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Nr. 17.
Mitteldeutsche Sountags⸗Reitung.
Seite 7.
zn unter Thränen bat, ihr zu verzeihen, und ihn ihren guten, lieben Fritz nannte. Der Vater ätte ganz recht gehabt, sie sei eine schlechte
utter gewesen, aber sie hätte es nicht so böse emeint, und dann hätte sie auch geglaubt, daß Fritz sich nichts aus ihr mache. Jetzt sähe ste aber, wie lieb und gut er wäre.
Fritz konnte nur weinen und der Mutter Wangen und Hände streicheln. Als sich Beide etwas beruhigt, mußte er erzählen, wie er zu dem Gelde gekommen war. Die Mutter küßte ihn und sagte:
„Das Geld brechen wir aber nur in der 1— 91 Not an. Dem Vater mußt Du auch
avon erzählen. Wir dürfen kein Geheimnis vor ihm haben. Er ist Dir stets ein rechtschaf⸗ fener Vater gewesen. Und sag' ihm auch Alles, was ich Dir gesagt habe, und bitte ihn— daß — daß er mir vergeben soll.“ Fritz war ganz betreten. Er erkannte seine Mutter garnicht wieder. Es war, als ob das warme Kinder⸗ herz, das sie an das ihrige gepreßt, die Eis⸗ 115 der Selbstsucht in ihrer Brust geschmolzen ätte.
Fritz führte seinen Auftrag pünktlich aus und gewann der Mutter die Verzeihung des Vater und seine Liebe wieder.
Mit der inneren Eintracht kehrten auch bessere Verhältnisse in die Familie ein. Fengler er⸗ hielt durch die Vermittelung des Beschützers seines Sohnes eine auskömmliche Stellung, die er bis zu seinem Lebensende bekleidete und ihn in den Stand setzte, seine Kinder sorgfältig zu erziehen. Fritz entwickelte sich unter dem sonnigen Glück, das über die Familie gekommen war, zu einem fröhlichen und klugen Burschen, an dem die Eltern ihre rechte Freude erlebten.
Das Turnen und die Arbeiter.
Die Ueberschrift kann bekrittelt werden. Gewiß, denn das Turnen soll eigentlich Allge⸗ meingut des gesamten Volkes sein, es soll als Erziehungsmittel allen Volksgenossen dienen; und doch ist sie berechtigt und begründet.
Warum? Nun, unsere heutige Gesellschaft teilt und klüftet sich in Klassen. Hier Arm, dort Reich— hier Ueberfluß— dort Elend und jede dieser Klassen hat seine eigenen Inte⸗ ressen; ganz anders malt sich in diesen Köpfen die Welt als in jenen. Die arbeitende Klasse ist erwacht, ihre Glieder haben angefangen nach⸗ zudenken über ihre Lage und wo man versucht hat, diese denkenden Köpfe in ein fremdes Joch zu spannen, da kam es zu Konflikten, zum Bruch mit den Traditionen und Organisationen. Neue Gebilde entstanden und aus der eigenen urwüchsigen Kraft und Intelligenz des Prole⸗ tariats heraus entwickelten sich die Arbeiter⸗ Organisationen für Kunst, Poesie, Volkserziehung 20., die heute achtunggebietend schon das öffent⸗ liche Leben beeinflussen und von denen der
Arbeiter⸗Turnerbund wohl als eine der
5 Shpielorganisationen ꝛc. an, die nac Meinung feiner sind, bei ihnen spielt die Turne⸗
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bedeutendsten genannt zu werden verdient. Turner und Arbeiter sind überhaupt ein einheitlicher Begriff, denn ein Blick in alle Turnvereine belehrt uns, daß lediglich die Ar⸗ beiter das Hauptkontigent der Turner, Vorturner und Turnwarte bilden. Die Angehörigen der besitzenden Klassen schließen sich Sportvereinen, nach ihrer
rei eine entwürdigende Aschenbrödelrolle und wo ja ein Herr Kommerzienrat oder ähnlicher Herr als Turnfreund sich aufspielt, da sind gewiß meist persönliche oder politische Motive die Triebfeder dieses Handelns.
Die Arbeiter haben jedoch stets das Turnen in Ehren gehalten und zwar aus ganz natür⸗ lichen, einfachen Gründen. Ihnen wurde nicht die systematische, geistige und körperliche Erziehung
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zu teil, wie ihren begüterten Mitbürgern, die sogenannten Volk sschulen und ihre Einrich⸗ kungen können nicht im entferntesten verglichen werden mit den höheren Schulen, hier giebt es
cchon unendlich vier nachzuholen und ein Segen
ür die heranwachsende Arbeiterjugend ist es, wenn Arbeiter⸗Turnvereine Jugendturnen ein⸗ geführt haben. Ihr Eltern und Erzieher, ver⸗ ktraut Eure Sprößlinge der schützender und
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lehrenden Obhut der Arbeiter⸗Turnvereine. Ge⸗ sunde Kinder, blühende und lachende Gesichter werden der Lohn Eurer That sein.
Tritt der Arbeiter in die Reihen der Er⸗ wachsenen ein, sofort nimmt ihn die Industrie und Fabrikarbeit in Beschlag; glücklich der Proletarier, der nicht schon in frühester Jugend zu frohnden brauchte. Jetzt beginnt die gefähr⸗ lichste Periode. Schaffen und arbeiten in ein⸗ seitigster Weise in dumpfer, ungesunder und verpesteter Fabrikluft. Jede Stunde totbringend und gesundheitsschädigend für den menschlichen Organismus. Eine ganz besondere Rasse pro⸗ duziert unsere heutige Wirtschaftsweise. Der eine strengt nur die Arme an, der andere die Füße und Bein, der dritte nur die Hand oder den Kopf und es prägt sich jedem Einzelnen diese einseitige, ungesunde Beschäftigung seinem Aeußeren auf. Geistiges und körperliches Siech⸗ tum, Stumpfsinn und Degeneration sind die Folgen. Hier gilt es für Verbesserung der Klassenlage der Arbeiter zu ringen, aber auch gleichzeitig alle Mittel in Anwendung zu bringen, die den schrecklichen Folgen unseres heutigen Wirtschaftssystems entgegenarbeiten, und eines der bedeutendsten Mittel ist die Pflege ge⸗ regelter Leibesübungen, ist die Turnerei auf volkstümlicher Grundlage, wie sie im Ar⸗ beiter⸗Turnerbunde ihre Pflegstätte gefunden hat. Deshalb, ihr Klassengenossen, die ihr noch nicht turnt: Kommt, tretet ein in die Arbeiter⸗ Turnvereine, Euer Wohl und Eure Gesundheit zu fördern, deshalb wurden sie gegründet.
Zwei Organisationen haben in Deutschland die Pflege der Turnerei auf ihr Banner ge⸗ schrieben:„Deutsche Turnerschaft“, die nebenbei auch noch die Pflege des„Patriotismus“ pro⸗ pagiert, was unter den heutigen Verhältnissen nichts anderes bedeutet, als Kampf gegen jeden Fortschritt, Unterdrückung aller freiheitlichen Regungen und Bevormundung der Arbeiterklasse. Alles weitere ist sinnlose Phrase.
Neben der Deutschen Turnerschaft wirkt und schafft seit 1893 der Arbeiter-Turner⸗ bund, der sich nach und nach zur schönsten Blüte entfaltet hat. Seine Unfallkasse, die an alle verunglückten Turner 13 Wochen lang Unterstützung zahlt, die Arbeiter⸗Turn⸗Zeitung, die monatlich zweimal in einer Auflage von ca. 30,000 Exemplaren hinaus in das Land wandert, alles legt Zeugnis ab von einem gesunden Kerne, der dieser Organisation innewohnt. Ueber 40,000 turnende Proletarier umfaßt der Arbeiter⸗ Turnerbund und täglich sind neue Fortschritte, neue Erfolge zu verzeichnen. Vorwärts auf der ganzen Linie, das ist die Signatur unserer Bewegung. Auch heute ergeht an alle Turner und Arbeiter, die noch in den Banden der Deutschen Turnerschaft sich befinden, die freund⸗ liche und dringende Ermahnung zum Eintritt in den Arbeiter⸗-Turnerbund. Nicht dort, wo ihr zu Fackelzügen für Würdenträger, für Kirchenparaden und sonstigen Veranstaltungen benutzt werdet, ist Euer Platz, sondern im Arbeite r⸗Turnerbund, wo Freiheit und Fort⸗ schritt ihr Banner entfalten.
Was ist Stahl!
Diese Frage mag den meisten recht über⸗ flüssig vorkommen, weil man doch annehmen sollte, daß die Wissenschaft und die Technik sich uber ihre Beantwortung völlig im Klaren wären. Uns scheint es nicht so zu sein. Vom chemischen Standpunkt aus ist der Stahl defi⸗ nirt worden als eine Abart des Eisens, die einen bestimmten Gehalt an Kohlenstoff besttzt und sich durch die Eigenschaft aus zeichnet durch plötzliche Abkühlung aus einer hohen Temperatur große Härte anzunehmen. Eisen andererseits ist eine Mischung des Grund⸗ stoffs Eisen, die eine kleine Menge Kohlenstoff enthält und nicht durch Ablöschen gehärtet werden kann. Eine solche Abgrenzung der Be⸗ griffe steht mit der Thatsache in Widerspruch daß gewisse ungehärtete Stahlsorten keine größere Härte besitzen als Eisen. Ferner sind die beiden Bezeichnungen benutzt worden, um das Metall, das als schwammige Masse gewonnen und vor der Bearbeitung von der Schlacke befreit wird,
von dem Metall zu unterscheiden, das in flüs⸗ sigem Zustande erzeugt wird und keine weitere Zubereitung mit Ausnahme der Umwandlun
aus der festen Masse in Platten, Barren un
andere bequeme Formen erfordert. Dieser Gebrauch der Namen Eisen und Stahl ist weit verbreitet, aber er ist als fehlerhaft be⸗ zeichnet worden, weil die Unterscheidung von zwei Stoffen nach der Art ihrer Herstellung ohne Rücksichtnahme auf ihre Zusammensetzung unwissenschaftlich ist. Die Trennung von Eisen und Stahl kann weiterhiu begründet werden auf die Eigenschaft der Metalle mit Rücksicht auf die Härtung durch das Tempern, so daß Stahl als das diesem Verfahren zugängliche Eisen als das ihm unzugängliche Metall ver⸗ standen werden msißte. Gegen diese Definition ist zu sagen, daß einige moderne Stahlsorten, die noch andere Grundstoffe außer Eisen un d Kohle besitzen, durch plötzliche Abkühlung nicht härter, sondern weicher werden. Das vierte Unterscheidungsmittel ist die Zugfestigkeit, in⸗ dem das Metall mit einer Zugfestigkeit über einen gewissen Grad hinaus Stahl und das diesen Wert nicht erreichende Eisen genannt wird. Diese Unterscheidung hat besonders in Deutschland Platz gegriffen, aber auch sie kann nicht als eine natürliche betrachtet werden. Es ist somit eine merkwürdige, aber durchaus fest⸗ stehende Thatsache, daß die Technik die beiden Stoffe, mit denen sie am meisten arbeitet, zwar praktisch, aber nicht theoretisch von ein⸗ ander zu unterscheiden vermag.
Splitter.
Wenn du leben willst, sei stark, sei groß, sei energisch. Jedesmal, wenn du eine Unge⸗ rechtigkeit siehst im Leben, eine Lüge in der Welt, einen Menschen, dem von Andern Leid zugefügt wurde, so revoltire gegen die Lüge, die Ungerechtigkeit und das Leiden. Kämpfen heißt Leben!
Guhanden. *
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„Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht———“
Wenn dieses S
Dann glaubtest
Und keiner glaubt'
u Dir selber nicht, dem Andern mehr!
Humoristisches.
Ein Prinz im Examen. Prinz:„Bevor die Prüfung beginnt, eine Frage, Herr Professor: Sind Sie der Meinung, daß die akademischen Bürger gleich⸗ wertig sind?“— Professor:„O, keineswegs!“— Prinz:„Und haben Sie selbst immer den Standesvor⸗ rechten hochgeborener Studenten Rücksicht getragen?“— Professor:„Ganz gewiß.“— Prinz: Sehr gut. Ich bin befriedigt. Sie haben das Examen cum laude bestanden!“
Im Gefängnis.„Du, warum wackelt denn der fortwährend mit seiner Bank?“—„Alte Anjewohn⸗ heit! War früher mal Bankdirektor!“
Resignation.„Herr Mater, Sie haben Trauer, doch nicht etwa Ihre Frau gestorben?“—„Na, da kennen Sie die schlecht.“
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Geschichtskalender.
27. April. 1900: Zentrums⸗Umfall bei de m Bergarbeiter⸗8 Stundentag.
238. 1901: Tabakarbeiter⸗Aussperrung in Nord⸗ hausen. 1896: Massenprozeß gegen Hintze und Genossen wegen Vereinsgesetz⸗Uebertretung.
29. Schultze⸗Delitsch, bürgerlicher Geuossen schafts⸗
Agitator, gestorben. 1826: Liberale Verfassung in Portugal. 30. 1897: Fünf Anarchisten in Barcelona(Spanten)
zum Tode verurteilt. 1609: Galileis erstes Fernrohr in Paris verkauft.
1. Mai. 1890: Erste Maifeier. 1820: Thistle⸗ word und mehrere Radikale⸗Reformers in London gehängt.
2. 1901: die preuß. Minister Brefeld, Miquel und Hammerstein entlassen. 1898: Brodkrawalle in Italien.
3. 1896: Sozialistischer Sieg bei den franz. Ge meindewahlen.
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