Ausgabe 
23.2.1902
 
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Seite 6.

Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 8.

Das Urteil im Kasseler Treberprozeß

wurde am Freitag gefällt. Die Strafen gegen die Treberleute sind ganz bedeutend milder ausgefallen, als die Anträge des Staatsanwaltes lauteten. Hermann Sumpf wurde zu 7 Mo⸗ naten Gefängnis und 10,000 Mk., Schlegel zu 5 Monaten Gefängnis und 5000 Mk., Otto zu 6 Monaten und 5000 Mk., Arnold Sumpf zu 3 Monaten und 5000 Mk., Schulze⸗Dellwig zu 3 Monaten und 5000 Mk. verurteilt. Bei den Angeklagten Arnold Sumpf und Schulze⸗ Dellwig wurde die Strafe durch die Unter⸗ suchungshaft als verbüßt angerechnet. Den Angeklagten Hermann Sumpf, Otto und Schlegel wurden 4 Monate Untersuchungshaft angerechnet. Im Falle der Nichtzahlung der Geldstrafe tritt für je 15 Mk. ein Tag Gefängnis ein. Mildernde Umstände wurden den Angeklagten versagt. Vergleicht man diese gelinden Strafen, die hier Leute erhielten, cailche sich doch auf unlautere Weise Riesengewinne verschafften und dabei Hunderte von Exister zen ruinierten, mit den Verurteilungen, die schon so oft gegen halbverhungerte arme Teufel wegen Wegnahme ganz geringfügiger Quantitäten Lebensmittel erfolgten, so erhält man eine eigentümliche Illustration zumRechtsstaate.

Gegen das so gelinde ausgefallene Urteil haben sämtliche Verurteilte Reviston eingelegt und ihre Haftentlassung beantragt.

Duellmörder Falkenhagen vor Gericht.

Vergangenen Montag verhandelte das Schwurgericht in Hannover gegen den Domä⸗ nenpächter Falkenhagen. Vor vier Wochen er⸗ schoß dieser bekanntlich im Duell den Landrat von Bennigsen, mit dessen Frau er ein ehe⸗ brecherisches Verhältnis unterhielt. Diese Frau war als Zeugin vor Gericht, sie wurde jedoch nicht vernommen. Der Staatsanwalt beantragte acht Jahre Festungshaft; der Gerichtshof er⸗ kannte auf sechs Jahre. Der Angeklagte er⸗ klärte, seine Strafe sofort antreten zu wollen. In seiner Anklagerede sagte der Staats- anwalt unter anderem:Die Anregung, die Tötung gleichzustellen dem Morde und Totschlag, sei ganz unmöglich. Er glaube nicht, daß die Sitten und Gebräuche, die seit Jahrzehnten im Volke wurzeln, durch Reformen abzuändern sind. Für einen Staatsanwalt sind das höchst merkwürdige Ansichten. Daß übrigens die Duellwut i m Volke wurzeln soll, ist ein ganz gewaltiger Irrtum; Messerstecherei und Aehnliches wozu auch das Duell gehört wird vom Volke verabscheut, das ist ein Vorrecht derEdelsten.

Skandal bei einem Gewerbegericht.

Sämtliche Arbeiterbeisitzer des Gewerbe⸗ gerichts Metz haben ihre Mandate niedergelegt, als Protest gegen das Verhalten des ohnehin unbeliebten Vorsitzenden. Den unmittelbaren Anlaß gab eine Verhandlung in der vorigen Woche, in welcher eine überaus unanständige Behandlung des Klägers zur Sprache kam. So wurde zeugeneidlich erhärtet, daß die 18jährige Tochter des Meisters dem klagenden Arbeiter ins Gesicht rief:Lecken Sie mich am A....! Worauf der Vorsitzende in vollem Ernst zum Kläger sagte:Wenn Sie so einem jungen Mädchen am A... lecken könnten, das würde ihnen wohl passen! Ein würdiger Vorsitzender!

Zu Tode gebetet!

Während gewisse Leute in Potsdam, Berlin u. a. O. sich durchausgesund beten wollen, brachte eine Frau in Gelsenkirchen das Gegenteil fertig. Die Frau des Arbeiters Karl Purgilla wurde am 11. Februar, Abends, aus der Kirche heimkehrend auf der Straße bon Krampfanfällen und dann von einem Schlaganfall heimgesucht, bald darauf verschied sie. Es stellte sich heraus, daß die Frau den ganzen Tag, ohne jedwede Nahrung zu sich zu nehmen, in der Kirche, woselbst 40stündiges Gebet stattfand, verweilt hatte.

b e eee. b Unterhaltungs-Ceil.

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Preisgekrönt.

Es hatte die ganze Nacht über geschneit. Endlich aber durchbrach die unternehmungs⸗ lustige Februarsonne mutig die gespensterhaft bleichen Wolkenmassen und ließ ihre wärmsten Strahlen schräg über die schneebelasteten Dächer gleiten, so daß der Schnee zu schmelzen begann und hier und da eine schwere Lawine aufs Trottoir niederstürzte.

In den Straßen tönten die Schellen der Droschken⸗ und Schlittenpferde, und die Schnee⸗ schaufler bemühten sich, für Fußgänger und . die nötigen Wege durch den

chnee zu führen.

Einer dieser Schneeschaufler ließ plötzlich mit einem Ausruf der Ueberraschung die Schaufel fallen und trat einem Kameraden entgegen, welcher vom nächsten Straßenübergang herkam.

Wat, Fritze! Ooch Schneekönig? rief er dabei.Ick habe jejloobt, Du wärst unter die Unternehmer jejangen?

Wollt' ick doch! Ick wollte draußen in der Wrangelstraße en Bierlokal jründen, aber ick bin dabei dem jroßmächtijen Stadtrat Rumpler in die unrechte Kehle jekommen; er hat mir die Konzession verweijert. Et wäre unmoralisch, hat er jesagt, wenn man die Arbeeter Jelejenheit jiebt, wat hinter die Binde zu jießen, und weil er weeß, dat ick en juter Kerl bin, der immer voll inschenkt, so hält er det vor Völlerei.

Nanu! rief der Andere;vor so unmo⸗ ralisch hätte ick bei die Kälte sojar eenen Doppel⸗ kümmel nich jehalten!

Is er boch nich, erklärte Fritze,aber die Sache hat noch'n mächtijen Haken. Der Stadtrat Rumpler hat draußen seine Fabrik, und der jute Mann weeß, det ick Sozialdemokrat bin. Nu hat er Angst, ick könnte mit meine Jetränke seine Arbeeter vor die jute Sache be⸗ jeistern. Det is seine Moral. Aber ick habe appelliert, und einstweilen nehme ick jede Arbeet, die mir det Schicksal aus de Wolken runter⸗ schmeißt. Aber wie jeht's denn Dir, Aujust?

Der Gefragte zuckte die Achseln und erwiderte mit einem Anflug von Galgenhumor:Bei mir? Da jeht et von janz alleene, ick brauche et jar nich mehr zu schieben. Heut früh hat mir

meine Schlummermama uff de Straße spediert,

weil ick wejen chronischer Arbeetslosigkeet de Miete zu bezahlen verjessen hatte. Wie ick uff die Straße flog, lag jerade der Schnee da, und den kehr' ick nu weg.

Sehr jut denn haste also heute Nacht keen Quartier?

Nee, entgegnete August,ick jloobe wenig⸗ stens nich, det se vor mir in Hotel Kaiserhof en paar Appartemangs injerichtet haben.

Om, ick habe eene jlorreiche Idee, sagte Fritze nachdenklich.

Willst Du vielleicht en Schneeschauflerstejes⸗ marsch komponieren? fragte August.

Det nich aber willst Du vielleicht heut Abend tanzen? Champagner trinken? Dir unter die sogenannte Krähm der Jesellschaft'rum⸗ räkeln?

Oho, rief August,Du willst mir wohl Fata Morjana vorspiejeln?

Nich die Bohne ick will heute Abend mit Dir zu Ball jeh'n.

In die Kleedasche? fragte August, auf seinen malerisch zerrissenen und nebenbei bunt geflickten Anzug deutend.

Janz recht boch mit die Stiebeln, er⸗ klärte Fritze.Lies, wat da steht.

Er hatte eine Karte aus der Tasche genommen und August las:Eintrittskarte zum Lumpenball .. Die originellste und am konsequentesten durchgeführte Maske erhält einen Preis von hundert Mark...

Siehst Du, fuhr Fritze fort,wie ick vorhin in det jroße Herrschaftshaus da drüben in

Bekehrungsanjelejenheeten thätig war ick kehrte nämlich den Hof, da schmeißt mir en Stubenmädel den Inhalt eenes Papierkorbs vor de Beene und sagt, ick sollte det man mit⸗ nehmen. Ick betrachte det mir zujefallene Strandjut und siehe da, ick finde, det ick zum Jumpenball injeladen werde, indem det Schicksal a mir diese Karte richtet. Unser Kostüm wird wohl 1 lumpig jenug sind, also jeh'n wir hin! ugust hatte noch einige Bedenken, die sich

aber mit der philosophischen Bemerkung:Mehr als'rausjeschmissen kann man doch nich werden, widerlegen ließen, nachdem Fritze bemerkt hatte, daß ein befreundeter Droschkenkutscher sie stan⸗ desgemäß nach dem Balllokal fahren werde.

In Erwartung der Ballfreuden griffen die beiden Schneeschaufler wieder rüstig zu ihrem 1 und setzten ihre bahnbrechende Arbeit. ort.

Der Lumpenball, eines der sensationellsten Ereignisse des Karnevals, hatte begonnen. In den hocheleganten, phantastisch geschmückten Räumen des Ballhauses bewegte sich eine über⸗ aus abenteuerliche Gesellschaft. Da sah man den Einbrecher mit Diebslaterne und Brech⸗ stange, einen Bupd Dietriche mit sich führend; Bauernfänger in schäbiger Eleganz, aus deren Taschen die Kartenblätter lugten; furchtbare Räuber mit Dolchen und Pistolen, besonders aber viele ehrlicheLumpen, Handwerks- burschen, Bettler, kroatische Topfbinder und Gestalten in allerlei zerrissenen, zerlumpten Kostümen, die keinen besonderen Charakter vor⸗ stellten.Wer Lumpen trägt, ist als Lump zu betrachten diesem spießbürgerlichen Grund⸗ satz waren die meisten der Teilnehmer gefolgt; aber auch die Obrigkeit fehlte unter den Masken nicht; Bettelvögte, Landgendarmen, Büttel u. s. w. gingen gravitätisch umher und arretirten hier und da unter großem Halloh einen Hand⸗ werksburschen, welcher freventlichen Widerstand gegen die Staatsgewalt leistete. Bei solchen Bällen zeigt die Bourgeoisie einiges Verständnis für das Elend der Armen, welches sie den übrigen Teil des Jahres leugnet, und sie persiflirt unbewußt ihregöttliche Weltordnung.

Auch das weibliche Element war auf diesem Balle vertreten. Bettlerinnen, Zigeunerinnen und ähnliche Spezies gab es in ziemlicher Aus⸗ wahl: doch schien es nicht der solideste Teil der Damenwelt zu sein, der an diesem Feste teilnahm.

Vor dem Ballhaus hatte sich eine zahlreiche, schaulustige Menge versammelt, welche die an⸗ kommenden Lumpen musterte und kritisierte.

Diese Menge brach in Beifallsjubel aus, als jetzt zwei groteske Gestalten einer Droschke entstiegen und das Portal betraten. Es waren zwei Straßenkehrer mit langen Besen, die sie über die Achsel geschultert trugen. Schwere Wasserstiefeln, schmutzige Hosen, zerrissene Röcke, darunter gestrickte Wolljacken, und Hüte, welche in Wind und Wetter die abenteuerlichsten Farben und Formen angenommen hatten dies war das Ballkostüm der Ankommenden, in welchen wir die beiden Schneeschaufler Fritze und August erkennen.

Ihre Karten, meine Herren! sagte der Portier am Eingang des Saales höflich.

Fritze setzte sich auf einen Stuhl, zog einen Stiefel halb aus und brachte aus demselben die zerknitterte Eintrittskarte hervor, die er nun gravitätisch überreichte.

Der Portier lachte über diesen Scherz und wandte sich an August.

Det is mein Freund, sagte Fritze,wenn Sie seine Karte haben wollen, da müssen Sie eenen Stiebelknecht bringen, denn der hat sie einstweilen als Brandsohle injelegt, det ihm det verwünschte Tauwetter die Hühnerobogen nich überschwemmen soll.

Der Portier ließ sie passiren, ohne die zweite Karte zu verlangen..

Im Saale machten die Beiden großen Effekt und erregten sogar die Aufmerksamkeit von Kennern..

Das ist wahrer Realismus, sagte ein Schriftsteller zu einem Schauspieler.An diesen beiden Masken ist jeder Zug echt. Diese

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