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9 Nr. 35.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Seite 3.

Aus der Kaserne.

In der letzten Zeit sind wieder zahlreiche Fälle von Soldatenschindereien vor Militärgerichten abgeurteilt worden. Neuer⸗ dings zeigen überhaupt die Mißhandlungsfälle eine auffallende Vermehrung. Es vergeht kaum noch ein Tag, an dem nicht die Zeitungen über den einen oder anderen Fall berichten müssen. Besonders unangenehm berührt dabei die gradezu unverständliche Milde mancher militärgericht⸗ licher Urteile. Wir stehen nicht auf dem Stand⸗ punkte der Abschreckungstheorie und wissen, daß die Soldatenschindereien mit dem Wesen des heutigen Militarismus auf das engste verwachsen sind, also auch erst radikal ausgerottet werden, wenn und indem dieser Militarismus beseitigt wird aber es beleidigt das schlichte Rechts- gefühl des Volkes, wenn ein gewohnheitsmäßiger Schinder, der Monate, vielleicht Jahre hindurch Menschen gequält und unglücklich gemacht hat, mit ein paar Wochen Arrest davonkommt und nachher sogar noch die Tressen oder das Portepee behält. Wir wollen nur einige Fälle anfüh ren. Den Rekord in der gewohnheitsmäßigen Solda⸗ tenquälerei erreicht der Unteroffizier Kickel vom Infanterie⸗Regiment Nr. 19 in Posen. Er stand vorige Woche vor dem Kriegsgericht und war angeschuldigt, sich in mindestens 231 Fällen der Mißhandlung von Unter- gebenen und in mindestens 59 Fällen ihrer vorschriftswidrigen Behandlung schuldig gemacht zu haben. Der Angeklagte hatte die Leute seiner Korporalschaft u. A. mit dem Gewehrkolben, mit einem Tauende, mit der Scheide des Seiten⸗ gewehrs, mit der flachen Klinge, mit dem Wisch⸗ stockgeschlagen, ihnen Ohrfeigen gegeben, sie bis zur Erschöpfung Griffe, Laufschritr, Knie⸗ beuge machen lassen usw. Seiner Korporalschaft sagte er, er werde sie so lange schleifen, bis ste liegen bleibe. Der am meisten Gequälte mußte ein halbes Jahr im Lazarett zubringen und ist jetzt arbeitsunfähig. Er stellte Invaliden⸗ ansprüche, wurde aber abgewiesen.

Der Kompagniechef will von den Schindereien nichts gewußt haben. Was war nun die Strafe für diesen Meuschenquäler? Der Vertreter der Anklage beantragte drei Monate Gefängnis und Degradation. Das Gericht erkannte auf fünf Monate Gefängnis, wovon 14 Tage auf die Untersuchungshaft abgehen. Von der Degradation wurde Abstand genommen!

Recht milde Richter fanden auch drei Offiziere, die sich vor dem Kriegsgericht in Chemnitz wegen Mißhandlung Untergebener zu verantworten hatten. Der Leutnant Müller ist bereits wegen Schlagens Untergebener vor bestraft. Er war geständig, Soldaten geohrfeigt zu haben. Er bekam unter Be⸗ rücksichtigung seiner Vorstrafen ganze drei Wochen Stubenarrest! Der 23 jährige Offizier Günther beim Feldartillerie-Regiment

Nr. 68 hatte am 4. August das Turnen zu

beaufsichtigen. Hierbei versetzte er einem Kanonier einen Tritt in's Gesäß und mit der Faust einen Stoß in's Genick. Das geschah beim Lauf⸗ schritt und bei der Kniebeuge. Dann sagte er zu ihm:Ich lasse Dich stehen, bis Du krepierst, Verbrecher, Soldat zweiter Klasse; ich werde dafür sorgen, daß Du in die Arbeiter⸗ abteilung kommst. Der Mann, dem der An⸗ geklagte so mitspielte, ist nach den Angaben der Zeugen einer der besten Soldaten. Urteil: 14 Tage Stubenarrest. Wegen mehrfacher vorschriftswidriger Behandlung Untergebener bekam der Feuerwerkshauptmann Otto Rapp aus Zeithain sage und schreibe: drei Tage Stubenarrest! Das Dresdener Kriegs⸗ gericht verurteilte den Oberleutnant v. Ehren⸗ stein vom Jägerbataillon Nr. 13 in Frei⸗ berg i. S., der einen Jäger mehrere heftige Ohrfeigen gab und ihn mit Schimpfreden be leidigte, zu nur drei Wochen und fünf Tagen Stubenarrest, obwohl er ebenfalls schon wegen ähnlicher Vergehen vorbestraft ist! Daß derartige Urteile nicht geeignet sind, die niederträchtigen Soldatenschindereien einzu⸗ dämmen, sondern eher noch zu weiteren Aus⸗ schreitungen zu ermuntern, muß jedem ein⸗ leuchten. Das wird nicht aufhören, wenn solche gemeingefährlichen Individuen nicht de⸗

gradiert mit Schimpf und Schande aus dem Heere hinausgeworfen werden.

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Anders lauten die Urteile, die gegenGe⸗ meine gefällt werden. Da wird der geringste Verstoß, alles, was nur irgendwie wie Achtungs⸗ verletzung aussteht, mit schweren Gefängnis strafen geahntet. So verurteilte das Kriegs⸗ gericht in Gießen einen Soldaten, der sich nur Geringfügigkeiten seinemVorgesetzten, einem Gefreiten! zu Schulden kommen ließ, zu einer Gefängnisstrafe von 1 Jahr und drei Monaten! Wie sich dann die Reservisten noch für Kriegervereine begeistern können, ist unbegreiflich.

Eine Arbeiter⸗Ausstellung.

In Prag wurde am 15. August eine eigenartige Ausstellung eröffnet. Es ist eine Arbeiter Ausstellung, in der Gegenstände ausgestellt werden, welche die Arbeiter in ihren Feierstunden angefertigt haben. Ein kühner Entschluß war es, den unsere czechischen Genossen vor nicht ganz einem Jahre faßten eine Arbeiter⸗Ausstellung zu veranstalten, aber mit Stolz können sie ihr Werk betrachten: sie haben weit mehr geleistet, als sie versprachen. Wenn man die kurze Zeit erwägt, die zwischen dem Plan der Veranstaltung einer Arbeiter-Ausstel⸗ lung und dessen Verwirklichung liegt, so wird man unseren czechischen Genossen die Bewunde rung für ihre enorme Arbeitsleistung nicht ver⸗ sagen. An eine Arbeiter⸗Ausstellung ist von vornherein ein anderer Maßstab zu legen, als an eine bürgerliche Ausstellung. Sie erfreut sich nicht der Gunst der verschiedenen Stadt-, Landes- und Staatsbehörden, doch braucht die Arbeiter-Ausstellung keineswegs den Vergleich mit den in Prag vorangegangenen bürgerlichen Ausstellungen zu scheuen. Bei Eröffnung waren die Vertreter der Arbeiterkorporationen Böhmens, sowie der Prager Stadtrat und zwei Vertreter des Landesausschusses anwesend. VomKönigs pavillon der ehemaligen Laudesausstellung aus, der mit der Freiheitsstatue dem originellen Werke eines jungen böhmischen Bildhauers geschmückt ist, hielt Genosse Vanek, Sekretär der czechisch⸗slawischen Sozialdemokratie, die Eröffnungsrede, in welcher er auf die Bedeutung der Arbeiterausstellung für die klassenbewußte Arbeiterschaft hinwies und der Rolle gedachte, die der schaffenden Arbeit auf den bürgerlichen Ausstellungen zufällt, wo der Arbeiter, der das ausgestellte Produkt erzeugt, meist nicht einmal in der Lage ist, seine Arbeit zu besichtigen. Die Tausende von Namenlosen, deren der Ex⸗ minister Millerand bei der Eröffnung der letzten Pariser Weltausstellung gedachte, treten das erste Mal unter eigenem Namen vor die Oeffentlichkeit, um zu zeigen, daß sie die Schöpfer des Produktes sind, dem sonst die Unternehmer ihren Namen leihen. Nach Schluß der Rede des Genossen Vanek sangen Arbeiterchöre den Hymnus der Arbeit. Hierauf begann die Be⸗ sichtigung durch die Delegierten. Die bürger⸗ lichen Delegierten waren betroffen von der un⸗ geheuren Summe der in der Ausstellung ent⸗ haltenen Arbeit und machten den Genossen gegenüber hieraus kein Hehl. Die Ausstellung stellt sich aber ausschließlich sozialistisch dar, und überall verweisen rote Embleme auf die Zugehörigkeit der Arbeiterschaft zur Sozial⸗ demokratie. Besonders reichhaltig haben die Organisationen der Eisenbahner, der Holz⸗ und der Lederarbeiter ausgestellt. Die Ausstellung erfreut sich eines sehr starken Besuches.

Gewerkschastl. u. Arbeiterbewegung.

Der Zimmererstreik in Coblenz ist nach zwölfwöchentlicher Dauer nunmehr als beendet zu betrachten. Die gestellten Forder ungen: zehnstündige Arbeitszeit mit 40 Pfennig Stundenlohn, sind durchweg erreicht worden. Auch bezüglich der Forderungen für jugendliche Leute sind zufriedenstellende Vereinbarungen getroffen worden. Einige Unternehmer, die noch nicht bewilligten, dürften sich wohl bald über⸗ zeugen lassen, daß auch sie sich auf die Dauer

den gerechten Forderungen der Gesellen nicht verschließen können. Streikende sind nicht mehr vorhanden, die sind sämtlich untergebracht und arbeiten zu den neuen Bedingungen. In Coblenz waren die Arbeitsverhältnisse in allen Berufen stets überaus traurig und eine kleine Besserung thut in der schwarzen Ecke äußerst not. Die Streikenden hatten schwer zu kämpfen, es wurden ihnen alle möglichen Hindernisse in den Weg gelegt.

Der Maurer⸗ und Bauarbeiter⸗ streik in Köln ist zum großen Teil zu Gunsten der Arbeiter beendet. Die Bauhilfsarbeiter er⸗ hielten von der Innung einen Stundenlohn von 36 Pfg. zugestanden. Auch die Maurer erzielten eine Lohnerhöhung. Die Polizei ging gegen die Streikenden mit äußerster Schneidigkeit vor; gegen die Streikposten wurde verschiedentlich mit blanker Waffe vorgegangen. Dagegen er freuten sich natürlich die Streikbrecher des weitest⸗ gehenden polizeilichen Schutzes.

Den Bauarbeitern diene zur Be⸗ achtung: Der Zuzug von Maurern und Zimmerern nach Hamburg, Altona, Wandsbeck, Harburg und Wilhelms⸗ burg muß vorläufig noch fern gehalten werden, da die Unternehmer, trotz Aufhebung der Sperre, fremde Arbeitskräfte heranziehen.

Der Schneiderverband hielt diese Woche seinen Verbandstag in München ab. Nach dem Berichte des Verbands-Vorstandes zählt die Organisation jetzt 16693 Mitglieder, darunter 704 weibliche. Die Gesamtein⸗ nahme beläuft sich im Jahre 1901 auf 160 233 Mk., dazu kommt der Kassenbestand mit 91 245,30 Mk. so daß sich die Bruttoein⸗ nahme auf zusammen 251478,74 Mk. beläuft. Die Ausgabe betrug 172 063,18 Mk. An größeren Ausgabeposten sind zu verzeichnen: Fachzeitung für Schneider 20 632,09 Mk., Reiseunterstützung 9230,88 Mk., Krankenunter⸗ stützung 12 405,59 Mk., Streikunterstützung 62 144,65 Mk., Agitation 8 140,55 Mk., Ver⸗ waltungsmateriat 1636,79 Mk. ꝛc. Das Ver⸗ mögen des Verbandes betrug am Schlusse des Jahres 79 415,56 Mk.(Für den Bezirk, zu dem Gießen, Wetzlar, Friedberg ꝛc. gehört, ist Genosse Faut h⸗Wetzlar als Delegirter gewählt.) Der Verbandstag, dem ein allgem. Schneider⸗ kongreß vorhergegangen war, wurde Diens tag eröffnet und nahm den Bericht des Vor⸗ standes und den Kassenbericht entgegen. Joseph⸗ Erfurt erstattet namens der Revisoren Bericht. Es wurde Alles in Ordnung befunden. Dar⸗ auf wird die Rechnungsablage genehmigt.

Was eine Gewerkschaft leistet. Der Verein der Bildhauer Deutschlands, der von den 6483 Bildhauern Deutschlands rund zwei Drittel, etwas über 4000 Mitglieder umfaßt, verausgabte in den sieben Jahren von 1895 bis 1901 für Arbeitslosenunter⸗ stützung am Ort 292572 Mk. Die Unter⸗ stützung, die sich im Jahre 1897 auf 45 970 Mk. bezifferte, schnellte im Jahre 1901 auf 87015 Mk. empor; und im ersten Vierteljahr dieses Jahres wurden für Arbeitslose am Ort bereits 40839 Mark verausgabt, so daß eine Jahresausgabe von mindestens 160000 Mark (bei rund 4000 Mitgliedern) sicher erscheint. Für die Kämpfe auf wirtschaftlichem Gebiete zur Erzielung besserer Arbeitsbedingungen hat der Centralverein seit Anfang des Jahres 1895 bis Ende 1901 aus der Centralkasse 72334 Mk. verausgabt.

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von Nah und Fern.

Gießener Angelegenheiten.

Der Neue⸗Welt⸗Kalender für 1903 ist in prächtiger Ausstattung wiederum erschienen. Wie immer enthält er neben aus⸗ führlichem Kalendartum, Verzeichnis der Messen und Märkte, Trächtigkeits⸗ und Brütekalender, eine Fülle belehrender und unterhaltender Auf⸗ sätze, die durch gute Illustrationen unterstützt werden. Aus dem reichen Inhalt seien besonders folgende Abhandlungen und Erzählungen her⸗ vorgehoben: Pharao's Traum, Humoreske von Emil Rosenow. Welche Aufgaben stellt die

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