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Mitteldentsche Senntagb-Seitung.
85 Nr. 17. a
G N 7 Unterhaltungs-Ceil. 3
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Frihlingslied. (Frankfurter Mundart.)
Es geht e Engel dorch die Welt, Leis', leis', uff Strimb mit Swickelcher, Err hat sich in's Gebisch gestellt
Sei gehle Herrgottsschickelcher.
Un wo der Frihlingsengel zieht, Da wölbe'm gleich sich Bögelcher Von Kerscheblith un Aeppelblith Un singe alle Vögelcher.
Mit Rose schmickt die Heck sich aus; Die freindliche Gesichtercher,
Die hauche sacht zur Wis enaus, Dann iwwerall steh'n Lichtercher.
Un wo der Engel zieht die Straß, Da regent's Blitefisselcher,
Un iwwerall in's grine Gras
Da streut er Himmelsschlisselcher.
Komm, Schätzi, komm, merr schleiche'm nach So still als wie die Mäusercher,— Doch was ich derr im Voraus sag: Plick uff der Wis kää Sträußercher.
Un laß mer ja bei leiwe steh
Die Nimmelsschlisselblimmercher!
Was Rimmel!— Is die Welt net schee Un voller Engelsstimmercher ꝰ
Un Du bist mei! Die Welt is mei.
Die mit em Kranz umwunne is,
Un kann's im Himmel scheener sei,
Wie's jetzt bei uns hier hunne is d Friedrich Stoltze.
Im Stillen erblüht.
Von E. Langer.
(Schluß).
Hatte er früher ein freundliches Heim gehabt, so wurde es ihm jetzt zur Hölle bei dem ewigen Nörgeln und Zanken der Frau, die in ihrer Selbstsucht nur an ihre eignen Ent⸗ behrungen dachte und von den Ursachen der eignen Not nichts wissen wollte. Fengler's einzige Freude war der kleine Fritz, der alle Liehe, die er gegen die Mutter nicht zeigen durfte, dem Stiefvater zu wendete und diesem in seinem Bestreben, sich nützlich zu machen, auch die Erlaubnis abschmeichelte, Abends auf der Straße und in den Bierlokalen mit Streich- hölzern, Wachslichtchen und anderen kleinen von Männern benötigten Artikeln hausiren zu gehen. Fritz und der Vater verstanden sich so gut, der Knabe war diesem lieber als seine eigenen Kinder, die an der Schürze der Mutter hingen und deren sauertöpfische Miene nach⸗ 17 1 70 Noch ein Unglück kam dazu, Fengler a sich kaum noch halb satt, auch wenn 5 1 ein Stück Arbeit, welches er hier und dort ver⸗ richtete— denn er war ein sehr anstelliger Mann — etwas Geld ins Haus brachte. Die Folge davon war, daß er den knurrenden Magen durch Schnaps befriedigte, an dessen Genuß er sich gewöhnte, so daß er in letzter Zeit häufig trunken nach Hause gekommen war. Auch gestern Nacht war er in diesem Zustande heim⸗ gekehrt. Marie hatte ihn stumm empfangen, aber um so lauter und giftiger ließ sie jetzt 1 55 Zunge die Zügel schießen. Ihren Zorn an Jemand auszulassen, kam ihr der Frstz gerade recht. Als sie ihn in der offenen Thür stehen sah, stürzte sie wie eine Furie auf ihn zu, riß ihn in die Stube und ohrfeigte ihn rechts und links, ihn fragend, was er da maulaffte, statt sich für die Schule fertig zu machen. Das war aber selbst dem langmütigen Fengler zu viel. Ueber sich hatte er geduldig Alles ergehen lassen, aber die Mißhandlung des Knaben rüt⸗ telte seine Mannheit auf.
Mit einem Sprung war er zwischen Beiden.
„Was hat Dir der Junge gethan?“ rief er mit blitzenden Augen, indem er den Knaben an sich zog und die Frau mit dem anderen Arm kräftig abwehrte.„Ich kaun es nicht mehr mit ansehen. Endlich läuft mir die Galle über. Du bist ein schlechtes Weib— eine Raben⸗ mutter bist Du. Hast Du denn kein Herz im Leib, Dein eigen Fleisch und Blut so zu miß⸗ handeln? Ich bin nicht sein leiblicher Vater, aber ich könnt' nicht die Hand gegen ihn auf⸗ heben. Läuft das vor Tag bis in die sinkende Nacht auf der Straße herum, um ein paar Groschen 11 verdienen und muß sich dafür so schuhriegeln lassen. Pfui, über Dich!“
Der Mann war wie verwandelt und Marie darüber so verblüfft, daß sie kein Wort zu erwidern wagte, sondern sich eifrig mit den beiden Kleinen zu thun machte, die verschüchtert in einer Ecke des Bettes aveinander gedrückt saßen. Fengler fiel auch nicht in seine frühere demütige Haltung zurück. Er befahl dem Knaben, der kein Ange von der Mutter ver⸗ wandte, sich fertig zu machen, kleidete sich selbst zum Ausgehen an und verließ mit Jenem die Behausung. Auch in den folgenden Tagen zeigte er ein ganz verändertes Wesen. Marie schien garnicht für ihn vorhanden, er richtete nie das Wort an sie. Das wenige Geld, welches er verdiente, legte er ihr stumm und mit einer nachdrücklichen Geberde auf den Tisch. Er selbst aß nur zum Schein, achtete aber genau darauf, daß Fritz seine volle Portion erhielt. Dem Buben wollte es aber garnicht schmecken. Hatte die Härte und Lieblosigkeit der Mutter sein junges Leben gar oft getrübt, so machte es ihn noch trauriger der Gegenstand des Unfriedens zwischen den Eltern zu sein. Daß diese so völlig die Rollen gewechselt hatten, daß des Vaters Willen jetzt galt und die Mutter sich ihm still unterwarf, das wollte ihm garnicht in den Kopf. Er hatte mit der Mutter das innigste Mitleid. Schien es doch fast, als ob der Vater sich Rechte anmaßte, die ihm nicht zukamen. So sehr war er von frühester Kind⸗ heit auf an die Herrschaft der Mutter gewöhnt. Noch nie hatte er so wenig Schläge und Püffe erhalten, aber wie gern hätte er diese hinge⸗ nommen, wenn die Mutter nur nicht so stumm und traurig und der Vater wieder lieb und gut gegen sie gewesen wäre. Er fürchtete sich jetzt fast zu Hause zu sein und einem Gefühl der Erleichterung zog er, nach Vollendung der Schularbeiten, allabendlich zu seinem kleinen Hausirhandel aus.
Eines Abends— es hatte tagüber geschneit und nun sprühte ein feiner Regen nieder, so daß das Kind bei seinem schlechten Schuhwerk und dünnem Zeug bald gänzlich durchnäßt war— trat Fritz, der heute anf der Straße schlechte Geschäfte machte, in ein Bierlokal, wo er we⸗ nigstens im Trocknen war. Er ging mit seinem Kram von Tisch zu Tisch. Ueberall wies man ihn ab, hier unwillig, dort freundlich, einige Wenige kauften eine Schachtel„Schweden“, um ihn los zu werden. Niemand achtete be⸗ sonders auf ihn. Jetzt trat er an einen Tisch, an dem eine größere Gesellschaft junger Leute sc die in sehr fröhlicher Stimmung zu sein
en.
„Ja, mein Junge, komm her,“ hieß es, „zeige Deinen Kram, wir kaufen Dir etwas ab“. Und während sich nun ein munterer Handel entwickelte, indem Jeder eine Keinigkeit erwarb, faßte einer der jungen Leute den Knaben näher in das Auge. Das hübsche, von weichem Goldhaar umlockte Gesicht, aus dem ein paar große blaue Augen klar und treu in die Welt blickten, bildete einen rührenden Gegensatz zu der ärmlichen Kleidung und der nächtlichen Beschäftigung des kleinen Burschen. Der junge Mann machte seinen Nachbar auf ihn aufmerk⸗ sam und bald war das Interesse der ganzen Tafelrunde für das Kind erweckt. Man fragte ihn aus, wie alt er wäre, ob er Eltern hätte, wie sie heißen, ob sie um seinen Handel wüßten, wie viel er damit verdiente, und unser Fritz gab bereitwillig auf alle Fragen Auskunft. Aus freien Stücken erzählte er dann noch ganz stolz, daß er auch Frühstücksbrot austrüge und dadurch vier Mark monatlich verdiente.
„Und dabei gehst Du in die Schule? awohl.“
„Jawohl.
„Und schläfst dort natürlich ein?“
„Ja, manchmal.“ i
„Und wirst dann vom Lehrer bei den Ohren gezaust!“ a
„Ja, aber derb!“.
„Heiliges Kreuz, ist das ein Jammer!“ rief einer der jungen Leute.
Auch die Anderen waren ergriffen, und Einer, der die Uniform eines Freiwilligen trug und dem Knaben zunächst saß, sagte, indem er ihm die Hand auf die Schulter 1„Da bist Du es am Ende gewesen, der kürzlich einer armen frierenden Schildwache eine warme Schrippe gespendet hat?“
Die Geschichte war Allen bekannt. Der junge Mann, der in jener Nacht gerade auf Wache gestanden, hatte das kleine hübsche Aben⸗ ahl begeistert sogleich seinen Freunden erzählt.
„Verlegen errötend schlug der Kuabe die blauen Augen zu dem Frager auf und nickte nur ganz leise mit dem Kopfe.
Der junge Mann sprang vor Vergnügen auf.„Na, Kinder, da sage Einer, daß der Zufall nicht wunderbar spielt! Muß der Junge mir hier in den Weg laufen. Nun, die Schrippe soll Dir nicht weniger gut bekommen, als ste mir bekommen ist. Da nimm, mein Junge“ er gab ihm ein Zehnmarkstück—,gieb das Deiner Mutter, damit sie Euch etwas Gutes kocht, und nun mach', daß Du nach Hause und in's Bett kommst.“
Fritz zögerte, das Goldstück zu nehmen, aber der junge Mann sagte, daß er ihm all⸗ abendlich eine Streichholzschachtel liefern müßte, Da erst steckte er das Geld ein, bedankte sich schön und ging mit leuchtenden Auges davon.
In einem Glückstaumel kam er nach Hause. Es schlief schon Alles, nur der Vater saß, ihn erwartend, in der Küche und las in einem Zeitungsblatte. Fritz war nahe daran, ihm Alles zu erzählen— aber nein, er würde am Ende das Goldstück an sich nehmen und die Mutter sollte es doch erhalten. Er schwieg daher und nahm das Geld mit in's Bett, wo er es die ganze Nacht fest in der Hand hielt. Am Morgen stand er ungeweckt und sogar frü⸗ her auf als sonst, dean er hatte, ehe er fortging, was sehr Schwieriges, was er sich vor dem Einschlafen ausgedacht, zu vollbringen. Er riß, nachdem er sich in der Küche augekleidet, aus einem Schulheft ein weißes Blatt heraus, legte das Goldstück dareuf und schrieb beim Schein seines Lämpchens mit froststeifen, ungelenken Fingern darunter:
„Liebe Mutter! Dieses hat mir gestern ein Herr in einem Lokal geschenkt. Ich gebe es Dir, und will auch immer gut und gehorsam sein. Sei blos nicht mehr traurig. Darum
bittet Dich Dein Dich liebender Sohn Fritz Fengler.“
Dieses Blatt legte er auf die Kochmaschine, wo es der Mutter, die, wie er wußte, zuerst in die Küche kam, sogleich in's Auge fallen mußte.
Mit pochendem Herzen kam er von seinem Bäckergang heim, erwartend, daß nun irgend etwas Besonderes geschehen müßte. Aber es geschah nichts. Es schien ihm nur, als ob die Mutter ihn öfters verstohlen ansah, den Blick aber rasch abwandte. Auch das Mittagessen, das weder reichlicher noch besser als sonst war, verlief wie gewöhnlich. Schon fürchtete er, daß die Mutter das Geld nicht gefunden hätte, doch wagte er nicht, sie zu fragen. Je länger, je beklommener ward ihm zu Mut.—
Die kleinen Geschwister waren zu Bett ge⸗ bracht, er saß über seinen Schularbeiten, mit denen es garnicht vorwärts wollte, da vernahm er plötzlich ein lautes Aufschluchzen und in demselben Augeublick fühlte er sich von zwei Armen umschlungen.
Was war das? Träumte er, daß er am Busen der Mutter ruhte? Ach, wie süß war das, aber es konnte ja garnicht sein! Er war ja der„Große“, der mitverdienen mußte wie käm' er zu solchem Himmelsglück? Jetzt aber vernahm er auch die Stimme der Mutter, die
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