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Nr. 52.
Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung.
Seite 3.
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Krach im Lager der Brotwucher⸗ Parteien.
Recht bedenklich rumort es in den Kreisen der„Sieger“ im Zollkampfe. Die Zentrums⸗ Agrarier am Rhein und in Bayern sind un⸗ zufrieden; ihnen sind die Zölle nicht hoch genug, anderseits protestieren die Arbeiter gegen die Lebensmittelzölle. Ferner sind die Konser⸗ vativen mit den Brüdern vom Bunde der Landwirte gehörig auseinandergeraten. Die Führer der Letzeren, Oertel und Wangen⸗ heim wollte man aus der Konservativen Fraktion hinauswerfen.— Noch zersetzender— wirkt die Wucherpolitik bei den National- Sehr angesehene Angehörige dieser Partei haben sich gegen das Verhalten der Fraktion mit Entschiedenheit ausgesprochen, einige sind ogar aus der Partei ansgetreten. In Leer löste sich der national. Verein auf, weil er mit den Staatsstreichlern nichts mehr zu thun haben wollte; in Süddeutschland wird scharf gegen die Führung der Nationllaiberalen agitiert. Mit dieser Wirkung des Zollwuchers können wir vorläufig zufrieden sein.
Am lustigsten geht's bei den Antisemiten zu. Das Berliner antisemitische Organ, die „Staatsbürger⸗Ztg.“ tadelte die antisemi⸗ tische Abgeordneten, weil sie gegen den Zoll⸗ tarif gestimmt haben, was sich beispielsweise der Abgeordnete für Gießen als ganz beson⸗ deren Verdienst zurechnete. Es verdient noch Erwähnung, daß der Abg. Werner Mitredak⸗ teur des genanten Blattes ist und ebenfalls gegen den Zolltarif gestimmt hat. Der Mann tadelt sich also selber!
„Not der Landwirtschaft“.
Unserm Münchener Parteiorgan schreibt man: Wenn von der Not der Landwirtschaft gesprochen wird, so muß den Verbreitern dieser Klagen Vorsicht angeraten werden. Im anderen Falle könnten Eingeweihte ihnen die Gegenfrage vor⸗ legen: Wie kommt es, daß verschiedene land⸗ wirtschaftliche Darlehenskassen so viel Gel d⸗ zufluß haben, daß sie nicht mehr wissen, wo⸗ hin damit? Welcher„notleidende“ Landwirt⸗ schaftspolitiker erklärt diesen„Zwiespalt der Natur?“ Der Frager sollte sich an den Führer des hessischen Bauernbundes, den„Bauer“ Hirschel in Offenbach wenden, da bekäme er sicher Antwort— in Gestalt eines mächtigen Schimpfkübels.
Wir bleiben„die Elenden“.
In dem kronprinzlichen„Erlaß“ an die Arbeiter„seiner“ Stadt Oels, den wir in letzter Nr. mitteilten, war in Bezug auf die Sozialdemokraten von„jenen Elenden“ die Rede. In den öffiziösen Depeschen hieß es erst statt„Elenden“ Elemente, eine spätere Berichtigung erklärte aber, daß Elenden richtig set. Der Vorwärts bemerkte dazu, er könne den Kronprinzen, der nicht unverletzlich sei, wie sein Vater, von den Richter zitieren. Das sei aber grundsätzlich nicht seine Art, er werde sich nicht einmal mit einer deu beleidigten prinzlichen Ausdruck ausgleichenden Antwort abmühen. Unser Parteiorgan hat Recht, wenn er mit dem Prinzen und seinem famosen Erlasse nicht viel Aufhebens macht.
Dank vom Hause Krupp.
Die„gesicherte Existenz“ der Kruppschen Arbeiter bildete wochenlange für die bürger⸗ liche Presse eine unerschöpfliche Fundgrube, um die Arbeiterfürsorge guf den Kruppschen Werken in den schönsten Farben zu schildern und die „Verhetzung“ durch die Sozialdemokratie zu geißeln. Die Ergebenheitskundgebungen der Kruppschen Arbeiter sind kaum vorüber und schon klingt es etwas anders von den Krupp⸗ schen Werken. Jetzt wird aus Essen berichtet, daß infolge des starken Arbeitsmangels das Kruppsche Banressort zahlreiche Arbeiter ablegen mußte. Die Modellschreinerei nahm einen e e Lohnabzug vor. Jawohl mit den Tatsachen und der Wahrheit stehen eben die„Ordnungs“blätter stets auf dem Kriegsfuße.
Kapitalistische Nutzanwendung der Kaiserreden.
Pfiffiche Kapitallsten sind die Herren Falkenroth und Kleine Schraubenfabrik in Schwelm. Wie der„Frankf. Zeitg.“ gemeldet wird, verteilt die Firma die Reden des deutschen Kaisers in Essen und Bres⸗ lau und kündigt gleichzeitig eine 10 prozen⸗ tige Lohnherabsetzung an.— Wenn das Mittel nicht gut gegen Sozialdemokraten ist, dann weiß der Teufel was besser ist.
Ber g⸗Gewerbegerichtswahlen im Nuhrkohlen⸗Gebiet.
Die Wahlen zu dieser Körperschaft haben dem alten Bergarbeiterverband einen glänzen⸗ den Sieg gebracht; es wurden gewählt:
Alter Verband: 56 Vertreter mit 13 107 Stimmen
Christlicher, 36„ er
Zech enpartei 9 2 089%
Polen 11 1 86295 Es ist ein schöner Erfolg den unsere Freunde über die sich„christlich“ nennende, von rohen Kaplänen verhetzte Arbeiterschaft erfochten haben. Nicht zum wenigsten hat zu unserem Erfolg die Schimpferei des„Berg⸗ knappe, Zeitschrift für christliche Bergleute“ bei⸗ getragen. In seiner No. 49 vom 6. Dezb. titulirt dieses Auch⸗Arbeiterblatt unsere Ge⸗ nossen folgendermaßen:
Rohe sozialdemokratische Hetzer
— schamlose Hetze der Sozial⸗
demokraten— volksbetrügerisches
Treiben— schamlosen soziald.
Umtrieben— gemeinge fährliches,
hochverräterisches Treiben—scham⸗
lose Hetzer— schamloses Treiben der roten Brüder— und so mit Gra⸗ zie weiter.
Wir gehen jede Wette ein, daß dieser Ton nur von einem verrohten Pfaffen angeschlagen wird; ein Arbeiter würde sich dieser Mistgabel⸗ Journalistik schämen. So schreiben nur die giftigsten Arbeiterfeinde aus dem antisemitischen klerikalen Pfaffensumpfe.—
Uns dauern nur die armen Teufel von Arbeiter, die sich unter dem Deckmantel der Religion von solchen Stänkern verhetzen lassen. Arbeiter seid einig! wie es auch die Kapitalisten sind.
Was der Ozean beweist.
Als am 3. Juli 1900 in Wilhelmshaven das Linienschiff„Wittelsbach“ vom Stapel gelassen wurde, hielt, woran die„Sächs. Ar⸗ beiterzeitung“ erinnert, Wilhelm II. jene merk⸗ würdige„Ozeanrede“, in der u. a. folgende Sätze vorkamen:
„Der Ocean beweist, daß auf ihm jenseits und in der Ferne von ihm ohne Deutschland und ohne den deutschen Kaiser keine große Entscheidung mehr fallen kann.“
Ob der Ozean wirklich das beweist, was der kaiserliche Redner ihm zuschrieb, haben wir damals wie heute bezweifelt. Dagegen kann gar nicht bezweifelt werden, daß das große Wasser seine Mucken hat. Jetzt hat z. B. der Ozean dasselbe Kriegsschiff an der Küste von Dänemark auf den Sand gesetzt!
Mit vieler Mühe und Not hat man den Eisenkahn wieder flott bekommen. Wie eine Dänische Zeitung berichtete, habe der deutsche Kaiser den Offizieren und Mannschaften unter⸗ sagt, fremde Hilfe, die ihnen angeboten werde, anzunehmen. Sie müßten das deutsche Schiff mit eigenen Kräften losbringen, und lieber wolle er das Schiff verlieren als eine fremde Flagge bei der Hebung beteiligt wissen.— Der Kaiser verliert das Schiff nicht, daß Volk muß ein neues bezahlen.
Das Abenteuer in Venezuela.
Nachdem die deutschen Kriegsschiffe im Ver⸗ ein mit den englischen verschiedene venezolanische Schiffe in den Grund gebohrt, wurden die venezolanischen Häfen blockirt. Die deutsche und englische Regierung wollen den Präsidenten der vereinigten Staaten, Roosevelt, das Schieds⸗ gericht in dem Venezuela⸗Streit übertragen. Roosevelt hat aber keine Lust dazu, den Schieds⸗ richter zu spielen.
Verhaftung der Humberts.
Die Millionen⸗Schwindler⸗Familie Humbert, nach der die französtsche Polizei schon lange fahndete, ist endlich in Madrid erwischt und verhaftet worden. Die Geschichte hat insofern politische Bedeutung, als auch klerikale und nationalistische Politiker und Abgeordnete mit darin verwickelt sind.
Fortschritte des Sozialismus in Amerika.
Während es früher erschien, als ob der Sozialismus in Amerika niemals recht Eingang finden würde, zeigten die letzten Wahlen eine sehr bedeutende Stimmenzunahme der Sozial⸗ demokratie. Wir wiesen kürzlich auf diesen bemerkenswerten Zuwachs hin, der sich in 400 000 Wahlstimmen für unsere Partei aus⸗ drückt. Die nat. ⸗liberale„Köln. Ztg.“ schrieb darüber:
„Es war vorauszusehen, daß das Wachs⸗ tum der Sozialisten mit der einströmenden Einwanderung im Zusammenhang gebracht würde. Das ist grundfalsch. So gewiß der Sozialismus ursprünglich von Europa herüber⸗ kam, so ist er doch zu lange im Lande, als daß er noch Nachhilfestunden von drüben brauchte. Nirgends sitzt er so fest wie in den Städten von Massachusetts, das von sozialdemokratischem Nachschub aus Europa doch ziemlich verschont geblieben ist. Massachusetts hatte 36,000 so⸗ zialistische Stimmen, womit es der Banner⸗ staat der Sozialdemokratie geworden ist. Es sind die amerikanischen Arbeiterverbände, die den Sozialismus entwickeln, Verbände, die ihm ur⸗ sprünglich schroff gegenüberstanden. Der Ge⸗ danke, daß sie auch in Amerika in einem Klassen⸗ staat leben, hat unter den Arbeitern in den letzten Jahren stark Fuß gefaßt. Wenn die Arbeitervereinsgungen, wie die Federation of Labor, anfänglich in bewußtem Gegensatz gegen den Sozialismus gearbeitet haben, so hat sich der Gegensatz mehr und mehr verwischt, so daß sich dieser Tage auf der Jahresversammlung in New⸗Orleans für einen sozialistischen Antrag 4171 gegen 4897 nichtsozialistische Stimmen zusammenfanden. Vor fünf Jahren hatte mir Präsident Gompers von ber Federation geradezu Abscheu bei dem Gedanken geäußert, sein Ver⸗ band könne einmal politisch werden; zwei Jahre später hatte der Gedanke schon alle seine Schrecken für ihn verloren. Auch heute noch tritt er nicht für eine polttische Partei ein, aber er droht zuweilen damit. Nun ist Gompers einer der konservativsten Leute unter den Arbeiterführern, kein Wunder, wenn ihm radikalere Naturen einige Schritte voraus sinb.“
Die Fortschritte in allen Ländern befestigen uns in der Ueberzeugung, daß unsere Sache endlich zum Siege gelangen wird.
Von Nah und Fern.
Hessisches.
Das Handwerk in Hessen. Die von der Handwerkskammer veranlaßten Erhebungen über die im Großherzogtum Hessen bestehenden Handwerkszweige ergeben 70 verschiedene Hand⸗ werkszweige mit rund 40000 selbständigen Handwerksbetrieben. Auswetslich der Lehrlings⸗ rollen erhalten in diesen Betrieben 53000 Lehrlinge ihre Ausbildung.
— Freiwillige Fortsetzung der Versicherungspflicht. Arbeiter und kleinere Handwerker seien wiede rholt darauf aufmerksam gemacht, daß es sich in ihrem eigenen Interesse dringend empfiehlt, bei etwaiger Arbeitslosigkeit die Alters- und Invaliditätsversicherung frei⸗ willig fortzusetzen. Nach Beendigung der ver⸗ sicherungspflichtigen Beschaftigung kann der arbeitslose Handwerker oder Arbeiter die Ver⸗ sicherung dadurch fortsetzen, daß er für jede Woche der arbeitslosen Zeit entsprechende Marken in seine Quittungskarte klebt. Diesen Weiterversicherten steht die Wahl der Lohnklasse frei, sie können also die Klebemarken verwenden, die sie wollen. Beim Wiedereintritt in eine versicherungspflichtige Beschäftigung begin“ die Klebepflicht wieder mit dem Te* Beschäftigung.
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