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Seite 4.
Mitteldeutsche Sonntagg⸗Zeitung.
Nr. 17.
sich verborgen hält oder sich der Fortsetzung des Dienstes durch die Flucht entzieht. Die Vorlage sprach von „entlaufen“. Dieser Ausdrück, der sonft nur Hunden gegenüber angewandt wird, fiel auf unseren Autrag und wurde durch das Wort„entweichen“ ersetzt. Sachlich aber ließ sich die Mehrheit zu keiuer Konzesston herbei. So blieb es auch bei den drakonischen Strafen, die gegen die Rädelsführer bei geme inschaftlicher Dienstverweigerung vorgesehen sind.— Samstag kam noch in später Stunde die Wiedereinführung der Berufung gegen die Strafkammer⸗Urteile zur Verhandlung. Die Kom⸗ mission ersucht die Regierung in einer Resolution, diesen Gesetzentwurf für erledigt zu erklären und ihrerseits bald einen Entwurf vorzulegen. Der Staats⸗Sekretär sagte weder ja noch nein. Seine ganzen Ausführungen lassen sich treffeud in dem Singer'schen Zwischen raf zusammen⸗ fassen:„Seiner Zeit!“ Die Resolut ion wurde hierauf einstimmig angenommen. Hoffentlich verfehlt dieses ein⸗ stimmige Votum des Reichstags seine Wirkung auf die Regierung nicht.
Montag kam der Gesetzentwurf über die Beseitigung des fliegenden Gerichtsstandes der Presse zur Beratung, der voraussichtlich im Plenum erledigt und nicht erst in die Kommission verwiesen wird.
Mit süß⸗saurem Gesicht erklärte der Justizsekretär Nie berding, daß der Regierung an der Annahme des Gesetzentwurfes nicht viel liege. Scharf ging Gen. Heine mit dem Entwurf ins Gericht. Er empfahl dringend, ihn ohne weiteres abzulehnen. Die Presse würde sich sicher nicht besser stehen, wenn der Entwurf angenommen werden würde. Die Redner der übrigen Parteien wendeten sich gegen Einzelheiten.
Krieg in Südafrika. Ueber die Friedensverhandlungen verlautet nichts Bestimmtes. Im englischen
Unterhaus erklärte der Schatzkanzler, daß die Gerüchte verfrüht seien.
Pon Nah und Fern.
Hessisches.
Aus dem Landtage. Die Zweite Kam⸗ mer tritt am Freitag, den 25. April zu einer voraussichtlich nur kurzen Tagung zusammen. Unter den 28 Gegenständen, die auf der Tagesordnung stehen, befindet sich ein Antrag von Gen. Ulrich, betreffend die Verhältnisse des Hilfspersonals in staatlichen Betrieben; ferner Anträge von mehreren Seiten, welche Sonntags⸗Rückfahrkarten auf den Eisenbahnen in Hessen betreffen; weiter ein Antrag Ulrich's, der den Bau eines Gymnasiums in Offenbach wünscht. An erster Stelle steht der Lotterie⸗ vertrag mit Thüringen-Anhalt, dessen Annahme der Ausschuß empfiehlt.— Bei zwei Gymna⸗ sien in Mainz, sowie dem Lehrerseminar in Friedberg hat sich die Austellung weiterer Lehrkräfte notwendig gemacht, wofür die Regierung die Bewilligung der erforderlichen Mittel verlangt. Der Abg. Möllinger hat einen Antrag gestellt, der den Zweck verfolgt, die Verordnung vom 10. November 1886 betr. die Bedürfnisfrage bet der Erteilung von Wirtschaftserlaubnissen aufzuheben. Eine Vorstellung der Bürgermeisterei Bingen unter⸗ stützt diesen Antrag. Während die Mehrheit des vierten Ausschusses beantragt, den Antrag Möllinger abzulehnen, beantragt die Minderheit die Zustimmung.
Gießener Angelegenheiten.
— Die Mainummer des„Wahren Jakob“ ist in sehr reicher Ausstattung 14 Seiten start erschienen. Das Hauplinteresse erregt das als dreiteiliges Gemälde angelegte Vollbild,„Vision eines Philosophen“. Auf der linken Seite des Bildes sieht man Ludwig XIV., den„Sonnenkönig“, auf hohem Thron über Welt und Menschen herrschen. Auf dem mittleren Teile des Bildes hat die Revo⸗ lution von 1793 ihr Strafgericht über den Ab⸗ solutismus abgehalten. Im Blute schwimmen die Köpfe Marie Antoinettes und Ludwig XVI., sowie des letzteren Königskrone dahin. Vor⸗ wurfsvoll klagend blickt das gebrochene Auge des Eukels zum Ahn hinauf, für dessen Schuld der Enkel büßen mußte. Der rechte Teil des Bildes gewährt sodann einen Ausblick in das Reich der Zukunft, das Erntefest aller Revolu⸗
tionen. Auf dem Wagen des Friedens kommt die Freiheit einhergefahren, umgeben von Genien der Kunst und Arbeit, der Wissenschaft und Litteratur. Das Reich der Freiheit ist heute noch nicht gekommen, aber in der Schönheit des Ideals liegt die Gewähr dafür, daß der Wunsch der Menschheit nach Erfüllung immer stärker werden und schließlich Gestaltung finden muß. Ist dieses tief angelegte Bild von schwerem Ernst getragen, so gehören dafür die übrigen Illustrationen der leichteren und kecken Satire an. Auf dem farbigen Vorderbild„Maien⸗ zauber“ schwärmen aus roten Körben die Arbeitsbienen aus und plagen mit ihren Stichen die verzweifelten Stützen der Gesellschaft. Auf dem farbigen Rückbild„Vergeblische Mühe“, das sich an das bekannte Motiv aus„Gullivers Reisen“ anlehnt, suchen die internationalen Mächte den über ste lächelnden Riesen Proleta⸗ riat mit Zwirnsfäden zu fesseln. Außerdem enthält die Nummer dann noch zwölf weitere Illustrationen, die teils aus dem sozialen Leben egriffen sind, teils auf politische Vorgänge ezug haben.— Eine große Anzahl formpol⸗ lendeter und inhaltreicher Gedichte, sowie amü⸗ santer und satirischer Prosasktzzen bilden den übrigen Inhalt der Nummer, die wie gewöhn⸗ lich, 10 Pfg. kostet und deren Anschaffuüng wir jedem Genossen empfehlen.
— Zur Maifeier. Wie in früheren Jahren findet auch zur diesjährigen Maifeier am 1. Mai abends im Lokale Orbig eine Versammlung statt, in der Gen. Repp aus Friedberg sprechen wird. Sonntag ist Wald⸗ fest. Dahin bewegt sich der Festzug, der punkt ½ 2 Uhr vom Oswaldsgarten aus abmarschiert. Die Teil⸗ nehmer am Zug müssen sich aber spätestens um 1 Uhr einfinden, damit sich der Zug pünktlich in Bewegung setzen kann. Frauen und Kinder können ebenfalls mit⸗ gehen, es wäre sogar hübsch, wenn die Kinder entsprechend geschmückt würden. Natürlich sollen unsere Genossen deswegen keine außergewöhnlichen Aufwendungen machen.
r. Schließt Euch den Gewerkschaften an! Dies kann den Arbeitern nicht oft genug zugerufen werden. Welchen Schaden ste si selbst zufügen, wenn sie diese Mahnung un⸗ beachtet lassen, zeigt sich jetzt wieder in den Gail'schen Thonwerken. Dort wurde den Ofenarbeitern am Dienstag 25 Prozent Lohn⸗ abzug angekündigt, obwohl mit den betreffen⸗ den Arbeitern ein fester Arbeitsvertrag abge⸗ schlossen ist, der bis zum 31. Oktober läuft. Ein Teil der Betroffenen sah sich deshalb ver⸗ anlaßt, die anstrengeude Arbeit aufzugeben.— Derartige Dinge würden nicht vorkommen, wenn sich alle Arbester in ihrer Organisation befänden. Mögen sie sich darum baldigst dem Verbande der Fabrik⸗ und Hilfsarbeiter an⸗ schließen, das liegt in ihrem eigenen Interesse.
— Vorsicht! Zur Warnung für Zimmer⸗ vermieter, Wirte etc. geben wir gerne folgen⸗ der Zuschrift Raum, die uns von einem Ge⸗ schädigten zugeht: In unserer Stadt treiben sich seit längerer Zeit einige Exemplare einer Sorte Menschen herum, die man in die Klasse der Tagediebe und Schwindler rechnen muß, obwohl sie sich als Studenten bezeichnen, in Wirklichkeit aber keine sind. Ihre Hauptthä⸗ tigkeit besteht in der Prellerei hiesiger Wirte und Geschäftsleute. Mit Vorliebe mieten sich die fein auftretenden Herrchen bei Wittwen ein, die sie leicht um ein paar Monate Miete brin⸗ gen können. Gewöhnlich pflegen sie bis Mit⸗ tags der Ruhe und gehen alsdann auf die Suche nach neuen Opfern. Oft suchen sie so⸗ gar ihre Gläubiger mit Waffen einzuschüchtern, was nicht selten gelingt. Diese Individuen ohne jede Existenzmittel bilden thatsächlich ei e Plage für einen Teil der Einwohuerschaft. Giebt es kein Mittel dies Gesinde von der Stadt fernzuhalten?— Da ist den in Betracht kommenden Vermietern und Geschäftsleuten eben nur die größte Vorsicht anzuempfehlen; stie dürfen verdächtigen Eleinenten keinen zu weitgehenden Kredit gewähren.
— Bös hereingefallen ist der Redak⸗ teur der antisemttischen„Volkswacht“ in Offen- bach mit einer Notiz aus Großenbuseck, in der einem dortigen israelitischen Einwohner nach⸗ gesagt wurde, daß er einen Einbruch bei sich fingirt hätte, um Versicherungsgebühren ein⸗ zuheimsen. Vom Schöffengericht in Gießen
wurde Reuter dafür am Freitag zu der verhältnis⸗ mäßig hohen Strafe von 1 Monat Gefängnis verurteilt.
Aus dem Nreise Wetzlar.
h. Die Recitation des Schauspielers Herrn Walkotte, die auf Veranlassung der Wetzlarer„Lesevereinigung“ am Montag Abend im Saale des Schützengartens stattfand, er⸗ freute sich eines guten Besuches, und die Zu⸗ 11 0. folgten dem Vortrage des gewandten
ecktators mit großer Aufmerksamkeit. Herr Walkotte, der ja auch in Gießen und Marburg durch seine Recitationen vorteilhaft bekannt ist, versteht es auch vorzüglich, das Interesse seines Suu zu fesseln. Hier war eine Novelle
udermanns:„Jolanthe's Hochzeit“ Gegen⸗ stand des Vortrags; es zeigte sich denn auch, daß die Wahl eine glückliche war, was die Zuhörer durch beifällige Aufnahme bestätigten. — Das Bemühen der Lesevereinigung, gute Vorträge den minderbemittelten Kreisen zu⸗ gänglich zu machen, verdient alle Anerkennung.
h. Gerechtigkeit! Vom Wetzlarer Schöffengericht wurde am Freitag ein Taglöhner zu fünf Tagen Gefängnis verurteilt, weil er auf dem Ladeplatze der Eisenbahnstation— Kohlen aufgelesen hatte. Fünf Tage Gefängnis für ein paar Kohlenstückchen! Da⸗ bei wurde noch zu Gunsten des armen Teufels angenommen, daß er in Not gehandelt habe! Das glauben wir auch; es wird wohl wenig Leute geben, die zum Vergnügen Kohlen auf⸗ lesen. Wenn der Mann auch wirklich vorbe⸗ straft war, so ist doch die Strafe für das ge⸗ ringfügige Vergehen viel zu hart. Natürlich ist den Mitgliedern des Gerichts nicht der ge⸗ ringste Vorwurf zu machen, ste haben stcher nach bestem Wissen und Gewissen und den Vor⸗ schrtften des Gesetzes gemäß geurteilt. Vom rein menschlichen Slandpunkte aus würde man allerdings anders urteilen. Durch die heutige Gesetzgebung und Rechtspflege wird in erster Linie das heilige Eigentum geschützt; darum Strafe dem Hungernden, der für wenige Pfennige Lebensmittel, Strafe dem Frierenden, der ein Stückchen Kohle stch„widerrechtlich“ aneignet! Die humane Rechtsprechung des französtschen Richters Magnaud(stehe Nr. 14 d. Bl.) nimmt man sich bei uns nicht zum Vorbilde; wenn auch schon oft sehr milde Urttile gefällt wurden. Das von uns in letzter Nr. erwähnte des Land⸗ gerichts Augsburg, wo sechs reiche Jünglinge wegen Sittlichkeitsvergehen ganze 450 Mark Geldstrafe erhielten, finden wir beispielsweise viel zu milde. Es kommt eben viel auf die Angeklagten an.— Irren wir nicht, kostet jeder Gefangene 1.50 Mark pro Tag. Der Kohlensammler hat im höchsten Falle für 75 Pfg. Kohlen aufgelesen, wofür nun die Ge⸗ n 7.50— zehnmal so viel— bezahlen muß!
r. Aus dem Oberwesterwaldkreise schreibt man uns:„Alle Vöglein sind schon da!“ Das schöne Lied wird hier in Hach en⸗ burg gegenwärtig mehr als sonst gesungen. Man meint damit aber nicht nur die gefiederten Lenzesboten, sondern andere, aber von ihren nunmehrigen Eigentümern ebenso sehnsüchtig er⸗ wartete Vögel, die sich als Belohnung für patriotisches Handeln einfanden. Voriges Jahr fand nämlich anläßlich der Renovation des Kriegerdenkmals bei Marienstatt, das zum An⸗ denken an die dort 1795 im Kampfe gegen die Truppen der ersten franz. Republik gefallenen Oesterreicher errichtet ist, ein deutsch⸗französisch⸗ österreichisches„Verbrüderungsfest“ statt, um dessen Zustandekommen sich Landrat Büchting, der Kriegervereinsvorsitzende und Zuckerbäcker Henney, sowie andere Honorattoren Hachen⸗ burgs verdient machten. Der Lohn blieb denn auch nicht aus; die beiden Patrioten wurden dieser Tage mit österreichischen Orden be⸗ glückt. Mit einiger Nachhilfe wird wohl dem⸗ nächst auch der französische Kuckuck anfliegen und dann kann selbstverständlich auch der preu⸗ ßische Aar nicht länger ausbleiben. Es soll die allerdings nur geringe Hoffnung vorhanden sein, daß auch der Dritte im Bunde, der„Volks⸗
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