2 4 N„ g. eee N— .— 5 c. 25 5.*—— 55
. 2
Seite 4.
Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
Nr. 26.
der Landwehrleute, die ihn in ihrer Dienstzeit nicht gelernt hatten. Einer der schlimmsten Tage war jedenfalls der 14. Juni, ein Samstag. An diesem Tage war im ganzen Regiment Felddienst. Die Kompagnie sollte mit den übrigen zu einer bestimmten Zeit am Ostaus⸗ gang von Wieseck stehen. Längst schon waren die andern Kompagnien abgerückt, da standen wir immer noch auf dem Kasernenhofe. End⸗ lich rückten auch wir ab, ohne daß bis dahin der Hauptmann dabei war. Erst bei Wieseck holte er uns ein. Und als dann die andern Kompagnien bereits abmarschiert waren, wurden wir immerwährend zur größten Eile angetrieben, um die andern einzuholen. Im größten Eil⸗ marsch ging es bei der schwülen Witterung auf Alten⸗Buseck zu. Und als wir auch jetzt die andern noch nicht einholten, da hieß es Laufschritt. Und mit gepacktem Tornister lief die ganze Kompagnie den Berg hinauf; ein Experiment, das jedenfalls noch keiner von Uns erlebt hatte, auf dem Marsche. Ein schlimmer Tag war noch der Mittwoch, der Tag vor der Besichtigung. Morgens von ½6 Uhr Felddienst. Der Regen floß in Strömen und es regnete bis zur Beendigung des Dienstes um ½11 Uhr. Ganz durchnäßt kamen wir in der Kaserne an. Das Wasser stand in den Stiefeln. Wohl hatte der Feldwebel vorsorglich auf den Zimmern heizen lassen. Aber das hielt nicht lange vor, so daß es nicht möglich war, die Kleider schnell zu trocknen. Trotzdem war um 3 Uhr Exerzieren in demselben Anzug und um 6 Uhr Appell in demselben hergerichtet zur BesichtigQung. So war es denn auch kein Wunder, daß, als der Hauptmann die Aufforderung an die Mann⸗ schaft stellte, vorzutreten, wer geneigt sei, sich auf einem Bilde mit photographieren zu lassen, kein Mann vortrat. Selbst der stramme Kriegervereinler von Hohensolms nicht, der in der Instruktion auf die Frage, was„Treue“ sei, antwortete, wenn man in Zivil sei, so müsse man im Kriegerverein sein und jeden, der unehrerbietig von einem Fürsten spreche, zur Anzeige bringen. Zum Schlusse will ich noch bemerken, daß auch die Kost viel zu wünschen übrig ließ. An einem Tage war sogar die Nudelsupne vollständig mit Kaffersatz vermischt. Die Entrüstungsrufe und sonstigen Auslassungen der Landwehrleute infolge dieser Erlebnisse zu schildern, ist mir aus bekannten Gründen nicht möglich.
— Zur Wohnungsfrage. Im hessi⸗ schen Landtage ergriff bei Beratung der Re⸗ gierungsvorlage, betreffend die Wohnungsfür⸗ sorge für Minderbemittelte unser Genosse Ulrich das Wort, um den Standpunkt unserer Partei in dieser Frage darzulegen. Er führte aus, ihm gehe dies Gesetz lange nicht weit genug. Es ist nicht genügend, die ungesunden Wohn⸗ ungen zw ngsweise zu beseitigen, sondern man muß den aus diesen Wohnungen Ausgetriebenen zugleich gesunde Wohnungen zur Ver⸗ fügung stellen können. Solange hierfür nicht gesorgt ist, wird das neue Gesetz nur wenig zur Beseitigung der Wohnungsnot bei⸗ tragen. Es müsse den Gemeinden ein direktes Recht zum Bauen gegeben werden, und die Gemeinden müssen von Staatswegen zum Bauen angehalten werden. Dies Gesetz komme den minderbemittelten Gemeinden, insbesondere auf dem Lande, zu Gute, denn die Wohnungs— verhältnisse in den Gemeinden unter 5000 Seelen seinen zum Teil himmelschreiender als in Städten. Für die Arbeiter ist die Wohnungsfrage zur Zeit eine Lohnfrage und nichts anderes. Es ist außer Zweifel, daß die Wohn⸗ ungen der Arbeiter ihr Einkommen weit mehr belasten, als es bei allen anderen Leuten der Fall ist. In den Industriestädten werden die Arbeiter oft weit über ein Viertel ihres Ein⸗ kommen durch die Wohnungen belastet. Ein Reichswohnungsgesetz sei herbeizu⸗ führen, und die hessische Negierung solle dahin wirken, daß die Gedanken dieser ihrer Vorlage dem Bundesrat nahe gebracht würden. Jeden⸗ falls habe das Vorgehen der hessischen Regierung in dieser Frage große Bedeutung, und könne für die anderen deutschen Staaten ein Vorbild sein. Ihm sei der Vorschlag der Regierung annehmbar, weil er das Verständnis für diese
Frage in weiteren Kreisen fördern werde. Wie schon unter„Hessisches“ mitgeteilt, wurde die Vorlage angenommen.
— Bäcker Versammlung. Diesen Mittwoch, den 2. Juli nachm. 3 Uhr findet eine öffentliche Bäckerversammlung im„Wiener Höf“ statt, in welcher Herr Hetschold-Berlin über:„Die eingeführte Arbeitslosen⸗u. Kranken⸗ unterstützung als Förderer unserer Bestrebungen zur Verbesserung unserer Arbeits- und Lohn⸗ bedingungen“ sprechen wird. Selbstverständlich haben auch Angehörige anderer Berufe Zutritt. Pflicht der Bäcker ist es aber, für einen recht zahlreichen Besuch der Versammlung zu wirken.
— Das„Volksfest“ zur Feier der Immatrikulation des 1000. Studenten soll nach einer Bekanntmachung der Bürgermeisterei Mitt⸗ woch den 2. Juli im Philosophenwald statt⸗ finden. Das Eintrittsgeld beträgt für jeden männlichen Teilnehmer 2 Mark, für Damen 1 Mark. Dafür stehen die von der Stadt ge⸗ stellten Speise und Getränke unbeschränkt zur Verfügung. Wer sich also beteiligen will, muß sich schon in solchen Verhältnissen befinden, daß er„es machen kann,“ wie man sich gewöhnlich ausdrückt. Unter diesen Bedingungen kann von einem„Volksfeste“ gar nicht geredet werden. Ein Fest für bessere Leute! Und das auf Kosten des Stadtsäckels.
— Auf die Johannisfeier des hiesigen Orts⸗ vereins des Buchdruckerverbandes, die diesen Sonntag auf der Liebigshöhe stattfindet, machen wir nochmals aufmerksam. Wir sind überzeugt, daß jeder Besucher von der Fülle des dort Dargebotenen befriedigt sein wird. Zahlreiche Kollegen aus Marburg und den übrigen Orten der Umgebung haben ihr Erscheinen zugesagt. Die Festrede hält Stadtverordneter Krumm.
— Die Deutsch⸗Amerikanische Petroleum⸗Gesellschaft sucht sich neuerdings festen Fuß zu fassen. Sie sucht durch enormen Preisdruck die Konkurrenz zu vernichten, um dann später die Preise willkürlich hoch zu schrauben. Die Konsumenten sollten sich hüten, diesen kapitalistischen Kniff zu Unterstützen.
Aus dem Rreise gießen.
— Eine Volksversammlung wird am Sonntag 6. Juli, Nachmittags ½4 Uhr in Rödgen im Lokale des Herrn Gustav Schneider stattfinden. Wir machen schon jetzt die Genossen in Rödgen, Trohe und Altenbuseck hierauf auf⸗ merksam. Gegenstand der Tagesordnung wird die Wahlrechts vorlage sein. Für guten Besuch zu sorgen, ist Pflicht der Genossen.— Bei dieser Gelegenheit wäre es für die Gießener Genossen angebracht, einen Ausflug nach Rödgen zu unternehmen. Der Weg dahin ist ja durch den schönen schattigen Wald selbst bei großer Hitze angenehm.
— Feste. dortige Arbeiterverein Sonntag, den 29. Juni sein Stiftung sfest im Lokale des Herrn Gastwirt Schäfer. Stadtverordneter Busold⸗Friedberg hält die Festrede.— Der Gesangverein„Eintracht“ in Steinberg hält ebenfalls diesen Sonntag sein 33. Stiftungs⸗ fest im„Grünen Baum“ ab. Es findet ein Festzug durch den Ort statt, an dem sich zahl- reiche Vereine beteiligen.(Siehe Inserate.)
Aus dem Rreise Wetzlar.
h. Tod bei der Arbeit. Am Freitag kam der Bergmann Klotz aus Bechlingen, der in der bei Breitenbach gelegenen Grube beschäftigt war, auf schreckliche Weise ums Leben. Wie der Wetzl. Anz. berichtet, hatte Klotz bemerkt, daß an dem Bremsberg etwas nicht in Ord⸗ nung war. Er sah nach und während dessen wurde er von einem Seil erfaßt und in die Höhe gezogen. Hierbei wurde ihm der obere Teil des Kopfes vollständig abgerissen, sodaß die Gehirnteile in der ganzen Nähe umherflogen. Der unglückliche Mann, welcher eine Frau mit f kleinen Kinder hinterläßt, war natürlich so⸗ ort tot.
In Niedershausen fand am Sonntag vor acht Tagen eine öffentliche Volks⸗ versammlung statt, in der Genosse Habicht⸗ Frankfurt über das Erfurter Programm sprach. Die Versammlung war außerordentlich gut be⸗
In Daubringen begeht der b
sucht und folgte dem Vortrage mit großer Aufmerksamkeit. Redner schilderte die brutalen
Versuche, mit welchen die Gewalthaber seit 1848
die Arbeiterbewegung niederzuknüppeln suchten. Dann erklärte und erläuterte der Redner an der Hand des Erfurter Programmes unsere Forderungen an den heutigen Staat in aus⸗ führlicher Weise, öfters von Beifall unterbrochen. Die Versammlung hat gezeigt, daß alle Sozi⸗ alistentöterei, die in letzter Zeit in hiesiger Gegend vielfach verbrochen wird, absolut nicht mehr zieht. Selbst der tapfere„Gottesmann“ im benachbarten Löhnberg wird uns nicht mehr offen entgegentreten, denn trotzdem die Gegner öffentlich eingeladen waren, meldete sich keiner zum Wort. Diese„Tapferen“ sind eben auch pfiffig; daß sie bei einer offenen Aussprache ohne Einschränkung der Redezeit zum Schlusse den Kürzeren ziehen, wissen sie vorher, deshalb schießen diese Leute aus dem Hinterhalt.
Aus dem Rreise Marburg⸗Rirchhain.
St. Schwurgericht. Am Montag begann vor hiesigem Landgericht die diesjährige Som⸗ mersession des Schwurgerichts mit der Ver⸗ handlung gegen den Kaufmann Karl Breiden⸗ stein aus Biedenkopf wegen Sittlichkeitsver⸗ brechen. Das Urteil lautete auf Freisprechung. — In der Dienstagssitzung wurde der Hand⸗ langer Dietrich Michael aus Großseel heim, ebenfalls wegen Sittlichkeitsverbrechen angeklagt, zu 1 Jahr 9 Monaten Gefängnis verurteilt. An beiden Tagen war die Oeffentlichkeit aus⸗ geschlossen.— Am Mittwoch, dem letzten Sitz⸗ ungstage, wurde gegen den Kaufmann Karl Kreicker aus Bledenkopf wegen Brandstiftung verhandelt. Bei Absendung dieses Berichtes waren jedoch die Verhandlungen noch nicht beendet.
— Das Sommerfest des Gesangvereins „Eintracht“, welches am vergangenen Sonntag im Schloßgarten dahier gefeiert wurde, nahm einen recht gemütlichen Verlauf. Bei Gesangs⸗ vorträgen, Preiskegeln für Herren und Damen ꝛc. und Tanz vergnügten sich die Teilnehmer aufs beste und dürfte auch das pekuniäre Ergebnis ein befriedigendes gewesen sein.
— Sängerkrieg in Beltershausen. Im Gegensatz zu obigem Arbeiterfeste nahm das am Sonntag in Beltershausen abgehaltene Sängerfest einer Anzahl ländlicher Gesang⸗ vereine, wie es bei solchen Gelegenheiten aber fast immer der Fall ist, einen recht ungemüt⸗ lichen Verlauf. Eine gehörige Keilerei, bet der es blutige Köpfe und sonstige Verletzungen gab und bei der mit Wagenrungen drauf gehauen wurde, gab dem Fest die nötige Weihe. Der anwesende Gendarm konnte natürlich nicht viel ausrichten. Die Sache wird aber ein gericht⸗ liches Nachspiel haben.
Schlimmes Sittenbild aus Offenbach.
Eine am Freitag in Darmstadt stattgefundene Strafkammerverhandlung entrollte ein schauder⸗ haftes Bild von dem skandalösen Treiben eines Offenbacher Wirtes. Der 54 Jahre alte vor⸗ bestrafte Gastwirt Joh. Leonh. Schneider in Offenbach hatte sich, wie das Offenb. Abendbl. berichtet, wegen schwerer Kuppelei zu verant⸗ worten. Er betreibt seit einer Reihe von Jahren Wirtschaft, hatte erst den„Oberpollinger“ und seit 1897 die Wirtschaft„zum Schützenlies'l“ im großen Biergrund 15, und hat in diesem Lokale, in welchem meist Dirnen und deren Zuhälter verkehrten, in nicht zu beschreibender leichtfertiger Weise der Unsittlichkeit Vorschub geleistet, wie es man fast kaum in der Groß⸗ stadt antrifft. Die Verhandlungen wurden unter Ausschluß der Oeffentlichkeit geführt, und dau⸗ erten bis zum Abend, da über 40 Zeugen zu vernehmen waren. Es wurden geradezu schau⸗ dererregende Thatsachen ans Tageslicht gefördert und bedauerte der Vorsitzende, daß ulcht auch eine Anzahl der Zeugen unter Anklage gestellt seien, damit man sie für ihr Treiben büßen lassen könnte. Der Vertreter der Staatsan⸗ waltschaft hatte drei Jahre Gefängnis bean⸗ tragt, doch wurde Sch. nur zu 2 Jahren Ge⸗ fängnis verurteilt und ihm die bürgerlichen
Ehrenrechte auf fünf Jahre aberkannt.—
—
—rß... ²˙ Q]jðͤ ˙. ,,
* r—
F
— 2


