Ausgabe 
21.12.1902
 
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Giesen, Sonntag, den 21. Dezember 1902.

9. Jahrg.

Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.

Mitteldeutsche

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Arbeiter, Parteigenossen,

Freunde!

Neue schwere Lasten sind dem arbeiten⸗ den Volke durch die Annahme des Zoll⸗ tarifs auferlegt. Arbeitslosigkeit, Lohn⸗ drückerei verschärft die Notlage, zwingt tausende Arbeiterfamilien zu Entbehrung. Dabei wird in schamloser Weise gegen unsere Partei, die einzige Vertreterin der Besitzlosen, gehetzt. Arbeiter, Klein⸗ bauern, Handwerker wehrt Euch! Schließt Euch der Sozialdemokratie an! Tretet in ihre Vereine ein! Vor allem aber sorgt für die weiteste Verbreitung der sozialisti⸗ schen Presse! Werbt fleißig Abonnenten für die Mitteldeutsche Sonntags⸗ Zeitung!

Armat und Kirche.

Nicht blos in Gemäldesammlungen, wo der Künstler auf zahlreichen Bildern üppige, blühende, feiste Klostergestalten festgehalten hat, sondern auch sonst im Leben kann man sich genugsam überzeugen, wie vortrefflich der hohen Geistlich⸗ keit Fastenspeisen und Andachtsübungen be⸗ kommen. Die Kirche weiß eben am Besten den wahren Wert ihrer Lobgesänge auf die Armut zu schätzen. Zunächst kann es freilich Wunder nehmen, daß die Kirche das Verdienst der Ar⸗ mut so gerne Anderen überläßt, dagegen selbst unbegrenzte Reichtümer ansammelt. Sie weiß, warum sie nicht selbst mit gutem Beispiel vor⸗ angeht. Noch immer hat es sich an einer voll⸗ hesetzten Tafel besser leben lassen als an einem kargen Tische, auf dem sich spärliche Brosamen befinden. Und je massenhafter die beweglichen Reichtümer der Kirche werden, je mehr sich ihr Grundbesitz vermehrt, je mehr die werbende, konzentrierende Kraft des Kapitals sich geltend macht, desto mehr muß die Kirche das Lob der Armut singen, um in den Massen keine Gedanken aufkommen zu lassen, daß das Leben hienieden auch wirklich wert sein muß, gelebt zu werden. f

Hat das Christentum etwa die Armut aus der Welt geschafft? Nein; die Kirche ist zwar reich geworden und wird es von Tag zu Tag mehr, die Armut der Massen aber ist geblieben. Und verwendet die Kirche etwa ihre Reichtümer, um der Armut, dem Elend abzuhelfen? Fällt ihr gar nicht ein. Wozu hätten auch die Armen die Aussicht, sich im Jenseits satt zu essen, warm zu kleiden und gehörig auszubilden? Das muß doch erkauft werden. Merkwürdig, daß die salbungsvollen Prediger der Armut zwar gier unten allen möglichen Genüssen huldigen, aber gar kein Gewicht darauf legen, im Jenseits ebenso ver⸗ sorgt zu werden. Der Wechsel auf die himm⸗ lichen Freuden scheint bei seinen Ausstelhern selbst am Geringsten bewertet zu werden. Wie selbstlos von den Herren, den Himmel für die Hungrigen und Frierenden zu reserviren! Da die Armut dort oben in den Wolkenregionen ihren reichlichen Lohn finden soll, so tut eigent⸗

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lich die Kirche, die ja auch die Ketzer nur deren Seelenheil zuliebe verbrannt hat, noch ein gutes Werk, wenn sie die Armut möglichst fördert und vermehrt. Vielleicht sammelt die Kirche deshalb so viele Reichtümer, um die Zahl der Himmelspenstonäre tunlichst zu vergrößern!

Kirchenbaulotterien sind an der Tages⸗ ordnung. Nicht als ob das Bedürfnis nach geistlicher Kost so gewachsen wäre, aber der Vorstadt⸗ und Gemeindepartikularismus ver⸗ langt es, daß die Zahl der Kirchen im gleichen Maße erhöht wird, wie die Zahl der Hungrigen und Arbeitslosen wächst. Die Einrichtung von Volksküchen, Wärmestuben, Kinderasylen, Ar⸗ beiterwohnungen, Wöchnerinnen- und Genesungs⸗ heimen, Krankenhäusern und Erziehungsanstalten wäre zwar an sich notwendiger. Aber da er⸗ fahrungsgemäß Satte und Gesunde weniger Sehnsucht nach dem himmlichen Jenseits besitzen, so ist es erklärlich, daß in unserer Krisenzeit Kirchen wie Pilze aus der Erde schießen. Ge⸗ wisse Leute haben dabei günstige Gelegenheit Orden und Titel einzuheimsen. Warum sollte man da nicht Kirchen bauen, da ja doch die Armen ins Jenseits kommen und daher einer entsprechenden geistlichen Vorbereitung dringend bedürfen?

Bekanntlich macht die Kirche keinen Unter⸗ schied zwischen Arm und Reich. Ihr ist der Eine so lieb wie der Andere, wenn er nur fleißig betet und zahlt. Besonders Testamente eignen sich vorzüglich, um sich bei der Kirche ein gesegnetes Andenken zu sichern. Da aber der Arme nichts hat, worüber er testiren kann, seine Schulden und Sorgen kann doch die Kirche unmöglich übernehmen so wird es doch notwendig, dem Reichen erhöhte Sorgfalt zuzuwenden. Man besorgt dies zu seinen Leb⸗ zeiten und auch später. Ebenso wie vor der Kirche sind auch im Tode alle Menschen gleich. Damit soll nach kirchlicher Auffassung natürlich nur gesagt sein, daß im Tode Alle tot sind, nicht aber, daß die Kirche dem Verstorbenen gleiche Ehre zu bezeugen habe, gleichviel, ob es sich um einen reichen Bauern oderblos um einen Arbeiter handelt. Klasseubegräbnisse existiren bekanntlich nur bei den Wilden, bei uns aber giebt es weder bei Begräbnissen noch sonstwie Klassen. Brüderliche Liebe herrscht allgemein und überall, und der ist der liebste Bruder, welcher mit dem geringsten Lohn und der längsten Arbeitszeit zufrieden ist.

Die Kirche liebt überhaupt den Arbeiter. Zu diesem Zwecke fördert sie alle Bestrebungen, welche dazu dienen, die Solidarität der Arbeits⸗ genossen in Stücke zu zerreißen; zu diesem Zwecke stellt sie sich offen auf die Seite der kapitalkräftigen Unternehmer, um derengute Sache nach Kräften zu unterstützen. Der ein⸗ zelne Arbeiter ist eine Null, die Arbeiter in ihrer Gesamtheit sind die Macht, die Kraft, welcher der Welt gebieten wird. Das weiß Niemand besser als die Kirche. Und deshalb ist sie eifrig bemüht, konfesstonelle Arbeiterver⸗ eine zu gründen und Zwietracht in die Arbeiter⸗ reihen zu säen. Denn gelingt es ihr, Arbeiter und Handwerker konfesstonell zu verhetzen und dadurch ihre Stärke lahmzulegen, gelingt es ihr, Bresche zu schlagen in das geschlossene Bollwerk der produzierenden Arbeitermassen, dann triumphirt nicht nur das geistesverwandte Unternehmertum, sondern die Kirche hat auch

ihre Reichtümer gestchert, sie kann nach Herzens⸗ lust Bildung und Aufklärung ersticken und der dann mit Blindheit geschlagenen Masse auf's Neue den Fuß auf den Nacken setzen.

Darum muß die Sozialdemokratie als die Partei befreiender Erlösung mit aller Entschiedenheit auf die in der Grün⸗ dung konfessioneller Vereine deutlich zu Tage tretenden Absichten hinweisen, sie muß den Ar⸗ beiter, insbesondere auh die Arbeiter frau, über die eigennützigen Pläne der Kirche auf⸗ klären, sie muß mit aller Kraft auf die ge⸗ schlossene Solidarität und Einmütigkeit der besitzlosen Masse hinarbeiten, sie muß aber auch die religiöse Ueberzeugung des Einzelnen schonen. Es giebt ebensowenig eine freireligiöse Sozial⸗ demokratie, wie es eine katholische giebt. Die Sozialdemokratie wird nicht in den Fehler des modernen Staates verfallen, der sich christlich nennt, ohne es zu sein und sein zu können. Die Sozialdemokratie kennt keine Konfessionen, kennt keine Rassen, sie kennt nur Ausbeuter und Ausgebeutete, sie kennt nnr eine große einheitliche, stegesfrohe und zielbewußte Arbeiter⸗ bewegung, sie kennt aber auch deren Feinde, gleichviel unter welchem Rock und unter welcher Maske sie sich verbergen. Fr. T.)

Die Zollbeute ist in Sicherheit!

Vorigen Sonntag früh, also am heiligen dritten Advents⸗Sonntage hat der deutsche Reichs⸗ tag den Hungertarif in dritter Lesung mit 202 gegen 100 Stimmen angenommen. Damit hat die Reichstagsmehrheit, haben die Beutepolitiker dem deutschen Volke ein Weih⸗ nachtsangebinde verschafft, woran es lange denken wird. Sie haben das arbeitende Volk auf Jahre hinaus zum Hunger verurteilt! Die das Christentum stets im Munde führen, die auf den Kanzeln christliche Nächstenliebe allsonntäglich predigen, sie haben den Sonntag geschändet, um ein Werk zu vollenden, das den Armen das tägliche Brot nimmt.

Allzuleicht ist den modernen Raubrittern der Sieg allerdings nicht geworden. Sie mußten Nacht⸗ und Sonntagsruhe opfern, bei⸗ nahe 19 Stunden ununterbrochen dauerte die Sitzung! Noch elnmal versuchte die Vertretung des ausgebeuteten Volkes das unheilvolle Werk zu hindern. Bis zum letzten Augenblick hat die Sozialdemokratie gekämpft, jeden fußbreit Bodens hat sie verteidigt aber einer zu jedem, und sei es noch so schreienden Unrecht und empörenden Rechtsbruch entschlossenen Mehr⸗ heit muß eine nur mit der Masse des Rechts kämpfenden Minderheit schließlich doch unter⸗ liegen. Und diese Mehrheit war zu allem entschlossen und brauchte keine Rücksicht mehr auf Würde und Recht zu nehmen, denn beides hatte sie längst mit Füßen getreten. Weshalb sollte sie in der dritten Lesung mehr Scham zeigen, als in der zweiten? Und so häufte sie denn auf alle vorhergegangenen Schamlostg⸗ keiten die letzte und größte und entsetzlichste, sie peitschte ein Gesetz von einer Bedeutung, wie sie nur selten einer Parlamentsvorlage zukommt, in der letzten entscheidenden Beratung in einer Sitzung durch!

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