Ausgabe 
27.7.1902
 
Einzelbild herunterladen

graben, die nutzbar zu machen seien.

Seite 2.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 30.

noch mehr Geld in Gestalt vonz Diäten zum Fenster hinaus?

Erdrosselung der Redefreiheit

beabsichtigten die Wucherzöllner in der Joll⸗ kommission. Die sachliche und gründliche Durch⸗ beratung, die unsere Genossen dem Zolltarif angedeihen lassen, paßt den Agrariern nicht, sie möchten den Entwurf, richtiger ihre Wucherzölle, in Bausch und Bogen und unbesehen angenom⸗ men wissen. Mit derartigen Maßregeln hatten sie aber kein Glück. Die Zentrumsleute wollten die Geschichte nicht mitmachen und somit unter⸗ blieb das Attentat auf die parlamentarische Redefreiheit. Jetzt wollen nun die Herren nie derartige Absichten gehabt haben.

Was der Landwirtschaftsminister den Junkern sagt.

General Podbielsky, der vom Postminister zum Landwirtschaftsminister kommandiert wurde, hat am 24. Juni in Stolp in Pommern eine Rede gehalten, die erst jetzt bekannt wird. Dort geigte er den Notleidenden gelegentlich eines Festessens gehörig die Wahrheit. Er soll da u. a. gesagt haben: Er habe auf seiner In⸗ spektionsreise die Moorkulturen sehr im Argen gefunden; es seien noch Millionen 995

ie Landstraßen seien vielfach verwahrlost und befänden sich in traurigem Zustande. Schweineviel habe er da gesehen.So lange Sie, sagte der Minister zu den Land⸗ wirkten,am alten Zopf festhalten und sich nicht aufraffen, können Sie nicht vorwärts kommen. Sie sollen nicht immer nach dem Staat schreien. Die anderthalb Mark Zoll(über die Regierungsvorlage hinaus), auf die Sie und der Bund der Landwirte sich besonders kaprizieren, und die Differenzierung des Spiritus werde Ihnen wahrlich nichts nützen. Arbeiten Sie zunächst an der Aufbesse⸗ rung ihrer Wege und halten Sie nicht am alten Zopf fest, vierspännig 30 Zentner Kartoffeln spazieren zu fahren. Bilden Sie sich nicht ein, daß die Regierung auch nur einen Pfifferling nachgiebt.

Das sagte ein Minister, der selbst aus den agrarischen Kreisen hervorgegangen ist, deshalb dürfen seine Ausführungen wohl Anspruch auf Richtigkeit machen. Aber eben darum gefallen sie den Agrariern ganz und gar nicht, das Bündlerorgan ließ sich sogar depeschieren, daß diese Rede überhaupt nicht gehalten worden sei. Das ist natürlich geschwindelt; denn die Nach⸗ richt sieht nicht aus, als wenn sie aus der Luft gegriffen wäre. Allerdings werden sich die Junker nicht viel um die ministerielle An⸗ schauung kümmern und wenn sie durchaus richtig wäre. Wie sagte doch Herr v. Diest⸗ Daber? Die Minister können uns sonst was!

Fürstlicher Grundbesitz.

Der Ende Juni verstorbene König Albert von Sachsen war von den deutschen Fürsten der fünftreichste Grundbesitzer, denn er besaß

insgesamt 51 Güter mit einem Wald⸗ und Feldareal von 31000 Hektar. Kaiser Wilhelm besitzt nach der neusten, amtlich beglaubigten Zusammenstellung der fürstlichen Besitzungen in Preußen als reichster Grund⸗ besitzer nicht weniger als 83 Güter im Gesamt⸗ umfang von 98 746 Hektar und 651631 Mk. Grundsteuerreinertrag. Es folgen dann der Fürst von Pleß mit 75 Gütern(50 112 Hektar und 324042 Mark Grundsteuerrein⸗ ertrag), der Herzog von Ujest mit 52 Gütern (33096 Hektar und 233 701 Mk. Grundsteuer⸗ reinertrag), der Herzog von Ratibor mit 51 Gütern(33096 Hektar und 274627 Mark Grundsteuerreinertrag). Die übrigen fürstlichen Fideikommißbesitzer begnügen sich mit einer weit geringeren Anzahl von Besitztümern.

Für Agrarier dieser Art ist es nicht unnütz, den Zoll zu erhöhen. Aber die hungernden Kleinbauern!?

J de der Landwirte kriselts.

Freiherr von Wangenheim, der Bündler⸗

hat erklärt, daß er für die bevorstehenden Reichstagswahlen ein Mandat nicht mehr an⸗ nehmen werde. Es heißt, daß er von dem zweiten Vorsitzenden Dr. Rösicke, der fast alle Macht an sich gerissen habe, zurückgedrängt worden sei. Wangenheim war der Rechen⸗ künstler des Bundes. Er zeigte seinen mit⸗ notleidenden Großgrundbesitzern, wie sie es machen müssen, um von Einkommensteuern verschont zu bleiben. Verschiedene Mitteilungen lassen durchblicken, daß die Finanzen des Bundes erschöpft seien, für die nächsten Reichs⸗ tagswahlen wären keine Mittel mehr vorhanden, das sei der Hauptgrund für Wangenheims Rücktritt.

Sozialdemokratie und Kleinbauern.

Zu der Stichwahl in Bayreuth bemerkt die nationalliberale Augsburger Abendzeitung, daß die bäuerlichen Wähler, die bei der Haupt⸗ wahl für den Bauernbündler Feustel gestimmt hatten, in der Stichwahl im Großen und Ganzen zu Gunsten des Nationalliberalen Hagens sich entschieden haben. Allein ein ansehnlicher Teil der kleineren Bauern habe sozia⸗ listisch gestimmt. Die Abendzeitung be⸗ zeichnet diese Thatsache als eine der bemerkens⸗ wertesten Erscheinungen dieser Wahl. Sie ist um so bemerkenswerter, als der ganze Wahl⸗ kampf im Zeichen des Brotwuchers ge⸗ standen hat. Durch die eifrige Aufklärungs⸗ arbeit unserer Genossen in Nordbayern haben viele Kleinbauern erkannt, was der Zollschwindel für sie bedeuten würde: eine neue Belastung, eine neue Schädigung. Wir können mit dem Ausgang der Bayreuther Stichwahl allerdings sehr zufrieden sein. Die drei ge gnerischen Parteien brachten zusammen 8543 Stimmen auf, unsere Partei aus eigener Kraft 7623. Da hatte der Fabrikant wohl recht, der bei Bekanntgabe der Resultate am Stichwahltag erklärte:Wir haben keinen Anlaß zum Jubel, viel eher zu trauern, es ist der letzte Sieg, der Wahlkreis ist verloren, er gehört der Sozialdemokratie.

Im dritten nassauischen Wahlkreise,

den der verstorbene Zentrumsführer Lieber vertrat, findet diesen Montag, den 28. Juli, die Ersatzwahl zum Reichstage statt. An der Wahl des Zentrumskandidaten, Rechtsanwalt Dahle m, ist nicht zu zweifeln. Es tritt nun dort noch ein Bündlerkandidat und zwar der Landwirt Bran d⸗Metzbach auf, obwohl dieser vorher erklärte, daß er an eine Kandidatur nicht denke, sich überhaupt ziemlich wegwerfend über den Bund der Landwirte aussprach. Eine be⸗ deutende Stimmenzahl dürfte er kaum auf sich vereinigen; immerhin kann er dem National⸗ liberalen, dem Fabrikanten Krawinkel, merk⸗ lichen Abbruch thun, denn diesem wären sonst die Stimmen der evangelischen Ortschaften zu⸗ gefallen. Unserer Partei ist die Agitation ungeheuer erschwert. Von den annähernd 200 Ortschaften des Kreises stehen uns nur in zwei Lokale zur Verfügung. In Montabaur wurde ein öffentlicher Platz für eine Wähler⸗ versammlung von der Ortsbehörde verweigert, weil dadurch der Verkehr gestört werde, dabei geht aber den ganzen Tag kein Mensch über diesen Platz! So mußten sich unsere Genossen auf die schriftliche Agitation beschränken, die denn auch nachdrücklich betrieben wurde. Ein gut gehaltenes Flugblatt gelangte in fast allen Orten des Kreises zur Verteilung. Im Jahre 1898 hatten wir nur 691 Stimmen; eine, wenn auch nicht bedeutende Stimmenzunahme für unseren Kandidaten Vetters⸗Gießen, dürfen wir indessen erwarten.

Krach im Zentrum.

Gegen die Vergewaltigung, wie sie die Zentrumsgrößen in den christlichen Gewerk⸗ schaften ausüben, wendet, sich mit Energie der Christliche Hausschatz in Düsseldorf, das ist das Blatt derwiderhaarigen katholischen Arbeiter. Das Blatt schreibt:Es ist erreicht, nämlich die Vergewaltigung und der Ausschluß des christlich⸗sozialen Metallarbeiterverbandes

christlichen Gewerkschaften. Auf dem verflossenen Kongreß in München hat noch einmal, wenn auch nur nach äußerster Kraftanstrengung und brutaler Gewalt, die Paschawirtschaft, der Despotismus, den Sieg davon getragen. auf dem nächsten Gewerkschaftskongreß die Würfel anders fallen werden, wer kann es wissen? Hoffen wollen wir es aber im Interesse der christlichen Gewerkschaften, andernfalls wir an deminneren Wert und derZukunft der christlichen Gewerkschaftsbewegung irre werden könnten. Allen näher Eingeweihten wird der Aus⸗ schluß des christlichen Metallarbeiter⸗ verbandes nicht sehr überraschend gewesen sein, die ganz Intimen wußten es nämlich schon recht lange vorher. Und eine Mehrheit weiß man schon zu bekommen, wenn man nur recht fröhlich beisammen ist. Denn wenn der Allgewaltige des Bergarbeiterver⸗ bandes, Herr August Brust, die Kabinetsfrage stellt, und seine Schildknappen ihm in der be⸗ kannten Weise sekundieren, dann heißt es, sich fügen oder fliegen. Jetzt flog Wieber, wer ist der Nächste? Der verflossene christliche Gewerk⸗ schaftskongreß wird niemals ein Ruhmesblatt, wohl aber ein dunkler Punkt, ein Schand⸗ fleck in der Geschichte der schristlichen Gewerkschaftsbewegung sein. Das eine Gute aber, dessen sind wir fest überzeugt, wird dieser Kongreß haben; er wird nämlich klar und deutlich der christlichen Arbeiterschaft ohne Unterschied der Berufe zeigen, wes Geistes Kinder diese Zaren und Pas as des Oberaus⸗ schusses der christlichen Gewerkschaften sind. Wie gesagt, es ist ein ultramontanes Blatt, das so schreibt! Dieser christliche Bruder⸗ gruß scheint übrigens nur der Beginn größerer Zwistigkeiten im Zentrumslager zu sein. Denn daß sich auf die Dauer selbst geistig minder⸗

bemittelte Arbeiter nicht von einer Partei nas⸗

führen lassen, die eineVolkspartei sein will, in Wirklichkeit aber überall nur die Interessen der Besitzenden vertritt, muß jedem einleuckten. Gegen den Kaplan Das bach, den geschäfts⸗ kundigen Zeitungsgründer, erhebt sich ebenfalls starke Oppostition. Man will ihm bei der nächsten Wahl einem anderen Zentrumskandi⸗ daten gegenüberstellen.

Kardinal⸗Gehalt.

Nicht blos der Papst lebt herrlich in der Welt, sondern auch die Kardinäle. Wenigstens können sie es bei ihren Gehältern. Das Gehalt des Kardinals Rampolla, des päpst⸗ lichen Staatssekretärs, beträgt nach einer Zu⸗ sammenstellung des italienischen sozialistischen BlattesAvanti jährlich 102000 Lire(über 81000 Mk.). Damit läßt sich gewiß aus⸗ kommen.

Bekanntlich ist Rampolla unter allen Kardi⸗ nälen derjenige, den man öfters als zukünftigen Papst bezeichnet. Als irdischer Stellvertreter Christi, der nichts hatte, wo er sein Haupt hinlegte, wird sich der Kardinal dann noch recht bedeutend besser stehen.

Baunkgauner⸗Prozesse.

Freitag voriger Woche ist der Prozeß gegen die Leiter der sog. Spielhagenbanken, die Brüder Sanden und ihre Komplizen, endlich zu Ende gegangen, nachdem er fast zwei Monate gedauert hatte. Mit Ausnahme von Eduard Sanden kamen die Schwindler recht glimpflich davon. Das Urteil lautet: Eduard Sanden 6 Jahre Gefängnis, 15,000 Mk. Geldstrafe, 1 Jahr Gefängnis wird auf die Untersuchungs⸗ haft angerechnet; Heinrich Schmidt 9 Monate Gefängnis, 2000 Mk. Geldstrafe, beides wird als durch die Untersuchungshaft als verbüßt erachtet; Puchmüller 1/ Jahr Gefängnis, 4000 Mk. Geldstrafe, die Gefängnisstrafe gilt als verbüßt; Eduard Schmidt 1 Jahr Gefängnis, 10,000 Mk. Geldstrafe, die Gefängnisstrafe gilt als verbüßt; Warsinski 1 Jahr Gefängnis, 5000 Mk. Geldstrafe, ersteres verbüßt; Otto

Sanden 1 Jahr Gefängnis, 1500 Mk. Geld⸗ 2

strafe, beides verbüßt; Haenschke 9 Monate Gefängnis, 1000 Mk. Geldstrafe, beides verbüßt.

f Vorsitzende, ist mandatsmüde geworden. Er

Deutschlands aus dem Gesamtverbande der

Auf alle die einzelnen verbrecherischen Hand⸗ 3

CCC