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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 43.
Zentrum will es gütigst bei den Kommissions⸗ kompromiß⸗Sätzen bewenden lassen. Aber dar⸗ unter will es um keinen Preis gehen. Trotzig klang es aus der Herold⸗Rede dem Reichskanzler entgegen: In der Frage der Zollsätze für Getreide geben wir nicht nach! Schließ⸗ lich wandte sich noch der freisinnige Volksparteiler Fischbeck in geschickter Weise gegen die Regie⸗ rungsvorlage. 5
Das Gleiche that am Samstag Pachnicke von der Freisinnigen Vereinigung. Die Aus⸗ sichten der Regierungsvorlage stellte er als sehr ungünstig hin; er rechnete vor, daß dafür zu⸗ nächst nur zirka 40 Stimmen vorhanden sind. An diesem Tage war der Bundesrat über⸗ aus stark vertreten; namentlich war eine ganze Anzahl seiner süddeutschen Mitglieder er⸗ schienen. Von diesen ergriff dann auch der badische Finanzminister Buchenberger das Wort. Vorher hielt aber der Bündlerhäuptling v. Wan⸗ genheim eine sehr kriegerische Rede, worin er die Bündler dagegen verteidigte, daß sie mit dem 7,50 Mark⸗Antrag nur eine leere Demon⸗ stration beabsichtigt hätten. Außerdem sprach er der jetzigen Regierung ab,„staatserhaltend“ zu wirken. Merkwürdigerweise antwortete dem Bündler weder der Reichskanzler, noch Posa⸗ dowsky; dagegen erhob sich, wie schon bemerkt, Dr. Buchenberger zu einer Erwiderung. Er sah es offenbar als seine Hauptaufgabe an, den Agrariern die Regierungsvorlage schmackhaft zu machen. Manche Bemerkungen des Badensers fanden anf der Linken Zustimmung, während sie laute Unwillensausbrüche auf der Rechten und im Zentrum entfesselten. Besonders die Warnung vor überspannten Forderun⸗ gen, die, wenn sie erfüllt würden, in letzter Justanz der Landwirtschaft selbst zum größten Schaden gereichen würden, sowie die entschiedene Betonung der wichtigen Rolle der Exportindu⸗ strie waren sehr wenig nach dem Geschmack der Mehrheitsparteien, die durch ironisches Lachen und Zwischenrufe ihrem gepreßten Herzen Luft machen zu müssen glaubten. Mtt der recht melancholisch klingenden Aufforderung an die Mehrheitsparteien, sich auf dem Boden der Regierungsvorlage zu vereinigen, schloß der Redner.
Was der Pole Dziembowski und der Anti⸗ semit Gäbel vorbrachten, war nicht von Belang.
Den Schluß machte an diesem Tage Genosse Stadthagen mit einer dreistündigen, treff⸗ lichen, an witzigen Wendungen reichen Rede.
eit vortrefflichem Humor geißelte der Redner unserer Fraktion im ersten Teile seiner Aus⸗ führungen die Plattheiten des Zentrumsredners Herold und die schulmeisterliche Art und Weise, mit der sich St. Paasche wider die noch gar nicht vorhandene Obstruktion gewandt hatte. Im Weiteren ergänzte er in wirksamster Weise die Ausführungen Antricks.
Montag wies das Haus eine gute Besetzung auf, da die Parteien in Erwartung der baldigen Entscheidung ihre sämtlichen Truppen heran⸗ gezogen hatten. Aber trotzdem bot diese Sitzung wenig Interessantes. Als Erster polemisierte der konservative Graf Schwerin-Lö witz, der von seinen Kreisen als eine große Leuchte in agrarischen Dingen angesehen wird, nach zwei Fronten und bekämpfte ebenso entschieden den 7,50 Mark-⸗Antrag der Ueberagrarier wie die ihm nicht weit genug gehenden Vorschläge der Regierung.
Graf Posadowsky schwieg wieder. Statt seiner legte sich der württembergische Minister Pischek für die Regierungsvorlage ins Zeug. Seine Rede war eine keineswegs verbesserte Auflage der Buchenbergerschen und klang wie diese in die väterliche Ermahnung an die leber⸗ agrarier aus, sich nicht durch allzu übertriebene Forderungen um den Preis aller Anstrengungen 55 bringen. Die berühmte„mittlere Linie“ des
eichskanzlers spielte auch in den Ausführungen des schwäbischen Ministers eine große Rolle. Merkwürdig kriegerisch ließ sich der National⸗ liberale Dr. Sattler vernehmen. Er forderte nicht mehr und nicht weniger als die— Auf⸗ lösung des Reichstages oder doch die Ver⸗ tagung, wie er sofort abschwächend hinzusetzte. Was die Nationalliberalen, die sich mit solcher Beflissenheit der Regierung als Hilfstruppe bei
der Wahlkampagne darbieten, bei einer Auflösung zu gewinnen hoffen, bleibt vorläufig im Dunkeln. Vielleicht denkt Herr Dr. Sattler: Lieber ein 115 mit Schrecken, als ein Schrecken ohne ynde.
Mit voller Lungenkraft ereiferte sich dann der Zentrumsredner Dr. Heim für seinen Privat⸗ antrag, der die heimische Gerstenproduktion noch über den Kommissionsantrag heraus ge⸗ schützt wissen will. Dabei ging es nicht ohne ein paar freundnachbarliche Auseinandersetzungen mit dem Bund der Landwirte ab, deu der bayerische Bauernbund als ein unangenehmes Konkurrenzunternehmen betrachtet.
Nach dem Demokraten Haußmann, der die schwächliche Nachgiebigkeit Bülows gegen die Bündler geißelte, schloß sich der bayrische Finanzminister Riedel als Dritter im Bunde seinen süddeutschen Kollegen Buchenberger und Pischek an und ermahnte so erfolglos wie diese die Agrarier zur Nachgiebigkeit; mit ziemlicher Entschiedenheit protestierte er im Interesse der bayerischen Brauerei gegen eine Erhöhung des Gerstenzolls über die Regierungs⸗ sätze hinaus.
Mit Geist und Witz geißelte schließlich Dr. Barth die agrarische Politik; daß seine Hiebe gesessen, darüber quittierte das heftige Zischen der Agrarier, das sich beim Schluß der Barth⸗ schen Rede in den lebhaften Beifall der Linken mischte. Ausgezeichnet war die Charakteristik der Agrarier, die unser Genosse, Baudert, in seinen Ausführungen gab; man merkte es an den wütenden Zwischenrufen, die bei der Erwähnung der Mordbrenner-Artikel des säch⸗ sischen lonservativen Blattes, die Junkerpartei hören ließ. Mit der Aufforderung an die Re⸗ gierung sich von den Wählern das Volks⸗ urteil über die Brotwucherpolitik einzuholen, schloß Baudert seine Rede.
In der Dienstags Sitzung fiel endlich
die vorläufige Entscheidung.
Der Reichstag war so stark besucht wie selten. An der Abstimmung beteiligten sich 339 Abge⸗ ordnete, etliche enthielten sich der Stimmen⸗ abgabe. Vor der Abstimmung erhoben sich noch verschiedene Agrarier, um der Regierung ein⸗ dringlich Nachgiebigkeit gegen die Hoch-Zöllner⸗ forderungen anzuempfehlen. Manche warnten auch ihre eigenen Genossen vor maßlosen Forde⸗ rungen, ein Beweis dafür, daß sich die Zöllner schließlich auf die Regierungsvorlage einigen werden. Das hat unsere Partei von Anfang an vorausgesehen und darum mit Recht den Kampf gegen die Vorlage selbst geführt, die bündlerischen Anträge überhaupt nicht ernst genommen. Unter Denjenigen, die für den höchsten Zoll kämpften, befand sich auch der Vertreter für Alsfeld⸗Lauterbach, Maler Bindewald. Er, den sein Parteigenosse Lieber⸗ mann liebenswürdigerweise Hans Pinsel taufte, war noch vor wenigen Monaten der Ueberzeugung, daß der 7,50 Zoll unannehm⸗ bar sei. Er muß sich wohl unter dem Einfluß des Dreschgrafen Pückler zu den maßlosen Anträgen des Bundes der Landwirte durch⸗ gemausert haben. Dabet haben in seinem Wahlkreise wenigstens neun Zehntel der Bevölkerung Schaden von den Zöllen! Nun, wenn die oberhessischen Arbeiter und Kleinbauern Brot und Fleisch nicht mehr zahlen können, malt ihnen Herr Bindewald das Fehlende.
Zum Schluß trat nochmals der Reichskanzler auf. Mit väterlichen Ermahnungen an die Junkerpartei, sich mit dem Gebotenen zufrieden zu geben, versuchte er nochmals die Ueberzöllner zu bekehren, natürlich vergeblich. Schließlich erklärte er mit ungewohnter Energie:„Die Erhöhung oder Erweiterung der Mindest⸗ sätze ist für die Regierung in jedem Stadium der Verhandlung unannehmbar.“ Laute Mißfallensäußerungen auf der Rechten begleiteten diesen Satz. Die Linke hatte natürlich keinen Anlaß, sich in den 50 Pfennigstreit einzulassen.
Bei der nun folgenden Abstim mung wurden die von der Kommission beschlossenen Sätze mit 187 gegen 152 Stimmen ange⸗ nommen, alle anderen Anträge und auch die Regierungsvorlage abgelehnt.
Nun hätte man erwarten sollen, der Reichs⸗ kanzler würde die Auflösung verkünden. Es geschah aber nichts; man hofft noch auf einen passablen Kuhhandel, obwohl für das Zustande⸗ kommen des Zolltarifs so gut wie gir keine Aussichten vorhanden sind. Aber die Parole lautet: Es wird fortgewurstelt!
Politische Rundschau.
Gießen, den 23. Oktober.
Ein Rückblick.
Am Dienstag waren es 24 Jahre, daß jenes Schandgesetz, das bestimmt war, die Sozialdemokratie zu vernichten, das Sozialisten⸗ gesetz, in Kraft trat. Was war aber der Er⸗ folg dieses für seine Urheber schimpflichen Mach⸗ werkes? Gewiß, viele unserer Parteigenossen haben schwer leiden müssen; die Existenz Hun⸗ derter ward ruiniert, Familien in Menge zu Grunde gerichtet, Mancher durch die Anansge Verfolgungen in den Tod gehetzt. Aber die Partet, unsere Bewegung? Ihr Vormarsch ist durch das skandalöse Gesetz und die brutalen Polizeiknüppel nicht im Geringsten aufgehalten worden. Weder dadurch, noch durch die„Ver⸗ nichtungs“pauken des Blechschmied⸗Bachem und anderer Zentrumshelden, noch hat die „Bekämpfung“ unserer Partei durch Ehren⸗ Stöcker und seinem Mucker⸗Anhang uns Abtrag gethan. Bei den Attentats⸗Wahlen im Jahre 1878 erhielt die Sozialdemokratie 437158 Stim⸗ men; bei der letzten Wahl, 20 Jahre später, 2¼ Millionen! Und das wir noch weitere Fortschritte machen werden, dafür bürgt schon der Landtagswahl⸗Ausfall in Oldenburg und in Schwarzburg⸗Rudolstadt. Immer Vorwärts!
Wieder ein Wahlsieg!
Die am 16. Oktober stattgefundenen Lan d⸗ tagswahlen im Fürstentum Schwarzburg⸗ Rudolstadt haben für unsere Partei ein glänzendes Ergebnis geliefert. Während bisher in dem 16 Abgeordnete zählenden Landtage nur ein einziger Sozialdemokrat vertreten war, eroberten unsere Genossen bei der diesmaligen Wahl sieben Mandate, außerdem kommen wir in drei Wahlkreisen in günstige Stichwahlen. Gesiegt hat in zwei Wahlkreisen die Freisinnige Volkspartei und nur in drei die konservative Regierungspartei. Somit kann leicht der Fall eintreten, daß dieser Landtag eine sozialdemo⸗ kratische Mehrheit erhält. Hoffentlich sind die erfreulichen Erfolge von guter Vorbedeutung für die hessischen Wahlen!
Verunglückte Bismarckehrung.
Vor Kurzem geriet der antisemitische Hypothekenverein in Hannover in Konkurs. Bei diesem Institute hatte auch die dortige Studentenschaft40 000 Mk. angelegt, die für Errichtung einer Bis marcksäule ge⸗ sammelt waren. Damit ist's nun aber vorläufig nichts, denn das Geld ist futsch und die Bis⸗ marckanbeter haben das Nachsehen. Am 18. Okt. sollte schon die Grundsteinlegung stattfinden, die nun natürlich auf lange Zeit hinausgeschoben ist. Von den antisemitischen Gründern hätte man doch erwarten sollen, daß sie etwas mehr Respekt vor den für die Ehrung ihres Heiligen bestimmten Geldern bekundet hätten. In Geld⸗ sachen hörte aber bei diesen Leuten außer der Gemütlichkeit noch manches Andere auf!
Autisemitische Wahlmogelei.
Der Bürgermeister von Wien, Lueger Führer der dortigen Christlich⸗Sozialen oder Antisemiten, was beides gleich ist, sucht mit den verwerflichsten Mitteln seine Macht hoch zu halten und er scheut nicht vor den gemeinsten Betrug zurück. Die jetzt aufgestellte Wähler⸗ liste erweist sich als zu Gunsten der Lueger⸗ artei 1 Es werden in der Liste
ähler aufgeführt, die überhaupt nicht exi⸗ stieren, auf deren Namen aber dann die Antisemiten unberechtigter Weise wählen und so die für sie abgegebene Stimmenzahl beträcht⸗ lich erhöhen. Schon nach den bis jetzt vor⸗
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