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Nr. 30.

Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung.

Seite 5.

entlassen worden. Da der Betrieb der übrigen Eisensteingruben in der Gegend sehr flau ist, haben viele der entlassenen Arbeiter auswärts Arbeit gesucht. Fragt jemand nach den Arbeitern? Mögen sie sehen, wo sie unterkommen! Wenn es sich aber um notleidende Junker handelte, 111005 man gewiß staatliche Hilfsaktionen ein⸗ eiten.

Aus dem Rreise Marburg⸗Nirchhain.

St. Die Parteiversammlung am letzten Samstag abend im Jesberg'schen Lokale hatte bei einer so wichtigen Angelegenheit, wie es die Aufstellung eines Kandidaten für die nächstjährige Reichstagswahl ist, etwas besser besucht sein dürfen. Nachdem zunächst der Vorsitzende mit einigen Worten des Ablebens unseres Parteigenossen Seelenmeier gedacht und die Anwesenden sich zu Ehren des Ver⸗ storbenen von den Plätzen erhoben hatten, fand die Rechnungslegung der Kolportagekommisston und hierauf diejenige des Vertrauensmannes statt; beide waren von den Revisoren geprüft und für richtig befunden worden und erfolgte seitens der Versammlung Dechargeerteilung. Sodann wurden drei neue Revisoren gewählt. An Stelle eines aus der Kolportagekommisston ausscheidenden Mitgliedes wurde Gen. Orlizek neug wählt. Der Vorsitzende teilte dann mit, daß der Gen. Pfannkuch die ihm angetragene Kandidatur aus verschiedenen triftigen Gründen abgelehnt habe. Der Parteivorstand habe uns aber den Gen. Paul Bader, früher Verleger derHessischen Landeszeitung und Reichstags kaudidat derHessischen Volkspartei in Mar⸗ burg, jetzt Schriftsteller in München, als die geeiguetste Persönlichkeit für diese Kandidatur empfohlen. Es entspann sich nun eine interessante Debatte, bei welcher einerseits geltend gemacht wurde, daß die frühere Parteistellung Baders bei seiner etwaigen Kandidatur von unseren Gegnern ausgenutzt werde und wahrscheinlich eine Anzahl Stimmen von seinen früheren Wählern ihm wieder zufallen würden, die man nicht als rein sozialdemokratische bezeichnen könne, worum es uns doch da es sich hier bekanntlich für uns um eine Zählkandidatur handle hauptsächlich zu thun sei. Sämtliche übrigen Redner traten aber sehr warm für die Kandidatur Baders ein, indem sie bemerkten, daß die Gegner die sog. Mauserung Baders nicht ausschlachten könnten, da dies ja kein Rückschritt, sondern eine Entwicklung nach Vor⸗ wärts gewesen sei. Gerade dadurch, daß Bader noch viel Anhang im Wahlkreise habe und mit den Verhältnissen desselben genau bekannt sei, wäre seine Kandidatur für uns nur von Vorteil. Schließlich wurde eine Resolution, welche die Kandidatur des Schriftstellers Paul Bader in München für unseren Wahlkreis empfiehlt, ein⸗ stimmig angenommen. Nachdem noch be⸗ schlossen worden, daß im nächsten Monat eine Versammlung mit der Tagesordnung Reichs⸗ tagswahl, zu welcher Gen. Bader als Referent

eingeladen werden soll, stattfinde und die Bil⸗

dung einer festeren Organisation betr. besserer

Agitation empfohlen worden war, fand die

Versammlung ihren Schluß.

Schiffskatastrophe bei Hamburg.

Am Sonntag Nacht wurde in der Nähe des Dorfes Nienstedten der Hamburger Personen⸗ dampferPrimus, der mit etwa 190 Ausflüglern

Tabakarbeiter⸗Verbandes,

von Blankenese zurückkehrte, von dem der Packetfahrt⸗Aktiengesellschaft gehörigen, elbab⸗ wärts fahrenden SchlepperHansa angerannt und glatt mitten durchgeschnitten. Der Kessel desPrimus explodierte, wodurch zahlreiche Persouen über Bord geschleudert wurden. Das Schiff sank in wenigen Minuten. Etwa 110 Personen sind ertrunken. Das Unglück ist das größte, das sich seit langer Zeit auf der Elbe ereignet hat. Nach einer Erklärung der Ham⸗ burg⸗Amerika⸗Linie wäre das Unglück durch unrichtiges Manöverieren desPrimus herbei⸗ geführt worden, der derHansa direkt vor dem Bug gefahren sei. Herzerschütternde Szenen spielten sich an den Landungsbrücken in St. Pauli ab, als im Laufe des Vormittags das Unglück bekannt wurde. Fortwährend kamen Leute, die nach ihren Angehörigen suchten. Gruppen teilnehmender Nachbarn umstanden den ganzen Vormittag die Häuser der von dem Unglück betroffenen Familien, deren einzelne gerettete Mitglieder man nach Einzelheiten des Unglücks befragte. In der Gastwirtschaft Pelken war nur eine erwachsene Tochter wiedergekommen. Die Mutter, eine Tochter mit ihrem Bräutigam und ein Onkel der Familie waren vor den Augen der Geretteten in die Fluten gesunken. Der Inhaber des Klublokals, Stieper, wird mit seiner ganzen Familie vermißt, ebenso die Familie des früheren Inhabers, Schneider, der allein gerettet wurde. Späteren Nachrichten zufolge beträgt die Zahl der Vermißten 112. Beide Kapitaine stellten sich der Behörde, doch wurden sie nach ihrer Vernehmung wieder entlassen. Viele unserer Partei⸗Genossen sind mit zu Grunde gegangen; der Gesangverein Treue, der den Ausflug arrangiert hatte, gehört dem Arbeiter-Sängerbund an und zählte viele Parteigenossen zu seinen Mitgliedern. Das Wrack des Primus ist bereits durch Taucher gehoben; in den Schiffsräumen wurden noch Leichen gefunden.

Kleine Mitteilungen.

e Bei Großenlin den sprang am Montag ein Mann aus dem Eisenbahnzug und zog sich dabei schwere Verletzungen zu.

zen Erzieherisches aus der Kaserne. Am Donnerstag voriger Woche entstand unter den Soldaten in der Butzbacher Kaserne ein Streit, in dessen Ver⸗ lauf ein Soldat seinem Gegner einen lebensgefährlichen Stich beibrachte.

e So feiern Krieger Feste, Am Sonntag vor 8 Tagen beging der Kriegerverein in Oberalbach bei Fulda sein 25 jähriges Jubiläum. Nach der Nage⸗ lung einer silbernen Schleife an den Jubelfahnenschaft kam es auf dem Festplatz zu einer hitzigen Schlägerei, in deren blutigem Verlauf zwei Burschen Messerstiche erhielten. Wie erhebend sich doch der kameradschaft⸗ liche Geist, die vaterländische Gesinnung, Treue zu Kaiser und Reich bethätigt!

a Unredlicher Vertrauensmann. Der Kassierer der Frankfurter Zahlstelle des deutschen Christian Kraiker hat sich in dieser seiner Funktion nicht unbedeutende Unter⸗ schlagungen zu schulden kommen lassen. Die Unterschleife suchte Kraiker dadurch zu verdecken, daß er Belege ver nichtete, Quittungen fälschte ete. Die Kontrolle muß

allerdings lässig genug gehandhabt worden sein. Kraiker

war seit einigen Jahren Beamter der Allgemeinen Orts⸗ krankenkasse und verhältnismäßig gut bezahlt. Von Notlage, die ihn zu den Unredlichkeiten veranlaßt hat, kann keine Rede sein. Er wurde in Untersuchungs⸗ haft genommen, aber bereits wieder entlassen.

r Ungeheure Unterschlagungen von Losen⸗ geldern haben zwei in leidender Stellung befindliche Beamte des Mansfelder Kupferschiefer⸗Bergwerks begangen. Die veruntreute Summe soll sich auf Millionen belaufen. Die Beschuldigten sind bereits verhaftet worden.

n Die Sittlichkeit in derhochangesehenen Gesellschaft in Greiz scheint nicht weit her zu sein. Außer dem Seminar⸗Oberlehrer Collmann, dessen Verhaftung in letzter Nr. mitgeteilt wurde, sind nun⸗ mehr der Hof⸗Glasermeister Scheffel und dessen Sohn verhaftet. Beide sollen außerdem noch enorme Wechsel⸗ fälschungen verübt haben.

Gewerkschaftl. u. Arbeiterbewegung.

T Der Stuttgarter Maurerstreik wurde beendet. Die Arbeiter haben erreicht, daß die Unternehmer sich wieder zu ihren früheren Zugeständnissen bequemen mußten.

f Die Zersplitterung der christ⸗ lichen Gewerkschaften wird immer größer. Jetzt ist bereits in Waldenburg(Schlesten), im dortigen katholischen Volksverein eine Fach⸗ abteilung der Bergleute gegründet worden, die im weiteren Verlauf zum Zusammenschluß aller katholischen Bergarbeiter Deutschlands führen soll. Nun hat Herr Brust also im eigenen Lager gegen zwei Fronten zu kämpfen. Einerseits gegen die rein Konfessionellen, denen Brust und Genossen schon zu radikal sind, und andererseits gegen die hinausgedrängten Zoll⸗ gegner unter Wiebers Führung. Das wird ja ein schönes Bild christlicher Eintracht geben,

wenn die drei feindlichen Brüder sich gegenseitig

bekämpfen.

Partei- Nachrichten.

Fünfter Nassauischer Wahlkreis Dillenburg ⸗Herborn⸗Selters.

Sonntag, den 3. August, Nachmittags 2 Uhr gemütliche Zusammenkunft in Hachenburg (bei C. Richter). Mit Gruß

E. Krum m⸗Gießen.

Versammlungskalender.

Samstag, den 26. Juli.

Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei LöbWiener Hof. Metallarbeiter Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Vortra von Krumm. Brauer. Abends /9 Uh Versammlung bei Löb, Wiener Hof.

Sonntag, den 27. Juli.

Büdingen. Oeffentliche Volksversammlung Nachmittags 2 Uhr im Lokale des Herrn Breiten bach auf demWildenstein. Vortrag de⸗ Genossen Busold--Friedberg.

Sonntag, den 3. August,

Heuchelheim. Arbeiterbildungsverein. Nac mittags 3 Uhr Versammlung bei Wirt Volkman

.

& Krofdorf!

Mittwoch, den 30. Juli, Abends 9 U. Versammlung

zwecks Gründung eines Arbeiter⸗Gesangverein im Lokale Abel Witwe. Der Einberufer

Parteigenossen! Berücksichtigt bei Euren Einkäufen die Inserate der Mitteld. Sonntags⸗Zestung.

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