Ausgabe 
21.12.1902
 
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SS SGS S SDS.

Seite 2.

Mitteldeuliche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 51.

Der Sieg der Zöllner war kein Sieg in offner Feldschlacht, kein Kampf mit reinen Waffen. Ehrlichen Kampf, geistige Waffen verschmähte die Mehrheit; sie war sich bewußt, die Wirkung der Oppositions reden auf das Volk nicht mindern, nicht abschwächen zu können. Die Zöllnermehrheit machte sich eine eigene Geschäfts ordnung für ihren Beutezug zurecht, um die wichtigste wirtschaftliche Vorlage, die den Reichstag seit vielen, vielen Jahren beschäf⸗ tigt hat, unter Vermeidung jeder sachlichen Diskussion im Handumdrehen zu erledigen und den Raub heimzubringen. Durch Gewaltstreiche hinderte man die sachliche Beratung. Das Volk soll die drohenden Gefahren nicht kennen lernen. Kein Mensch kann aber die Diskussion hindern. In jeder Versammlung, in jeder Werkstatt, wo nur Leute aus der Arbeiterklasse zusammen kommen, wird das schamlose Treiben der Schlot⸗ und Krautjunker gebührend ge⸗ würdigt werden. Weit entfernt uns zu ent⸗ mutigen, bietet uns die Annahme des Wucher⸗ tarifs ein treffliches Agitationsmittel, das wir nach Kräften benutzen werden. Wir werden den Kampf fortsetzen, bis wir unser Ziel: die Be⸗ seitigung der Ausbeutung und Unter⸗ drückung in jeder Form, erreicht haben.

Von der Verhandlung am Mittwoch und Donnerstag, wo die zweiteLesung des Wuchergeseßes fortgesetzt und beendet wurde, ist wenig zu sagen; das Schauspiel der vorher⸗ gehenden Tage wiederholte sich, nichtssagende Referate über die Kommlssionsverhandlungen, sobald einer der Zöllnerpartei der Berichterstatter war. Eine Beratung der einzelnen Positionen ließ die Mehrheit einfach nicht zu. Am Frei⸗ tag mußte ausgesetzt werden, weil nach der Geschäftsorduung die zweite und dritte Lesung von einer Zwischenpause von mindestens einem Tage unterbrochen sein muß. Samstag be⸗ gann also die dritte Lesung mit der üblichen Generaldebatte, welche die Zöllner bald durch

einen Schlußantrag zu beendigen hofften. Es

sollte aber nicht so schnell gehn. Schrader vom Freisinn protestirte zunächst gegen die Wiederholung der ungesetzlichen Beratung im Ramsch. Darum kümmert sich aber die Mehr⸗

heit nicht, sie pfeift auf das Gesetz. Reichs⸗

kanzler Graf Bülow verlas dann eine längere Erklärung. Er unterbrach die Vorlesung nur, um sich in pathetischer Weise gegen das schallende Gelächter zu verwahren, das auf der Linken losbrach, als er die geistreiche Theorie von der Unterscheidung von Gerste und Malgzgerste vor⸗ trug. Im weiteren sagte er in geschraubten Wendungen, daß die Regierung all' die zahl⸗ reichen Ungeheuerlichkeiten verschlucke, die sie im Sommer dutzendmal als un annehmbar bezeichnet hat. Als er am Schluß seiner Vor⸗ lesung wagte, den Tarif mit demSegen des deutschen Volkes in Verbindung zu bringen, da brach stürmiger Widerspruch auf der Linken los.Der Fluch des deutschen Volkes rief Genosse Ulrich mit erhobener Stimme. Die Unruhe, vie darüber enstand, verschlang fast völlig den spärlichen Beifall, den die Mehrheit ihrem Reichskanzler zollte.

Bündler Wangenheim erklärte die Zollbeute für zu geringfügig; Eugen Richter sprach gegen den Tarif, erzielte aber keinen großen Eindruck. Um so wirkungs⸗ voller sprach Molkenbuhr. Schlagend wies unser Genosse nach, daß auch jetzt wieder, wie so oft, die Sozialdemokratie es ist, die das wahre Interesse der bürgerlichen Gesellschaft gegen das Gros der bürger⸗ lichen Parteien selbst verteidigt. Der alte Zentrums⸗ graf Hompesch hütete sich sehr wohl, auf das un⸗ widerlegliche Tatsachenmaterkal einzugehen, das Mollen⸗ buhr dem Hause vorgeführt hatte; er beschränkte sich auf eine kurze, dem Zentrum sumfall beschönigende Er- klärung. Der Demokrat Haußmann sprach zuletzt in der Generaldebatte. Darauf gab es einen Geschäfts⸗ ordnungsstreit. Unsere Genossen wollten die Pofitionen einzeln beraten haben, was die Mehrheit natürlich ab⸗ lehnte. In der Spezialdiskussion wandte sich erst Rösicke gegen die Heraufsetzung des Zolles auf Brau⸗ gerste; dann sprach Kardorff. Dieser war schneller fertig, als Spahn den beabsichtigten Schlußantrag ein- bringen konnte, es erhielt deshalb unser Genosse Antrick das Wort, der von Uhr bis 11½ Uhr nachts sprach, also

eine achtstündige Rede, die längste, die je im Reichstage gehalten wurde, leistete. Mit der allergrößten Gewissenhaftigkeit begründete unser

Genosse die Anträge unserer Fraktion zum§ 1 der Vorlage jenen Monstreparagraphen, der Dank dem Antrage Kardorff die mehr als 900 Paragraphen des Zolltarifs umschließt. Selbstredend fehlte der zolltollen Mehrheit die Geduld, die strafende Rede anzuhören. Sie schlief,, trank, promenierte, lärmte, skandalierte; wo immer unser Genosse anstieß, setzte sie mit einem mißlautenden Konzert ein, das die Nachahmung der diversen Tierstimmen markiren sollte. Aber Genosse Autrick ließ sich nicht beirren. Mit stoischer Ruhe sprach er weiter. Reichskanzler Graf Bülow nahm sein mehrgängiges Diner ein, rauchte seineHabanna zur Verdauung. Als er, behagliche Sättigung auf dem glatten Antlitz, wieder eintrat, hörte er Antrick weiter reden. Er machte gute Miene zum bösen Spiel, dieweil seine Verständigungsbrüder von der Mehrheit aufs Neue das Restaurant bevölkerten. Die elektrischen Lampen erloschen und senkten sich langsam herab. Der Vorsitz wechselte mehrmals unter dem Präsidenten. Von Zeit zu Zeit erschien die Mehrheit im Saale und lärmte. Aber Antrick ließ sich nicht beirren. Erst um 12 Uhr schloß er seine Rede mit einer sehr wirkungsvollen, strafenden Apostrop;he an die Mehrheit. Begeisterter Beifall aus unseren und nicht blos aus unseren Reihen belohnte den tapferen Kämpfer, als er ohne Zeichen von Ermüdung die Tribüne verließ. Und nun schien es die Mehrheit darauf abzusehen, diesen in der Geschichte des Parlamentarismus ewig denkwürdigen Sessionsabschnitt in ihrer Art würdig zu beschließen. Es erfolgten eine Reihe von Rechtsbrüchen, zu denen zuletzt sogar der Prästdent Graf Balle strem die Hand bot, der solange nicht ohne Erfolg und Geschick die Rolle des Unpartetischen gespielt hatte. Die parlamen⸗ tarische Guollotine arbeitete in erschreckender Weise. Ein Schluß- und ein Tagesordnungsantrag jagte den andern. Die Abstimmungen nahmen ca. 3 Stunden in Anspruch. Natürlich siegte die Verständigungs⸗Mehrheit auf der ganzen Linie. Um Uhr fand die letzte Abstimmung statt. Das Zolltarif-Gesetz wurde um 4 Uhr 40 Min. Morgens angenommen. it brüllendem Hurrah! begrüßte die Mehrheit das Resultat, die Linke rief ein kräftiges Pfui! dazwischen und verläßt wenigstens die Sozialdemokratie und die freisinnige Ver⸗ einigung den Saal, um die unter diesen Umständen wie blutiger Hohn klingenden Weihnachtswünsche des Präsidenten nicht entgegennehmen zu müssen.

Die Macher des Hungertarifs gönnen sich nach dieser Anstrengung Ruhe bis zum 13. Jan.

Zur Krupp-Affaire.

Das Strafverfahren gegen den Vorwärts wegen des Krupp⸗Arxtikels ist eingestellt! Der Berliner Oberstaatsan⸗ walt teilte unserm Zentralorgan am Montag mit, daß er die weitere Strafverfolgung nicht mehr im öffentlichen Interesse liegend erachte, weil Frau Krupp, durchdrungen von der Schuld⸗ losigkeit ihres Gatten, wünsche, daß der Streit um den Verstorbenen zur Ruhe komme und ihr an der Bestrafung der Urheber und Ver⸗ breiter der Gerüchte nichts mehr gelegen sei. Unsere Genossen werden von dieser Nachricht einerseits mit Befriedigung Kenntnis nehmen. Denn an den Artikel desVorw. und den Tod Krupps knüpfte sich eine Hetze gegen die Sozialdemokratie so schamlos und niederträchtig, wle wir sie seit den Hödel⸗ und Nobiling⸗Atten⸗ taten wohl noch kaum wieder erlebt haben. Jedes Winkelblatt sple seinen Geifer gegen unsere Partei; jedes Amts⸗ und Pfaffenblatt fühlte sich verpflichtet, an dem Falle Krupp die abgrundtiefe Verworfenheit der Sozialdemo⸗ kratie seinen Lesern vorzuführen. Dem Vor⸗ wärtsredakteur stellte man schwere Zuchthaus⸗ strafe in Aussicht und wohl auch mancher Genosse fürchtete ein schlimmen Ausgang der Krupp⸗Affaire für den Vorwärts. Und nun? Das ist das Ende des Getöses, das künstlich gegen die E ozialdemokratte entfacht wurde schreibt unser Zentralorgan.Wir aber nehmen die Einstellung des Verfahrens mit derselben Gelassenheit auf, mit der wir seine Eröffnung erfuhren. Wir waren auf diesen Ausgang ge⸗ faßt. Er war die einzig mögliche Lösung. Dann bedauert derVorw., das er nicht Ge⸗ legenheit hatte, vor Gericht die Reinheit seiner Motive zu beweisen und sagt, daß er den Fall Krupp um des§ 175 willen er⸗ örtert habe. Erst nach langem Sträuben habe er sich auf Drängen wissenschaftlicher Fachleute zur Publikation entschlossen.

Das Bedauern desVorw., daß es nicht zur Gerichtsverhandlung kam, teilen wir. Es

wäre unsern Genossen dann moglich gewesen, bie Wahrheit ihrer Behauptungen vor aller Welt nachzuweisen. Ihre Richtigkeit wird aber auch schon durch die Einstellung des Strafverfahrens zugegeben. Denn wenn man nicht gewußt hätte, daß derVorw. den Wahrheitsbeweis führen kann, so wäre nie und nimmer das Blatt außer Verfolgung gesetzt worden.

Wird nun aber die gegnerische Presse ihre niedrigen Beschimpfungen zurücknehmen? Werden diejenigen Blätter, welche die Genossen vom Vorwärts Verleumder und Mörder titulirten, Abbitte leisten? Es wird ihnen nicht einfallen. Sie werden im Gegenteil weiter frisch drauf los verleumden, in der Hoffnung, daß doch etwas hängen bleibt. Das Volk wird aber hoffentlich darauf die richtige Antwort geben.

* Spruch. Wenn Wahrheit ruft nach Zeugen, Doch bang kein Mund das Schweigen zu brechen wagt, Beschäme du die Feigen: Sprich unverzagt. Freiherr v. Wessenberg.

Politische Rundschau.

Gießen, den 18. Dezember.

Wie die Krupp⸗Kundgebungen gemacht werden.

Wir haben in der letzten Nummer schon mitgetheilt, daß auf dem der Firma Krupp gehörigen Grusonwerke in Buckau bei Magde⸗ burg, zwei Dreher, Kutzner und Andre entlassen wurden. Selbstverständlich muß⸗ ten die Arbeiter unterschreiben, weun sie nicht mit ihren Familien dem Hunger preisgegeben sein wollten. Die Namen der Arbeiter, die unterzeichnet hatten, wurden dann in derMagde⸗ burger Ztg. veröffentlicht. Das ist aber den Arbeitern vorher nicht gesagt worden. Unter einander haben ste, als sie die Listen zirkulieren sahen, beschlossen sie, feste drauf los zu lügen. Da sie sahen, wie streng darauf gehalten wurde, daß sämtliche Arbeiter unterschrieben, Wider⸗ stand also Hunger und Kälte für sie bedeutete, gaben sie die Parole aus: Es wird gelogen! Gelogen ist es, daß sie es ernst meinten, wenn sie den Satz von denVerleumdern unter⸗ schrieben, gelogen ist es, wenn ste unterschrieben, daß siedie Frevler verabscheuen. Wollt Ihr, daß wir wider unsere Ueber⸗ zeugung unterschreiben gut, so heucheln wir eben. Das thut schließlich noch nicht so weh wie der Frost und der Hunger! Also sprachen alte, ergraute Arbeiter. Ja, unter den ver⸗ öffentlichten Namen befinden sich solche von alten und tüchtigen, ehrlichen Sozialdemokraten, und eine ganze Anzahl Derer, die soeben mit Wut und Groll im Innern die Adresse unter⸗ schrieben, saßen eine Stunde später mit den Vertrauensleuten der sozialdemokratischen Par⸗ tei zusammen, um in ernster Beratung weitere Schritte gegen die Politik der Gewissensknech⸗ tung zu unternehmen. Parteigenossen, die seit 20 und mehr Jahren in der Partei eifrig tätig sind, haben die Adresse unterschrieben und es ist ihnen, als sie das Schlcksal Kutzners und Andres erfuhren, gar nicht einmal schwer ge fallen, zu heucheln!

Die Erregung über die Erpressung der Unterschriften ist unter den Arbeitern ungeheuer. Zu t der BochumerArbeiter⸗Kundgebung, die mir in letzter Nr. ebenfalls erwähnten, schrieb unser dortiges Parteiorgan:

Zur Ehre der Bochumer Arbeiterschaft kann konstatirt werden, daß bis zur Auflegung des Machwerks auf den Hütten- und Zechenbüreaus auch nicht ein einziger Arbeiter auch nur passiv beteiligt war. Irgend ein Kapi⸗ talistenknecht hat das Schandwerk, das nun von jeder Seite verleugnet wird, zurecht ge⸗ drechselt. Nun sorgt die Hungerpeitsche

dafür, daß es Unterschriften bekommt. Die

Arbeiterschaft wäre wirklich wert, wie die Hunde behandelt zu werden, wenn sie auf solche Niedertracht bei der nächsten Wahl nicht die rechte Antwort gäbe.

daß

Hand geri,

800 legte leute