Ausgabe 
23.3.1902
 
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Seite 6.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 12.

Annahme, worin einer Erhöhung der Zölle auf alle Erzeugnisse der Landwirtschaft und In⸗ dustrie zugestimmt wird. Je mehr, desto lieber!

Im benachbarten Dorfe Reddehau⸗ sen wurde kürzlich bei der Wahl zu der Ge⸗ meindevertretung auch ein Partei⸗Genosse mit großer Stimmenmehrheit als Vertreter in die⸗ selbe gewählt. Es ist dies ein Beweis dafür, daß durch etwas Rührigkeit unserer Parteige⸗ nossen auch an anderen Orten dasselbe Resultat erzielt werden kann. Besonders ist dies in den nahegelegenen Ortschaften mit starker Arbeiter⸗ bevölkerung möglich und werden wir es uns angelegen sein lassen, in diesem Sinne dem⸗ nächst die nötige Agitation zu entfalten.

Die Genossen des Wahlkreises Offenbach

hielten am Sonntag in Jügesheim ihre Kreiskonfe⸗ renz ab. Wichtige Beschlüsse wurden nach Erledigung des Rechenschaftsberichtes und in der Wahlen in Bezug auf die Presse gefaßt. Zunächst beschloß man die Ansammlung eines Preßfonds, zu dem jedes Mitglied jährlich 2 Mk, beitragen soll. Dann gelangte folgender Antrag zur Annahme:

Die Parteigenossen übernehmen an dem von der nächsten Frühjahrs⸗Kreiskonferenz festzusetzenden Termin den Verlag desOffenbacher Abendblattes in Partei⸗ regie und übertragen den Druck desselben unter noch zu vereinbarenden Bedingungen für die Dauer von 10 Jahren dem Genossen Ulrich mit der Maßgabe, daß die Parteigenossen für den Fall, daß sie innerhalb 10 Jahren eine anderweite Herstellung des Blattes durchzuführen be⸗ absichtigen sollten, die Druckerei des Genossen Ulrich käuflich erwerben zu einem zu vereinbarenden Preis, über dessen Höhe nötigenfalls ein Schiedsrichter aus partei⸗ genössischen Fachmännerkreisen zu entscheiden hat.

Nach einem Referat des Genossen Ulrich über die nächste Landtagswahl wurde ein Central⸗Wahlkomitee für den Stadtkreis Offenbach und den 16. Landtags⸗ Wahlkreis gewählt, das sich aus den Genossen Heilmann, Orb und Zahn zusammensetzt. Als Ort der nächsten Kreiskonferenz wurde Bürgel gewählt.

Derfliegende Gerichtsstand der Presse

soll beseitigt werden. Der Reichskanzler hat dem Bundesrat eine Abänderung des§ 7 der Strafprozeßordnung vorgelegt, wonach Preß⸗ vergehen bei Erzeugnissen der periodischen Presse dort, wo die Druckschrift erscheint, ver⸗ folgt werden sollen. Nur im Wege der Privat⸗ klage soll die Verfolgung auch am Wohnorte des Verletzten, doch nicht an dritten Orten, geladen können. Der fliegende Gerichtsstand er Presse dürfte damit, so erklärt die offtziöse Presse als beseitigt gelten.

Eine Versuchung des heiligen Antonius.

Eine artige Dorfgeschichte aus Flandern erzählt der BrüsselerPeuple. In einem Dorfe unweit von Gent schloß unlängst der Pfarrer seine Predigt mit folgenden Worten: Am Eingange der Kirche findet ihr zwei Büchsen.In die erste werdet Ihr Euren Pfennig einwerfen. In die zweite laßt einen Zettel fallen, auf dem die Bitte steht, deren Erfüllung Ihr vom heiligen Antonius von Padua ersehnt. Kein Zweifel, er wird Euch erhören. Als sich die Gläubigen verzogen hatten, öffnete Hochwürden erwartungsvoll die beiden Büchsen. Die erste war gefüllt mit Kupfer und Nickelmünzen, was bewirkte, daß sich das Antlitz des Gesalbten des Herrn in einem wohlgefälligen Lächeln verbreiterte. Doch was fand er in der zweiten Büchse? Zwei⸗ hundert Zettel mit dem Texte:Wißj eischen algemeen slemrecht.(Wir wünschen das all⸗ gemeine Stimmrecht.) Das Gesicht des Pfarrers soll sich wieder gehörig in Länge gezog en haben. Was aber wird der heilige Antonius machen? Wird er sich der naiven Landleute erbarmen und sich am Ende mit derchristlichen Demo⸗ kratie einlassen, die von Rom eben gemaß⸗ regelt worden ist? Das Dilemma ist arg. Den Bauern die Erfüllung einer frommen Bitte schuldig bleiben, geht nicht gut an, aber auch ein Heiliger mag sich nicht so leicht entschließen, den Zorn des Herrn Woeste oder am Ende gar auch des Kardinals Rampolla auf sich zu laden.

Den Reichstag

schäftigte vor den Ferien noch die dritte Lesung des Etats.

Beim Marineetat kritisterte Genosse Südekum die Bestimmung, daß im Konstrukttonsbureau der kaiser⸗ lichen Marine die Schiffbauführer das Reservelteutenant⸗ patent haben müßten. Der Vertreter der Marinever⸗ waltung bestätigte die Thatsache. Für das Ueberwuchern des Reservelieutenantwesens ist es in der That charak⸗ teristisch, daß gute Schiffskonstrukteure deshalb nicht be⸗ schäftigt werden, weil sie das L. d. R. nicht auf ihren Visitenkarten stehen haben. Ferner wies unser Genosse auf die Proskriptionslisten dor Kieler Werft hin, in denen die Arbeiter, die zur Entlassung kommen sollen, mit Titeln wie Aufwiegler, faul, frech, niederträchtig usw. belegt werden. Ein Marinerat suchte die Proskriptions⸗ listen in ein harmloseres Licht zu stellen.

Beim Iustizetat erklärte Staatssekretär Nieber⸗ ding am Donnerstag, daß nach Ostern die Vorlage auf Beseitigung des fliegenden Gerichtsstandes der Presse vorgelegt werden soll. Ungewiß ist dagegen noch, wann die Vorlage zur Sicherung der Bauforderungen der Ban⸗ handwerker im Ministerium fertig werden wird. Beim Etat des Reichseisenbahnamtes wurde über die süddeutsche Eisenbahngemeinschaft und den sächsisch⸗preußischen Eisen⸗ bahnkrieg verhandelt. Genosse Sing er sprach die Hoff⸗ nung aus, daß der Zwang der Verhältnisse zur einheit⸗ lichen Reichseisenbahn führen würde und erklärte die projektierten Parzelleneisenbahngenossenschaften für ein Hindernis auf dem Wege zu dieser Forderung.

Ein Antrag der Freisinnigen zum Postetat, die Vermehrung der Postassistentenstellen um 1000 wurde zu⸗ rückgezogen, nachdem die Staatssekretäre Krätke und Thiel⸗ mann die Antragsteller in Rücksicht auf die Finanzlage gebeten hatten, von dieser Forderung abzustehen.

Singer forderte dann von der Reichspost mit Rück⸗ sicht auf die Arbeitslosigkeit eine Beschleunigung der projektierten Bauten und kritisierte dann die Sammlungen, die unter den Postbeamten in Posen von den Vorge⸗ setzten für ein Bismarckdenkmal angeregt sind. Unter dem Deckmantel der Freiwilligkeit werde hier ein Zwang ausgeübt. Schließlich trat unser Redner dafür ein, daß den Verkäuferinnen von Postwertzeichen in den Vor⸗ räumen der Schalter die freien Sonntage mitbezahlt werden sollen. Herr Krätke gab eine sehr entgegenkom⸗ mende Erklärung ab. Er habe angeordnet, daß die Bauten fortgesetzt werden sollten und billige die er⸗ zwungenen Sammlungen nicht. Auch für die Verkäufer⸗ rinnen soll besser gesorgt werden.

Nach Erledigung des Etats der Zölle und Verbrauchs- steuern wurde zur Abstimmung über den Gesamtetat geschritten, den unsere Genossen, wie immer prinzipiell ablehnten.

Dann vertagte sich das Haus bis zum 15. April.

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b Unterhaltungs-Ceil. 1

Aů

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Tradition und Fortsehritt.

Finster, starr und stumm und träge Schritt einst auf dem Schienenwege Sacht ein Esel sonder Eile;

Daß per Stunde eine Meile Ja nicht mehr zurück er lege.

Also mußt' ihn bald erreichen, Schnaubend aus den glüh'nden Weichen, Bauchgekrönt das wilde Dampfroß, Das in blinder Eil' dahinschoß,

Stolz des Fortschritts Siegeszeichen.

Platz! befahl das Ungeheuer, Platz gemacht! Sonst zahlst du teuer Deinen stumpfen ESigensinn! Doch der Esel schritt dahin,

Bietend Trotz dem Ungeheuer.

Rennst du mich? Ich hab' gerufen, Du bist hierher nicht berufen! Schnaubt der eiserne Koloß;

Doch das Vieh, das dies verdroß, Schlug um sich mit seinen Hufen.

In demselben Augenblicke Büßt's, zermalmet, seine Tücke. Also geht's, wenn wider Fug, Tradition den Fortschrittsflug Nemmen will mit Eselstücke.

Aus dem Spanischen übersetzt von M. Luggin.

Das böse Terno. Humoreske von Friedrich Meinhold. (Schluß.)

Sechs Monate waren etwa vergangen, da verbreitete sich in der Stadt das Gerücht, Herr Kerselt sei aus Scherdau verschwunden. Das Gerücht fand bald seine volle Bestätigung, Kerselt hatte sich einen Auslandspaß ausstellen lassen und war nach der etwa zwei Stunden entfernten österreichischen Stadt Gablenz ge⸗ zogen, wo einer seiner Söhne einen Pferde⸗ handel betrieb. Man erzählte sich, Kerselt habe dreimal hintereinander in Wien, Graz und Triest je ein Extra⸗Terno zu 10 Gulden ge⸗ macht.(Die österreichische Lottokasse zahlte in solchen Fällen das 500 fache des Einsatzes aus.) Mit diesem Riesengeld set nun der glückliche Ge⸗ winner losgezogen und habe seineblaue Katherine hilflos im Stich gelassen.

Der Amtsrichter Weber wandelte eines prächtigen Frühjahrs⸗Vormittags in sein Stamm⸗ lokal, um den üblichen Morgentrunk zu thun. Unterwegs blieb er hin und wieder stehen, wenn er ein besonderes schönes Gespann einhertraben sah und betrachtete mit Kennerblick die schönen glänzenden Pferde. Das war so seine Passton, er war einPferdejokel, wie die Lausitzer meinten. Als er endlich seinen Stammsitz wieder okkupiert hatte, bemerkte er erst, daß rechts von ihm ein Gast saß. Er warf einen prüfenden Blick über die Brille: ein alter Herr, glatt rasstert und elegant gekleidet, einen mächtigen Diamantring am kleinen Finger.... hm, vielleicht der Chef einer Großstadt⸗Firma, der mal seine Kunden besuchte. Und da die Kauf⸗ mannschaft in der Stadt die erste Rolle spielte .. man konnte nicht wissen..... also weshalb unhöflich sein? Er xäusperte sich, machte eine kurze Verbeugung:

Amtsrichter Weber.

Ameisenmeier Kerselt, erhob sich sein Nach⸗ bar und verbeugte sich gleichfalls. Der Amts⸗ richter fuhr vollends herum und starrte sprach los in das glattrasterte Gesicht. 8

Ja, ja, Herr Amtsrichter, begann sein Nachbar wieder. lange. Ich wohne jetzt drüben, er deutete mit⸗ dem Daumen über die Achsel,wissen Sie, die ewigen Scherereien hier.... Na, nichts für ungut, Geschäft ist Geschäft..... Aber jetzt mal eine Frage: sind Sie noch immer Pferde⸗ liebhaber? Ja? Das ist schön, da müssen Sie mal meine Ungarn sehen... 5

Ehe noch der Amtsrichter recht wußte, wie ihm geschah, hatte ihn Kerselt untergefaßt und durch die hintere Gaststube nach dem Hofe geführt.

Johann, die Gäule vorführen! befahl er

dem Hausdiener. Und der brachte aus dem Stall ein paar Tiere: pechschwarz, ordentlich leuchtend, je einen viereckigen, kleinen, weißen Sterne auf der Brust, und eine Bauart .Ah, machte der Amtsrichter. Kerselt machte ihn aufmerksam auf die zarten und doch ehernen Fesseln, auf die stolze Haltung der Schweife, auf die prachtvolle Mähne, die Augen, die Geschmeidig keit und das Feuer! Der Amtsrichter tätschelte bald dem einen, bald dem anderen Pferde auf den schlanken Hals, er besah die Elfenbein⸗ zähne, näherte sein Gesicht den zitternden Nüstern

Laufen, Herr Amtsrichter, laufen thun die Kerle ein Staat, sage ich Ihnen! So läuft in der ganzen Stadt kein Pferd. Fahren Sie mit, in einer Stunde sind wir drüben, Nach⸗ mittags lasse ich Sie wieder zurückfahren.

Der Amtsrichter kämpfte einen schweren Kampf, diese herrlichen Pferde, er hatte solche wahrhaftig noch nicht gesehen. Aber Kerselt machte der Unentschlossenheit ein Ende.

Johann, rief er,in zehn Minuten wird losgefahren.

Wirklich saß der Amtsrichter bald darauf in dem eleganten Jagdwagen, Kerselt erkletterte den Bock, ein scharfes Zungenschnalzen, und vorwärts stürmte das feurige Gespann. War das eine Fahrt! Der Amtsrichter war gan Auge, aber etwas anderes als die. 7 sa er nicht. Erst als es einige derbe Stöße gab und Kerselt die Zügel anzog, merkte er, daß

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