Ausgabe 
21.9.1902
 
Einzelbild herunterladen

Sete 4.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 38.

beit macht Flüsse schiffbar. Alle Universitäten und Schulen sind das Erzeugnis von Arbeit. Arbeit hat die Wissenschaft möglich gemacht, und doch jetzt hat man drei Mann für jede Stelle, weil Einzelne Alles sich angeeignet haben. Durch das viele Angebot sind die Löhne gefallen, es werden Bettler, Vagabunden und Verbrecher gemacht.

Sozialismus ist die einzige Rettung aus dem Sumpfe der heutigen Arbeitersklaverei.

Und Sozialismus wird kommen, Niemand kann ihn aufhalten, er ist einfach eine natür⸗ liche Notwendigkeit, der nächste Schritt vorwärts in der Zivilisation; so wie der Kapi⸗ talismus den Feudalismus abgelöst, wird die sozialistische Gemeinschaft, die Brüderschaft aller Menschen, den Kapitalismus entthronen. Alle Verleumdungen, alles Werfen von Schmutz wird hieran nichts ändern.

Dieser Mann scheint sein Evangelium mit mehr Verständnis gelesen zu haben als die Herren, die auf der Zentrumsparade in Mann⸗ heim das große Wort führten. Die gescheitelten und geschorenenDiener Gottes, die ihre Auf⸗ gabe in der Verunglimpfung des Sozialismus und der Verdächtigung seiner Anhänger erblicken, sollten an dem amerikanischen Pastor ein Bei⸗ spiel nehmen.

rr

pon Uah und Lern. hessisches.

Zu den Landtagswahlen. In diesem Wahlkampfe, der allerdings erst in einigen Orten schwach eingesetzt, tritt dieeine reaktio⸗ näre Masse in Erscheinung. Das Zentrum zeigt Neigung, sich mit den Nationalliberalen zu verbünden und die beiden schließlich noch mit den Antisemiten gegen die Sozialdemokraten. Sowohl in Mainz wie in Offenbach ist das Zustandekommen eines solchen Kuddelmuddels gar nicht ausgeschlossen. Wie aus den Aeuße⸗ rungen eines Pfaffenblattes in Mainz hervor⸗ geht, möchte man besonders dem Genossen Ulrich in Offenbach das Mandat entreißen. Daß unter den bürgerlichen Parteien überhaupt kein großer prinzipieller Unterschied besteht, das weiß ja beinahe jedersozialdemokratische Säug⸗ ling. Je eher sie zusammenfließen, desto besser. Dann giebts freie Bahn. Unsere Mainzer und Offenbacher Genossen werden ihren Mann stellen.

Gießener Angelegenheiten.

Für Gründung eines Arbeiter⸗

turn vereins zirkulieren gegenwärtig die Listen zur Unterschrift innerhalb der Gewerkschaften. Wir sind gewiß keine Freunde von vielen Ver einsgründungen, aber wir möchten doch be sonders unseren jüngeren Freunden und Ge werkschaftsmitgliedern den Beitritt zum Turnverein empfehlen. Richtig ist allerdings, daß viele Arbeiter nach des Tages Mühe nicht besonders geneigt sind, sich turnerisch zu be thätigen, aber anderseits läßt sich der Nutzen der Turnerei für den Körper nicht wohl in Abrede stellen. Es giebt auch noch viele Ar⸗ beiter, die viel Vergnügen daran finden. Aber sollen unsere Arbeiter bei den patriotischen Turnern eintreten, und sich da zum Hanswurst für andere Leute hergeben? Wir meinen, die Arbeiterturnvereine sind ganz am Platze. Bei Arbeiterfesten können sie viel zur Verschönerung des Programms beitragen. Was beispielsweise die Münchener Arbeiterturner bei dem am Montag zu Ehren des Parteitages veranstalteten Kellerfest im Hackerbräusaale boten, war geradezu staunenswert. Wir gestehen, selten solche turne⸗ rischen Leistungen gesehen zu haben und die Tausende von Besuchern waren des Lobes voll. Wer also Lust zum Turnen hat, zeichne sich auf die Liste für einen Arbeiterturnverein in Gießen ein! . Geschäftsflauheit in der Gießener Zigarren-Industrie. Der Bericht der Gießener Handelskammer sagt über die Zigar⸗ ren⸗Industrie in Oberhessen:

Die Rauchtabakfabrikation, die schon seit Jahren einen recht schweren Kampf kämpfe, um nur einigermaßen den Umsatz auf der bis

herigen Höhe zu halten, hat dies im abgelaufenen Jahr nur durch Opfer für höhere Verkaufs- spesen erreicht. Teils hierdurch, teils durch die sehr hohen Preise der amerikanischen Faß⸗ tabake, sowie durch die allgemeine ungünstige Geschäftslage, die sich namentlich in schlechtem Geldeingang zeigte, ist der Verdienst zurückge⸗ gangen, und er steht in keinem Verhältnisse zu der aufgewandten Mühe und zu dem großen Ristko, das mit dem immer längeren Ziele verbunden ist. Auch die Cigarren-Industrie klagt über mangelnden Absatz und über hohe Preise des Rohmaterials, während andererseits die Ansprüche der Kundschaft in Bezug auf Ausstattung usw. gesteigert sind. Dadurch und durch Zinsverluste infolge langer Kredite ist der Nutzen der Fabrikation nur ein geringer. Wenn, so führt der Bericht aus, Arbeiterent⸗ lassungen noch nicht oder doch nur ganz ver⸗ einzelt stattfanden, so lag dies daran, daß die Unternehmer geschultes Personal nicht ziehen lassen wollen und daher lieber auf Vorrat haben arbeiten lassen. Das sollte für die Arbeiter ein Ansporn zur Vereinigung sein!

Aus dem Rreise Kiedherg-Püdingen.

Zur Landtagswahl. Aus Fried⸗ berg schreibt man uns: Unsere Stadt wurde, wie allgemein bekannt sein dürfte, bisher von demberühmten Nationalliberalen Jöckel im Landtage vertreten. Zur bevorstehenden Neu⸗ wahl wurde nun als Gegenkandidat der frei⸗ sinnige Beigeordnete Damm von Friedberg aufgestellt. Da es unseren Parteigenossen in⸗ folge des indirekten Wahlsystems nicht möglich ist, eigene Wahlmänner zu bekommen, so wurde beschlossen, nachdem uns Herr Damm die Ver⸗ sicherung gegeben hat, daß er für ein allge⸗ meines, gleiches, geheimes und direktes Wahl⸗ recht ohne Kautelen eintreten werde, für den⸗ selben mit aller Kraft einzutreten. Die Partei⸗ genossen wollen deshalb mit aller Energie die Agitation betreiben. Es muß eine Ehrensache sein mitzuhelfen, damit wir von dem bekannten Erzreaktionär befreit werden.

Aus dem Rreise Wetzlar.

r. Lehrlingszüchterei engros wird in der C. schen Fabrik technischer und mecha⸗ nischer Apparate betrieben. Bei nur 6 Gehülfen sind dort 10 bis 12 Lehrlinge beschäftigt. Die Behandlung der Jungen läßt sehr zu wünschen übrig. Während doch in jeder Werkstelle für Frühstück und Vesper, wenn auch nur eine kurze Pause gemacht wird, kennen die Jungen solche nicht und oft genug wirds abend 9 bis 10 Uhr, ehe die Kerlchen aus der Werkstatt gelassen werden. Hier sollte doch einmal die Gewerbeinspektion etwas eingreifen. An Prügel fehlt's auch nicht, bei jeder Kleinig⸗ keit regnet's Ohrfeigen und es ist nur verwunder⸗ lich, daß von den Eltern der Jungen dem Prügelhelden nicht ganz gehörig die Meinung gesagt wird.

Pfäffische Aufdringlichkeit. Folgendes famose Schreiben sandte der Pastor Knieper in Krofdorf einem dortigen Ein⸗ wohner:

Hierdurch teile ich Ihnen ergebenst mit, falls Ihr Sohn Ferdinand nicht bis morgen Abend bei mir er⸗ scheint und erklärt, daß er am Sonntag zur Christen⸗ lehre kommen will, ich folgendes von der Kanzel am nächsten Sonntag bekannt machen werde:Dem F. J., Sohn von Gg. J. in Krofdorf, ist bis auf Weiteres das Recht der Taufpathenschaft entzogen worden, weil er trotz wiederholter Aufforderung nicht zur Christenlehre erschienen ist. Ich bemerke noch, daß Ihr Sohn der Erste sein wird, welcher von der Taufpathenschaft aus⸗ geschlossen wird, weil mir von keinen Eltern, die ich besucht habe, direkt erklärt worden ist, daß sie ihre Kinder nicht schicken würden, ich habe vielmehr bei Allen freund⸗ liches Entgegenkommen gefunden. Sodann muß ich Ihnen und Ihrer Frau als Ihr Seelsorger noch ein Wort sagen. Ob Sie jetzt dasselbe annehmen werden, bezweifele ich freilich, aber ich hoffe, daß Sie sich des⸗ selben doch noch einmal erinnern werden, wenn auch erst in der Stunde des Todes. Aus Ihrem Verhalten habe ich die Ueberzeugung gewonnen, daß Sie beide sich bis jetzt sehr wenig um Ihre unsterbliche Seele und die Ewigkeit gekümmert haben. Es wird deshalb die höchste

Zeit, daß Sie es thun. Sie müssen einmal sterben, vielleicht bald, vielleicht noch in diesem Jahre. Und wenn Sie sterben, ohne der Vergebung Ihrer Sünden gewiß zu sein, so gehen Sie verloren. Denn glauben Sie nur: es ist mit dem Tode nicht aus, sondern es giebt eine Ewigkeit. Mitt dem Grundsatz:Thue recht und scheue niemand, können Sie vor Gott nicht bestehen; denn kein Mensch thut recht, auch Sie nicht, sondern Sie übertreten Gottes Gebote und sind ein Sünder, wie ich und jeder andere Mensch...

So gehts noch eine Zeitlang weiter. Ob die angedrohte Kirchenstrafe über denBurschen verhängt wurde, entzieht sich unserer Kenntnis. Für die Beurteilung der Sachlage ist es auch gleichgiltig. Die ganze Zuschrift zeugt von einem Geiste zelotischer Unduldsamkeit, wie er krasser wohl kaum in den finstersten Zeiten des Mittelalters zur Geltung gekommen ist. Das ganze Register christlicherHeilswahrheiten von der unsterblichen Seele bis zur Todesfurcht mit ihren im Hintergrund schlummernden Höl⸗ lenstrafen muß herhalten, um eine widerhaarige Seele zu retten bezw. um die geistige Knech⸗ tung auch nach dem Religionsunterricht der Schule und der Konfirmationszeit fortzusetzen. Es ist fraglich, ob die angedrohte Kirchenstrafe auf den jungen Mann so einschüchternd wirken wird, daß er sich auch in Zukunft der kirch⸗ lichen Geistesfrohn willen⸗ und widerstandslos unterwirft. Eher steht das Gegenteil zu er⸗ warten. Dem wohlfeilen Rat an die Eltern, über ihr Seelenheil nachzudenken, setzen wir die ernste Mahnung entgegen, zunächst einmal über die Verbesserung ihrer Lebens⸗ lage in diesem irdischen Jammerthal zu grü⸗ beln und Alles zu thun, was im Stande ist, dieselbe so weit zu fördern, daß sie in dieser Hinsicht mit ihrem gestrengen Seelsorger wenig⸗ stens einiger maßen gleichgestellt sind.

Macht hier das Leben gut und schön, Kein Jenseits giebt's, kein Wiederseh'n!

Diese Zeilen stehen als ernstes Mahnwort am Eingang zum Friedhof der Freireligiösen Gemeinde zu Berlin. Und was da gesagt wird, hat entschieden mehr Wahrscheinlichkeit für sich, als die vom Herrn Pastor mit so großer Be⸗ stimmtheit vorgebrachte Behauptung von der Existenz des Jenseits, wofür er nicht den geringsten Beweis zu führen im Stande ist. Den Eltern raten wir, sich die Aufdringlichkeit dieses Herrn höflichst zu verbitten, von dessen Vermuckerungsversuchen an der Krofdorfer Eiuwohnerschaft wir noch weitere Pröbchen geben.

Aus dem Nreise Marburg⸗Rirchhain.

St. Der GesangvereinEintracht begeht am Sonntag, den 28. d. M. im Saale des Schloßgarten dahier sein diesjähriges Stif⸗ tungsfest. Seit längerer Zeit wird schon fleißig geübt, um den Besuchern des Festes einige recht genußreiche Stunden zu bereiten. Außer Instrumental⸗ und Vokalkonzert, bet welch' letzterem verschiedene neue Lieder zum Vortrag gelangen, kommen auch komische Szenen und Couplets zur Aufführung. Der Eintritts⸗ preis ist im Verhältnis zu dem so reichlich Gebotenen ein sehr mäßiger. Karten im Vor⸗ verkauf bei den Mitgliedern erhältlich kosten für Herren 50 Pfg.(1 Dame frei), für jede weitere Dame 20 Pfg., Abends an der Kasse 75 Pfg. für Herren(1 Dame frei), 30 Pfg. für Damen. Den Beschluß des Festes bildet ein flottes Tänzchen. Da der Gesang⸗ verein seither stets mit freundlicher Bereit⸗ willigkeit zur Verschönerung aller Arbeiter⸗ festlichkeiten beigetragen hat, so ist zu erwarten, daß die hiesige Arbeiterschaft sich erkenntlich zeigt, und durch zahlreichen Besuch des Stiftungs⸗ festes unserer wackeren Arbeiter⸗Sängerschaar ihre Dankbarkeit bezeigt. 5

Zur Fleischnot. Das hiesige konser⸗ vative Bündlerblatt fährt fort, über den Ueber⸗ fluß an Schlachtvieh in Deutschland zu berichten, wovon in unserem Kreise allerdings nichts zu merken ist; im Gegenteil, ein hiesiger Metzger⸗ meister teilte in einemEingesandt in der Hess. Landesztg. mit, daß er einige Schlacht⸗ schweine von einem Gutsbesitzer in Borken bezogen habe, wobei ihn das Pfund Schlacht⸗ gewicht auf 73/ Pfg. komme, ohne die Betriebs⸗ unkosten. Er ist bereit, die Beweise hierfür