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SS OSD
Seite 4.
Mitteldentsche Fonntags⸗Zoitung.
Nr. 48.
b. Brentano und Joutz, der Petitionsausschuß: Weith, Lang, Baehr, Cramer, Pennrich, Damm und Erck. Hierauf vertagt sich die Kammer auf unbestimmte Zeit.
* Sozialdemokratische Auträge.
Unsere Genossen im Landtage haben bereits mehrere Anträge in der Kammer eingebracht.
Der erste forderte das direkte Wahl⸗ recht, ein zweiter die Besettigung der Stempelgebühren.
Weitere von der sozialdemokratischen Fraktion eingebrachte Anträge betreffen den Ausbau der Gewerbe⸗Inspektion; die Vertretung der Arbeiter im Ministerium; den Schutz der Ge⸗ meinden Bürgel und Rumpenheim vor
Hochwasser.
In der vom Großherzog bei der Eröffnung verlesenen Thronrede wird u. a. die Vorlage eines neuen Wahlgesetzes angekündigt.
Die Wiederwahl unseres Geuossen Ulrich
in Offenbach liegt dem dortigen Ordnungsbrei so schwer im Magen, daß er sie durch einen Wahlprotest anzufechten versucht hat und bean⸗ tragt, die Wahl der Wahlmänner für ungültig zu erklären. Er wird damit kein Glück haben. Gestützt wird der famose Protest auf die hessische Verfassung von 1820, wonach Urwähler nur diejenigen Hessen sein könnten, die in keinem fremden Untertanen⸗Verbande stehen. In den letzten 6 Jahren hätten aber 926 Personen die hessische Staatsangehörigkeit erworben, ohne aus ihrem bisherigen Staatsverbande auszu⸗ scheiden. Die sozialdemokratischen Wahlmänner wären aber„nur“ mit einer Mehrheit von 259 Stimmen gewählt worden. Wie können denn die Leute vom Kuddelmuddel überhaupt wissen, ob die in Betracht kommenden Wähler ihre frühere Staatsangehörigkeit beibehalten haben? Dann ist aber jene veraltete Bestimmung seit langer Zeit nirgends mehr angewendet worden, und wir zweifeln keinen Augenblick, daß, wenn Feistmann gewählt worden wäre, keiner der Protestler danach gefragt hätte, ob die neuge⸗ backenen Hessen noch in einem„fremden“ Unter⸗ tanen⸗Verbaude stehen. An dem Protest erkennt man aber die volksfeindliche Gesinnung der Offenbacher Ordnungsbrüder. Mit Recht sagt unser Offenbacher Parteiorgan:„Die Wort⸗ und Schriftführer des Kuddelmuddels haben stets versichert, daß sie Freunde des direkten Wahlrechts sind; jeder wirkliche Volksmann nimmt an, daß wir heuer zum letzten Male nach dem erbärmlichen Verfahren von Anno Toback gewählt haben. Und nun, da
das bisherige Wahlrecht in den letzten Zügen!
liegt, kommen die Kuddelmuddelianer und graben eine Bestimmung aus, die seit Jahr⸗ zehnten nicht mehr beachtet worden ist, die in unsere Zeit ebenso wenig paßt, wie die Herren Lammert und Feistmann in den Landtag. Schwamm darüber!“
Von Uah und Lern.
Gießener Angelegenheiten.
— Die Gewerkschaftsversammlung, die am Mittwoch Abend im Lokale Orbig stattfand, war nicht so stark besucht, wie es wünschenswert gewesen wäre. Als erster Punkt stand die bevorstehende Wahl der Geueralver— sammlungs⸗Vertreter der Gießener Orts- krankenkasse auf der Tagesordnung. Es wurde eine Kommisston von fünf Mitgliedern gewählt und mit den Vorarbeiten betraut.— Zur„Saalfrage“, die den zweiten Verhand— lungsgegenstand bildete, hielt der Kartellvor⸗ sitzende das einleitende Referat, in dem er auf die mißliche Lage hinwies, in der sich die Gießener Arbeiterschaft befindet, weil ihr kein größeres Lokal zu ihren gewerkschaftlichen und politischen Versammlungen zur Verfügung steht. Im Hinblick auf die im nächsten Jahre bevor⸗ stehende Reichstagswahl sei es notwendig, hier Abhilfe zu schaffen. Hieran schloß sich eine
recht lebhafte Debatte, in der unter Anderem vorgeschlagen wurde, in den beiden in Betracht kommenden Sälen, die wohl für Feste, aber nicht zu Versammlungen zu haben sind, möchten von Arbeitervereinen auch keine Feste mehr ab⸗ gehalten werden. Schließlich gelangte eine Resolution zur Annahme, die den Vorstand des Gewerkschaftskartells beauftragt, im Verein mit dem Vorstand des Wahlvereins Mittel und Wege ausfindig zu machen, die diesem Mißstande abzuhelfen geeignet sind und einer späteren Versammlung diesbezügliche Vorschläge zu machen.
— Familienabend. Der Arbeiter⸗Gesang⸗ verein„Eintracht“ veranstaltet diesen Sonntag(30.) im Lokale des Genossen Orbig einen Familien Abend. Es wird erwartet, daß sich unsere Freunde und Genossen mit ihren Angehörigen dazu zahlreich einfinden.
—„Un parteiisch“ will, wie die meisten Kreis⸗ und Amtsblätter, auch der„Gieß. Anz.“ sein. So hat er wenigstens wiederholt in seinen Abonnements⸗ Einladungen und auch sonst gelegentlich versichert. Wie diese famose Unparteilichkeit aussieht, zeigte sich schon bei der Landtagswahl, wo er jeden Tag aufforderte, für die gemeinsame Kandidatur der Ordnungsparteien einzutreten. Das durfte er nicht, wenn er die oft als seine ganz spezielle Eigenschaft hervorgehobene„Objek⸗ tivität“ beobachten wollte. In der Frage des Zoll⸗ tarifs arbeitete er nach dem Motto: Bald so, bald so, wies trefft! Bald tritt er gegen die Lebensmittelzölle auf, bald sucht er ihre Notwendigkeit„zur Erhaltung der Landwirtschaft“ in langen Artikeln nachzuweisen. Und über die„verfehlte“ angebliche„Obstruktion“ unserer Genossen im Reichstage kanngießert er allerlei. — Die Affaire Krupp gab ihm natürlich wieder Ge⸗ legenheit, der Sozialdemokratie alles mögliche anzu⸗ hängen.„Nur vereinzelt hört man rohe Aeußerungen der Sozialdemokraten“ ließ sich das Blatt aus Essen berichten. Dieser Meldung steht doch die Lüge an der Stirn geschrieben; welcher Sozialdemokrat soll sich zur rohen Aeßerungen veranlaßt sehen? Rohheiten begeht überhaupt kein Sozialdemokrat; in unserer Partei wird mehr auf wahre Bildung gehalten, als in bürgerlichen Kreisen.— In vollem Glanze zeigt sich aber die Un⸗ parteilichkeit des Amtsblattes in einem Artikel über den hess. Landtag und die Wahl unseres Genossen Ulrich als Schriftführer. Darüber, und daß Ulrich von Fest⸗ lichkeiten wegbleibt, zu denen ihn sein Schriftführeramt nicht im Geringsten verpflichtet, ist es ganz außer sich. „Würdig“ zum Mitglied des Präsidiums ist nach An⸗ sicht des Anzeigers nur, der katzbuckelt und bei Hofe herum scherwenzelt. Flunkerei ist, wenn behauptet wird, daß das hessische Volk sich über das Nichter⸗ scheinen Ulrichs aufregte. Höchstens regen sich„liberale“ Streber auf, die bas Blatt mit dem Hessischen Volke verwechselt. Dieses billigt vielmehr in seiner großen Mehrheit das Verhalten Ulrichs.
Aus dem Rreise gießen.
— Versammlung in Wieseck. Am Samstag den 13. Dezember findet in Wieseck im Saale des „Gambrinus“ eine öffentliche Volk sversammlung statt, in welcher Genosse Phil. Scheidemann⸗-⸗Offen⸗ bach über ein noch zu bestimmendes Thema sprechen wird. Unsere Wiesecker Genossen werden sich freuen, den schneidigen und beliebten Redner wied er einmal zu hören und wir glauben nicht nötig zu haben, zu zahlreichem Besuche aufzufordern.
Aus dem Rreise friedßberg⸗Püdingen.
+ Justizrat Jöckel in Friedberg, früherer Landtagsabgeordneter dieser Stadt, der im Laufe der Wahlrechtsdebatte in der Kammer den denkwürdigen Ausspruch that, daß dem wirtschaftlich abhängigen Manne kein Wahlrecht gebühre und der deshalb auch von den Friedberger Wählern aus dem Landtage hin aus⸗ gewählt wurde, hat bei dem üblichen, zu Großherzogs Geburtstage sich ergießenden Orden 8- und Titelregen den Titel„Ober⸗Justizrat“ erhalten. Man sagt also nicht: der Herr Justizrat, sondern: der Herr Ober⸗Justiz⸗ rat Jöckel ist durchgefallen. Was wohl zu merken ist.
[] Bürgermeister Sandmann hat sein Amt niedergelegt. Welche Gründe ihm zu seinem Rück⸗ tritt bewogen haben, darüber hört man verschiedene Meinungen. Bei der Einwohnerschaft erfreute er sich allgemeiner Beliebtheit.
r. Kaplan Michel von Ober-Mörlen hat sich die völlige Vernichtung der Sozialdemokratie zur Aufgabe gemacht. Erst versuchte er die dortige Organisation der Maurer und der Steinarbeiter zu„zerschmettern“ und durch christliche Organisation zu ersetzen. Selbst von der Kanzel herab wetterte er gegen die freien Gewerk⸗ schaften. Aber seine Agitation blieb fruchtlos. Jetzt versucht er sein Glück mit den Kleinbauern(Großbauern giebt's hier überhaupt nicht), die er in einem christlichen Bauernverein organisieren will. Wir sind die Letzten,
die es den kleinen Bauern übel nehmen, wenn sie sich zusa amenschließen, um ihre Dung⸗ und Futtermittel usw. auf genossenschaftlichem Wege billiger einzukaufen. Aber dagegen wenden wir uns, daß der Kaplan Michel diese Leute für seine agrarischen und ultramontan⸗anti⸗ semitischen Zwecke mißbraucht. Die„genossenschaftliche“ Tätigkeit Milchels hat damit begonnen, die kleinen Bauern, welche erwiesenermaßen hier am Orte zu 95 Prozent Schaden von den Zöllen haben, für die Zoll⸗ politik zu begeistern. Zu diesem Zwecke holte er sich s. Zt. den Antisemitrich Hirschel der ihm behülflich war, die Bauern„aufzuklären“.
Nun betreibt Michel aber auch den Kampf gegen die Sozialdemokratie und zwar in Versammlungen, die alle 14 Tage stattfinden und in denen blos er spricht, Dis⸗ kussion giebts nicht. In einer der letzten Versammlung referierte das biedere Pfäfflein über den Münchener Parteitag. Dort sei es bunt hergegangen, erzählte Michel, Bernsteins und Kautskys Anhänger hätten sich die gemeinsten Vorwürfe gemacht; das sei die sozial⸗ demokratische Brüderlichkeit. Nachdem Frau Zetkin ihren Vortrag gehalten, hätte sie die Genossen umarmt und abgeschmatzt; das sei die freie Liebe der Sozialdemokratie. Solcher und ähnlicher Schwindel wurde den geduldigen Schäflein aufgetischt. Verwunderlich ist nur, daß ihm Niemand verklagt hat. Denn wer etwas auf fich hält, muß die Zumutung, solchen Pfaffenschwindel zu glauben, als schwerste Beleidigung empfinden.— Aber auch für „Volksbildun;“ strebt der Herr Kaplan, darum hat er die Gründung einer— natürlich klerikalen— Volks⸗ bibliothek angeregt, für welche die Semeinde Lokal, Beleuchtung und Heizung stellen soll. Also es soll auf Kosten der Steuerzahler Zentrums politik getrieben werden — wenn sie es sich gefallen lassen.
Aus dem Rreise Alsfesd⸗Cauterbach.
Der Wahlaus fall im Kreise Lauter⸗ bach⸗ Schlitz hat, wie wir schon in der letzten Nummer erwähnten, zur Folge gehabt, daß die Schlitzer, die wie Pech an ihren durchgefallenen Bürgermeister Zintzer hangen, den Lauterbachern die Freundschaft gekündigt haben. Aber nicht blos das, sie züchtigen die treulosen Lauterbächer, die ihren Bürger meister nach Darmstadt in den Landtag schickten, durch geschäftlichen Boykott. Auf den Beschluß einer in Schlitz abgehaltenen Versammlung hin wurden thatsächlich schon verschiedene Lauterbacher Geschäftsreisende von ihren seitherigen Schlitzer Kunden abgewiesen. Die Sache wird noch amüsanter dadurch, daß sowohl der gewählte Abgeordnete wie der seit⸗ herige der nationalliberalen Partei angehören. Also ein Boykott der Nationalliberalen gegen Nationalliberale!— Das Gie⸗ ßzener Amtsblatt gab die Mitteilung von dem Boykott ohne ein Wort der Kritik wieder, bil⸗ ligte also das Vorgehen der Schlitzer. Wir wollten mal sehen, was es gesagt hätte, wenn Sozialdemokraten in dieser Weise Rache übten.
Aus dem RNreise Wetzlar.
i. Die Stichwahl zur Stadtverordneten⸗ Versammlung, die zwischen den beiden Kandi⸗ daten der 3. Wählerklasse Kaufmann Giebrich und Bäckermeister Kyrmse vorzunehmen war, hat am Dienstag mit dem Siege des ersteren geendet. Giebrich erhielt 146, Kyrmse 114 Stimmen, gegen 86 bezw. 74 Stimmen in der Hauptwahl. Herr Giebrich verdankt seine Wahl dem abhängigen Teil der Wählerschaft(Be⸗ amte usw.), welche von der Rathauspartei für ihn mobil gemacht wurden. Das Kleinbürger⸗ tum bewies seine gemeindepolitische Unreife durch zahlreiches Ferubleiben. Den Achtungserfolg, den Herr Kyrmse erzielte, hat er zum größten Teil dem Eintreten der Arbeiter für seine Kandidatur zu verdanken.
n. Aus Löhnberg. Mit der Umsturzbekämpfung haben die Leute, welche hier dabei die Führerrolle spielten, nicht die besten Erfahrungen gemacht. Denn es giebt erfreulicherweise jetzt in Löhnberg mehr Sozialdemokraten, als damals, wo sich der Hauptlehrer und Kriegervereins⸗ vorsitzende Benner berufen fühlte, gegen den Sozialismus zu Felde zu ziehen. Kläglich genug endete der Feldzug. Die„geistigen Waffen“ nämlich, die der tapfere Kämpfer „für Religion, Sitte und Ordnung“ gebrauchte, waren so anrüchiger Art, daß jeder nur halbwegs Gebildete ihre Anwendung verachtet. Der Jugenderzieher schrieb bekanntlich damals einen beleidigenden, unflätigen Brief an einen ehrlichen Mann und mußte später deswegen öffentlich Abbitte leisten. Daß sein Ansehen dadurch nicht stieg, läßt sich denken. Denn schließlich giebt es doch auch bei unseren Gegnern Leute, die solche schmutz⸗
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