Ausgabe 
31.8.1902
 
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Seite 2.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Nr 35.

Schaffung einer periodischen wissenschaftlichen Beilage, in der volksverständliche Artikel über die Grundideen des Sozialismus und wichtige Zahlen über wirtschaftliche und han⸗ delspolitische Fragen veröffentlicht werden. Die Beilage soll allen Parteizeitungen beigegeben

werden.

Weiter beschloß eine Parteiversammlung in Magdeburg folgenden Antrag:Der Partei⸗ tag wird ersucht, in einer geeigneten Weise zu der Art der Beteiligung an den preußischen Landtagswahlen Stellung zu nehmen, event. durch Anordnung eines Parteitages für Preußen. f

Weil die Vorlage zum Parteitag noch nicht herausgekommen ist, haben wir die wichtigsten Anträge hier wiedergegeben, wie sie in der Parteipresse bekannt geworden sind, ohne eine weitere Besprechung daran zu knüpfen. Unsere Genossen haben so Gelegenheit, diese Anträge in den Versammlungen zu beraten und dazu Stellung zu nehmen.

Politische Rundschau. Gießen, den 28. August.

Kann Deutschland seinen Nahrungs⸗ mittelbedarf selbst erzeugen?

Die Agrarier stellen im Zollkampfe stets die Behauptung allen ihren übrigenGründen für den Zollwucher voran, daß die deutsche Landwirtschaft in der Lage sei, bei genügend hohen Zöllen den Nahrungsmittelbedarf für Deutschland decken zu können. Wie aber schon so manche Behauptung der Zöllner ins Reich der Fabel verwiesen wur de, so auch diese. Deutschland erzeugt seinen Bedarf an Lebens⸗ mitteln eben nicht. Das giebt jetzt auch die Zentralstelle der preußischen Land⸗ wirtschaftskammern zu, die gewiß nicht in freihändlerischen Verdacht kommen kann. Sie sagt u. a.: Die deutsche Roggenernte ist sehr umfangreich, aber qualitativ so außer⸗ ordentlich mangelhaft, daß ihre schnelle Ver⸗ wendung unmöglich ist. Nur mit ausländischem Roggen vermengt, kann der deutsche überhaupt vermahlen werden. Die Preise sind hoch. Für die Tonne trockenen Roggens wird 150 Mk. und mehr gezahlt. Selbst feuchter und klammer Roggen erreicht 145 Mk. Ungewöhnlich groß ist die Nachfrage nach russischem Roggen.Wir bedürfen seiner dringend. Ohne ihn ist die Versorgung mit Brotgetreide ausge schlossen.

Die Fleischnot.

vebhafte Klagen über unerhörte Erhöhung der Fleischpreise kommen aus zahlreichen Städten. Protestversammlungen werden abgehalten, welche die Oeffnung der Grenzen für Schlachtvieh fordern. So waren die zu diesem Zwecke in Hanau, Frankfurt und anderen Städten ein⸗ berufenen Versammlungen äußerst stark besucht. Ueberall war man sich über die Ursache der Fleischnot einig und verurteilte die agrarische Wucherpolitik.

Aus Posen wandte sich der dortige Bürger⸗ meister und der Stadtverordneten-Vorsteher wegen geeigneten Maßnahmen an den Land⸗ wirtschaftsminister. Man petitionirte um Ge⸗ stattung der Schweineeinfuhr aus Rußland. In Posen wird nämlich geradezu die Ernäh⸗ rungsfrage brennend, weil zu dem bevorstehenden Kaiserbesuch große Menschenmassen dort zusam⸗ menströmen. Podbielski antwortete der Depu⸗ tation, er könne eine Oeffnung der Grenzen aus veterinärpolizeilichen() Gründen nicht ge⸗ nehmigen. Doch werde die Zentrale für Vieh⸗ verwertung dafür sorgen, daß während der bevorstehenden Menschenanhäufung in Posen eine reichliche Zufuhr von Schlachtvieh, nament⸗ lich von Schweinen, dorthin stattfinde. Damit ist aber dem Volke noch lange nicht gedient.

Jubel bei den Liberalen.

Die Stichwahl in Forchheim-Kulm⸗ bach hat überraschenderweise ein anderes Er⸗

Nationalliberale Faber wurde mit 9400 Stim⸗ men gewählt, während der Zentrumsmann nur 8498 erhielt. Letzterer ließ in der Hauptwahl seinen nationalliberalen Gegner weit hinter sich zurück; für den Zentrumsmann wurden 6099 Stimmen abgegeben, während auf den Liberalen nur 3946 fielen. Daß die Liberalen über den Ausgang der Wahl in hellen Jubel ausbrechen, ist begreiflich. Trotzdem ist die Wahl von keiner allgemeinen Bedeutung.

Beide Kandidaten waren Verfechter der Wucherzölle; der Drehscheiben⸗Mann verdankt nur dem Umstande seine Wahl, daß in dem zu zwei Dritteln evangelischen Kreise die Mehrheit der evangelischen Wähler für ihn eintrat. Das Zentrum verliert einen Kreis, den es seit 1881 besessen.

Die Kunst⸗Empörungs⸗Depesche

wird voraussichtlich im Reichstage zur Sprache kommen, das Zentrum beabsichtigt, aus diesem Anlasse eine Interpellation einzubringen. Man will die Ministerverantwortlichkeit auch für solche privaten Aeußerungen des Monarchen fordern, welche, wie die Depesche an den Prinz⸗ regenten, einem Regierungsakt gleichkommen, indem sie Eingriffe in die inneren Angelegen⸗ heiten der Bundesstaaten enthalten. Fraglich ist nur, ob der Mut der Zentrumshelden bis zur Reichstagseinberufung anhält. Uebrigens hat unser Münchener Parteiorgan noch mitge teilt, daß vor der Veröffentlichung des vieler⸗ örterten Depeschen-Wechsels lange Verhand⸗ lungen zwischen Berlin und München gepflogen wurden. Der bayrische Minister weigerte sich, zur Veröffentlichung seine Zustimmung zu geben; die schließlich von Berlin aus gegen den Wunsch der bayr. Regierung erfolgte.

Zentrumsparade.

Vergangene Woche hat in Mannheim der große Zentrumsjahrmarkt, genanntKatholiken⸗ tag stattgefunden. Sonntag gab es einen Festzug, zu dem die Schwarzen 170 Vereine mit zirka 20 000 Personen aufgeboten hatten. Der Zug bewegte sich durch die Hauptstraßen nach der Festhalle, wo verschiedene Reden ge⸗ halten wurden, in denen die Redner das Men⸗ schenmöglichste in der Mißhandlung der Wahr⸗ heit leisteten, um die Arbeiter davon zu über⸗ zeugen, daß dasZentrum unddie Kirche nur zur Förderung des Arbeiterwohles da sei. Leider merken aber die Arbeiter absolut nichts davon, ein halbwegs einsichtiger Arbeiter läßt sich durch solche Redensarten nicht täuschen.

Zunächst erschien in der Festhalle der Dom⸗ kapitular, Reichs⸗ und Landtagsabgeordneter Dr. Schädler auf der Bühne. Dieser Mann sagte unter anderem: Einzig und allein die Kirche kann dem Arbeiter helfen. Der Staat hat nur Kanonen und Steuer⸗ zettel.... Die Kirche hat für die Arbeiter bedeutend mehr gethan als alle Arbeiteragita⸗ toren zusammen. Sie hat die Arbeiter niemals ausgebeutet, niemals belogen und be⸗ trogen.... Die Kirche will, daß ver Ar⸗ beiter einen auskömmlichen Lohn erhält, der zur menschenwürdigen Unterhaltung seiner Familie ausreicht

So und ähnlich ging's noch ein gutes Stück weiter. Jeder Satz eine grobe Unwahrheit. Wenn der Staat nur Kanonen und Steuerzettel hat, so ist es das christlich⸗katholische Zentrum gewesen, das ste bewilligt hat und das auch durch Wucherzölle die Lebenshaltung des Ar⸗ beiters verschlechtert. Was die Kirche für die Arbeiter gethan hat, sagte der gute Mann wohlweislich nicht. Thatsache ist aber, daß überall, wo die Kirche die Herrschaft hatte und noch hat, gradezu schauerliche Zustände herrschen, die Arbeiter auf's Schamloseste ausgebeutet werden. Man blicke nur nach Italien, Spanien! Warum sorg denn dort die Kirche nicht fürmenschenwürdigen Unterhalt des Arbeiters?

Ueberhaupt ist diese aufdringliche Betonung der Arbeiterfreundlichkeit der Kirche und des

um schmeichel i. Das Zentrum fühlt, daß seine Zollwucherpolitik ihm die Arbeiter ent⸗ fremden muß. Deshalb sucht es sie durch Schaugepränge zu benebeln. Ob's ihm noch lange gelingen wird?

Internationalität der Arbeiter⸗ bewegung.

Die deutschenOrdnungsblätter lieben es, den Arbeitern vorzuhalten, daß die Arbeiter und auch die Sozialisten anderer Länder viel mehr natiorale Gesinnung an den Tag legten, als die deutschen Sozialdemokraten. Da ist es denn angebracht, auf die Worte hinzuweisen, die der französische Delegierte auf dem Stuttgarter Gewerkschafts⸗Kongreß sprach. Nach dem Protokoll sagte V. Griffuelles in seiner Begrüßungsansprache:Für die Kämpfer der französischen Arbeiterklasse giebt es kein Vaterland, sie kennen nicht Ange⸗ hörige verschiedener Lander, für sie giebt es nur Menschen. Die Kämpfer der französtschen Arbeiterklasse sind stolz, auf sich das Wort anwenden zu können, welches die Chauvinisten ihnen als Schandfleck anhängen, daß sie vater⸗ landslos sind; sie nehmen dies Wort auf, sie nennen sich mit Stolz vaterlandslos in dem Sinne, daß sie das Vaterland nicht als etwas von anderen Ländern Trennendes anerkennen wollen. Wo man sich wohl fühlt, da hat man sein Vaterland, daß heißt, wo man moralisch, materiell und geistig gut leven kann. Sollte der unglückliche Fall eintreten, daß es zu einem Kriege zwischen Frankreich und Deutschland kommt, so würden die Klassenkämpfer sich weigern, gegen die Brüder aus dem andern Vaterland zu ziehen, sie würden sich nicht berechtigt fühlen, gegen sie anzukämpfen; sie anerkennen nur ein Vaterland der Ausgebeuteten auf der einen,

ein Vaterland der Kapitalisten auf der andern

Seite, und deshalb arbeiten sie daran, den Kampf zu organisteren zwischen den Angehörigen dieser beiden Vaterländer, nicht aber den Kampf gegen die Brüder aus dem andern Lande.

Man sieht, der französische Arbeitervertreter giebt den deutschen Sozialdemokraten anVater⸗ landslosigkeit nichts nach. Aber wir fragen jeden vernünftigen Menschen: ist es nicht für Deutschland besser, es gewinnen Ansichten, wie sie der französische Delegierte äußerte, die Oberhand, anstatt die Hetzereien der Nationa⸗ listen?

Hierbei zeigt sich dieVaterlandsliebe ge⸗ wisser deutscherPatrioten, z. B. der anti⸗ semitischen Hurraschreier, in eigentümlichem Lichte. Diese schimpfen nach Noten auf die französischen Soziacisten, die doch jeder Zeit für den Frieden eintreten, während ste den fortwährend gegen Deutschland hetzendenNa⸗ tionalisten und Klerikalen Lob und Beifall zollen. Wer zeigt da nun mehr wirkliche Vaterlandsliebe?

Antisemiten⸗Ehrlichkeit.

Ein ehemaliger Freund des französischen Antisemiten Max Regis, des früheren Bürger⸗ meisters von Algier, hat eine Broschüre über die Geheimnisse der antisemitischen Agitation in Algier veröffentlicht, worauf diePetite Republique aufmerksam macht. Es stellt sich heraus, daß Regis lediglich den Geldbeutel seiner besten Freunde, darunter Drumont und Rochefort, ausbeutete, und daß die antisemitischen Kundgebungen in Algier von Regis künstlich vorbereitet wurden, damit sein Kredit bei den Pariser Antisemiten wachse, Regis erbot sich u. a. gegenüher Drumont, dessen Wiederwahl mit einer Pauschalsumme von 22000 Franken zu bestreiten. Drumont gab das Geld nach längerem Widerstreben her und Regis steckte es ein, ohne auch nur einen Pfennig an seine Mitarbeiter auszuzahlen. Na, der Mann hat sich einfach berühmte deutsche Antisemiteriche zum Muster genommen, vielleicht auch den antisemitisch-christlich⸗sozialen Land⸗ tagsabgeordneten Dr. Anton Löbel in Wien, der dort vorige Woche wegen etruges,

gebnis gezeitigt, als nach dem Resultate der Hauptwahl angenommen werden konnte. Der

Zentrums recht bezeichnend. Noch nie wurde auf früheren Katholikentagen der Arbeiter so

Veruntreuung und Erpressung verhaftet und dem Landgericht eingeliefert de.