Ausgabe 
30.3.1902
 
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Nr. 13.

Gießen, Sonntag, den 30. März 1902.

9. Jahrg

Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.

Mitteldeutsche

Sonntags

Redaltionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr.

itung.

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Bei mindestens

Auferstehung.

Begleitet von Stürmen und Schauern kam wieder der Frühling ins Land, von allen Menschen herzlichst begrüßt, besonders aber von denjenigen, welche die Unbill des Winters am meisten empfunden haben, von der großen Masse der Besitzlosen. Sie haben mit Sehnsucht den Lenz erwartet und freuen sich, wieder etwas freier aufatmen zu können, wenn die wärmenden Sonnenstrahlen Baum, Strauch und Blumen ersprießen lassen. Die Neugeburt der Natur 10 5 0 auch im Menschen stärkere Hoffnungs⸗

ebe.

Drum feiern alle Völker ihre Frühlingsfeste. Die alten Deutschen opferten der Frühlings-

öttin Ostara, dem Symbol der die Eisfessel n Naturgewalt, der Urheberin des treibenden Lebens. Das altdeutsche nach der 1 benannte Naturfest änderte das hristentum in das Auferstehungsfest des ge⸗ glaubten Weltheilands um. Aus einer Periode menschlichen Elends erstanden, verwies das Christentum mit seiner Demutslehre auf das übersinnliche Jenseits, von wo den Gläubigen Hilfe, Trost, Gnade, Erlösung kommen solle.

Christliche Feste werden gefeiert; mit Be⸗ thätigung christlichen Glaubens siehts aber trübe aus. Von Hunderten sich gegenseitig aufs bit⸗ terste bekämpfenden christlicher Sekten will jede einzelne denwahren Glauben, die richtige Erkenntnis besitzen; keine verficht aber ernst⸗ lich die hohen Menschheitsideale des Nazareners und des ursprünglichen Christentums. Im Ge⸗ genteil. Die Kirchenlehre und Bestrebungen laufen wahrer, echter Menschlichkeit zuwider. Das Christentum von heute richtet sich nach den Wünschen der Gewalthaber und Besitzen⸗ den. Deren Interessen vertritt heute die Kirche, die lehrte, daß eher ein Kamel durch eine Nadelöhr gehen, als ein Reicher in den Himmel kommen sollte. Der Gewalthaber, der auf dem Geld⸗ sack Sitzende benutzt die Frömmigkeit um das Unrecht zu verewigen, das an Millionen Men⸗ schenkindern begangen wird. Wenn die From⸗ men die Osterglocken und die Predigt von der Auferstehung des Heilandes hören, denken sie nicht an die Masse Derjenigen, deren Leben kein Freudenstrahl erhellt, die in Not und Küm⸗ mernis dahinstechen.

Nächstenliebe predigt die Geistlichkeit von allen Kanzeln. Zu gleicher Zeit herrscht Raub⸗ sucht, Gier nach mühelosem Gewinn und Hundert⸗ tausend Menschenbrüder werden geopfert. Wo wehrt die Kirche den Unterdrückern und Aus⸗ beutern? Ach, die Verkünder der Auferstehungs⸗ lehre, die Priester der Kirche finden wir meistens

auf der Seite der Brotverteuerer, mit ihnen

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bemüht, den Aermsten und Unglücklichsten noch mehr Lasten aufzubürden! Andachtsvoll hört der Christ die rührende Osterpredigt. Herzlos übervorteilt er aber am Tage darauf seinen Nebenmenschen, treibt Wucher mit dem täglichen Brote des Armen. Wahrlich, der christliche Staat ist ein Hohn auf die Lehre Christi! Trotzdem, auch wir feiern das Aufer⸗ stehungsfest! 5 g

Ja, wir glauben an eine Erlösung, an ein Auferstehn! Im Sozialismus ist uns eine neue Heilsbotschaft erstanden und seine Bekenner werden ebenso wie die ersten Christen

von den Mächtigen und Priestern verfolgt und bedrückt. Der Sozialismus ist der Glaube an den Menschen selbst, er fordert von seinen Anhängern ihren heiligen Menschenpflichten eingedenk zu sein, sich in den Dienst der Kultur zu stellen.

Wir richten den Blick nicht himmelwärts, von dort Erlösung erhoffend. Wir halten es mit Goethe:

Thor, wer dahin die Augen blinzend richtet Und über Wolken seines Gleichen dichtet! Er stehe fest und sehe hier sich um!

Dem Tüchtigen ist diese Welt nicht stumm.

An das Proletariat aber, an die Männer und Frauen der Arbeit ergeht der Mahnruf des genannten Geistesfürsten:

Wer immer strebend sich bemüht Den können wir erlösen.

Sich immer strebend bemühen, rastlos weiter zu arbeiten, an der Befreiung, Erlösung der Menschheit, das sei unsere Aufgabe!

Fröhliche Ostern!

Das Unglaublichste von allem!

Unter dieser Ueberschrift bringt unser Dresdener Parteiorgan einen Artikel, dem wir folgende Sätze ent⸗ nehmen:

Die moderne Kultur, unsere wirtschaftlichen, gesell⸗ schaftlichen und politischen Zustände bieten einen furcht⸗ baren Anblick. Mit Riesenkraft hat des Menschen Geist die widerspenstige Natur bezwungen, Wunder der Technik geben uns die Möglichkeit, ungeahnte Reichtümer zu schaffen: eiserne Sklaven bewegen sich emsig für uns, mit der Schnelligkeit des Gedankens können wir uns über Länder und Meere hinweg mit unseren Mitmenschen verständigen; an jedem Tage weiß man von neuen Er⸗ rungenschaften der Wissenschaft zu melden, die Zahl der Rätsel, die des Geistes Schärfe noch nicht zu lösen ver⸗ stand, wird kleiner und kleiner jauchzend möchte man ausrufen, wenn man das alles überdenkt: es ist eine Lust zu leben!

Und doch: Die Massen der Völker sind elend, wie sie gewesen. ker meinte, der Menschheit goldener Tag werde an⸗ brechen, wenn die Mühle sich von selber drehte und der fleißigen Hand der Sklavin entraten könne. Nun, die Hand des Menschen ist durch Maschinen ersetzt worden, der Mühlstein dreht sichvon selbst im sausenden Um⸗ schwung: wo aber blieb der Menschheit golde⸗ ner Tag? Die Maschine, statt die Menschen zu be⸗ freien, versklavte sie nur noch mehr; die Arbeit, statt zum Segen, zum Adel unseres Geschlechts zu werden, ward mehr und mehr zum Fluche! Die Errungenschaften der Wissenschaft und der Technik was nützen sie dem Besitzlosen, der nichts hat als die Kraft seiner Hände und die Klarheit des Hirnes, die er aufbrauchen muß im Dienste der Be sitzenden? Was frommen ihm die Schätze der Kunst, deren Genuß ein Vorrecht des Reich⸗ tums ist? Was weiß er vom belebenden Strahle ita⸗ lienischer Sonne oder vom würzigen Hauche lebenspenden⸗ der Alpenluft, wenn Krankheit ihn niederwirft? Wie soll er der oft die Kraft zum Höchsten in sich fühlt, sich die Vorbildung verschaffen, die ihn emporführen würde? Was kann er seinen Kindern, an denen er mit der ganzen Zärtlichkeit hängt, deren ein Elternherz fähig ist, bieten, als die traurige Aus sicht, ebenfalls im Dienste des Kapitalisten ein kaum menschenwürdiges Dasein voll Not und Mühsal, Kummer und Entbehrung zu führen?

Ausgeschlossen, ausgestoßen, ein Enterbter mitten im Reichtume, keucht der Proletarier auf seiner schweren Lebensbahn vorwärts. Aber es brauchte nicht so zu sein.

Der alte griechische Den⸗

Wir kennen die Grundfehler, aus denen die Uebel entstehen, wir kennen die Mittel, um ihnen abzuhelfen. Der Proletarier eignes Werk muß ihre Befreiung sein vom Doppeljoch der politischen Ent⸗ rechtung und der ökonomischen Ausbeutung. Millionen sind erfüllt von der frohen Botschaft des Sozialismus, stehen im Kampfe um eine grundstürzende Umänderung der Gesellschaftsordnung: in ihren Organisationen thun sie mannhaft und opferwillig ihre Pflicht, und geben ihrem Leben einen Inhalt.

Unzählige andere aber und das ist das Un⸗ glaublichste von allem sehen das, wissen, wo⸗ rum es sich handelt, möchten sich au zu den Kämpfern der Zukunft zählen, und leben doch in bedauerlichem Stumpfsinn dahin. An nichts anderem kann man das so deutlich sehen, wie an dem Verhältnis des Pro⸗ letariers zu seiner Zeitung. Wer als wahr⸗ haft klassenbewußter Mensch im Leben seine Pflicht und Schuldigkeit zu thun sucht, der verlangt nach Aufklärung, nach Wahrheit, nach dem erfrischenden Ausdruck kernfester Ueberzeugung. Und was sehen wir? Tau⸗ sende, die sich für Sozialdemokraten, für Wahrheitssucher, für Anhänger der großen Sache des internationalen Proletariats ausgeben, entblöden sich doch nicht, die volksverdummende, arbeiterfeindliche, ver⸗ giftende Lektüre der kapitalistischen Sudel⸗ und Schundblätter in ihrem eigenen Heime zu dulden! Und viele andere gehen jahraus mit solchen schwachen, thörichten Menschen um, die zu Ver⸗ rätern an ihrer eigenen Sache werden, ohne ein ernst⸗ haftes Wort mit ihnen zu sprechen!

Daß die Proletarier selbst ihren Gegnern Waffen liefern, daß sie ihrer eignen Befreiung entgegenarbeiten, das ist wir wiederholen das Unglaublichste von allem, das ist das Verhängnis dieser Klasse. Hier muß die Aufklärungsarbeit einsetzen, hier muß die Agitation von Mund zu Mund, von Familie zu Fami⸗ lie wirken. Es muß anders werden. Hier hat jeder Parteigenosse seine Pflicht zu erfüllen, und hier kann sie jeder erfüllen. Hinaus mit der Schundpresse aus den Häusern der Arbeiter! Es gereicht einem Proletarier zur Unehre, wenn er die Inseraten⸗ plantagen kapitalistischer Verleger unterstützt; es gereicht ihm zur Unehre, wenn er nicht mithilft, Wandel zu schaffen! 5

Drum unterstützt die Arbeiterpresse Werbt Abonnenten für die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung!

Politische Rundschau.

Gießen, den 28. März. Wegen der Diäten für die Zollkommission ist, wie berichtet wird, eine Verständigung zwischen dem Reichskanzler und dem Reichstags⸗ präsidenten über den einzuschlagenden Weg er⸗ zielt worden. Präsident v. Ballestrem wollte nämlich vorher davon nichts wissen, wenn nicht zugleich für die übrigen Reichstagsmit⸗ glieder Tagegelder eingeführt werden. Der Bundesrat, der vor Ostern zu keinem festen Entschluß kommen konnte, dürfte demnach bald nach Wiederaufnahme der Sitzungen an den Reichstag mit einer entsprechenden Vorlage herantreten. Die Vorlage wird kaum Annahme im Reichstag finden. Die Linke wird sie ener⸗ gisch bekämpfen, und neuerdings verlautet, daß auch die Zentrumsfraktion einstimmig beschlossen habe, an der Diätenforderung für den ganzen Reichstag unbedingt festzuhalten. Da kann es nach den Osterferien hitzige Debatten absetzen.