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Seite 4.
Mitteldeutsche Sonulags⸗Zeitung.
Nr. 35.
Säuglingssterblichkeit der bürgerlichen Gesell⸗ schaft? Von Curt Freudenberg.— Volksrecht. Gedicht von Robert Seidel.— Bruno Schoen⸗ lank. Von I. A.(mit Portrait).— Vom Obst⸗ baum und seinen Früchten. Von Curt Grotte⸗ witz.— Ein Glückspilz. Erzählung von Robert Schweichel(mit Illustrationen).— Karl Bürkli. Von Hermann Greulich(mit Portrait).— Die Bagdadbahn und die asiatische Türkei. Von Max Schippel.— In St. Gallen. Von I. A. — Wie man vor 150 Jahren Buchbindergeselle wurde. Von Dr. Adolf Braun.—„Ach— was verstehst Du davon!“ Skizze von Helma Steinbach.— Wie wiegt man die Erde? Von Dr. Bruno Borchardt(mit Illustrationen).— Russische Revolutionen. Von A. Demmer.— Prüfung von Schiffsmodellen. Von A. G.— Außerdem haben noch eine Anzahl schöner Ge⸗ dichte bestens bekannter Verfasser Aufnahme gefunden. Der Preis beträgt nur 40 Pfg. Zu haben ist er bei dem Vorsitzenden der Kol⸗ portage⸗Kommission Gg. Beckmann, außer⸗ dem bei unseren Zeitungsträgern.— Bei dieser Gelegenheit möchten wir auch auf die illustrierte Romanbibliothek„In freien Stunden“ aufmerksam machen, die in Wochen⸗ heften a 10 Pfg. im Verlage des„Vorwärts“ erscheint. Die laufenden Hefte enthalten neben dem mit prächtigen Zeichnungen geschmückten Roman„Die drei Musketiere“ von A Dumas, der bei dem Leserkreis reichen Beifall findet, die stimmungsvolle Raabesche Erzählung „Die schwarze Galeere“, die namentlich die Frauenwelt und die Jugend fesselt. Diese Romanbibliothek ist bestimmt, die leider noch vielfach in Arbeiterkreisen verbreitete Schund⸗ litteratur zu verdrängen, und dazu muß die Arbeiterschaft mit beitragen, indem sie die Romanbibliothek unterstützt.
Parteigenossen allerorts!
Nach dem auf dem Mainzer Parteitage beschlossenen Organisationsstatut kann sich bekanntlich nur Derjenige zur Partei zählen, welcher sie dauernd mit Geld⸗ mitteln unterstützt.
Der Satz ist nicht so zu verstehen, daß Genossen, die wegen Arbeitslosigkeit, Krankheit und großer Armut einen Beitrag nicht zahlen können, als nicht zur Partei gehörig betrachtet werden. Das wäre ja bei einer Arbeiterpartei, wie sie die Sozialdemokratie darstellt, ein un⸗ haltbarer Beschluß. Aber der Parteitag ist von der Ueberzeugung ausgegangen, daß ein engerer Zusammenschluß aller Sozialdemokraten erfor- derlich ist, wenn wir auf unserer bisherigen Siegesbahn weiter schreiten wollen. Darum muß auch für die Partei eine festgefügte große Organisation geschaffen werden, die über regel⸗ mäßige Einnahmen verfügt. Durch den Anschluß an diese erfüllt ein Genosse den erwähnten Parteitagsbeschluß.
Soll etwas erreicht werden zum Wohle der besitzlosen Klasse, so müssen unsere Parteivereine mehr Mitglieder aufweisen, als es bis jetzt der Fall ist. Die in unseren Wahlvereinen und Arbeiterbildungsvereinen erhobenen Mit⸗ gliederbeiträge sind so niedrig, daß Jedem der Beitritt ermöglicht ist. Tretet deshalb unge⸗ säumt unseren Parteivereinen bei! Diese schon mehrfach in unserem Blatte ergangene Mahnung muß besonders angesichts der bevorstehenden Wahlen beherzigt werden. Es steht uns zweifellos ein äußerst heftiger Wahlkampf bevor. Wenn wir nicht für thatkräftige Organisationen und hinreichende Mittel sorgen, so werden wir unterliegen und die Ausbeutung und Unter⸗ drückung des Volkes wird noch verschärft werden.
Darum besinne sich jeder auf seine Pflicht, trete unsern Wahlvereinen bei und ermuntere seine Freunde und Mitarbeiter ebenfalls zum Beitritt. Besonders lasse sich aber ein jeder die Verbreitung uuserer Parteischriften und Blätter angelegen sein. Werbt deshalb stets Abonnenten für die
„Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung“! Bekanntlich kostet das Blatt nur 28 Pfennig den Monat.
— In der Gewerkschaftsversammlung, die am vergangenen Samstag im Orbigeschen Lokale statt⸗ fand und gut besucht war, berichtete Genosse Ehrler⸗
Frankfurt über den Stuttgarter Gewerkschafts⸗ kongreß. Er wies zunächst darauf hin, daß schon die zahlreiche Beschickang desselben von Seiten der aus⸗ ländischen organisierten Arbeiterschaft zeige, von welch großer Bedeutung der Kongreß sei. Die Ausführungen der auswärtigen Delegierten bewiesen auch, daß überall die Arbeiterschaft von der Notwendigkeit der Bethätigung auf politischem und gewerkschaftlichem Gebiete durch⸗ drungen sei. Auch auf der Regierungsseite ist ein Um⸗ schwung in den Anschauungen zu bemerken. Derselbe Minister schickte seinen Vertreter, der noch vor wenig Jahren durch das Zuchthausgesetz die Arbeiterbewegung niederknüppeln wollte. Redner ging dann auf die Ver⸗ handlungen des Kongresses näher ein, konnte natürlich nur einen Teil der zahlreichen Verhandlungsgegenstände eingehender besprechen. Von den 12 Tagesordnungs⸗ punkten nahm die Angelegenh it der Buchdrucker, ihr Streit mit dem Leipziger Gewerkschaftskartell, viel Zeit in An⸗ spruch. Die Sache wird hoffentlich jetzt bald beigelegt werden, da Verhandlungen im Gange sind, welche die Herbeiführung einer Verständigung zwischen dem Verband und der Gewerkschaft bezwecken.
Als recht erfreulich bezeichnete der Redner die Er⸗ klärung des Kongresses, daß die Gewerkschaften ihre politische Vertretung nur in der Sozialdemokratie sehen. Das sei ein deutlicher Wink für gewisse„Arbeiterfreunde“, die gerne einen Keil in die Arbeiterbewegung hinein⸗ treiben möchten. Ueber„Agitation unter den Frauen“ referierte Frau Tietz⸗Berlin, die betonte, daß vielfach die Männer schuld seien, wenn die Organisation der Frauen wenig Fortschritte mache. Redner giebt das zu; er spricht sich ebenfalls dahin aus, daß der Mann nicht seine Frau mit einem„Das verstehst Du nicht“ von der Bethätigung auf gewerkschaftlichem und politischem Gebiete abhalten, sondern sie vielmehr dazu anregen solle. Ein besonders wichtiger Verhandlungspunkt war das Reichs⸗Arbeiter-Sekretariat. Eine derartige Ein⸗ richtung erweist sich mit jedem Tage mehr als notwendig. Hauptaufgabe des Zentralsekretariats soll die Vertretung von Gewerkschaftsmitgliedern in Unfallprozessen vor dem Reichsversicherungsamt sein. Gegenwärtig zahlen die Arbeiter, welche einen Unfall-Entschädigungs Anspruch erheben, oft hohe Summen an Winkelodvokaten für Ver⸗ tretung ihrer Sache vor dem Reichsversicherungsamt. Der Kongreß hat beschlossen, ein Zentral ⸗Arbeitersekretariat zu errichten, das mit dem 1. Januar 1903 ins Leben treten soll. Ferner beschloß der Kongreß noch die Ver⸗ legung der General⸗Kommission nach Berlin, die ebenfalls am 1. Januar erfolgen soll.
Weiter berichtete Ehrler über die zahlreichen Schwie⸗ rigkeiten, die den Gewerkschaften von behördlicher Seite noch bereitet werden, wie ste auf dem Kongreß zur Sprache kamen. Es kam sogar vor, daß man gegen die bei Lohn bewegungen thätigen Unterhändler der Ar⸗ beiter ein Verfahren wegen„Erpressung“ einleitete! Ueber die Stellung der Gewerkschaftskartelle zu den Zentral⸗Organisationen verhandelte der Kongreß nur lurz, die Frage soll auf die Tagesordnung des nächsten Kon⸗ gresses gesetzt werden. Mit der Aufforderung, jeder Ar⸗ beiter möge nach besten Kräften zur Stärkung und Aus⸗ breitung der Gewerkschaften beitragen, schloß Redner seine Ausführungen. Die Diskussion war nur kurz und drehte sich um die„Buchdrucker“-Angelegenheit.
— Der Gesangverein„Eintracht“ feiert am Samstag, den 20. September sein 29. Stiftungsfest im Leib'schen Saale. Wir weisen schon jetzt darauf hin, damit die befreundeten Vereinigungen sich danach richten und dem Verein ihre Unterstützung angedeihen lassen können.
— Ausflug nach Gleiberg. Die hiesigen Genossen und der Gesangverein„Eintracht“ veranstalten diesen Sonntag einen Ausflug nach Gleiberg, um sich dort an der von den Wetz⸗ larer Genossen arrangierten Lasallefeier zu beteiligen. Abmarsch von der Lahnbrücke aus spätestens halb 3 Uhr. Der Gesangverein kommt um 2 Uhr bei Orbig zusammen.
— Uebergeschnappt war ein Feuer⸗ werksleutnant aus Hanau, der in einem Koupee 2. Kl. am Dienstag von Frankfurt nach Gießen fuhr und die Mitreisenden mit einem Revolver bedrohte. Die Waffe wurde ihm in Gießen abgenommen und er selbst in die psychiatrische Klinik gebracht. Er litt an Verfolgungswahn und war aus seiner Garnison entflohen.
Aus dem Nreise gießen.
— Zur Landeskonferenz. Wir weisen nochmals auf die über 8 Tage in Worms stattfindende Landeskonferenz hin. Wegen der weiten Entfernung des Konferenzortes ist für Oberhessen die Beschickung allerdings mit einigen Schwierigkeiten verbunden. Es muß aber trotz⸗ dem dafür gesorgt werden, daß auch die Ober⸗ hessischen Genossen ihrer Zahl entsprechend ver⸗ treten sind.
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Wie schon auf der Kreiskonferenz
betont wurde, ist es zweckmäßig, wenn mehrere Orte zusammen einen Delegierten schicken. Bei⸗ spielsweise könnten sich Alten⸗ und Großen⸗ Buseck, Trohe und Rödgen mit Wieseck über die Delegation verständigen.
Die Abreise der Delegierten muß ziemlich frühzeitig erfolgen. Wer von einer kleineren Station aus abreisen oder überhaupt 4. Klasse fahren will, muß den Nachtzug benutzen. Der⸗ selbe geht ab Lollar 2.29, Gießen 2.55, Großen⸗ Linden 3.06, Friedberg 3.53 in Frankfurt 5.00. Andernfalls muß der Morgen schnell zug ab Gießen 4.58, Friedberg 5.35, in Frankfurt 6.09 benutzt werden. Von Frankfurt ab ist die Linie über Groß⸗Gerau und Goddelau⸗Er⸗ felden zu benutzen. Der Personenzug geht ab Frankfurt 5.40, der Schnellzug 6.54.
r. Aus Heuchelheim schreibt man uns: Vergangenen Sonntcg feierte der Turnverein sein 14. Stiftungsfest, was den besten Verlauf nahm. Als eine Kuriosität ist zu verzeichnen, daß einige„bessere“ Mitglieder darüber die Nase rümpfen, daß ein auf das Fest bezügliches Inserat in der„Mtitteld. S.⸗Ztg.“ erschienen ist. Dazu haben aber die Leutchen gar keinen Grund, denn ohne dies Inserat würde das Fest kaum den zahlreichen Besuch aufzuweisen gehabt haben. Es wurde doch nicht etwa ihren „patriotischen Gefühlen“ zu nahe getreten?
— Aus Hausen schreibt man uns: Das Fest der silbernen Hochzeit begehen diesen Sonntag unser Genosse Joh. Schienbein und seine Ehefrau Elisabeth, geb. Schäfer. Wir wünschen von Herzen, daß unserm Genossen und seiner Gemahlin noch weitere 25 Jahre und noch mehr glücklichen Zusammenlebens beschieden sein mögen und daß ihm in seinem Familienkreis stets reine Freude erblühe.
— In Leihgestern wurde am Samstag der 87 Jahre alte Peter Krick, der am Mitt⸗ woch verstarb, unter zahlreicher Beteiligung beerdigt. Der bis in dieses hohe Alter noch sehr rüstige Mann hatte sich vor wenigen Wo⸗ chen durch einen Fall eine Gehirnerschütterung zugezogen, deren Folgen er erlag. Der Ver⸗ storbene hat stets lebhaftes Interesse für die Sache der Arbeiter bekundet. Drum Ehre sei⸗ nem Andenken!
Aus dem Rreise Wetzlar.
h Bei der Gewerbegerichts⸗Ersatz⸗ wahl wurden nach der amtlichen Bekannt⸗ machung auf die Dauer von 6 Jahren gewählt: Aus dem Kreise der Arbeitgeber im Wahlbezirk 1: Bäckermstr. Ed. Kyrmse von Wetzlar, Schneidermstr. Albrecht Fauth von Wetzlar; im Wahlbezirk 3: Maurermstr. Karl Gernand zu Ehringshausen; im Wahlbezirk 4: Metzgereibes. Hubert Freund zu Krofdorf.
Aus dem Kreise der Arbeitnehmer im
Wahlbezirk 1: Schreinergeselle August Biek
von Wetzlar, Handschuhmachergehilfe August.
Beck von Wetzlar; im Wahlbezirk 3: Gruben⸗ aufseher Heinrich Messerschmidt zu Ehrings⸗ hausen; im Wahlbezirk 4: Cigarrenarbeiter K. Leib II zu Krofdorf.
h. Kleine Sünder. In der vorwöchent⸗ lichen Schöffengerichtssitzung fielen mehrere
Missethäter, so wie es sich nach dem Gesetze
gebührt, in Strafe. Einige davon mögen sich wohl allerdings die Gerechtigkeit etwas anders vorstellen. So hatte eine arme Frau aus Schwalbach im dortigen Walde etwas Gras geschnitten, ohne daß sie— man denke!— dazu einen Schein besaß. Das unerhörte Ver⸗ brechen büßt sie mit 6 Mk. oder 2 Tagen Gefängnis. Ein anderer armer Teufel hatte in einer Wirtschaft 2 Schnäpse getrunken, hatte aber kein Geld, als es ans Bezahlen ging. Mit vollem Recht muß er dafür eine Woche brummen und ebensolange wegen groben Unfugs.— 10 Mk. Geldstrafe oder zwei Tage bekommt ein Fuhrmann, der mit seinem Wagen einen Baum anrannte und beschädigte. Sicher ist, daß die Leute alle mit Fug und Recht be⸗ straft wurden. Vergleicht man aber die für solche Bagatellen verhängten Strafen mit den gelinden, wie sie oft Duellmörder und Bank⸗ räuber erhalten, so fällt einem Shakespeare ein:


