Ausgabe 
26.10.1902
 
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Seite 4.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 43.

Auf gleicher Höhe feht die Behauptung von denMitläufern. Man sehe doch die bürger⸗ lichen Parteien an! Da weiß die Mehrheit der Wähler überhaupt uicht, wozu sie gehören, neun Zehntel wissen nichts von den Grundsätzen der Partei, zu der sie sich rechnen. Dagegen weiß auch der letzte Arbeiter, warum er sozialdemo⸗ kratisch wählt.

pon Uah und Lern.

Gießener Angelegenheiten.

Zur Landtagswahl. Nächsten Mittwoch(29. Oktober) finden bekanntlich die Wahlmännerwahlen statt. Aus Gründen, die wir schon mehrfach dargelegt haben, nimmt diese Wahl das Interesse der großen Masse nicht in dem Maße in Anspruch, als die Reichstagswahl. Unsere Genossen werden aber besonders auf die Wahlen in Mainz und Offenbach sehr gespannt sein. Unser Wahlkomitee wird deshalb für telegraphische Benachrichtigung über den Wahl- ausfall in den genannten und noch anderen Orten Sorge tragen und die Resultate am Mittwoch Abend im Lokale des Genossen Orbig bekannt machen. Dort wollen sich dann also die Parteigenossen zahlreich einfinden.

In den Stadtverordueten⸗ Versammlung wurde in der Sitzung am Donnerstag u. a. beschlossen, die Einziehung der Beiträge für die Alters- und In va⸗ lidenversicherung künftig der Orts- krankenkasse zu übertragen. Hierüber sind in verschiedenen Städten Erkundigungen eingezogen worden, die sich sämtlich günstig für diese Einrichtung aussprechen, nur die von Worms, wo der nationalliberale Agrarier Hey! regiert, bemerkte dabei, die Einrichtung bewähre sichso lange die Kasse sich nicht in den Händen einer politischen Partei befinde. die Wormser meinen, wenn die Arbeiter ihre kasse sel bst verwalten, befindet sie sich in den Händen einer Partei, wenn sie aber von Natkonalliberale ꝛc. verwaltet wird, so ist das natürlich keine Partei. Faule Fische! Für 6 Arbeiter, die bei den Sielbauten mit Ausladen beschäftigt sind, wird der Stunden⸗ lohn nach dem Vorschlage des Bürgermeisters auf 28 Pfg. festgesetzt. Vorher erhielten sie nur 23 Pfg. Der von Marburg ausgehende Vorschlag für Errichtung eines gemeinsamen Theaters(Städtebundtheater) wird in eine Kommission verwiesen. Einer Eingabe des deulsch⸗nationalen Handluugsgehilfen-Verbandes für vollständigen Schluß der Geschäfte am Sonntag wird micht beigetreten. Unser Ge⸗ nosse Krumm trat dafür ein, daß wenigstens die Großhandlungen schließen sollten, aber auch dafür stimmte außer Krumm nur Herr Euler. Der fromme Herr Schmall sprach sich auch gegen die vollständige Sonntagsruhe aus.

Arbeiter- Turnverein. Wie uns mitgeteilt wird, ist jetzt die Gründung eines Arbeiter-Turnvereins erfreulich erweise gesichert und in die Wege geleitet. Demnächst soll eine weitere Zusammenkunft stattfinden, in welcher der provisorische Vorstand gewählt werden soll. Wer beizutreten wünscht, kann sich in den Wirtschaften Löb und Orbig in die dortaufliegenden Listen eintragen lassen.

leberNaturheilkunde und Schulmedizin wird Herr Dr. med. Spohr zus Frankfurt am Montag, den 27. d. Mts., ibeuds ½9 Uhr im Hotel Einhorn auf zinladung des Sanitäts vereins einen Zortrag halten. Der Vortragsgegenstand ist ein solcher, worüber die Meinungen sowohl in Aerzte⸗ wie in Laienkreisen sehr auseinander⸗ gehen; zweifellos wird aber seine Erörterung eine Fülle des Belehrenden und Wissens werten bieten. Da auch Nichtmitglieder eingeführt werden können, empfehlen wir Jedem den Besuch des Vortrags.(Siehe Inserat.)

Billigeres Brot wurde dieser Tage in einer Zeitungsnotiz in Aussicht gestellt. Bis jetzt ist aber ein Abschlag noch nicht einge⸗ treten, was bei der Teuerung der Lebensmittel und besonders des Fleisches recht sehr zu wün⸗ schen wäre. Wenn aber auch wirklich der

Brotpreis um ein paar Pfennige herabgesetzt werden sollte, so werden im Falle der Annahme des Zolltarifs die Preise sehr bald wieder in die Höhe schnellen. Dabei fast überall die schändlichsten Lohndrückereien! Will die Arbeiterklasse nicht hungern, so muß sie gegen die Beutepolitiker energisch ankämpfen!

Der Arbeiter⸗Notiz⸗Kalender für 1902 ist soeben in der Buchhandlung Vorwärts erschienen. Der Inhalt ist reichhaltig und zweckentsprechend. Vor allen werden, angesichts der nächstjährigen Reichstagswahlen, die Reichstags-Wahlergebnisse mit allen Nach⸗ wahlen bis zum September 1902 und die Winke für die Reichstagswahlen, mit Wahlgesetz und Wahlreglement, interessieren. Ferner enthält er: Was muß der Arbeiter von der Wahlpflicht wissen; Sozialdemokratische Abgeordnete in den Landtagen; Deutsche Städte mit mehr als 100 000 Einwohnern und dem ortsüblichen Tagelohne.

Auch für die gewerkschaftlich thätigen Arbeiter enthält er wissenswertes Agitationsmaterial; so u. a. Deutsche Streikstatistik 1890 bis 1901; die Leistungen der deutsche! Gewerkschaften; die Unfall⸗ statistik von 1886 bis 1900; die Mitgliederzahlen der deutschen freien Gewerkschaften; ein Kapitel aus dem Gewerbegerichtsgesetz. Dann die Adressen der zentrali⸗ sierten Gewerkschaften, des Parteivorstandes, der Gewerbe⸗ inspektoren, sowie der Zentralen der ausländischen Ge⸗ werkschaften. Der reiche Inhalt macht auch den dies⸗ jährigen Notizkalender zu einem nützlichen und praktischen Nachschlagebuch für jeden Arbeiter. Der Preis ist 60 Pfg. In Gießen nimmt die Kolportage⸗Kommission des Wahlvereins Bestellungen entgegen.

Aus dem Rreise gießen.

Mit den Beschlüssen des Partei⸗ tages einverstanden erklärte sich die am Sams⸗ tag in Heuchelheim stattgefundene, gutbesuchte Parteiversammlung, in der Genosse Vetters Bericht erstattete. Auch die Versammlung in Krofdorf, die am Dienstag im Lokale Abel tagte, war mit dem Verlauf und den Beschlüssen in München einverstanden und versprach, für die Durchführung derselben zu wirken.

Aus dem Nreise Alsfeld⸗Cauterbach.

t. Landtagswahl in Alsfeld. Der bisherige Vertreter der Stadt Alsfeld im Landtage war der sich zur freisinnigen Partei zählende Gastwirt Gundrum. Ihm ist die Bürde der Würde zu schwer geworden, er lehnt eine Wiederwahl ab. Daß die Freisinnigen das Mandat ihrer Partei zu erhalten suchen, kann man ihnen nicht verübeln und sie haben deshalb in der Person des Rechtsanwalts Reeh einen Kandidaten aufgestellt. Ihm tritt ein Gegenkandidat in der Person des Lehrers Rudolph gegenüber, der unter parteiloser Flagge segelt, in Wirklichkeit Antisemit zu sein scheint. Früher soll er den Nationalliberalen angehört haben und rechnet auf deren Unter⸗ stützung. Am Mittwoch Abend entwickelte er in einer Wählerversammlung seinProgramm, nach dem er es allen Leuten recht machen will. In seiner Rede erschienen die üblichen Redens arten:Treue zu Kaiser und Reich;Hebung des Mittelstandes;weise Sparsamkeit im Staatshaushalt usw. Er will auch die In⸗ teressen der Arbeiter wahrnehmen, lobte aber zugleich den Bund der Landwirte und den Verband der Scharfmacher; über die Lebens⸗ mittelzölle und das Wahlrecht sagte er aber gar nichts. Nach alledem ist Rudolph politisch eine höchst faule Adresse;parteilos ist über⸗ haupt stets verdächtig. Uns liegt es fern, die Freisinnigen irgendwie herausstreichen zu wollen, ihr Sündenregister ist gewiß kein kleines, speziell Herr Reeh hat früher mal über unsere Partei recht thörichtes Zeug verzapft; aber er hat sich wenigstens für das gleiche und direkte Wahlrecht und gegen die Echöhung der Lebens mittelzölle erklärt und deshalb werden unsere Genossen für seine Wahl eintreten. Genofsen! Geht alle zur Wahlurne und stimmt für den Gegner des jetzigen Wahl un rechts!

Aus dem Rreise Wetzlar.

h. Ergänzungswahlen zur Stadt⸗ verordneten⸗Versammlung finden am Donnerstag. den 6. November statt. Es werden 6

tadtverordnete, in jeder Klasse] der Mitglieder veranstalten zu können.

zwei gewahlt. Die Wahler erhalten zu diesem Zwecke Wahlkarten.

h. Schweinerei in der Schweine⸗ metzgerei. Bei einer vorige Woche in einer Wetzlarer Metzgerei vorgenommenen Revision wurden so schauderhafte Zustände entdeckt, wie man sie heutzutage kaum noch für möglich halten sollte. Unter Anderem soll der Wurst⸗ kessel auch zum Abkochen der Wäsche benutzt worden sein. Da amtliche Personen diese Dinge mit eigenen Augen gesehen haben, ist eine ge⸗ richtliche Verhandlung zu erwarten. Dann werden wir Genaueres berichten. Für heute sei nur noch bemerkt, daß der Metzger sich zu denbesseren Kreisen zählt; seine Söhne be⸗ suchen höhere Schulen, die Töchter machen bedeutenden Kleideraufwand. Zeigt wieder, wie notwendig öftere Revisionen der Nahrungsmittel⸗ geschäfte sind.

h.Verschleppungshalber schreibt derWetzl. Anz. in seinem Reichs⸗ tagsbericht hätten die Sozialdemokraten 14 Anträge auf namentliche Abstimmung gestellt. Mutet denn der Anzeiger⸗Mensch unsern Ge⸗ nossen zu, den Hungertarif unbesehen und im Galopp zu bewilligen?

X. Vereinsgesetzliches in Preußen. Für politische Vereine schreibt das preußische Vereinsgesetz die Einreichung einer Mitglieder⸗ liste vor. Dabei verlangten die Behörden sehr oft die ausführlichsten Personalien der Mit⸗ glieder. So hatte die Polizeibehörde in Alt⸗ Zabrze auch Angabe über Alter und Stand der Mitglieder verlangt. Dies erklärte neulich das Kammergericht für ungesetzlich und entschied, daß nur Angaben über Namen und Wohnung zu machen seien. Es hob infolge dessen die entgegenstehenden Verfügungen des Landrates und Regierungspräsidenten, sowie das Urteil der Strafkammer auf. Diese Ent⸗ scheidung ist für politische Vereine und auch für die Gewerkschaften, die von den Be⸗ hörden sehr oft alspolitische Organisationen angesehen werden und deshalb Mitgliederlisten einreichen müssen, beachtenswert.

Aus dem Nreise Marburg⸗-Rirchhain.

St. Achtung. Wir wollen nicht verfehlen, noch einmal auf die heute, Samstag abend 9 Uhr, bei Jesberg stattfindende öffentliche Parteiversammlung, in welcher bekanntlich Gen. Vetters aus Gießen über den Parteitag in München referieren wird, aufmerksam zu machen.

Die Vertreter der Konsum vereine Kassel, Gießen, Lollar, Wetzlar und Marburg hatten am vergangenen Sonntag vormittag im Lokale von D. Jesberg hier eine Besprechung zwecks Gründung einer gemeinsamen Einkaufs⸗ vereinigung. Herr Dejung aus Mannheim, Vertreter der Hamburger Großeinkaufsgenossen⸗ schaft, hielt dabei einen Vortrag über den Nutzen und die Vorteile einer solchen Vereinigung. Die Vertreter von Kassel, Gießen und Marburg erklärten hierauf ihren Beitritt zu derselben, während diejenigen von Wetzlar und Lollar unter Vorbehalt zusagten. Die Vereinigung erhielt den NamenErste hessische Einkaufs⸗ vereinigung mit dem Sitz in Marburg; als Leiter derselben wurde der Geschäftsführer des hiesigen Konsumvereins Fischer gewählt. Nach

Erledigung der geschäftlichen Angelegenheiten

wurde die von Herrn Dejung arrangierte Ausstellung von Warenproben einer eingehenden Besichtigung unterworfen.

Unsere Gewerkschaftskommission, deren Thätigkeit wir schon in einer früheren Notiz Erwähnung gethan haben, ist es gelungen, Herrn K. Beißwanger aus Nürnberg zu einem populär⸗ wissenschaftlichen Vortage gewinnen (s. Inserat in heut. Nr.). Da der Eintritt zu dieser Veranstaltung für die Gewerkschafts⸗ mitglieder und deren Angehörige frei ist, so steht hoffentlich ein recht starker Besuch in Aussicht. Nichtorganisierte haben gegen ein Eintrittsgeld von 25 Pfg. pro Person eben⸗ falls Zutritt. Wir Winden der Kommission u diesem Vortrag ein recht volles Haus, damit si auch für die Zukunft imstande ist, weitere Vorträge zur Ausbildung und Unterhaltung

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