Ausgabe 
23.3.1902
 
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Seite 4.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

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Nr. 12.

Von Nah und Fern.

Hessisches.

Die Wohnungsfürsorge für Minder⸗ bemittelte betrifft eine von der hessischen Regierung der Zweiten Kammer zugegangene Vorlage. In dem 14 Artikel umfassenden Entwurf heißt es im Artikel 1, daß solche Häuser als zu Wohnungen für Minderbe⸗ mittelte gelten, bei welchen nach ihrer Raum⸗ einteilung die Abgabe von Wohnungen mit nicht mehr wie drei Zimmern nebst Küche und Zubehör als Regel vorgesehen ist. Artikel 2 besagt, daß ein Darlehen, welches von einer Gemeinde bei der Landeskreditkasse zur Förderung des Baues von Wohnungen der Artikel 1 be⸗ zeichneten Art auf Grund des Gesetzes die Landeskreditkasse betr. aufgenommen werden

soll, bis zum vollen Betrag der Kosten für den

Erwerb des Baugeländes sowie für die Bau⸗ ausführung gewährt werden kann.

Für bedürftige Gemeinden soll nach Artikel 3 ausnahmsweise der Zinsfuß der zu gewähren⸗ den Darlehen, welche innerhalb der ersten zehn Jahre nach dem Inkrafttreten dieses Gesetzes aufgenommen werden, bis auf ein Halb vom Hundert unter den sich nach den Vorschriften über die Landeskreditkasse berechnenden Zins⸗ fuß ermäßigt werden. Der hiernach sich ergebene Fehlbetrag an Zinsen soll als staatlicher Zu⸗ schuß zur Förderung des Wohnungswesens alljährlich im Hauptvoranschlag besonders vor⸗ gesehen werden. Artikel 12 ermächtigt das Miuisterium des Innern, für das Gebiet des Großherzogtums eine dem genannten Ministerium unterstehende Landes-Wohnungs⸗Inspek⸗ tion zu bilden, welche die Aufgabe hat, im

Zusammenwirken mit den staatlichen und kom⸗

munalen Behörden die Wohnungsverhältnisse der minderbemittelten Volksklassen in gesund⸗ heitlicher und sittlicher Hinsicht festzustellen und in Gemeinschaft mit dem hessischen Central⸗ verein für Errichtung billiger Wohnungen, sowie mit den gemeinnützigen Bauvereinen des Landes auf Beseitigung der sich ergebenden Mißstände hinzuwirken.

Die Erhöhung der Vermögenssteuer ist vorige Woche von der Zweiten Kammer be⸗ schlossen worden. Und zwar gelangte die Regierungsvorlage zur Annahme, nach welcher die Steuer für Vermögen unter 15 000 Mk. von 55 Pfg. auf 75 Pfg für je 1000 Mk. erhöht wird. Abg. Jöckel hatte beantragt, nur 60 Pfg, pr. Tausend Mk. festzusetzen.

Abg. Dr. David bemerkte, man hätte schon bei der Steuerreform den Antrag der Sozialdemokraten annehmen sollen, der einen Satz von 1 Mark pro Tausend annahm, was aber nur eine höhere Belastung für die großen Vermögen gewesen wäre, während er sich bei dem Abzug der Schulden und bei der Degression bis zu 55 Pfg. als eine Entlastung für die kleinen darstellte. Da nun eine höhere Steuer absolut notwendig sei, so müsse die Entscheidung so getroffen werden, daß diese Belastung dann auf die leistungsfähigeren Schultern gelegt wird, die früher entlastet worden sind, und daß man die kleinen Ein⸗ kommen, die damals nicht entlastet worden sind, nun bei dieser Gelegenheit nicht noch mehr be⸗ lastet. Seine Freunde müßten deshalb den Minoritätsantrag(Antrag Jöckel) ablehnen, auch der Majoritätsantrag sage ihnen nicht zu, sie würden aber für den letzteren stimmen, weil er das kleinere Uebel ist. Der Majoritäts⸗ antrag wurde dann mit allen gegen 5 Stimmen angenommen.

Gießener Angelegenheiten.

.Die Märzfe ier der Gießener Genossen, die am Sonntag im Lokale Orbig veranstaltet war, erfreute sich eines recht zahlreichen Be⸗ suches. Der GesangvereinEintracht leitete die Feier durch Liedervorträge ein, worauf Genosse Krumm die Gedenkrede hielt, in wel⸗ cher er in großen Zügen die Ursachen, den Ver⸗ lauf und die Folgen der Erhebung von 1848 erörterte. Seine Ausführungen wurden sehr beifällig aufgenommen. Nach der Rede folgten weitere Vorträge volkstümlicher Lieder durch

den Gesangverein. Auch hier in Gießen sind es natürlich nur die Arbeiter, welche der Frei⸗ heitskämpfer gedenken. Keine Seele aus dem Bürgertum erinnert sich der Männer, ohne deren Mut und Thatkraft es noch nicht die ge⸗ ringfügigen Rechte und Freiheiten besitzen würde, deren es sich heute erfreut.

Strafantrag gegen Löber. Der Bürg ermeister teilte in der Stadtverordneten Versammlung am Donnerstag mit, daß die Staatsanwaltschaft gegen den Stadtverordneten Löber wegen der dem Bürgermeister entgegen⸗ geschleuderten Beleidigungen das Strafverfahren eingeleitet habe. In derselben Sitzung wurde beschlossen, das gesamte Polizei wesen unter die städtische Verwaltung zu stellen.

Sanitätsverein und Sterbekasse. Diesen Samstag findet eine Oeffentliche Ver⸗ sammlung im Cafe Leib statt, in welcher Stadtverordneter Krumm über das hiesige Leichenbestattungswesen sprechen wird. Ferner wird die Verfügung des Gießener Volksbades, die Entziehung der Vergünstigungen für Kran⸗ kenkassen⸗Mitglieder erörtert werden. Das sind so wichtige Angelegenheiten, daß zahlreicher Be⸗ such der Versammlung notwendig ist.

Unsere Freunde und Leser

bitten wir, zum Beginn des neuen Quar⸗ tals nicht nur das Abonnement der Mittel⸗ deutschen Sonntagszeitung rechtzeitig zu er⸗ neuern, sondern auch für Werbung neuer Leser thätig zu sein. Auch unsere Post⸗Abonnenten wollen rechtzeitig die Bestellung bewirken.

Arbeiter, Parteigenossen! In mehreren Artikeln der heutigen und der letzten Nummer ist schon darauf hingewiesen, daß der Wahlter⸗ min der Reichstagswahlen nicht mehr allzu⸗ fern ist. Da tritt an jeden Minderbemittelten die Aufgabe heran, seinerseits dafür zu sorgen, daß die Interessen seiner Klasse, der wirtschaft⸗ lich Schwachen, der Handwerker, Arbeiter, Klein⸗ bauern und unteren Beamten gewahrt werden, daß die gegenwärtige Politik der Ausbeutung der Volksmasse zu Gunsten der Kapitalisten⸗ klasse unmöglich gemacht wird. Die Gegner werden mit allen Kräften für die Weiterführung der volksverderblichen Wucherpolitik eintreten.

Darum gilt es für Aufklärung zu sorgen! Dazu kann jeder beitragen, indem er für Wei⸗ terverbeitung der soztaldemokratischen Presse sorgt! In jeder Arbeiterfamilie soll und muß eine Arbeiterzeitung gelesen werden und das ist hier die Mittel deutsche Sonntagszei⸗ tung. Kein Arbeiter darf die arbeiterfeind⸗ liche Presse unterstützen, mag sie nun im mucke⸗ rischen,unparteiischen oder judenfesserischen Gewande erscheinen!

Wie bisher kostet die Mitteldentsche Sonn⸗ tagszeitung nur

25 Pfeunig den Monat.

Aus dem Rreise gießen.

r. Aus Watzenborn⸗Steinberg schreibt man uns: Ein merkwürdiger Ausgabe⸗Posten findet sich in dem Voranschlag des Haushalts unserer Gemeinde für 1902/03. Da finden sich nämlich 11,43 Mk. verzeichnet alsOstereier⸗ geld für den Pfarrer. Vermutlich wird der Betrag auf Grund einer alten Sitte heute noch bezahlt; wir meinen aber denn doch, daß mit solchen Gepflogenheiten von anno dazumal end⸗ lich aufgeräumt werden sollte. Bei einem Ein⸗ kommen von ca. 4000 Mk., über das der Herr Pfarrer verfügt, kann wohl auf Extraspenden verzichtet werden. Außerdem besteht hier die Sitte, daß jedes zu Ostern aus der Schule ent⸗ lassene Kind dem Pfarrer eine Anzahl Eier spendet. Wie oft wären solche in mancher ar⸗ men Familie zur besseren Ernährung der Kinder notwendig! Hoffentlich wird diese alte, nicht be⸗ sonders gute Sitte endlich beseitigt.

Einenpatriotischen Vortrag hielt am Sonntag im Faber'schen Lokale ein Lehrer Will aus Nidda. Er gab sich redliche Mühe den Kriegervereinlern und sonstigen Zu⸗ 25 das nötige Quantum Patriotismus und

iebe zu Kaiser und Reich einzupauken. Es müsse ein allgemeiner Kriegerverein gebildet werden, nicht ein besondrer für jede Waffengattung.

Der Volksbildner hat wohl auch seinen 0 N 1

verfehlt. Seine Aufgabe wäre doch, seine Kraft der Bildung und Erziehung der Jugend zu widmen eine schöne, große und herrliche Auf⸗ gabe! und nicht den Mordspatriotismus zu fördern. Bedauerlicherweise laufen heute noch viele Arbeiter diesen reaktionären und ar⸗ beiterfeindlichen Hurra⸗Vereinen nach und sün⸗ digen damit gegen ihre eigenen Interessen. An⸗ statt sich um die Verbesserung ihrer Lage zu bekümmern, machen sie lieber noch so ein bischen Soldatenspielerei mit und gröhlen sich an den sinnlosen, vielfach rohen und unsittlichen Lands⸗ knechtsliedern die Kehlen wund. Wenn man solches betrachtet, sieht man, wieviel Aufklärung noch nötig thut. Aus dem Rreise griedberg⸗Büdingen.

Märzfeier in Büdingen. Es war wohl das erste Mal, daß in Büdingen zu Erinnerung an die März⸗Ereignisse eine Feier veranstaltet wurde. Diese fand am Sonntag Abend im LokalZum wilden Stein statt und war trotz des unfreundlichen Wetters und des beschwerlichen Weges zum Lokale recht gut besucht, nahm auch den besten Verlauf. Natür⸗ lich konnte sich die Feier nur in bescheidenen Grenzen halten; auf Mustk⸗ und Gesangsvor⸗ träge mußten die Genossen mangels eines Ar⸗ beiter⸗Gesangvereins, den wir aber hoffentlich bald bekommen werden, verzichten. Doch waren alle Besucher befriedigt. Gen. Vetters hielt das Referat, in welchem er auf die Kämpfe hin⸗ wies, die zu allen Zeiten gegen Gewaltherr⸗ schaft, Unterdrückung, Ungerechtigkeit und Vor⸗ urteile und für Recht und Freiheit geführt werden mußten. Wir gedenken der Kämpfer, die mutig für die höchsten Güter der Mensch⸗ heit ihr Leben in die Schanze schlugen und ge⸗ loben uns dabei, beharrlich und unentwegt für die Befreiung der Arbeit, für das Wohlergehen der Gesamtheit weiter zu kämpfen. Nicht mit Flinte und Säbel, sondern durch Aufklärung der besitzlosen Masse und Bethätigung der Soli⸗ daridät! An das Referat schloß sich eine kurze Diskussition und Deklamationen ernsten und heiteren Inhalts.

Aus dem Rreise Wetzlar.

e. Bäckerklagen. Ueber die Arbeitsver- hältnisse in mehreren Wetzlarer Bäckereien wird lebhaft Klage geführt. In vielen werden die Vorschriften der Bundesratsverordnung für Bäckereibetriebe nicht beachtet und die vorge⸗ schriebenen Plakate und Aushänge sind in den 0 Backstuben nicht vorhanden. Die Arbeitszeit

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dehnen einzelne der Herren Ritter vom Back⸗

trog über alles Maß aus; uns werden Fälle berichtet, daß sogar Lehrlinge täglich 15-16 Stunden arbeiten mußten. Eine bessere gon. trolle wäre entschieden notwendig, noch besser wahren allerdings die Gesellen ihre Interessen, wenn sie sich der Organtsatton anschließen. 1

i. Mißhandlung. Aus Löhnberg be⸗ richtet man uns: Vor kurzem hat der zweite Lehrer eines benachharten Dorfes einen Schul⸗ knaben fürchterlich geprügelt und zwar unter Beihülfe des Pfarrers, weil der Junge den Lehrer nicht gegrüßt haben sollte. Ueberhaußt ist der Lehrer im Dorfe äußerst unbeliebt, wegen seines anmaßenden Verhaltens den Einwohnern gegenüber. Wegen so einer Bagatelle braucht man wohl nicht ein Kind so barbarisch abzus⸗ strafen, wenigstens sollte man sich vorher genun von der Schuld überzeugen, was in diesem Falle nicht geschehen ist.

* Dr. Burckhardt berichtigt. Der Parteisekretär der Christlich⸗Sozialen, Dr. Burck⸗ hardt in Godesberg will das uicht als richtig aner⸗ kennen, was wir über ihn und seine Kampfes⸗ weise in der letzten Nr. gesagt haben, nämlich, daß die Angriffe auf Singer höchst schofel sind. Der Herr schreibt uns: 1

In Nr. 11 der Mitteld. Sonntagsztg. heißt es, daßDr. Burckhardt mit der Aeußerung hausieren geht, die der ehemalige Compagnon Singers vor 14 Jahren gethan hat, diese unserm Genossen zum Vorwurf macht. Es ist dies nicht der Wahrheit entsprechend. Ich mache selbstredend Herrn Singer nicht da

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