Ausgabe 
28.12.1902
 
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14 5 Jahren Zuchthaus.

Nr. 52.

Mitteldeulsche Sountags⸗Zeitung.

Seite 5.

Weihnachtsfeier. Jahre wieder veranstaltet unser Arbeiter⸗Ge⸗ sangvereinEintracht am 1. Festtag abend im Jesberg'schen Lokale eine Weihnachts⸗ feier, bestehend in Verlosung, Gesangs⸗ und Musikvorträgen und Abbrennen eines Christ⸗ baumes, wozu alle Parteigenossen freundlichst eingeladen sind.

Kommunales. Vergangene Woche fand hier eine Sitzung der Stadtverordneten statt, in der u. a. über die äußerst wichtige Frage der Erbauung einer neuen Volksschule die sehr nötig ist beraten wurde. Da bei der Beratung einiger Punkte vorher die Oeffentlichkeit ausgeschlossen wurde, so mußten die Berichterstatter der hiesigen Presse das Sitzungslokal verlassen, und da sie sich auf dem ungeheizten Flur des Rathauses ohne Ge⸗ fahr eine Erkältung uicht lange aufhalten konnten sondern die gastliche Stätte verließen, so befinden sich die Einwohner Marburgs bis jetzt völlig im Dunkeln über den ev. gefaßten Beschluß unserer Stadtväter in dieser An⸗ gelegenheit.

Der Teufel trau den Frommen!

Dieses Wort, das der französische Dichter Moliére dem alten Oregon in seinemTar⸗ nuffe in den Mund legt, behält doch immer sseine Gültigkeit, obwohl schon Jahrhunderte wergangen sind, seitdem es niedergeschrieben wurde. War da in Oberlahnstein ein braver, frommer Mann, Lokomotivführer seines Zeichens, der ein gar schlicht und ehrbares Veben führte. Jeden Morgen, wenn es der Dienst erlaubte, ging er zusammen mit seiner Frau in die Frühmesse, wie es sich für einen guten katholischen Christenmenschen gehört. Aber er führte gewissermaßen ein Doppelleben; auf seinem Dampfroß kam er fast täglich nach Ems und dort hatte er ein Liebchen, mit dem er in seiner freien Zeit manches Schäferstünd⸗ chen abhielt. Das ging so jahrelang. Auf einmal kam aber die Frau Gemahlin hinter die Schliche ihres frommen Eheherrn, den sie bisher als das Muster aller Männer angesehen hatte. Natürlich gab es eine häusliche Szene. Dabei blieb es aber noch nicht; die Sache kam auch in die Oeffentlichkeit. Sehr zum Bedauern der Heiligen in Oberlahnstein und die sind vort sehr zahlreich die außer sich sind, daß wieder mal einer der ihren gestrauchelt und dem Teufel Bitru zum Opfer gefallen ist.

Im christlichen Staate.

Kurz vor dem Fest der christlichen Liebe hat der Stadtrat in Pirmasens gegen die Stimme unseres Genossen Keidel beschlossen, 15 männliche Personen und 19 Witwen aus⸗ zuweisen, weil sie nicht unterstützungswohnsitz⸗ berechtigt sind. Als Grund dieser drakonischen Maßregel konnte von dem Bürgermeister nur geltend gemacht werden, es könnte eine Lehrkraft bespart werden, denn die Ausgewiesenen hätten 5 Kinder. Der Antrag zur Ausweisung Burde von dem Armenpflegschaftsrat gestellt, her zur Begründung anführte, es seinen von 1170 M., die als Armenunterstützung aufge⸗ kracht, 14000 M. für auswärtige Arme aus⸗ gegeben worden.

Wir sind überzeugt, daß die Stadtväter

wrotzdem unter dem Weihnachtsbaume mit srommem Augenverdrehen singen werden: Friede auf Erden!

Ein Hunne.

Das Schwurgericht in Ulm verurteilte wrige Woche den ehemaligen Chinakrieger srabrikarbeiter Stütz wegen Todtschlags Er hatte gelegent⸗ lch der Kirmes in einem Dorfe bei Geislingen en Sohn des Wirtes niedergestochen, weil lieser dem Gendarmen bet der Verhaftung des (ötütz, der fürchterlich krakehlte, behilflich war. Lorher hatte er in der Wirtschaft mit seinen heldentaten in China renommiert und derartig lüfgeschnitten, daß es zu Streitereien kam und 6 hinausgeworfen wurde. Cr erzählte u. A. in Stil gewisser Hunnenbriefe, er habe in china auch 25 30 abgemurkst und es sei

Auch in diesem

schabe, daß man es hier nicht auch so machen

könne. In China werde nicht so viel Auf⸗ hebens gemacht. Die Geschworenen billigten ihm keine mildernden Umstände zu.

In den Tod getrieben.

Aus Eurasburg Gayern) berichtet man derMünchener Post!: Am Dienstag den 16. d. Mts., entleibte sich der wegen seines menschenfreundlichen Wesens allgemein beliebte Förster Ernst Stempfle in Gegenwart seines zweijährigen Töchterchens durch einen nur zu gut treffenden Schuß. Der Förster, der neben dem erwähnten Töchterchen noch eine junge trostlose Wittwe hinterläßt, hatte im Dienst des Herrn Kommerzienrats Käß in Haunstetten bei Augsburg eine dauernde Stel⸗ lung inne, die man ihm aber auf jegliche Art zu verleiden suchte. Das schwerste Vergehen, dessen man ihm zeihen konnte, bestand darin, daß er einen erkrankten Arbeiter einen versäumten Arbeitstag fürzvoll berechnete und auch auszahlte. Dafür erhielt er vor wenigen Tagen seine Kün⸗ digung und eine Viertelstunde vor der unseligen That mittelst eingeschriebenen Briefes die Auf⸗ forderung, binnen steben Tagen seine Dienstwoh⸗ nung zu räumen. Diese grobe Rücksichtslosigkeit steigerte die ohnehin nicht geringe Erregung des braven Mannes derart, daß er zum Ge⸗ wehr griff und sich eine Kugel durch den Kopf jagte.

hohe Lebenswege.

Die Frau des Kronprinzen von Sachsen hat sich von ihrer Familie heimlich entfernt und ins Ausland begeben. Als vermutlicher Grund wird in derFrkftr. Ztg. unglückliche Ehe angegeben.

Kleine Mitteilungen.

* Beim Holzfällen bei Schotten fiel einem Arbeiter aus Rainrod eine Axt auf das eine Auge und verletzte es erheblich, sodaß sofortige ärztliche Hilfe nötig wurde,

* EinGurgelabschneider in Hungen wurde dort am Donnerstag verhaftet. Er ver⸗ mittelte Darlehen gegen übermäßig hohe Gebühren. Diese konnte eines seiner Opfer nicht aufbringen und griff deshalb fremde Gelder an. Das führte zur Ent⸗ deckung der unsaubern Manipulationen des dunklen Ehrenmannes.

* Das Kind in Bieber, das vorige Woche durch Verbrennen seiner Kleider schwere Brandwunden erlitt, ist in der Gießener Klinik gestorben.

* Durchbrenner. Aus Marburg berichtete dieFrkftr. Ztg. das Verschwinden eines jungen ver⸗ heirateten Landwirts aus Vilschhausen. Man fand am Waldrand seine zerfetzten Kleider, dagegen von ihm keine Spur. Zugleich hat die Polizei ermittelt, daß der Mann hier verschiedentlich Geld erhoben und sich auch einen neuen Anzug gekauft hat. Man nimmt deshalb an, daß er sich heimlich auf- und davongemacht hat. Ebenfalls in Marburg verschwand eine sehr elegant auftretende junge Dame, die sich als Studentin ausgab. Sie hinterläßt eine ganze Menge Schulden.

* Der Neffe als Raub mörder. In Berlin wurde Freitag die in der Rosentalerstraße wohnende Frau Budwig von ihrem eigenen Neffen, Lescynski ermordet. Er erschlug seine Tante, als sie einen Brief an die Base Lescynskis schrieb, worin es heißt: Heute habe ich das Glück, Deinen Vetter bei mir zu haben das Schreiben endet mit einem Klecks, der wohl durch den tödtlichen Schlag veranlaßt worden ist.

Partei-Rachrichten.

Die Gemeindevertreter⸗Konferenz, die nächsten Sonntag, den 28. ds, Mts., im Gewerk⸗ schaftshause in Frankfurt stattfinden soll, wird sich in der Hauptsache mit der Frage der kommunalen Notstandsarbeiten beschäftigen. Anmeldungen zu der Konferenz sollen bis spätestens 24. Dezember an Dr. Quarck in Frankfurt gerichtet werden. Wie schon in der vorigen Nummer angegeben, beginnt die Besprechung Morgens 10 Uhr im Gewerkschaftshause.

Genosse Julius Popp, einer der ältesten und besten Vorkämpfer der österreichischen Sozialdemokratie ist am Dienstag in Wien gestorben. Er ist nicht ganz 53 Jahre alt geworden. Dennoch genoß er in der österreichischen Partei durch mehr als ein Jahrzehnt das Ansehen eines Nestors. Wie hoch seine Thätigkeit als Ratgeber, seine Sachkenntnis in allen inneren Partei⸗

angelegenheiten und sein klares, leidenschaftsloses Urteil in der Partei geschätzt wurde, geht daraus hervor, daß er seit dem Hainfelder Parteitage allen Parteikongressen präsidierte und immer in die Parteivertretung gewählt wurde. Popp stand seit seiner frühesten Jugend in der Arbeiterbe wegung.

Ueber die achtstündige Rede unseres Genossen Antrick sagt das Organ des Bundes der Landwirte, dieD. Tagesztg.:Sie war eine Leistung, die Bewunderung verdient. Der Abgeord⸗ nete sprach zwar leise und langsam, aber immerhin deutlich und vernehmlich. Was er sagte, war kein Unsinn, sondern es war im Allgemeinen logisch und sprachlich korrekt Auch Wiederholungen kamen im Großen und Ganzen selten vor. Verschledene Preß⸗ bengel in Amtsblättern rissen unsern Gensssen herunter und stellten es so hin, als ob er dummes Zeug geredet hätte. Daß auch das Offenbacher Antisemitenblatt in seiner bekannten Rüpelmanier den Abgeordneten anpöbelte, versteht sich von selbst.

Versammlungskalender.

Genossen! Besucht regelmäßig Eure Versammlung en!

Samstag, den 27. Dezember.

Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei LöbWiener Hof. Metallarbeiter. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig.

Sonntag, den 7. Dezember.

Heuchelheim. Arbeiterbildungs verein. Abends 7 Uhr Versammlung bei Wirt Aug ust Rinn. Wichtige Tagesordnung!

Gießen. Freie Turnerschaft. Turnstunden jeden Mittwoch, Abends 9 Uhr, Sonntag, Vormittags 10 Uhr imPfau.

Briefkasten.

St.⸗Mbg. Bis Montag. B,⸗M. Venezuela, föderative Republik im Norden Südamerikas, 1137615 Quadrat⸗Kilometer, zirka Mill. Einwohner. Diese sind meist Mischlinge, Deutsche sind nur wenige dort.

Quittung. Für den Genossen in D. gingen ferner ein: Brauer Mk. 10. Einige Holzarbeiter Mk. 1. K. Mk. 0.50. Am. Mk. 0.50,

. An unsere Leser!

Die nächste Nummer unseres Blattes wird Dienstag, den 30. Dezember ausgegeben. Wir bitten besonders unsere Postabonnenten, die Zeitung zum bevor stehenden Quartalswechsel rechtzeitig zu bestellen, damit keine Unterbrechung in der Zustellung eintritt. Auch müssen unsere Leser für die Gewinnung neuer Freunde sorgen: neue Leser sind neue Kämpfer!

Exp. d. Witteld. Sonnt.-Ztg Empfehlenswerte sozialistische Schriften.

Die Kolportage-Kommission des Wahlvereins Gießen, Wirtschaft Orbig empfiehlt:

Der Neue Welt⸗Kalender für 1903. Preis 40 Pfg.

Die katholische Kirche und die Sozial⸗ demokratie. Von Karl Kautsky. Der Verfasser giebt in der soeben erschienenen Broschüre eine historische Darstellung der ökonomischen und politischen Grundlagen der katholischen Kirche und skizziert die prinzipielle und taktische Stellung, welche die Sozialdemokratie ihr gegen⸗ über einnimmt. Gerade jetzt, wo in Frankreich der Kulturkampf tobt und in Deutschland das Zentrum nicht blos in der Frage des Zollwuchers, sondern allgemein die Schutztruppe der protestantischen Reichsregierung ist, kommt die Schrift zeitgemäß. Preis 30 Pfg.(Agi⸗ tationsausgabe)

Die agrarische Gefahr. Von Paul Göhre. Der Verfasser schildert in gemeinverständlicher Sprache die einseitige agrarische Interessen-Bewegung von ihrer Entstehung bis zu ihrer heutigen das Volkswohl ge fährdenden Macht und legt dar, wie allein die sozial demokratische Bewegung die letzten Ziele dieser Bewegung des Junkertums und seiner Anhängsel verhindern kann. Preis 20 Pfg.

Wahrer Jakob; Süddeutscher Postillon, Witzblätter. Erscheinen alle 14 Tage. Preis 10 Pfg. die Nummer.

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