Ausgabe 
24.8.1902
 
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90 1 100 Nr. 34. Mitteldentsche Souutags- Zeitung. Seite 7. geht ag Man kann sich vorstellen, wie diese Szene uns klage auf Versuch zum Hochverrat lieferte kein ganze Vermög'n hätt i der Kirchen vermacht, wenn der u Witte u. gaudierte. Bei der zweiten Lesung der Vorlage Material, felbst das Material für eine Anklage[ Pfarrer worden wär! Pfarrer:Traurig, seht nken hei 0 am 9. Dezember ergriff dann Liebknecht das auf Vorbereitung zum Hochverrat, ein sehr traurig!, Was wollen Sie jetzt thun? Witwe: Aung fl Wort) um den Vorgang in seiner scharf ge⸗] dehnbarer Begriff war selbst nach AnsichtJ hab' mir's überlegt! J heirat a! 25

r pfefferten Art zu glossieren: Der neue Bund des Untersuchungsrichters so dürftig wie wir(Simpl.

us e

d ein Lede sel nur eine Versicherungsgesellschaft gegen die

Demokratie... Die Krönung des neuen Kaisers wäre, um ihr eine würdige symbolische

1 dene Bedeutung zu geben, vorzunehmen dort draußen 18 luld be auf dem Gendarmenmarkt.Das ist der et u er passendste Ort für die Krönung des modernen gesehen ngen Kaisers; denn dieses Kaisertum kann in der da bab 0 That nur durch den Gendarmen aufrecht er⸗ a. lin 8 halten werden.

A And wo Diese Ausführungen gaben wieder Anlaß

17 zu zu einem neuen Sturm der Entrüstung, zu dem mien Noll. üblichen Ordnungsruf und drastischen Bemerk⸗

Mugen nicht ungen Liebknechts zur Geschäftsordnung. N d Raub⸗ Dies unser Auftreten im Reichstage wie die Bären und Haltung des von Lebknecht redigiertenVolks⸗

Gut und Alt staat hatten im Hauptquartier zu Versailles goldenes Krenz roße Entrüstung erweckt und Rachegedanken len, und den Norgerülfen. Bei der Verhaftung des Braun⸗ r laseen. Sie schweiger Ausschusses waren, trotz einer von

ber es is mir vorher an ihn gerichteten Warnung, keine

bt für das Papiere aufzuheben, alle seit Jahren einge⸗

gig. gangenen Briefe von Marx, Engels, Liebknecht, zur noch ein mir und vielen andern gefunden worden. Im ran. Stände ganzen über 2000. Diese in Verbindung mit Sdäuser besser. anderm Material, das später bekannt wurde, m nicht braucht, sollte uns den Strick zu einem Hochverrats⸗ nicht bei den prozeß drehen. Einstweilen waren wir aber ch kauft, freut noch im Reichstag und erst nach Schluß des⸗

unentgeltlich. selben konnte man wagen, uns zu verhaften. behält es im Der Schluß des Reichstags erfolgte gegen Mitte eigenen Keller Dezember. Wir kehrten nach Leipzig zurück Wirtskeller ein und beriefen sofort nach dem Leipziger Saal

in der Kreuzstraße eine öffentliche Versammlung alten Bauern des sozialdemokratischen Arbeitervereins ein, da nerkten wohl, das sächsische Ministerium wider Recht und der Wöwennit Gesetz sämtliche Volksversammlungen im Lande l. da er hörte, im voraus verboten hatte, um Bericht über

ein Raubtier unsere Thätigkeit im Reichstag zu erstatten. dem Oiwal) Der mäßig große Saal war zum Ersticken ben, wenn es efüllt, Tausende mußten umkehren. In einer Sculmeiter cke des Saales hatten sich eine Anzahl ge⸗

fangener französtscher Offiziere in Zivil postiert, um den Verhandlungen beizuwohnen. Ich erhielt zuerst das Wort. Kaum hatte ich zu sprechen begonnen, als plötzlich mitten im Saale eine panikartige Aufregung ausbrach, die sich einem großen Teil der Verscmmlung mitteilte. Ein

ging dem Wege Und * 3

5 Teil der Anwesenden drängte nach den Aus⸗ knecht. gängen, ein anderer sprang aus den Fenstern des parterre gelegenen Saales. Es stellte sich heraus, daß ein Gegner irgend ein Chemikal, zer gummer.) das einen furchtbaren Gestank verbreitete, auf

hitte ei den Boden hatte fallen lassen, was die Panik age e süddent⸗ verursachte. Bald aber trat wieder Beruhigung in an finden ein, und wir konnten unsere Reden zu Ende

dun bekannt halten. Selbstverständlich bildete die Kaiser⸗ ace Kale mache im Reichstage den Glanzpunkt der Rede n 7 5 den Liebknechts, die wahre Lachsalven und Beifalls⸗

een deulschel stürme hervorrief. s

del ging Nun ereilte uns aber die Nemests. Zwei 4 fel, Tage darauf, an einem Sonntag Vormittag, ub wurde ich unter polizeilicher Begleitung, nach⸗ dem eine Haussuchung vorausgegangen war, in einer Droschke nach der Polizeidirektion und

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ubm unden

feuerwerk. 1 5 aufer 11 von dort nach dem Gerichtsgefängnis abgeführt. dhe Dasselve Schicksal hatten, wie ich später durch den. Uater 10 den Gefangenwärter erfuhr, Liebknecht und 10 ein Aa 1 Hepner. Um unsre Verhaftung zu rechtfertigen, 1 desbes une verbreitete die Bismarckpresse, wir seien wegen Dalbrüc le Landesverrats verhaftet worden, eine Verleum⸗ 115 clue, 1 1. dung, die bei unsren Gegnern bereitwillig Glauben nl det bc fand.

2 nabe, zy Unsre Untersuchungshaft(Einzelhaft) war lber d außerordentlich streng. Erst nach mehr als ieder 055 zwei Wochen hatten wir das erste Verhör, das ale deß 1g, darin bestand, daß der Untersuchungsrichter des uc jedem von uns mitteilte, das Anklagematerial den Nute, gegen uns sei aus Braunschweig eingetroffen, n het 9 aber jetzt brauche er einige Zeit, um es zu aun en her, sichten und zu studieren. Der Mann hatte

eine Riesenarbeit, aber er bewältigte sie in erstaunlich kurzer Zeit, wie ich hinzufügen muß,

bel. aekusen auf das Gewissenhafteste. Natürlich bildeten

1 unächst unfre Briefe an den Ausschuß den iu de ge 5 der Erörterung. Von Landesverrat war selbstverständlich keine Rede, auch die An⸗

später genau erfahren haben, daß er eine Verurteilung für nicht möglich hielt. Ende Februar war die eigentliche Untersuchung zu Ende und der Untersuchungsrichter beantragte unsre Entlassung aus der Haft, welcher aber der Staatsanwalt widersprach.

Mittlerweile hatten am 3. März, dem Tage des vorläusigen Friedensschlusses, die Wahlen zum Reichstag stattgefundeu. Liebknecht unter⸗ lag in seinem Wahlkreis Lugau⸗Stollberg Geier einem Fortschrittler, ich siegte in meinem Wahlkreis Glauchau⸗Mecrane über Schulze⸗ Delitzsch, der sich zum Kandidaten der vereinigten Gegner hergegeben hatte. Schraps stellte im bald zusammengetretenen Reichstag den Antrag auf meine Freilassung. Die Verhandlung dar⸗ über sollte am 29. März Liebknechts Geburts⸗ tag sein. Da wurde plötzlich am Nachmittag des 28. März meine mit schweren Schlössern versehene Gefängnistür aufgerissen und mit ver⸗ gnügtem Gesicht ersuchte mich der Gefängnis⸗ wärter, zum Untersuchungsrichter zu kommen. Als ich auf dem Korridor um die Ecke bog, sah ich Liebknecht und Hepner vor mir stehen seit drei und ein halb Monaten zum ersten Mal und wie auf Kommando stürzten wir uns alle dret in die Arme. Die Stunde der Freilassung hatte geschlagen.

Wie das Jahr danach der Hochverratsprozeß gegen uns vor dem Leipziger Geschworenengericht folgte, wie Liebknecht und ich in demselben zu zwei Jahren Festung verurteilt wurden und welche gewaltig moralischen Wirkungen die Prozeßverhandlungen, namentlich durch die großartige Haltung Liebknechts, für die ganze Partei erlangte, ist bekannt. Nicht bekannt aber ist, daß wir am Abend des Tages unserer Verurteilung auf Einladung unsrer Rechtsan⸗ wälte zum erstenmal in unsrem Leben nach dem berühmten Auerbach⸗Keller wanderten, obgleich unsren Frauen, die nur widerwillig uns be⸗ gleiteten, das Weinen näher als das Lachen war. Die Festungshaft hat uns und hat der Partei nichts geschadet. Mir rettete sogar die erzwungene Ruhe und die gute Luft auf der Festung das Leben. Liebknecht aber benutzte die Zeit, um die Vorstudien zu einer Geschichte der französischen Revolution zu machen, für die er am Ende der Haft einen Berg Manufkripte zusammengeschrieben hatte. Leider ist er in den späteren Kämpfen und Sorgen des Tages nie dazu gekommen, dieses sein Lebenswerk das sollte es werden zu vollenden. Er entdeckte sogar eines Tages während seiner Verbannung von Leipzig in Borsdorf mit Schrecken, daß die dort vorhandenen zahlreichen Mäuse versucht hatten, dasselbe zu zernagen. Den Schaden konnte er wieder ausbessern, aber zu mehr brachte er es nicht. Freund Hein hat ihm zu früh die Feder aus der Hand genommen und ihn hinab ins Schattenreich geführt.

Splitter.

Ein Dummkopf bleibt ein Dummkopf nur Für sich, im Feld und Haus, Doch wenn du ihn zum Einfluß bringst, Wird gleich ein Schurke draus.

Grillparzer.

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* * glücklich, wer noch Vettern hat, Dem glänzet noch ein Morgenrot, Er wird, wenn nicht Geheimerat, Doch etwas noch vor seinem Tod. Wohl that's dem armen Adam weh, Daß Gott ihm nicht sein Eden ließ, Er hatte keine Vettern je, N Sonst säß' er noch im Paradies. Hoffmann v. Fallersleben.

Humoristisches.

Böse Beispiele. Witwe:Denkens S' Ihna, Hochwürden, mei einziger Sohn, den ich auf'm Pfarrer

hab' studiern lass'n, is ausg'sprungen und heirat't. Mei'

Christliche Worte. Prediger Hann in Centre⸗ ville, einem Städtchen in den Vereinigten Staaten, ist der Arbeit in seiner bisherigen Gemeinde müde, weil er mit zu viel Widerwärtigen zu kämpfen hat. Vor seiner Uebersiedelung nach einem neuen Wirkungskr ei se hält er seiner zahlreich versammelten Gemeinde noch eine kräftige Abschiedsrede, in der er wörtlich sagt:Ich will von Euch Abschied nehmen. Ich glaube nicht, daß Gott diese Kirche liebt, weil es Niemand von Euch je einfällt zu sterben. Ich glaube nicht, daß Ihr die besten Brüder seid, weil Ihr mir mein Gehalt nicht bezahlt habt. Eure Gaben bestehen hauptsächlich aus wurm⸗ stichigen Aepfeln und saueren Trauben;an ihren Früchten sollt Ihr sie erkennen, Brüder! Ich begebe mich nach einem besseren Platz, wo ich Vorbereitung zu Eurem Empfang treffen will, mir ist eine Kaplanstelle in einem Zuchthaus angeboten worden. Möge Gott mit Euren armen Seelen Mitleid haben. Lebet wohl!

Geschichtskalender.

24. August. 1898: Abrüstungsvorschlag des russischen Kaisers. 1572: Pariser Bluthochzeit(Er⸗ mordung der Protestanten) von Karl IX. in Szene gesetzt.

25. 1840: Immermann, Dichter, T. 1744: Joh. Gottfr. Herder, berühmter Schriftsteller und Gelehrter,

26. 1812: Palm, deutscher Patriot, auf Befehl Napoleon's erschossen.

27. 1813: Sieg Napoleons über die böhmische Armee bei Dresden. 1770: Hegel, Philosoph,*.

238. 1864: Duell Lassalles mit Rackowitz. 1749: W. Göthe,*.

29. 1523: Ulrich von Hutten in Ufnau⸗Zürich, F.

30. 1831: Aufruhr der Kommunalgarde in Leipzig.

(Geboren; f gestorben.)

m ˙ ⁰˙ w 22... Das Erkennen auf der Landstraße.

Auf der Straße von Laubegast nach Pillnitz trafen vor Kurzem zwei Handwerksburschen zusammen, die dann gemeinschaftlich weiter walzten. Der eine der Beiden war ein frischer, junger Bursche, der andere ein gereifter Mann. Beide fanden Gefallen aneinander, und bald befanden sie sich in lebhafter Unterhaltung. Im Verlaufe derselben wurden auch die beider⸗ seitigen Familienverhältnisse berührt, und als Beide nähere Auskunft über ihre Personen gaben, stellte sich heraus, daß sich nach langen Jahren Vater und Sohn auf der Landstraße getroffen hatten. Der Letztere hatte sich vor etwa zehn Jahren mit seinen Eltern, die da⸗ mals in Wittenberg wohnten, erzürnt und war dann in die weite Welt hinausgezogen, während der Vater durch die schlechten Erwerbsverhält⸗ nisse gezwungen war, noch einmal in seinen alten Tagen zum Wanderstabe zu greifen. Die Freude des Wiedersehens zwischen den beiden seltsamen Wanderern war eine große. Sie beschlossen, gemeinschaftlich der alten Heimat entgegenzuwalzen.

Chinakrieger und Zuhälter.

Vor der ersten Strafkammer des Land⸗ gerichts J in Berlin stand der etwa zwanzig⸗ jährige Arbeiter Hamann, der beschuldigt war, zwei Damen der Halbwelt in ihrem schmäh⸗ lichen Gewerbe unterstutzt und durch Drohungen und Schläge außerdem auch zur Ausübung des Geschäfts angehalten zu haben. Der Beschuldigte trug eine Ordensauszeichnung an der Brust. Auf die Frage des Präsidenten, woher er dieselbe habe, erklärte H., daß er sich diese in China erworben habe.Dann hätten Sie sich doch aber von solchem schamlosen Treiben besser fernhalten sollen, meinte der Vorsitzende. Die Beweisaufnahme ergab eine vollständige Bestätigung der in der Anklage behaupteten Thatsachen. Demgemäß konnte der Gerichtshof bei der Urteilsfällung nur den bekannten neuen § 181a, der die erheblichen Strafverschärfungen enthält, zur Anwendung bringen. Dieser be⸗ stimmt bei Zuhälterei unter Anwendung von Gewalt usw. eine Mindeststrafe von einem Jahre Gefängnis, auf die auch erkannt wurde. Der Angeklagte ein Sohn anständiger Eltern, brach bei Verkündigung des Erkenntnisses in Thränen aus. Er wurde wegen der Höhe der Strafe sofort in Haft genommen.

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