Ausgabe 
24.8.1902
 
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Seite 6.

Nitteldentsche Esuntags⸗Zeitung.

Nr. 34.

7 8 55 AUnterhaltungs-Ceil.

1

Arbeiter hymne. Von Karl Mönkeberg.

Ernste, stille Arbeit hebt

Cangsam uns empor

Su der Höh, wo Schönheit lebt, An der Sukunft Thor.

Selber klopfen wir nicht an, Doch den Enkeln spat

Wird die Pforte aufgethan,

Und dann blüht unsre Saat. Schaut! Der Arbeit Kinder Gehen frei und stolz einher, Schlank und rüstig, ernst und schön, Heine Krüppel mehr!

Horch, wie sie dankbar laut

Uns dann feiern im Choral. Wer wie wir die Sukunft schaut, Spottet heut'ger Qual!

Das Goldmacherdorf.

Eine anmutige und wahrhafte Geschichte für Schule und Haus. Von Heinrich Zschokke.

13)(Fortsetzung).

16. Wie sich die Wirtshäuser im Dorfe vermindern, und was die alten Bauern dazu sagen.

In der Küche des Adlerwirts ging es anders zu. Er kochte Sausuppen. Davon wollte keiner essen. So blieben seine Kunden weg, weil sie nicht ihr teueres Geld dafür geben wollten. Sie traten unter einander zusammen, und wollten es machen, wie die Leute bei der Müllerin. Aber es ging nicht, weil keine Ordnung war und weil einer den andern betrog. Da lachte der Adlerwirt und freute sich, daß es bei andern nicht besser ginge, als bei ihm.

Bei ihm ging es aber doch schlechter als bei andern, weil er ein hartherziger, schlechter Mann war. Er hatte viel Geld auf böse Weise zusammengescharrt; aber unrecht Gut gedeiht nicht. Wenn in der teuren Zeit Steuern und milde Gaben für die armen Leute nach Goldenthal gekommen waren, damit man Sparsuppen kochen und austeilen könne, hatte er die Gemeindsvorsteher beredet, lieber das baare Geld an die armen Leute auszu⸗ zahlen. Dann trat er mit dem Löwenwirt zusammen, und sie verkauften den armen Leuten Mehl und Brot zu ganz ungeheurem Preise. So kam das Geld alles wieder in ihren eigenen Sack zurück. Wenn Leute im Dorfe von ihrem Heu, Vieh oder liegenden Gütern aus Not etwas öffentlich an die Steigerung bringen wollten, so trat er mit dem Löwenwirt und andern Vorstehern zusammen, und sie machten Satz mit einander, um alles wohlfeil zu bekommen. Sie boten erst kleine Summen, und legten etwas zu. Dann trat einer nach dem andern zurück, und bot nicht mehr, weil es zu viel und die Waare zu schlecht sei. So sagte einer nach dem andern. Und weil man sie für die verständigsten Männer hielt, getraute sich kein anderer, mehr zu bieten. So bekamen sie die Sachen wohlfeil. Wenn aber doch ein anderer klug war und mehr bieten wollte, schreckte man ihn mit Drohworten, zumal wenn ein solcher ihnen schuldig war; und sie sagten:Hast du Geld genug für so schlechte Waare, und willst du meinen Freund über⸗ bieten: so verlange ich, du sollst mir vorher deine Schuld bezahlen.

So machte es der Adlerwirt. Aber unrecht Gut gedeiht nicht. Er war ein stolzer und zornmütiger Mann, und hatte beständig Händel und Prozesse vor Gericht. Sogar mit seinen Brüdern und Schwestern hatte er einen Rechts-

streit gehabt, weil er sie in der väterlichen Erbschaft durch Betrug und List bei der Teilung sehr verkürzt hatte. Viele Leute im Dorfe waren von ihm durch das Prozessen zu Grunde gerichtet worden.

Ueberhaupt war die Streitsucht in Golden⸗ thal eine Hauptursache von der Verarmung des Dorfes gewesen. Denn so lange die Leute noch im Wohlstand waren, wollten ste großthun; wer einen Prozeß zu führen hatte, meinte, er habe etwas Großes und Ehrenvolles, weil jedermann mit ihm davon sprach. Dann kamen arglistige Advokaten und hetzten noch mehr auf, weil sie gern durch die Dummheit und Prozeßwut der Bauern Verdienst hatten. Die prozeßlustigen Leute waren dann so sehr auf ihre Sache erpicht, daß sie tausendmal schworen, lieber alles daran zu setzen, als nach⸗ zugeben. Das gefiel den Advokaten sehr wohl. Da wurden die Prozesse durch allerlei Kunst in die Länge gezogen, Jahr ein Jahr aus; da wurde repliziert, tripliziert, appelliert und den Leuten das Geld aus dem Sack herausge⸗ führt, bis der Handel zehnmal mehr gekostet, als er wert war. Wer dann verlor, schimpfte über Parteilichkeit der Richter und sog an den Hungerpfoten. Die Advokaten aber aßen Braten.

Seit Oswald ins Dorf gekommen, hatte er viele Leute vom Prozessieren abgehalten. Denn wenn ihn einer um Rat befragte, richtete er es immer so ein, daß die Sache in der Güte ab⸗ gethan wurde. Er sprach:Einst fanden zween Hunde, die sich auf einem schmalen Steg über dem Wasser begegneten, ein Stück Fleisch auf dem Brücklein. Und ste gerieten in Streit, wem es gehöre. Ein dritter Hund, der das Fleisch auch gern gehabt hätte, kam dazu und sagte bald diesem, bald jenem ins Ohr:Gieb nicht nach. Es gehört dir von Rechtswegen allein! Also fingen die beiden an sich zu raufen und zu beißen, bis beide in der Balgerei hinab ins tiefe Wasser fielen. Dann ging der dritte gemächlich zum Fleisch und fraß es, und sah zu, wie die andern schwammen. So geht es den streitführenden Parteien in Prozessen!

Rechthaberei kostet viel Geld, und bringt Spott und Schande nach. Wer einen Prozeß anhebt, hat schon die Hälfte von dem verloren, was er gewinnen will. Boshafte Advokaten sind wie die zwei Schneiden einer Scheere; sie vereinigen sich, um das zu trennen, was man zwischen beide legt. Wenn du am Ende alles gewinnst, hast du doch mehr verloren, als dir ersetzt werden kann: Zeit und Arbeit, wohl gar an der Gesundheit Schaden genommen durch Verdruß und Aerger, Furcht, Sorge und schlaf⸗ lose Nächte.

So sprach Oswald. Der Adlerwirt aber fragte ihn nie, sondern hatte fast alle Jahre einen neuen Prozeß. Die vielen Unkosten und Geschenke an Advokaten und Schreiber, die vielen Läufe und Gänge und Reisen brachten ihn nach und nach um das Seinige. Als er nun einen Streit gegen eine benachbarte Gemeinde verlor, den er mit derselben wegen einer alten Eiche geführt hatte, von der er behauptete, sie stände auf seinem Lande und gehöre nicht der Gemeinde, so kam er in große Not. Denn die Eiche hatte ihn über tausend Gulden gekostet, und er wußte nicht, woher das Geld nehmen, weil er mehr auf Haus und Land schuldig war, als man glaubte. Und da er überall Geld aufnehmen wollte und nichts erhielt, gerieten die in Sorgen, denen er schon schuldig war. Also blieb ihm nichts übrig, als all sein Gut den Gläubigern heimzuschlagen. Er mußte Haus und Hof verkaufen. Das war die Folge seiner Prozeßsucht.

Weil er seine Felder schlecht besorgt hatte, gingen sie in mäßigen Preisen ab. Da die Leute nicht mehr häufig ins Wirtshaus gingen, weil sie weder kein Geld hatten, oder keins versaufen wollten, brachte auch die Wirtshaus⸗ gerechtigkeit nicht viel ein. Der Käufer des Hauses, als er sah, daß niemand bei ihm ein⸗ kehren und Geld verzehren wollte, stellte das Wirten ganz ein. So blieb nun der Löwen⸗ wirt noch Meister; denn die andern Wirte und Bier⸗ und Weinschenken hatten gar nichts mehr zu verdienen und die Wirtschaft schon früher aufgegeben.

Einige alte Bauern schüttelten den Kopf und sprachen:Es ist doch böse Zeit c wir sehen wohl, unser armes Dorf geht gänzli zu Grunde. Vorzeiten hatten drei Wirte und noch einige Bier⸗ und Weinschenken bei uns. vollauf zu thun; jetzt ist kaum Nahrung für einen einzigen vorhanden! Wohl ist das eine Schande für unser Goldenthal, und ein Beweis, wie schlecht es bei uns steht.

Oswald aber sprach zu ihnen und sagte: Mit nichten, ihr guten Leute! sondern nun habe ich Hoffnung, daß es bei uns bald besser gehen werde. Ich bin in der Welt umher⸗ gereiset und habe viele Dörfer gesehen. Wo die meisten Wirtshäuser waren, da habe ich immer die meiste Armut gefunden. Und wo kein Wirtshaus war, als etwa, Reisende zu beherbergen, da sah man einen gewissen Wohl⸗ stand in den Häusern. Die Wirte hangen nicht umsonst in ihre Schilde, das Bild eines Raub⸗ tieres aus, Löwen und Adler, Bären und Falken, die Tiere leben von Gut und Blut der Gemeinde. Sie hängen ein goldenes Kreuz. aus, weil sie Gold haben wollen, und den Leuten Kreuz und Kummer dafür lassen. Ste hängen einen goldenen Engel aus, aber es ist ein böser Engel, der Rekruten wirbt für das Zucht⸗ und Armenhaus und Gefängnis.

Wir haben im Dorfe nur noch ein Wirtshaus, aber nur zu viel daran. Stände es nicht da, ständen die Nachbarshäuser besser. Wer am Wirtstische die Spielkarten nicht braucht, kauft sich gute Bücher. Wer nicht bei den Zechern um teures Geld Kopfweh kauft, freut. sich daheim bei Weib und Kind unentgeltlich. Wer dem Wirt kein Geld zahlt, behält es im Sack. Es ist mehr Ehre, im eigenen Keller eine Flasche Wein, als im Wirtskeller ein ganzes Faß voll zu haben.

So redete Oswald, und die alten Bauern nickten mit dem Kopf, denn sie merkten wohl, er habe nicht unrecht. Aber der Löwenwirt wollte bersten vor Zorn, zumal, da er hörte, daß Oswald den goldenen Löwen ein Raubtter geheißen hatte. Und er würde dem Oswald gern einen Prozeß angehängt haben, wenn es möglich gewesen wäre. war klug, nahm sich in Acht und ging dem. grimmigen Löwen überall aus dem Wege und ließ denselben brüllen und schmähen.

(Fortsetzung folgt.)

Erinnerung an Liebknecht. Von A. Bebel. (Schluß des Artikels in voriger Nummer.)

Amüsanter verlief einige Tage später eine Sitzung, in der die Verträge mit den süddeut⸗ schen Staaten auf der Tagesordnung standen. Es war unter der Hand im Reichstag bekannt geworden, daß gewisse hohe Herren im Versailler Hauptquartier es fertig gebracht hatten, den König von Bayern zu bestimmen, den deutschen Fürsten den Vorschlag zu machen, den König von Preußen als deutschen Kaiser auszurufen, und daß dieser Vorschlag Annahme gefunden atte.

Es sollte nunmehr ein Brillantfeuerwerk im Reichstag inszeniert werden, um diese hochwichtige Nachricht der Welt zu verkünden. Unter der Majorität war verabredet, daß ein Mitglied der freikonservativen Fraktion eine diesbezügliche feierliche Anfrage an Herrn Delbrück, den Präsidenten des Reichskanzleramts richten solle, der dann einen Brief Bismarcks mit der patrio⸗ tischen Freudenbotschaft vortragen werde. Das Weitere sollte sich dann finden. Aber die Ko⸗ mödie verpuffte schmählich. Weder entsprach die Art der Anfrage der Feierlichkeit des Mo⸗ ments, noch wußte sich der Präsident des Reichs⸗ kanzleramts in seine Rolle zu finden. Nachdem die Anfrage ergangen war, sprang Herr Del⸗ brück, noch ehe er das Wort erhalten hatte, auf, und suchte verzweifelt in allen Taschen nach dem Bismarckschen Schreiben. Als er es endlich gefunden hatte und im trockensten. Bureaukratenton vorlas, machte der Vorgang einen so komischen Eindruck, daß das ganze Haus in sehr respektwidrige Heiterkeit ausbrach.

Aber der Schulmeister