4 keit alle Anerkennung
Nr. 51.
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Mitteldeutsche Sonutass⸗Zestung.
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Lohn für Katzbuckelei.
Dem Sprecher der Breslauer Arbeiter⸗ „Deputation“, Vorschmied Klammt ist vom Kaiser eine goldene Busennadel mit Brillanten verliehen worden. Den Mann will man übrigens bei der nächsten Wahl als Arbeiter⸗ und Orduungskandidaten aufstellen. In Breslau können die Gegner sich nur eine Blamage damit holen; sie werden auch dort eine Vermehrung der ca. 30000 sozialdemo⸗ kratischen Wahlstimmen erleben.— Weiter wird mitgeteilt, daß in einer der betheiltgten Fabriken alle Arbeiter, die sich zur Unterzeich⸗ nung der Spalierbildungs⸗ und Huldigungs⸗ listen bereit gefunden hatten, nachträglich je zwei Zentner Kohlen geschenkt erhielten. Ob sich dadurch die Arbeiter ihre Ueberzeugung abkaufen ließen, werden ja die Wahlen beweisen. Wir glauben es nicht.
Der Sohn des Vaters.
In der heutigen Zeit der Ergebenheits⸗ und Dankadressen mußten auch Arbeiter in Oels in Schlesien zu einer solchen an den Kronprinzen, der dort ein Schloß besitzt, ihre Unterschrift geben. Darauf antwortete der Kronprinz:
„Es ist mir eine aufrichtige Freude gewesen, daß sich viele Arbeiter meiner lieben Stadt Oels der Be⸗ wegung angeschlossen haben, die heute überall durch die deutschen Lande geht. Ihr beweist dadurch, daß keine Gemeinschaft zwischen Euch und jenen Elenden be⸗ standen hat, oder je bestehen wird, die gewagt haben, einen deutschen Mann an seiner Ehre anzutasten und daß Ihr gesonnen seid, treu zu Eurem Kaiser und Vater⸗ lande zu stehen.“
Wenn der junge, 20 jährige Mensch, der von der Not des Volkes keine Ahnung hat, dessen gutes Leben die von ihm Angegriffenen durch ihre Steuergroschen mit ermöglichen helfen müssen, glaubt, durch solche Reden seine Popu⸗ larität zu steigern, dürfte er sich gründlich auf dem Holzwege befinden.
Richtige Antwort auf Ergebenheits⸗ Adressen.
Daß die Arbeiter nicht daran denken,„das Tischtuch“ zwischen sich und der Sozialdemo⸗ kratie zu zerschneiden, beweist der Ausfall der Gewerbe⸗Gerichtswahlen in Düsseldorf. Dort gab es noch bei jeder Wahl heftigen Kampf um die Mandate der Arbeitnehmerbei⸗ sitzer. Das letzte Mal fielen sie noch den Christlichen zu; diesmal siegten glänzend die Sozialdemokraten. Bravo!
Ein schmeichelhaftes Urteil über die Sozialdemokratie
fällte dieser Tage der greise Gelehrte Theodor Mommsen, der sich zur freis. Volkspartei zählt, in einem Artikel in der„Nation“. Er bespricht in diesem Artikel die Rechtsbrüche im Reichstage, kritistert scharf die Kaiserreden und sagt dann über die Sozialdemokratie:
„Ich bin nie Sozialdemokrat gewesen und gedenke auch nicht, es zu werden, aber es ist leider wahr, zur Zeit ist dies die einzige große Partet, die Anspruch hat auf politische Achtung. Von dem Talent ist es nicht nötig zu reden. Jedermann in Deutschland weiß, daß mit einem Kopf wie Bebel ein Dutzend ostelbischer Junker so ausgestattet werden könnten, daß sie unter Ihresgleichen glänzen würden. Die Hingebung, die Opferbereitschaft der sozialdemokratischen Massen imponiert auch dem, der ihre Zwecke nichts weniger als teilt. An der Disziplin der Partei, deren ungeheure Schwierigkeiten uns ihre Parteitage drastisch vor Augen führen, könnten namentlich unsere Liberalen sich ein Muster nehmen“ 5
Weiter ermahnte Mommsen die Liberalen in ihrem eigenen Interesse bei den Wahlen lieber die Sozialdemokraten anstatt die Konservativen zu unterstützen. Auf diese Unterstützung wird sich nun allerdings die Sozialdemokratie nicht verlassen. Mommsens Freimut verdient aber in der heutigen Zeit bürgerlicher Waschlappig⸗
ETozialdemotratische Wahlerfolge.
Bei den Bürgerausschußwahlen in Stutt⸗ gart siegte der demokratisch⸗sozialistische Zettel. Gewählt wurden sechs Volksparteiler, drei Sozialdemokraten, zwei Parteilose end vier Kandidaten der vereinigten Rechten. Mit dieser Wahl besitzt die Volkspartei mit der Sozialdemokratie zusammen wie im Gemeinde⸗ rath die Mehrheit.— In den elsässischen Lan⸗ desausschuß wurde zum ersten Mal ein Sozial⸗ demokrat, Genosse Em mel⸗Mülhausen gewählt. — Bei Bremer Bürgerausschußwahlen er⸗ oberte unsere Partei 11 Mandate. Im Ganzen befinden sich 19 Genossen in dieser Körperschaft.
Eine Reichstagsersatzwahl.
Im schlesischen Wahlkreise Liegnitz war infolge des Todes des bisherigen Abg. Kauff⸗ mann(freis.) eine Ersatzwahl notwendig, die am Donnerstag(11.) vorgenommen wurde. Dabei erhielten Stimmen: Der Freisinnige Pohl 7576; unser Genosse Bruhns 6473; der Konservative Röhricht 6300. Im Jahre 1898 zählte man in diesem Wahlkreise 7215 socialdemokratische, 9092 freisinnige, 6866 kon⸗ servative und 614 Centrums⸗Stimmen.
Es verloren also alle Parteien Stimmen, die Sozialdemokratie die wenigsten. Es ist Stichwahl zwischen Freisinn und Sozialdemo⸗ kratie erforderlich, in welcher sicher der Frei⸗ sinnige gewählt wird.
Wenn„Ordnungs“leute die Gemeinde verwalten.
In Mülhausen, der oberelsässischen In⸗ dustriestadt, verfügen unsere Parteigenossen seit den Neuwahlen im Sommer dieses Jahres über eine knappe Mehrheit im Gemeinderat. Sie lösten damit die klerikal⸗liberale Kommunal⸗ wirtschaft ab, die seither unbestritten die Geschicke Mülhausens gelenkt hatte. Einer der ersten Schritte der neuen Mehrheit war die Einsetzung eines Berufsbürgermeisters mit entsprechender akademischer Vorbildung auf den bisher im Ehrenamt verwalteten Burgermeisterposten. Der neue Gemeindevorsteher, Regierungsrat Dr. Kayser, hatte bereits in seiner früheren Stellung in Colmar als Bearbeiter der Gemeinde⸗Ange⸗ legenheiten im Bezirkspräsidium des Oberelsaß Gelegenheit, Einblick in die Mülhauser Kom⸗ munalverwaltung zu nehmen und hatte dabei gefunden, daß dort eine äußerst bedenkliche Schlamperei herrsche. Nach seiner Wahl zum Gemeindeoberhaupt Mülhausen machte er sich, unterstützt von der neuen sozialistischen Mehrheit, alsbald an die Untersuchung der bestehenden Zustände und legte das Ergebnis derselben dem Gemeinderat dieser Tage in einer Denk⸗ schrift vor.
Der Inhalt derselben bedeutet für die frühere klerikal⸗liberale Gemeindewirtschaft ein geradezu vernichtendes Urteil. Die bisherige Organisation des Bürgermeisteramtes wird in der Denkschrift als„unhaltbar und jeden geordneten Geschäfts⸗ gang ausschließend“ bezeichnet und dabei u. A. die fast unglaubliche Tatsache festgestellt, daß das bei jeder geordneten Verwaltung übliche Tagebuch, in welches die einlaufenden und abgehenden Schriftstücke eingetragen werden, auf dem Mülhauser Rathause bis in die neueste Zeit vollständig fehlte.
Der Gemeinderat übergab das schlimme Ergebnis der Untersuchung einer Kommission, die nach langer und eingehender Beratung in einem Berichte die zahlreichen vorhandenen Mißstände aufzählte. Es herrschte mit einem Wort fürchterliche Mißwirtschaft. Die Bepöl⸗ kerung empfindet es wie eine Erlös g, daß die Sozialdemokraten entschlossen ud, den Stall auszufegen, was allerdings viel Zeit und Arbeit in Anspruch nehmen wird.„Dabei wissen unsere Gegner immer die Unfähigkeit zur Lösung praktischer Aufgaben zu schimpfen.
Gepanzerte Faust in Venezuelo.
Mit der südamerikanischen Republik Vene⸗ zuela ist das deutsche Reich in Streit geraten und hat deshalb Panzerschiffe dorthin geschickt,
kriegen anerkennen. Das zu erzwingen, geht Deutschland mit England gemeinsam vor. Für das deutsche Volk wird natürlich bei dem Rummel gar nichts herausspringen.
CC Ä
Hessisches. Hessischer Landtag.
Am Dienstag hielt die Zweite Kammer eine kurze Sitzung ab. Es erfolgte zunächst die Vereidigung des Abgeordneten Orb(Offenbach⸗Land). Nach der Beratung der„Dankadresse“, während welcher unsere Genossen nicht anwesend waren, auf die Tronrede wird der Gesetzentwurf betreffend die Fürsorge für Beamte, die Betriebsunfälle erlitten haben, mit einem Zusatzantrag des Abg. Reh, wonach auch die Gemein de⸗ beamten, soweit sie nicht in einer reichsgesetzlichen Unfallversicherung stehen, der Staatsfürsorge unterstellt werden sollen, einstimmig angenommen.
Zwei weitere Regierungs vorlagen, Nachtrags⸗ forderungen zu den Kriminalkassen und die Aenderung des Gesetzentwurfs, die Erhebung der direkten Steuern betr., werden ohne Debatte genehmigt Darauf vertagt sich die Kammer auf unbestimmte Zeit.
Gießener Angelegenheiten.
„Unser“ Abgeordneter,
der Ur⸗Teutone Köhler, Bürgermeister von Langsdorf, überraschte„seine“ Wähler am Montag mit einer feierlichen Prokla⸗ mation. Diese schrieb er im Reichstag Sonntag in aller Herrgottsfrühe nieder, jeden⸗ falls, weil er vor Langweile nicht mehr wußte, was er treiben sollte.„Die Gießener sollten auch mal was von mir hören“ wird er sich gesagt haben und verkündete, daß der Zolltarif ein Verrat am deutschen Bauernstande sei, dem er den„allerverderblichsten Schaden“ zufüge, und daß er, nämlich Köhler, nebst seinen Mit⸗Antesemiten dagegen gestimmt habe. Schließlich setzte er den Beginn eines neuen Bauernkrieges auf den 14. Dez. 1902 fest und dann sandte er das epochemachende Schrift⸗ stück an das Gießener Amtsblatt. Mit Fleiß studirten es Montag Abend dessen Leser. Viele schüttelten den Kopf, andere waren so unverschämt über den ernsten und feierlichen Brief ihres Volksvertreters zu lachen. Und das waren die meisten! Na, mögen die Frevler lachen! Jetzt soll aber einer auftreten, der da sagt, Köhler wäre nie im Reichstage gewesen, sofort wird ihm der vom Reichstage 14. Dez. 1902 morgens ½5 Uhr datirte Brief unter die Nase gehalten. 8 In gelungener Weise verzeichnet unser Offen⸗
bacher Parteiorgan diesen Aktus.
„Als kerndaitscher Mann, als„freier Franke“ sagt es, hat Herr Köhler einen unüberwind lichen Ekel vor dem großen Wendendorf Berlin. Gewiß hat der Langs dorfer Bürgermeister auch nicht ganz so Unrecht, wenn er sich sagt, aich bleib derham, dann vertret aich mei Gäißer Wähler besser, als wenn aich mich unner die „Jidde un Junker“ in Berlin mische. Aber in der Nacht zum vorigen Samstag schlug dem Volksvertreter doch das 7 Mk. 50 Pfg.⸗Zoll⸗ Gewissen, und er gondelte vom hessischen Langs⸗ dorf nach dem Wendendorf an der Spree. Aber erstaunt musterte ihn der Portier, der im Reichstag an der Pforte zur allerheiligsten Zollwucherstube Wache hält. Soeben hatte der treuer Hüter kopfschüttelnd ein halbes Dutzend feister Pfäfflein passieren lassen, die er noch niemals gesehen hatte, die aber als gute Christen 14 Tage vor Weihnachten gekommen waren, den Armen Brod und Fleisch verteuern zu helfen. Nan aber, als der nie dagewesene „Vertreter“ für Gießen⸗Grünberg⸗Nidda auf der Bildfläche erschien, wurde dem Portier die Geschichte doch bedenklich. Ei, zum Donner⸗ wetter, sagte er sich, da kommt schließlich Hinz und Kunz, markirt den Abgeordneten und stimmt für die Müller und Schulze, die hier kein Mensch kennt. Er fragt also den Unbe⸗ kannten:„Was wollen Sie hier, wer sind Sie?“
die auch bald zu schießen anfingen. Venezuela
soll deutsche Forderungen aus den letzten Bürger⸗
„Aich, wer aich sein? Aich sein der Borge⸗ master von Langsdorf.“


