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Mitteldentsche Sonutagg⸗Zellung.
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der Fall bei Frau Rappaport in Altona, die viele Tage lang als geschlechtskrank im Krankenhause gehalten worden sei, ohne vor dem Richter geführt zu werden. In Braunschweig sei ein Herr Trampke dort unter ekelhaften Umständen zehn Tage lang in Haft behalten worden. Nachdem Redner noch den Fall in Kiel ge⸗ streift, wo ein junges Mädchen, das Nachts mit seiner Mutter über die Straße ging, verhaftet wurde, weil es auf der Straße etwas heiter war, geht er auf den Fall Hoffmann in Kattowitz resp. Beuthen näher ein. „Journalist sind Sie?“ habe der Schutzmann den Re⸗ dakteur Hoffmann gefragt, als dieser dagegen Einspruch erhob, mit einem Zuchthäusler zusammen gefesselt zu werden.„Oh, da müssen Sie sich daran gewöhnen. Ich kenne meine Vorschriften ganz genau.“ Was seien denn das für Vorschriften? fragt Redner den Staats⸗ sekretär, die vorschreiben, in solchen Fällen ohne jeden Anlaß eine Fesselung vorzunehmen. Dann kommt Redner auf die Strafvollzugsfrage, auf das rücksichtslose Vor⸗ gehen gegen Redakteure, so in Erfurt und Franfurta. M. gegen Dr. Quarck zu sprechen. Schon vor 30 Jahren sei ein Strafvollzugs⸗Gesetz verheißen worden. Der Widerstand liege offenbar in der Bureaukratie der Einzel⸗ staaten. Die Beamtenschaft glaube sich ihren Mitbürgern gegenüber heute gar keine Zügel mehr auferlegen zu brauchen. Besonders die preußische Polizei verhafte blindlings drauf los. Im Falle Hoffmann sei das Ekelhafte der brutale Hohn und die unverhohlene Drohung mit weiterem Mißbrauch der Amtsgewalt. Welche moralische Niederträchtigkeit spreche daraus. Die Ursache dieser Mißstände sei die Handhabung der Bestimmungen über den Widerstand gegen die Staatsgewalt seitens der Richter. Diese schützten nicht nur die rechtmäßige Aus⸗ übung der Amtsgewalt, sondern auch die unrechtmäßige. Bei solcher Rechtspflege sage sich das Volk selbst gegen⸗ über den größten Mißhandlungen durch Beamte, es nütze ja doch nichts, zum Richter zu laufen, denn eine Krähe hacke ja doch der andern die Augen nicht aus.
Staatssekretär Nieberding erklärte, der Reichskanzler verurteile die vorgeführten amt⸗ lichen Uebergriffe. Aufs Ableugnen konnte er sich nicht legen; einige Fälle suchte er zu be⸗ mänteln. Uebrigens versprach er Abhilfe. Alle Parteien des Reichstags waren in der Verur⸗ teilung dieser Ueberschreitungen einig.
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Krupp.
Am Samstag Abend durcheilte die Nachricht von dem am Nachmittage in der Villa Hügel bei Essen erfolgten Tode Krupps, des mäch⸗ tigsten Industriellen Europas und wohl eines der reichsten Männer Deutschlands. Die Kunde kam sehr überraschend. Als Todesursache war in den Depeschen Gehirnschlag angeben; doch begegnete diese Mitteilung starken Zweifeln, man glaubte vielmehr, daß Krupp selbst Hand an sich gelegt habe, wohl in Folge des Vor⸗ wärt⸗Artikels über Krupp auf Capri. Zwar wird weiter mitgeteilt, daß der Verstorbene an einem Herzfehler und Neigung zu Schlagan⸗ fällen litt, immerhin kam sein plötzlicher Tod durchaus unerwartet.
Der„Vorwärts“ schrieb zu der Todes⸗ nachricht:„Der Tod legt uns die Pflicht auf, vorläufig von jeder weiteren Erörterung der an seinen Namen geknüpften Angelegenheit abzusehen.“ Dieses Verhalten wird jeder Mensch als durchaus anständig anerkennen müssen. Dagegen legte ein großer Teil der bürgerlichen Presse sehr niedrige Gesinnung an den Tag, indem man mit Schmähungen über den Vorwärts herftel und ihn für den Tod Krupps verantwortlich machte. Die„Ordnungs“⸗ presse erhebt die ungeheuerlichsten Beschuldig⸗ ungen gegen unser Zentralorgan, ohne sein Material im Geringsten zu kennen. Und davon stnd wir überzeugt, der„Vorw.“ wird sich hüten, leichtfertig vorzugehen, er wird für
-seine Veröffentlichungen die sichersten Unterlagen haben.— Was wird da all' für Zeugs zu⸗ sammengeschrieben! Der mit der Polizei in Verbindung stehende Berliner„Lokal⸗Anzeiger“, der das Gras wachsen hört, bringt eine Sen⸗ sation nach der andern, die von den Kreis⸗, Amts⸗ und„unpartetischen“ Blättern der Pro- vinz gierig aufgeschnappt und gedankenlos nach- geplappert werden. So weiß das genannte Berliner Blatt aus dem geheimen Protokoll der bei dem Tode Krupps zugegen gewesenen Aerzte mitzuteilen, daß die„Verdächtigungen der sozialdemokratischen Presse“ den Gehirnschlag Krupps verursacht hätten. Ferner meldet das Blatt wichtig,„die Untersuchungsbehörde glaube
Anhaltspunkte dafür zu haben, daß maß⸗ gebende Persönlichkeiten der sozial⸗ demokratischen Parteileitung bereits zu der Erkenntnis gekommen sind, daß die Redaktion des„Vorwärts“ sich bei der Auf⸗ nahme der Meldung über die Vorgänge auf Capri hätte düpieren lassen.“
„Das Bewußtsein unseres Rechtes macht uns unempfindlich gegen derlei verdächtigende Angriffe, die überdies bald verstummen werden“, meint dazu der Vorwärts.— Uebrigens richtete sich der Artikel des Vorwärts nicht gegen Krupp, er hatte vielmehr nur den Zweck, der Abschaffung des§ 175 des St.⸗G.⸗B. das Wort zu reden.
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Persönlich war Krupp kein sehr bedeutender aber ein liebenswürdiger Mann. Er war nur Besitzer, nicht der Leiter seiner Rtesenwerke. Von ähnlichen Auschauungen wie der verstorbene Ober⸗Scharfmacher Stumm beseelt, hatte er doch nicht dessen gehässige und abstoßende Art an sich. Dem Reichstage gehörte er als Ver⸗ treter von Essen von 18931898 an, ohne je im Parlamente eine Rolle gesp elt zu haben. Bei der Wahl von 1898 unterlag er dem Zentrums⸗„ Arbeiter“ Stötzel. Krupp hinter⸗ läßt keinen Sohn, nur zwei Töchter. Das Riesenwerk soll angeblich als Fideicommiß weitergeführt werden, die nominelle Leitung soll das östereichische Herrenhausmitglied Arthur v. Krupp, der Leiter der Metall warenfabrik in Berndorf(Niederösterreich), übernehmen, deren Betrieb sich durch die gleiche Arbeiterbevor⸗ mundung auszeichnet, wie das Essener Werk. Es werden trotzdem unsere Kanonen und Panzerplatten von einem Ausländer mit der gleichen patriotischen Begeisterung geliefert werden wie bisher.— In der letzten Zeit haben im Krupp'schen Betriebe zahlreiche Arbeiter⸗ entlassungen und bedeutende Lohnreduktionen stattgefunden.
Erfreuliche Wahlerfolge
erzielte unsere Partei bei den Landtagswahlen in Anhalt. Es wurden vier unserer Genossen gewählt. Bisher war nicht ein einziger Sozial⸗ demokrat im Anhaltischen Landtage vertreten, der im Ganzen 36 Abgeordnete zählt, von denen aber nur 24 aus Wahlen hervorgehen.
Ferner wurden bei den Gemeindewahlen in Gera fünf Sozialdemokraten gewählt; von den bürgerlichen Kandidaten kamen 9 durch.
Weniger gut schnitt unsere Partei bei den am Montag in Nürnberg, Fürth und Würzburg stattgefundenen Gemeindewahlen ab, was die Eroberung von Mandaten anbe⸗ trifft. In Nürnberg und Würzburg hatten sich alle bürgerlichen Parteien gegen unsere Partei zusammengethan. Trotzdem stieg in Nürnberg die für unsere Kandidaten abgegebene Stimmenzahl ganz bedeutend. Sie erhielten 4000 Stimmen, gegen 3500 bei der vorigen Wahl und damals gingen unsere Genossen noch mit den Volksparteilern zusammen, die jetzt in den Mischmasch aufgegangen waren. Ebenso in Würzburg.— In Fürth dagegen hatten unsere Genossen eine gemeinsame Liste mit den Demokraten aufgestellt, ste erhielt 2887, die Liste der Gegner 3321 Stimmen. Gewählt wurden 8 Liberale, 2 Demokraten und 4 Sozial⸗ demokraten.— Ferner fanden in dieser Woche die Bürgerschaftswahlen in Bremen statt, wobei unsere Genossen ebenfalls gute Erfolge erzielten. Die„Bürgerschaft“ ist das Parla⸗ ment der bremischen Republik.
Das belgische Spitzel ⸗Attentat.
Selbst bürgerliche Blätter sprechen vom Anschlag des Italieners Rubino anf Leopold als von„bestellter Arbeit“. Der Atten⸗ täter wußte, wie sich später herausgestellt hat, sehr wohl, daß der König sich nicht in dem Wagen befand, auf den er schoß. Er schoß eben, um zu schießen! Ferner ergab die Unter⸗ suchung, daß Rubino als Spitzel für Rechnung der italientschen Regierung in London viel Geld verdiente. Er war beauftragt, die italienischen Anarchisten in London zu überwachen und der italienischen Behörde
über Ankunft und Abfahrt der Anarchisten, sowie über sonstige wichtige Vorkommnisse zu berichten. Der italienische Polizeichef Prina erklärte, Rubino innerhalb sechs Monaten 4500 Franken ausbezahlt zu haben. So wird man diese Spftzelarbeit nicht zu reaktionären Zwecken gegen die Arbeiterklasse ausbeuten können.
Ein Soldatenstreik⸗Prozeß
begann am Montag in Genf. Angeklagt sind von etlichen hundert Soldaten, die während des großen Streiks den Dienst verweigerten, nur 17, meistens unsere Parteigenossen, dar⸗ unter unser Genosse Arbeitersekretär Sigg. Das erste Urteil lautete gegen den Angeklagten Wyß auf 2 Monate Gefänguis und 1 Jahr Einstellung der Bürgerrechte.
Der große amerikanische Kohlenarbeiterstreik
hat mit einem Siege der Arbeiter geendet. Die Grubenbesitzer mußten eine Lohnerhöhung von 10 Prozent und den Neunstuadentag ge⸗ währen, sowie auf vertragsmäßiger Festlegung der Arbeitsbedingungen mit den Arbeiter ver⸗ bänden eingehen. Wie sich unsere Leser erinnern nahmen die Kohlenarbeiter schon vor einigen Wochen die Arbeit wieder auf, weil auf Inter⸗ vention des Präsidenten Roosevelt ein Schieds⸗ gericht eingesetzt wurde, das über die Streit⸗ fragen zu entscheiden hatte. Sein Schiedsspruch lautet in obigem Sinne. Die recht erfreulichen Erfolge der Arbeiter sind, wie der Frkfte. Ztg. Ende voriger Woche depeschiert wurde, zum großen Teil darauf zurückzuführen ist, daß die Aussagen des Streikführers Mitchell vor dem Schiedsgericht den denkbar günstigsten Eindruck machten, den die juristischen Vertreter der Zechenbesitzer nicht abschwächen konnten. Ferner machte es Eindruck, daß die Streiker durch
Aerzte bewiesen haben, daß 90 Prozent aller
Kohlengräber an Asthma leiden und die meisten kurzlebig sind.
Hessischer Landtag.
Die Zweite Kammer trat am Montag Mittag zur ersten Sitzung zusammen. Unter Vorsitz des Alterspräsidenten Möllinger er⸗ folgte die Wahl des Bureaus. Das Präsidium des vorigen Landtags: Abg. Haas⸗Darmstadt als Präsident, Schmitt-Mainz als erster und Reinhart⸗Worms als zweiter Vizepräsident, wird fast einstimmig wiedergewählt. Präsident Haas dankt herzlich für das ihm erwiesene Vertrauen und verspricht, die Geschäfte des Hauses unparteiisch zu leiten und alle Mitglieder gerecht zu behandeln. Zu Schriftführern werden die Abg. Schmalbach mit 42 und Ulrich mit 36 Stimmen gewählt.— Somit hat auch unsere Partei, wie es sich gebührt, einen Sitz im Kammervorstand. Das war schon früher der Fall, doch verlangten besonders die Na⸗ tionalliberalen, daß, wenn die Sozialdemokraten eine Vertretung im Bureau beanspruchten, sich der Gewählte verpflichten müsse, die verschiedenen höfischen Zeremonien ꝛc. mitzumachen. Dagegen verwahrten sich unsere Landtagsvertreter. Weder die Verfassung noch die Geschäftsordnung des Hauses schreibt derartiges vor. Früher gaben die Nationalliberalen nicht nach, jetzt erkannten sie, wenn auch nach längerem Zögern an, daß ein Schriftführer sein Amt versehen könne, auch ohne landesherrliche Segnung. So wurde denn der frühere Widerstand aufgegeben und— ein „Umstürzler“ hat zur Linken des Präsidenten Platz genommen. Unsere Kammer⸗Fraktion fühlt sich durch diese„Standeserhöhung“ Ulrichs nicht etwa besonders geehrt, sondern sie bestand nur auf ihrem Recht, das man ihr, wie die Abstimmung erweist, nur mit teilweise innerem Widerstreben endlich einräumte. 5
In der Sitzung am Dienstag erfolgte die Wahl der Ausschüsse. Danach besteht der Finanzausschuß aus den Abgg. Heidenreich, Möllinger, Häusel, Ulrich, Molthan, Hirschel und Gutfleisch, der Gesetzgebungsausschuß: Schönberger, Seelinger, Korell, David, Reh,
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