Ausgabe 
21.12.1902
 
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Mitteldeutsche Sonntags⸗Jeitung

Nr. 51.

Unterhaltungs-C il. 15

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Um die Weihnachtszeit.

Er hatte sehr lange geschlafen; erst um fünf Uhr hatte er sich von dem Diner zurückziehen können und jetzt fühlte er sich etwas zerschlagen nach all den Festlichkeiten der letzten Tage. Besonders die Reden der letzten Tage und ganz besonders die Rede von gestern Abend, die er als Vorsitzender desVereins zur Bescherung armer Kinder gehalten hatte, lag ihm noch in den Knochen. Und nun beim Frühstückstisch um halb ein Uhr, während der Diener ihm auf einer silbernen Schüssel ein Rumpsteak servierte, mußte er immer noch an die Einzelheiten des gestrigen Abends denken. Dabei blickte er von Zeit zu Zeit nach dem zierlichen Tischchen hin⸗ über, wo die Weihnachtsgeschenke für seine Frau und seine Tochter lagen.Hm, gar nicht übel, dachte er,Kommerzienrat ist schon etwas!

Der getreue Diener stellte noch eine Flasche feinen Likörs auf den Tisch und wollte sich scheu zurückziehen, doch hielt ihn eine Frage des kauenden Millionärs an der Tür zurück: Ist etwas passiert?

Ja, ein Werkführer war hier.

Was wollte er?

Die Arbeiter möchten am Weihnachtsheilig⸗ abend gern zwei Stunden früher aufhören und bitten nun darum, ihnen doch deswegen keinen Lohnabzug zu machen.

Einfach ekelhaft, diese unzufriedene Gesell⸗ schaft! Da sind so ein paar Krakehler dabei, die müssen raus!

Dann spülte der Herr Kommerzienrat seinen Aerger mit einem guten Schlucke hinunter, um dann in geschäftsmäßigem Tone den Bedienten nach den eingelaufenen Zeitungen zu fragen.

Ah, da ist ja auchDie Woche!

Ja: sein eigenes Porträt und daneben das seiner Gattin, als richtiges Vorstandspaar des Vereins zur Bescherung armer Kinder. Und mitten drin zwischen den Berühmtheiten des Tages: rechts der Prinz von Siam und links Graf Waldersee. Behaglich schmunzelnd blätterte der Herr Kommerzienrat in dem braunen Hefte. Kunstwerke und Sensationsbilder wechseln re⸗ klameartig auf den großbedruckten Seiten.

Plötzlich bleibt der Blick des Herrn Kom⸗ merzienrats auf dem Porträt eines Raubmörders, Lindert, haften.

Lindert?!... Der Name kommt ihm so überaus bekannt vor. Der Herr Kommer⸗ zienrat strengt sein Gedächtnis an, bis schließlich ihm Szenen aus seiner Jugendzeit in der Er⸗ innerung auftauchen. Längst begrabene und totgeglaubte Bilder wurden wach, Bilder, die er nun seit nahezu dreißig Jahren vergessen und verwest wähnte. Und er denkt an ein rundes frisches Mädchengesicht und an zwei große, feurige Augen und an zwei runde weiche Mädchenarme.

Magda?... Magda Lindert?... Wie alt war doch der Raubmörder? Siebenund⸗ zwanzig Jahre! Ja, das konnte stimmen! Da⸗ mals hatte er Magda verlassen, als sie seiner am dringendsten bedurfte. Und nun war das sein Sohn?

Nein, nimmermehr! Er muß sich täuschen! Er muß noch einmal nachsehen! Genau nach⸗ sehen! Alle Züge dieser flüchtig hingeworfenen Skizze studieren. Und nun stellt sich der Herr Kommerzienrat in seiner ganzen Größe vor den prächtigen Säulentrümeaux und studiert genau Zug für Zug seines eigenen Gesichts und ver⸗ gleicht diese Züge mit den Linien des Bildes. Ja, richtig, das sind seine eigenen Züge, das ist die markante Linie von den Nasenflügeln nach den Mundwinkeln hin das sind dieselben in der obern Muschelpartie eigentümlich ge⸗ formten Ohrläppchen!

Also doch sein Sohn!. Kommerzienrats ein Raubmörder?...

.. Der Sohn eines Wie

gut nur, daß ee nicht seinen Namen trug! Ob Magda wohl noch lebte?...

Der Herr Kommerzienrat betrachtet noch einmal in dem großen Spiegel sein um noch einige Grade fahler und grauer gewordenes Gesicht. Dann wischt er sich mit dem feinpar⸗ fümierten Taschentuch die kalten Schweißperlen von der Stirn.Ich muß doch einmal nach⸗ sehen, wie groß der Betrag war, um die er die Tat beging.

Der Herr Kommerzienrat blättert wieder, nur etwas nervöser in dem braunen Hefte. Richtig! Da war wieder das Bild. Und nur mnie fünfundzwanzig Mark waren es ge⸗ wesen! Fünfundzwanzig Mark! Wie lächerlich! Um so eine Bagatelle so etwas zu thun!

Der alte, im Dienst ergraute Bediente steht noch immer an der Tür. Er hat kein Auge von seinem Herrn abgewendet. Er kennt manches seiner Geheimnisse.

Sie sind noch immer da?

Der alte Diener will gehen.

Sonst ist nichts weiter eingelaufen? Nichts mit der Post?

Jawohl, ein Brief! Und der Diener über⸗ re icht dem Herrn Kommerzienrat auf einer silbernen Platte den Brief.

Dieser erbricht ihn in nervöser Hast. Hatte er es doch geahnt!... Ja, er war von ihr!... Und nun las er hastig mit rotem Kopfe und hervorquellenden Augen: eine lange, engbe⸗ schriebene Anklage... Und er las den Brief zum zweiten und zum dritten Male

Der alte Diener hatte sich unbemerkt zurück⸗ gezogen. An dem Benehmen des Kommerzien⸗ rats erriet er, daß es sich um mehr als um etwas Alltägliches handelte..

Mit dem zerknüllten Schreiben in der ge⸗ ballten Hand saß der Kommerzienrat und starrte wie abwesend in die Dämmerung hinaus.

Erst als draußen die Weihnachtsglocken zu läuten begannen, raffte er sich auf und warf das anklagende Schreiben in das knisternde Kaminfeuer. Dann ging er hinein in den Salon, um sich an der Weihnachtsbescherung zu be⸗ teiligen.

Um dieselbe Zeit aber hatte eine alternde, gebeugte Frau, deren Sohn man des schwersten Verbrechens bezichtigte, ihren Wohnort verlassen und war hinausgezogen, wie von Ekel und Schande gepeitscht, auf die Landstraße, jene Heimat Tausender, die ein unstätes Leben führen oder führen müssen. Sie wollte nach einer Stadt, wo sie Niemand kannte und wo sie viel⸗ leicht doch noch irgendwelche Verwendung für ihre arbeitsharten Hände finden könnte.

Die Straße lag öde und verlassen da. Hin und wieder nur halbverwehte Fußspuren im frischen Schnee. Alles lag eingehüllt in ein silbernes blendendes Weiß. Nur die Pappelu starrten schwarz und kerzengerade in zwei schnurgeraden Linien in den nächtlichen Winter⸗ himmel hinein. Langsam und allmählich kam sie nur vorwärts. Der Wind kam von Norden und wehte ihr unbarmherzig seine harten Flocken ins Gesicht.

So pilgerte sie in eine unbekannte Zukunft hinein in eine neue Wüste

Und immer schwerer schleppen sich ihre müden Füße vorwärts. Sie mußte ein wenig verpusten. Mit ihren harten Händen strich sie ein paar Male langsam über Stirn und Augen, gleich als ob sie die ganze Vergangenheit fortwischen wollte. Dann stand ste schwerfällig auf. Die Minute Rast war ihr wie eine Ewigkeit er⸗ schienen. Langsam ging es weiter mit den steifgefrorenen Füßen ins gewisse hinein! Und der Winterschnec in sie her lag weiß und unerforschbar wis vas waurige Rätsel ihres eigenen Lebens.

Der Herr Kommerzienrat hatte seine salbungs⸗ volle Ansprache beendet; ei ge Male hatte zwar, was bei ihm sonst niemals vorkam, seine Rede gestockt. Aber bald hatte er ueber denrichtigen warmen Ton, den man an ihm so schätzte, gefunden. 5

Ein interessanter Briefwechsel.

Folgende belustigende Korrespondenz zweier Amtsstellen veröffentlichten neulich die Münchener Neuesten Nachrichten:

I. Wohllöbliches Schultheißenamt in P. ersuche ich geziemend, zum Behufe der Fest⸗ stellung der Sterblichkeitsverhältuisse mir gefl. mitteilen zu wollen, wie viel von den dortigen Einwohnern jährlich sterben mögen.

Mit Achtung ꝛc. Ri 1. Appit Oberamtsarzt Dr. S.

Auf Vorstehendes hat unterzeichnete Stelle zu bemerken, daß von den hiesigen Einwohnern, so viel bekannt, Keiner sterben mag. Sich damit ꝛc.

P. 3. April. Schultheißenamt A.

II. Wohllöbliches Schultheißenamt in P. scheint meine Anfrage in Betreff der Sterb⸗ lichkeit mißverstanden zu haben. Ich wünschte eigentlich zu wissen, wie viele der dortigen Einwohner jährlich sterben können, worüber gefälliger Auskunft entgegensieht.

R., 4. April. Oberamtsarzt Dr. S.

Auf Vorstehendes hat das unterfertigte Schultheißenamt die Auskunft zu geben, daß von den hiesigen Einwohnern möglicherweise alle sterben können. Sich damit ꝛc. ꝛc.

eil Schultheißenamt A.

III. Wohllöbliches Schultheißenamt in P. wolle gefl. einfach hierher berichten, wie viele der dortigen Einwohner im verflossenen Jahre gestorben sind.

R... 8. April. Oberamtsarzt Dr. S.

In fraglicher Sache ist sich an das k. Pfarr⸗ amt dahier zu wenden, wo derlei Vorkommnisse aufgeschrieben werden. Sich damit ꝛc.

P., 10. April. Schultheißenamt A.

IV. Königliches Pfarramt in P. erlaube ich mir gefl. um Auskunft darüber zu bitten, wie viele der dortigen Einwohner im vorigen Jahre gestorben sind. Achtungsvoll ꝛc.

R., 11. April. Oberamtsarzt Dr. S.

Im verflossenen Jahre sind hier des Todes verblichen 22 Seelen und 1 Leineweber.

P., 12. April. Pfarramt M. D.

Splitter.

Ach, zwei Wünsche wünsch' ich immer, Leider immer noch vergebens,

Und doch sind's die innig⸗frömmsten, Schönsten meines ganzen Lebens:

Daß ich alle, alle Menschen Könnt mit gleicher Lieb' umfassen, Und daß ein'ge ich von ihnen Morgen dürfte hängen lassen. A. Glasbrenner.

Humoristisches.

DerSimulant. Stabsarzt(bei einer Frühvisite im Lazarett die Meldungen des Lazarett⸗ gehilfen entgegennehmend):Was giebt's Neues?

Lazarettgehilfe:Nichts, Herr Stabsarzt! Nur der gestern eingebrachte Simulant ist die Nacht ge⸗ storben!.

Zarter Wink. Kastellan(auf dem Korridor zu den Fremden, die das Schloß besichtigt haben): Meine Herrschaften, es ist hier etwas dunkel! Stoßen Sie sich nicht an der Trinkgeldbüchse, bie neben der Tür hängt! 9

Aus dem Tierleben:Der Storch ist ein Preuße. Dies beweisen: sein großer Schnabel, die schwarz⸗weiße Farbe, und drittens, wenn er im Norden nichts zu fressen hat, zieht er nach dem Süden.

(Simpl.) r re

Geschichtskalender.

21. Dezember. 1900: Urteil im Sternberg⸗ Prozeß. 1895: Russ. Sozialist Stepniak in London überfahren.

22. 1900: Selbstmord des Berliner Polizei⸗ Direktors Meerscheidt⸗Hüllesem(Sternberg⸗Prozeß). 1882 Arends, Stenograph, f.

23. 1863: Deutsche Bundestruppen in Holstein. 1732: Arkwright(engl. Mechaniker, Erfinder der Spinnmaschine)*.

24. 1886: Massenausweisungen aus Frankfurt a. M. 1524: Seefahrer Vasco de Gama, f.

*= geboren;= gestorben

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