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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 34.
das vorige Woche in Charkow gegen den Gouverneur, Fürsten Obolenski, verübt wurde. Der Attentäter gab mehrere Schüsse auf den Fürsten ab, die diesen am Halse ver⸗ wundeten. Der Gouverneur hat sich durch be— sondere Brutalität bei der Niederwerfung der Unruhen hervorgethan.„Väterchen“ scheint sich im Uebrigen zur Milde wenden zu wollen. Durch ein Dekret sind fast sämtliche an den Februarunruhen in Moskau beteiligt gewesenen Studenten aus der Gefängnishaft in verschie⸗ denen Städten des Reiches entlassen worden. An 100 sind aus Sibirien zurückberufen, wohin sie auf 5 Jahre verbannt waren. Allen wird das Recht zugestanden, im Herbst wieder in die Universitäten einzutreten.— Ob diese auf⸗ fallende Milde vorhalten wird?
Ein russisches Schergenstück schlimmster Sorte ist die schon im vorigen Jahre erfolgte widerrechtliche Verhaftung der Botenfrau Kugel in Nimmersatt bei Memel. Erst dieser Tage erfolgte ihre Entlassung, obwohl Bebel schon vor langer Zeit im Reichstage auf diesen Fall hinwies und das Eingreifen des Reichskanzlers forderte. Mit dem Schutze der Deutschen in Rußland scheints aber nicht besonders gut bestellt zu sein.
Die Buren generale
Botha, De Wet und Delarey sind nach Europa gekommen und haben auch dem König Eduard einen Besuch abgestattet und seine Flotte bewundert. Man bemerkt nichts mehr von der tötlichen Feindschaft gegen die Engländer; die Burenführer verkehrten mit dem vielgehaßten Kitchener sehr freundschaftlich. Später besuchten sie Krüger und Stein, der schwer krank in Holland darnieder liegt.— Die Leiche Lukas Meyers, der kürzlich in Belgien einem Schlag⸗ anfalle erlag, wird nach Südafrika befördert.
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von Nah und gern.
Hessisches.
Hessische Handwerkskammer. Am Montag trat in Darmstadt die hess. Handwerks⸗ kammer zu einer Sitzung zusammen. Es waren 34 Kammermitglieder und 11 Mitglieder des Gesellenausschusses anwesend. 16 Punkte standen auf der Tagesordnung, die ziemlich schnell er— ledigt wurden. Von dem Gesellenausschuß waren folgende Anträge gestellt worden:
„Bei Errichtung von Fortbildungsschulen soll darauf gesehen werden, daß dem Fachzeichnen und Fachunterricht mehr wie seither Aufmerksamkeit geschenkt wird.“
„Zu Submissionen sind nur solche Firmen zuzulassen, welche die in den betreffenden Branchen geltenden, auf Grund freier Vereinbarung mit den gewerkschaftlichen Vereinigungen abgeschlossenen Verträge über Lohn⸗ und Arbeitsbedingungen anerkennen und innehalten.“
„Bei Submissionslieferungen kann eine Aufhebung des Lieferungvertrages, resp. Verlängerung der Liefer⸗ ungsfristen aus Anlaß einer Arbeitseinstellung oder Aussperrung in keinem Falle stattfinden.“
Die Anträge kamen aber nicht zur Abstim⸗ mung; da es sich nur um Stellungnahme zu der Submissionsfrage auf dem deutschen Hand⸗ werkertage handelte und nicht darum, in dieser Sache Beschlüsse zu fassen. Der Jahresbericht der Handwerkskammer lag für die Zeit vom 25. Mai 1900 bis 31. März d. J. in einer umfangreichen Broschüre vor, aus der zu ersehen, daß der Haushaltungsplan für 1901/02 in Einnahmen und Ausgaben mit 15 170,20 Mk. balanziert, der dann auch gut geheißen wurde. Annahme fand auch der Voranschlag für 1903/04, der mit 23 320 Mk. Einnahme und Ausgabe aufgestellt wurde. Mit der festen Aufstellung von Beauftragten zur Beaufsichtigung des Lehrlingswesen soll noch gewartet werden. Die Polizeibehörden sollen vorerst genau kon⸗ trollieren, ob die Bestimmungen betr. Haltens von Lehrlingen innegehalten werden. Der Gesellenausschuß hatte beantragt, daß die Be⸗ auftragten je zur Hälfte aus Meistern und Gesellen ernannt werden sollen. Die übrigen Beschlüsse sind weniger von Wichtigkeit.
Gießener Angelegenheiten.
— Gewerkschaftsversammlung. Diesen
Samstag, den 28. August, findet im Lokale O rbig
eine allgemeine Gewerkschaftsversammlung statt, in welcher Genosse Ehrler aus Frankfurt über den Gewerkschaftskongreß in Stuttgart Bericht erstatten wird. Pflicht aller Gewerkschaftsmitglieder ist es, in der Ver⸗ sammlung zu erscheinen und auch ihre Freunde und Mitarbeiter zum Besuche derselben anzuregen. Die auf diesen Tag fallenden regelmäßigen Versammlungen der Holz⸗ und Metallarbeiter, Brauer ꝛc. fallen natürlich aus.
— Lasallefeier. Die Wetzlarer Parteigenossen halten Sonntag, den 31. August, im Saale„Zum schwarzen Walfisch“ in Gleiberg ihre Lassalle⸗Feier ab. Diese besteht in Vorträgen über das Leben und Wirken Lassalles, und unserer übrigen großen Vorkämpfer Marx, Engels, Liebknecht. Dazu werden voraus⸗ sichtlich die Genossen Krumm und Vetters⸗Gießen sprechen. Die Parteigenossen von Gießen, Heuchel⸗ heim und Lollar werden ersucht, sich an der Veran⸗ staltung recht zahlreich zu beteiligen. Der Gesangverein „Eintracht“ wird ebenfalls am Platze sein und die Feier durch Gesangsvorträge unterstützen. Außerdem sollen noch andere Vorträge und Deklamationen die Feier verschönern.
— Die Sammlung für die Opfer der Primus⸗ Katastrophe in Hamburg, die von dem hiesigen Gewerk⸗ schaftskartell veranstaltet wurde, ergab die hübsche Summe von 74,65 Mark, die vom Vertrauensmann an die Sammelstelle des„Hamburger Echo“ abgesandt wurden. Der Vertrauensmann legte uns den Postschein darüber vor, weil sich der Braumeister Oertel in der Brauerei Denninghof eine recht ungehörige Bemerkung erlaubte. Als ihm nämlich eine Sammelliste vorgelegt wurde, lehnte er eine Gabe mit der Bemerkung ab:„Ach was, man weiß nicht, wo das Geld hinkommt.“ Nun ist ja niemand gezwungen, etwas zu geben; aber eine solche die Arbeiter verdächtigende, durch nichts begründete Be⸗ merkung ist nicht am Platze und muß entschieden zurück⸗ gewiesen werden.
— Recht angenehme Stunden waren es, welche die hiesigen Parteigenossen im Verein mit den Mitgliedern der Marburger„Eintracht“ verlebten, die uns vergangenen Sonntag besuchten. Von hier aus wurde nachmittags der Windhof und Heuchelheim besucht und sehr rasch verging die Zeit unter fröhlichem Gesange. Offenbar gefiel es auch den Marburgern recht gut, denn der größte Teil benutzte erst den Nachtzug zur Heimfahrt.
— Berichtigung. In der letzten Nr. unseres Blattes waren bedauerlicherweise einige Druckfehler stehen geblieben. Einer besonders könnte zu Mißver⸗ ständnissen führen. Im Artikel von den Arbeitergroschen heißt es, die indirekten Steuern betragen das vierfache der direkten. Es muß natürlich das vielfache heißen.
— Zur Vergebung städtischer Ar⸗ beiten schreibt man uns: Ein peinliches Vor⸗ kommnis gelegentlich einer städtischen Sub mission wird gegenwärtig in Handwerkerkreisen viel besprochen. Es handelt sich um den Neuverputz des hiesigen Realgymnasiums, der vorschrifts⸗ mäßig im Submissionswege ausgeschrieben wurde. Als die Offerten geöffnet wurden, ergab es sich, daß Weißbindermeister Launspach der Min⸗ destfordernde war, als Zweiter kam L. Petri II., der zirka 400 Mk. mehr forderte. Launspach ist als solider Geschäftsmann bekannt, hat auch schon für verschiedene Behörden Arbeiten zur vollsten Zufriedenheit ausgeführt, es hätte ihm demnach der Zuschlag erteilt werden müssen. Aber der Mensch denkt und— die städtische Bau⸗ kommission lenkt. Diese übertrug die Arbeit ihrem Mitgliede, dem Stadtverordneten L. Petri II, obwohl er 400 Mk. teurer als der andere Sub⸗ mittent war. Es mag dahingestellt bleiben, ob Petri in der Sitzung, in der dieser Gegenstand zur Beratung stand, anwesend war; immerhin muß die Frage aufgeworfen werden, ob es zweckmäßig ist, einen Geschäftsmann, der Jahr aus Jahr ein städtische Arbeiten ausführt, in eine Kommission zu wählen, wo er über seine eigenen Offerten mit beschließt. Herr Launspach hat bei der Stadtverwaltung erfolglos über die Gründe für dieses sonderbare Verfahren um Auskunft gebeten, es wäre daher Sache der Stadtverordneten-Versammlung, sich diesen Fall einmal genauer zu betrachten, zumal bei einer Kohlen⸗Submission ähnliches vorgekommen sein soll. Endlich ist's auch Sache der Bürger, bei den Stadtverordnetenwahlen darauf zu sehen, daß Männer gewählt werdeu, die nicht als Lieferanten für die Stadt in Frage kommen 1 somit kein persönliches Interesse am Mandat
aAben.
e Eigentümliche Praktiken verfolgt ein städtischer Bauführer den Arbeitern gegen⸗ über. Dieser Herr, der die Kanalisationsarbeiten am Siechenhaus leitet— sein Name ist uns
entfallen— findet es nicht für ungehörig, die Arbeiter an freiwilliger Arbeit zu hindern, eine Handlung, die nach dem seligen Zuchthausgesetz⸗ Entwurf mit Zuchthausstrafe bedroht war. Dis Arbeiten am Siechenhause führt die Firma Birkenstock und Schneider aus, die ihren Erd⸗ arbeitern für die anstrengende Arbeit den horrenden Tagelohn von 2,30 bis 2,50 Mk. bezahlt. Einem Teile der Arbeiter war das vielleicht zu viel — sie fürchteten wohl, dabei allzu schnell Mil⸗ lionäre zu werden— und sie stellten deshalb die Arbeit ein. Darob geriet der Herr Bau⸗ führer in heiligen Zorn und schwur, dafür zu sorgen, daß die armen Teufel bei der andern an der Kanalisation beteiligten Firma(Rumpf und Jäger⸗Hanau), die anständigere Löhne zahlt, keine Arbeit erhalten sollten. Und richtig, als Arbeiter dort nachfragten, wurden sie abgewiesen. Mit welchem Rechte, fragen wir, mischt sich der Bauführer in die Arbeits verhältnisse der Leute in dieser Weise ein? Was geht es ihn an, wenn die Arbeiter ihre Lage verbessern wollen, wenn sie nicht für Hungerlöhne arbeiten wollen? Hoffentlich weist die Stadtverordnetenversamm⸗ 8 anmaßenden Herrn in seine Schranken zurück.
Aus dem Rreise Friedberg⸗Püdingen.
* Eine Blutthat in Friedberg. Am Sonntag früh wurde die Frau des Schuh⸗ machermeisters Deutsch von einem früheren Gesellen desselben überfallen und mit einem Messer fürchterlich zugerichtet. Ebenso ver⸗ wundete der Angreifer den seiner Frau zur Hilfe eilenden Deutsch sehr schwer. Die Frau wurde in die Gießener Klinik überführt, wo sie schwer darniederliegt, der Mann wird zu Hause verpflegt. Der Thäter, namens Tieger aus Galizien, soll aus Wut über versagte Arbeit den blutigen Angriff unternommen haben. Er wurde in das Gießener Gerichtsgefängnis überführt.
Aus dem Rreise Weßtlar.
* Kreiskonferenz. Für den Wahlkreis Wetzlar fand am Sonntag in Gießen eine Konferenz statt, die zahlreich besucht war und recht anregend verlief. Hauptgegenstand der Erörterungen bildete natürlich die nächstjährige Reichstagswahl, die Parteiverhältnisse im Kreise und die Kandidatenfrage. Die Beratung darüber leitete ein Referat des Genossen Vetters⸗ Gießen ein, der zunächst die allgemeine politische Situation beleuchtete, die für uns nicht ungünstig sei, besonders wenn, wie kaum zweifelhaft sei, die Wahlparole laute: Für oder gegen die Lebensmittelverteuerung! Die Bevölkerung im Kreise gehöre zumeist der arbeitenden Klasse an; Kleinbauern und Lohnarbeiter hätten das höchste Interesse daran, daß die notwendigsten Lebensmittel nicht noch künstlich verteuert würden, noch dazu bei den fortwährenden Lohndrückereien! — Wäre es möglich, diesen Kreis gründlich zu bearbeiten, so müßte er uns zufallen. Unsere Stimmenzahl sei im Verhältnis zu der gegne⸗ rischen zwar noch nicht hoch, bei nachhaltiger Agitations⸗Arbeit sei es uns aber möglich, in die Stichwahl zu kommen. An der Debatte beteiligen sich die Genossen Euler, Fauth, Pfaff, Storck, u. andere, welche das Referat 3. T. ergänzen, vorwiegend aber die Kandidaten⸗ frage erörtern. Ein in dieser Beziehung gemachter Vorschlag findet Zustimmung, doch soll, weil einige Parteiorte nicht vertreten sind, darüber erst in der nächsten Konferenz entgültig abge⸗ stimmt werden. Das Mandat zum Parteitage wird dem Gießener Delegierten mit übertragen und beschlossen, zu den Kosten Mk. 25.— beizusteuern. Beschlossen wird ferner, am 31. August in Gleiberg eine Lassalle⸗Feier abzuhalten und hierzu die Genossen von Gießen und Umgegend einzuladen.(Siehe unter Gieß. Angel.). Der Brief eines Anti⸗Alkoho⸗ listen, der zum Beitritt in seinen Verein (Guttempler) auffordert, wird dem Vertrauens⸗ mann zur Beantwortung überwiesen.
s. Gewerbe⸗Gerichtswahl. Bei der am Dienstag stattgefundenen Ersatzwahl zum Gewerbe⸗Gericht wurden Schreiner Biek und Handschuhmacher Beck als Arbeitnehmerbeisitzer gewählt. Auch auf der Arbeitgeber Seite erhielten die von unsern Genossen aufgestellten
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