigentum!
Vor der Strafkammer zu Halle a. d. S. hatte sich die Arbeiterin Minna Traviel zu verantworten. Sie hat das Unglück, vorbestraft zu sein; sie entwendete im Monat Mai in bitterster Rot— ihr kranker Mann konnte nichts verdienen und die Sorge für die Familie ruhte völlig auf ihren Schultern— auf der Seebener Flur aus einem Schuppen der wohl⸗ habenden Gebrüder Nagel für 5 Pfennig Braunkohlenschutt, um für die Familie Essen bereiten zu können. Die unglückliche Frau wurde deshalb zu drei Monaten Gefängnis verurteilt, weil sie rückfällig war und die heilige Ordnung diese Strafe verlangte. Der Spruch:„Ihr laßt den Armen schuldig werden, dann überlaßt ihr ihn der Pein,“ wird wohl, so lange die bürgerliche Gesellschaft besteht, seine Berechtigung behalten.
Wie Verbrecher gezüchtet werden.
— In Kottbus hatte sich, wie unser Forster Parteiorgan schreibt, ein zwölfjähriger Schul⸗ knabe Karl Jurk wegen schweren Diebstahls zu verantworten. Der Junge, ein schwächliches Kind, wird aus dem Zentralgefängnis vorgeführt, wo er zur Zeit bereits eine einmonatige Gefäng⸗ nisstrafe wegen Diebstahls zu verbüßen hat. Er ist geständig, mit einem passenden Schlüssel die Wohnung der Wittwe Seidel geöffnet und 1 Mk. entwendet zu haben. Der Verteidiger führt an:„Die Mutter des Kindes, die Witwe Jurk, nährt sich kümmerlich, indem sie bei fremden Leuten wäscht; sie kann sich wenig um
die Erziehung ihres Kindes kümmern und seine Nahrung bestand größtenteils nur aus Mehl⸗ suppe. Der Junge bleibt die meiste Zeit sich selbst überlassen.“ Das Gericht erkannte unter Zubilligung mildernder Umstände auf 4 Mo⸗ nate Gefängnis! Ob die Frage nach
der erforderlichen Einsicht in die Strafbarkeit
der Handlung erwogen worden ist, ist nicht angegeben, jedenfalls ist die Frage nicht verneint worden. Wer kann aber glauben, daß dieses arme, hungernde, mit Mehlsuppe genährte Kind, um das sich die Mutter aus Pot nicht kümmern kann, gebessert aus dem Gefängnis kommen wird! Ein Gewohnheits verbrecher mehr! Das ist das Resultat dieser unsinnigen Methode. Dabei- und das ist das Beschämendste und Traurigste— ist die übergroße Mehrheit aller Fachgelehrten, aller Kriminalisten, aller Sozio⸗ logen und aller Politiker einig darüber, daß solche Kinder nicht ins Gefängnis, sondern in eine gute Pflege und Erziehung gehören, daß ste der menschlichen Gesellschaft verloren sind durch die Einsperrung im Gefängnis. Und doch ist noch nicht abzusehen, wann diesem schmachvollen Zustande ein Ende bereitet werden wird.
Gemeinnütziges.
Von den Pilzen. Die Pilzsaison hat jetzt wieder begonnen, und die Freunde der wohlschmeckenden und nahrhaften Gerichte, die aus den zum großen Teil unscheinbaren Pilzen bereitet werden können, werden es sich nicht entgehen lassen, in das Einerlei ihres Menus durch den neuen Saisonartikel angenehme Ab⸗ wechslung zu bringen. Leider ist, so schreibt die„Freis. Ztg.“, die Zahl dieser Pilzfreunde noch immer nicht so groß, wie es bei der Be⸗ deutung dieses Nahrungsmittels wünschenswert wäre, und so geht alljährlich ein großer Speise— vorrat, den unser Boden hervorbringt, ungenutzt zu Grunde. Die Abneigung weiter Kreise gegen die Pilze ist hauptsächlich der Furcht vor Ver— giftungen zuzuschreiben, und es ist allerdings nicht zu leugnen, daß gerade die besten eßbaren Pilzarten gefährliche Doppelgänger haben, die die stärksten Gifte in sich aufspeichern, deshalb die nur allzu häufig vorkommenden Vergiftungs⸗ fälle erklären und die strengste Vorsicht völlig rechtfertigen. Allgemeine Zeichen zur sofortigen Erkennung der giftigen Arten giebt es dabei nicht. Schützen kann nur eine genaue Kenntnis der guten und der schlechten Arten. Um nur einige der gefährlichen Doppelgänger zu erwähnen, so steht hier der außerordentlich giftige Knol— lenblätterschwamm obenan. Seine Aehn⸗ lichkeit mit dem allbeliebten Champignon unserer Aecker, Wiesen, Wälder ist, besonders in seiner Jugend, so überaus groß, daß, wenn man seiner Sache nicht ganz sicher ist, man lieber den Champignon in geschlossenem Zu⸗ stande nicht sammeln soll, weil seine Blätter dann noch hell und denen seines giftigen Dop⸗ pelgängers um so ähnlicher sind. Ein wegen seines vorzüglichen, eigentümlich pikanten Ge⸗ schmackes hochgeschätzter Pilz ist ferner der Steinpilz, der besonders in Nadelwäldern, auf moosigem Boden, zu finden ist. Sein Doppelgänger ist der Satanspilz. Er steht häufig dicht neben ihm und giebt deshalb sehr leicht zu Verwechslungen Anlaß. Der Steinpilz unterscheidet sich von ihm dadurch, daß seine Röhrenmündungen niemals rot sind und sein weißes Fleisch unverändert bleibt, während das des Satanspilzes beim Zerschneiden des Hutes sich schnell blau färbt. Bläulich bis schwärzlich läuft beim Zerschneiden übrigens auch das Fleisch des nur im Verhältnis des Hutes zum größeren Stiel von Steinpilz unterschiedenen Kapuzinerpilzes an, der an Wert und Schmackhaftigkeit jenem nichts nachgiebt. Der gleichfalls sehr ähnliche und giftige Dickfuß kennzeichnet sich durch seinen Wanzengeruch. Der rote Hut des schmackhaften, aus Italien herübergekommenen Kaiserpilzes schimmert dem Suchenden verlockend aus dem Grase der Laubwaltungen entgegen. Schon von den alten Römern wurde er unter dem Namen Boletus vor anderen hochgeschätzt.
Kaiser Claudius
hatte eine so große Liebhaberei dafür, daß ste⸗ ihm schließlich das Leben kostete, indem seine Frau, die sittenlose Agrippina, ihn durch ein Gericht seines gefährlichen Doppelgängers ver⸗ giftete. Dieser, der allgemein gefürchtete Flie⸗ genpilz, unserscheidek sich weniger durch di⸗ äußere Färbung, als durch die Farbe des Fleisches, das hier weiß ist, an der Luft aber blau wird, während das Fleisch des Kaiserpilzes stets gelb erscheint. Der eßbare Reizker in seiner schönen orangefarbenen Umiform unter⸗ scheidet sich von seinem gefährlichen Doppel⸗ gänger, dem Birkenreizker, durch die Farbe des beim Zerschneiden hervortretenden Milchsaftes. Während dieser beim eßbaren Reizker rot oder orangegelb erscheint, ist er bei der giftigen Art weiß. Auch kennzeichnet sich der gute Reizker noch dadurch, daß sein Fleisch beim Zerschueiden grünlich anläuft.
Splitter.
Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden,
Wenn unerträglich wird die Last— greift er
Hinauf getrosten Mutes in den Himmel
Und holt herunter seine ew'gen Rechte,
Die droben hangen unveräußerlich
Und unzerbrechlich, wie die Sterne selbst. Schiller, Tell.
* *
Schlägt ein Mensch den andern tot,
So nennts ein Jeder Mord;
Doch töten tausend sich im Kampf,
So braucht man ein andres Wort.
1 Oskar Linke.
Hilf dir nicht selbst, nein, laß den Himmel walten, Für den Herrn Landrat stimme bei der Wahl. Versäume nie, die Gabel links zu halten, Das Messer rechts— mein Freund: das ist Moral!
F. Avenarius. **
* In der Verachtung jeglicher Gefahr, Wo's die Erfüllung heil'ger Pflichten gilt, Besteht der wahre, ehrenwerte Mut. Raupach.
Humoristisches.
Begreiflich. Sie: Wo bist Du letzte Nacht so lange gewesen? Er: Im Kriegerverein. Der Major a. D. Müller sprach begeisternd über die Vermehrung der Artillerie. Sie: Aha— deshalb kamst Du mit einem solchen Kanonen rausch nach Hause.
Poesie und Prosa.„Erinnerst Du Dich noch, Karl, wie ich Dich auf dieser Bank. getroffen habe und Du an Deinen Knöpfen abgezählt hast, ob ich Dich liebe oder nicht? An so was denkst Du heute nimmer!“— „Dazu fehlen mir jetzt auch die Knöpfe am Rock!“
(Fliegende Blätter.)
Serenissimus.„Kann gar nicht glauben, lieber Professor, äh, daß auf Antillen Natur allein an Kata⸗ strophe schuld sein soll... Sollten da nicht, äh, sozial⸗ demokratische Bergleute Hände mit in Spiel gehabt haben?“-
—
Geschichtskalender.
31. August. F iu Genf.
1. September. 1901: Chinesische Sühneprinz⸗ Komödie in Basel. 1898: Selbstmord des Obersten Henry in Paris(Dreyfuß-Prozeß).
2. 1895: Wilhelm II. Rottenrede beim Garde⸗ festmahl. 1867: Internationaler Arbeiter⸗Kongreß in Lausanne.
3. 1856: Royalistenputsch in Neuchatel.
4. 1898: Brüsewitz begnadigt. 1895; Stöcker's Scheiterhaufenbrief im„Vorwärts“ veröffentlicht. 1870: Proklamation der Republik in Frankreich.
5. 1870: Manifest des Braunschweiger(soz.⸗dem.) Ausschusses gegen den Krieg. 1868; Soz.⸗dem. Vereinstag in Nürnberg.
6. 1901: Attentat auf den amerik. Präsidenten Mc. Kinley in Buffalo. 1898: Wilhelm II. Zuchthaus⸗ drohrede für Streikanreizung.
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1864: Ferdinand Lassalle.
Die Kolporteure sind gehalten, bis zum 15. jeden Monats abzurechnen; wir bitten die Abon⸗ 9 nenten, dies zu beachten.
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