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Mitteldeusche Sountags⸗Zeitung.
Nr. 13
Lebeusmittelpreise in den Ländern mit und ohne Zölle.
Einer französtschen Zeitschrift, der„Revue économique“(Oekonomische Revue) von Bor⸗ deaux entnimmt die F ft. Ztg. eine Zusammen⸗ stellung der Lebensmittelpreise in England und Frankxeich, woraus ersichtlich ist, daß die Preise aller Lebensmittel im Schutzzolllande Frankreich ganz bedeutend höher sind, als in England, wo man Zölle auf Lebensmittel nicht kennt. Für etwa 40 Artikel des täglichen Gebrauchs ist nachgewiesen, daß sie in Paris 109 Frs. 95 Centimes kosten, während in London dafür nur 84 Frs. ausgegeben werden muß, das sind für Paris 30 Prozent mehr. Beispielsweise
kostet:
In London Hammelfleisch Fr. 2. Fr. Beefsteatk„ 2.60 55 Kalbfleisch 10 Schweinefleisch 1.60 Butter 535 Kaffe. Thee(gute Qual.) 1 3.20 12.— Zucker„—.40 F Viel teurer sind ferner Kohlen, Holz, Petro⸗ leum, Oel, Zündhölzchen, Pfeffer Kleider usw. Die„Petite Republique“ ermahnt die Bür⸗ ger und Arbeiter, diese Ziffern sich einzuprägen und ihrer bei den Wahlen zu gedenken.
Volksnahrung.
Wie sehr sich die Ernährungsverhältnisse weiter Volkskreise verschlechtert haben, ist aus der stetigen Vermehrunng der Pferdeschlach⸗ tungen zu ersehen. Einer Statistik zufolge sind im letzten Jahre in Preußen rund 8000 Pferde mehr zur menschlichen Nahrung ver⸗ wendet worden, als 1900. An der Spitze der langen Zahlenreihe steht Berlin mit 12,299 Pferden gegenüber 11,610 Pferden im Jahre 1900 und 10,037 Pferden im Jahre 1899. Dann folgen Regierungsbezirk Breslau mit 7107, gegen 6640 Pferden, Reg.⸗Bez. Düsseldorf mit 6922, Reg.⸗Bez. Arusberg mit 4407 u. s. w. Ein Gleiches berichtet unser Magdeburger Par⸗ teiorgan von dem Arbeiter⸗Ort Burg bei Magdeburg. Dort wurden allein im 4. Quar⸗ tal 1901 67 Gaäule geschlachtet, die sämtlich ihren Weg in die hungrigen Proletariermagen gefunden haben werden. Wie soll das erst werden, wenn die Nahrungsmittel noch mehr durch Zölle und Grenzsperren verteuert werden?
In Paris 3.— das Kilo 3.20
2.50
3.20
4.—
6.—
Die Kauouen⸗Fabrikation ohne Auftrag.
Die Mitteilung der Leipz. Volksztg., daß Krupp in Essen Marine⸗Geschütze in großer Zahl und nach ganz neuem System anfertige, ohne daß vom Reichstage solche bewilligt, ja noch nicht einmal gefordert wurden, versuchten die„Post“ und die„Germania“(das führende Centrumsblatt) als unwahr hinzustellen. Jetzt bestätigt aber die ebenfalls ultramontane, kruppfreundliche„Essener Volkszeitung“ die Angaben unseres Parteiorgans. Zwar be⸗ streitet das genannte Blatt, daß Sonn⸗ und Feiertags daran gearbeitet werde. Für größere Aufträge auswärtiger Staaten würden Probe⸗ geschütze angefertigt.„Aber außer diesen Arbeiten fabriziert Krupp thatsächlich wiedereinmal ,aufeigenes Rifiko“ neue Schiffsgeschütze und Hau⸗ bitzen.“ Nun also. Unser Leipziger Partei- organ war demnach sehr gut informiert. Es fügt übrigens noch hinzu, daß die neue Militär⸗Vorlage noch eine andere neue Kanone, ein 10 Centimeter⸗Geschütz fordern werde. Dieses Festungsgeschütz wird nach einem ganz neuen System gebaut, so, daß das Rohr in vertikaler Lage abgeschossen und ge⸗ laden werden kann.— Immer mehr Geld sollen die Steuerzahler für neue Mordwaffen aufbringen; für nützliche dem Wohle der Ge⸗ samtheit dienende Dinge ist aber kein Geld da.
Fideles Gefängnis.
Die Haft des Domänenpächters Falken⸗ hagen, der bekanntlich wegen seines Duells
mit dem Landrat von Bennigsen eine sechs⸗
jährige Strafe in der Festung Weichselmünde verbüßt, ist, nichtpreußischen Blättern A en⸗
keineswegs besonders streng. Ja hagen hat, ebenso wie andere zu Festungshaft verurteilte Gefangene, schon mehrmals Ur⸗ laub nach Danzig erhalten, auch eine größere landwirtschaftliche Veranstaltung der letzten Woche besucht.— Wir haben nichts anderes erwartet. Würde Herr Falkenhagen nicht als ein„Satisfaktionsfähiger“ kaltblütig im Duell einen Menschen über den Haufen geschossen haben, sondern nach den gewöhnlichen Straf⸗ gesetzen als Mörder bestraft worden sein, so säße er jetzt wahrscheinlich friedlich im Mutter⸗ schoß des Zuchthauses beim Wollespinnen. Und wie abschreckend die schwere Strafver⸗ büßung Falkenhagens auf andere Duellfreunde wirken wird!
Der Antisemiten⸗Heros Pückler auf der Flucht.
Dreschgraf Pückler sollte sich am 13. März in Glogau wegen Zerstörung einer Feldbahn verantworten und war nicht erschienen. Zu einem neuen Termin am 20. März sollte er vorgeführt werden. Das ist aber nicht gelungen. Die Verhandlung wurde pünktlich um neun Uhr eröffnet. Inspektor und Gutsarbeiter waren zur Stelle, aber der Angeklagte Pückler fehlte. Der Vorsitzende stellte aus den Akten fest, daß in Verfolg des Vorführungsbeschusses vom 13. d. Mts. Haftbefehle nach Berlin, Dresden und Klein⸗Tschirne ergangen sind, aber keinen Er⸗ folg hatten. Der Staatsanwalt teilte darauf mit, daß er nunmehr das Fahndungs ver⸗ fahren gegen Graf Pückler einleiten werde, und beantragte Vertagung der Sache bis auf weiteres. Der Gerichtshof beschloß nach kurzer Beratung, die Sache zu vertagen und einen neuen Verhandlungstermin erst dann anzusetzen, wenn Graf Pückler verhaftet und in das Glo⸗ gauer Gerichtsgefängnis eingeliefert wird. — Bekanntlich drohte das Gräflein in der Berliner Versammlung, daß er den nächsten Polizisten, der ihn verhaften wolle, eine Ladung Schrot in den Bauch schießen wolle. Jetzt scheint er 055 poch die Flinte in's Korn geworfen zu haben!
Ein sittlicher Schulinspektor.
Im preußischen Abgeordnetenhause erzählt der Abg. Czarlinski(Pole) folgende Geschichte:
„Bei Pleschen hat eine Mühlenbesitzerin eine Badeeinrichtung eröffnet mit der Anordnung, daß bis Mittag Frauen und Nachmittags Männer baden sollen. Eines schönen Sonn⸗ tags des verflossenenen Jahres begaben sich drei junge Damen mit höherer Bildung und aus den besseren Ständen der dortigen Stadt nach der Mühle, um zu baden. Ein paar Minuten nach 12 Uhr kam nun der Kreis schulinspektor Neuendorf mit seinem Sohn, der vor Kurzem das Abiturientenexramen gemacht haben soll, und unwillig darüber, daß die Badebude noch ver⸗ schlossen war, brach er sie mit Gewalt auf, nahm die Kleidungsstücke der jungen Damen und brachte sie auf eine unweit gelegene Wiese, so daß diese armen Wesen genötigt waren in dem Kostüm ihrer Stammmutter bei den Herren vorüberzugehen und unter freiem Himmel sich anzukleiden. Auf erhobene Beschwerde habe die Regierung sich bemüht, die Zurüuͤck⸗ ziehung der Sache zu bewirken.— Das muß ja ein recht netter Schulinspektor sein! Die Regierung kann sich doch wohl einer genauen Untersuchung dieses Falles nicht entziehen. Jede Nachsicht diesem Menschen gegenüber wäre unangebracht.
Abgeschnittene Widmungen.
Wie alljährlich, so legten auch diesmal unsere Berliner Genossen zahlreiche Kränze auf die Gräber der Märzgefallenen in Friedrichshain nieder. Viele der gestifteten Kränze waren mit Schleifen versehen, die eutsprechende Widmungen
gefährlich und schnitt die betreffenden S hlei ab. Unter anderem fielen folgende Ve polizeilichen Scheerenarbeit zum; pfer: Wir wollen Freiheit, wollen Licht und Recht! Nicht länger sei das Volk das Schaf d Hürde! Nicht länger sei das Volk des Fürsten Knecht; Wir wollen Menschlichkeit und Menschenwürd
Was habt Ihr nun errungen, Da Ihr das Leben gab't, Liegt den der Feind bezwungen, Dem Ihr getrotzet habt? 8 Nein, noch grinst bleich die Not, Doch blüht aus unsrem Herzen Als Siegesmal des Märzen Die Rose blutigrot. e
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——
Diese Inschrift an einem von den Arb eitern f
einer ebenfalls für umstürzlerisch. Die vom Kranze
der Freien Volksbühne konsiszierten Worte
lauteten:
Nun flog ein Kranz mit rotem Band Wohl auf des Grabes Mitte;
Und als er auf den Hügel sank
Da zogen schon die Wächter blank, Der Zucht und frommen Sitte.
Hörst Du der Eulen wüst Geschrei, Dann wisse:
Die Mitternacht ist vorbei.
Ste krächzen und heulen, aufgejagt, Vor Angst, daß bald der Morgen tagt.
Das sind nur wenige Proben von den vielen a Nach dieser Polizei⸗Arbeit
Scheeren⸗Opfern. konnte Berlin, konnte Deutschland wieder ruhig schlafen. Nun, Schletfen können sie abschneiden, nicht aber das Wachstum unserer Bewegung, die auf Befreiung der Meuschheit von Unter⸗ e und Bevormundung jeder Art gerichtet 1*
Breslau⸗West und Gerdauen.
Wie wir noch in der letzten Nummer mit⸗ teilen konnten, hat unsere Partei bei der Nach⸗ wahl in Breslau wiederum einen glänzenden Sieg erfochten. Genosse Bernstein zieht als 58. Sozialdemokrat in den Reichstag ein. Er erhielt 14689 Stimmen. Das sind etwa 200 weniger als 1898 Schönlanck erhielt, der unbe⸗ deutende Rückgang erklärt sich durch die allge⸗ meine schwächere Wahlbeteiligung bei Nach⸗ wahlen, sowie durch Verziehen zahlreicher Ar⸗ beiter aus dem Bezirke. Aber die Stimmen⸗ zahl der bürgerlichen Parteien gingen insgesamt um mehr als 1700 zurück! Die Freisin⸗ nigen, für die ein Teil der Nationalliberalen gesttmmt hat, erhielten 6408, die mit dem Cen⸗ trum verbündeten Konservativen 4426 und die Autisemiten 322 Stimmen. Die Wahl ist be⸗ achtenswert wegen der Person unseres Kandi⸗ daten. Auf ihn setzten die Gegner große Hoff⸗ nungen. Von seinem Auftreten erwarteten sie den Zerfall der Sozialdemokratie. Aber die Wahl war wieder ein schöner Beweis sozial⸗ demokratischer Disziplin; kein Genosse blieb zu⸗ rück, obwohl viele mit den von Bernstein ver⸗ tretenen Anschauungen nicht einverstanden waren.
Anderseits hat der Name Bernsteins nicht ver⸗ 0
mocht, irgendwelche Stimmen von den gegne⸗ rischen Parteien abzusplittern, während. vor wenigen Jahren von einzelnen Vermittlungs⸗ theoretikern den Bernstein'schen Auffassungen
eine werbende Kraft in den bürgerlichen Par:
teien zugeschrieben wurde. Für die Brotwucher⸗Parteien bedeutet
die Breslauer Wahl eine empfindliche Nieder⸗ 1
Fabrik gestifteten Kranze hielt die Polizei
lage; sie erlitten einen Verlust von 2552
Stimmen! Das ist wieder ein Zeichen dafür, daß wir den allgemeinen Neuwahlen, wenn sie unter der Parole„Für oder gegen die Zölle“ statt⸗ finden, mit Vergnügen entgegen sehen können.
Bemerkenswert ist auch die„Entwickelung“ welche die antisemitische Partei in diesem Wahlkreise genommen hat. Im Jahre 1893 erhielt der Antisemit 1370, 1878 nur noch 509 Stimmen, die jetzt auf 322 zusammengeschmol⸗ zen sind. Und das, trotzdem der antisemi⸗ tische Kandidat, v. Mosch, eine ziemliche Agita⸗ tion entfaltete. Daraus kann man mit Sicher⸗ heit den Zeitpunkt berechnen, wo der Antisemit⸗
trugen. Die hochwohllöbliche Polizei erachtete aber eine große Anzahl der Verse für staats⸗
75 in diesem Wahlkreise verschwunden sein wird. a 50 An 5
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