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Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung.
Nr. 36,
den Polen entstandenen Zwistigkeiten. Bekannt⸗ lich haben die polnischen Genossen dort sogar eigene polnische Reichstags⸗Kandidaten aufge⸗ stellt und lehnen eine Verständigung mit den deutschen Genossen ab. Durch deutsche Unter⸗ drückungsversuche der polnischen Nationalität hat sich bei den Polen eine starke nationale Bewegung entwickelt, die auch zum Teil die polnischen Sozialisten ergriffen hat. Wir können aber nicht zugeben, daß die in den polnischen Gebieten wohnenden deutschen Genossen etwa in die Rolle der in der Schweiz lebenden Deutschen kommen, daß die Deutschen sozusagen in Oberschlesien und Posen als Ausländer be⸗ trachtet werden. Hier war die Notwendigkeit einer Auseinandersetzung gegeben. Im Uebrigen ist natürlich die deutsche Partei zu jeder Zeit zur Versöhnung bereit. Weiter kommt Redner auf die Forderungen des Vereins„Arbeiter⸗ presse“ zu sprechen. Der Parteivorstand glaubt, daß endlich etwas geschehen muß, damit für die Familien derjenigen Genossen, die im Kampfe für die Sache invalide geworden oder gestorben sind, gesorgt ist. Es ist für den Parteivorstand sehr peinlich, solche Unterstützungen in jedem einzelnen Falle zu bestimmen. In den Partei⸗ geschäften soll deshalb für jeden Angestellten der volle Versicherungsbeitrag gezahlt werden. Das ists, was der Verein verlangte und dem wir zustimmen. Auer geht dann noch mit
einigen Worten auf die Konsumvereins⸗Bewegung
ein und schließt mit dem Wunsche, daß an seinem Berichte gnädige Kritik geübt werden möge.— In der Nachmittagssitzung folgte der Bericht des Kassierers und der Kontrolleure. Der Kassenbericht ist schon früher in unserm Blatte mitgeteilt worden.
Die Diskussion drehte sich hauptsächlich um die„Neue Zeit“ und„Sozialistischen Monats⸗ hefte“, wobei wieder eine kleine„Bernstein⸗ Debatte“ einsetzte. Verschiedene Parteischrift⸗ steller beschweren sich darüber, daß sie von dem Redakteur der„N. Z.“, Kautsky, in ihrer freien Meinungsäußerung unterdrückt würden. Darum wären sie aus der Neuen Zeit in die Soz. Monatshefte geflüchtet, was man ihnen nun zum Vorwurfe mache. In diesem Sinne beschwert sich besonders Heine⸗Berlin, Dr. David und Andere. Sie erklären, die Soz. Monatshefte seien ein Parteiorgan und nok⸗ wendig. Kautsky verteidigt sich gegen diese ihm gemachten Vorwürfe. Niemals sei die freie Meinungsäußerung in der„N. Z.“ unter⸗ drückt worden. Aber diese Zeitschrift sei ein Parteiorgan, die Diskussion müsse sich innerhalb der Parteigrundsätze bewegen. Uebri⸗ gens wären nur vereinzelte Beschwerden der vorgebrachten Art an ihn gelangt. Er habe noch nach dem Lübecker Parteitage Bernstein zur Mitarbeiterschaft aufgefordert. Kautsky schließt seine diesbezüglichen Ausführungen: Wir sollten froh sein, daß es bei uns trotzdem zu nichts Weiterem gekommen ist, als zu einer gewissen. Reizbarkeit. Auch diese wird ver— schwinden im Angesicht der bevorstehenden Wahlen. Diese werden uns zusammenschweißen. Die Krisis, die Wahlen, der Kampf um den Zolltarif werden nicht das Ende, sondern der „Anfang eines großen Kampfes sein. Wir werden wieder das Endziel in den Vordergrund stellen lernen und der Rest des revisionistischen Nebels wird verschwinden. Wir werden Alle einig sein in dem Rufe: Nieder mit dem Kapitalismus! Es lebe die Sozial⸗ demokratie!(Stürmischer Beifall.)
Von weiteren Rednern wird erklärt— ganz mit Recht— daß die Parteigenossen im Lande den Bernsteinstreit herzlich satt haben und sich nicht um die theoretischen Silbenstechereien kümmern. Die diesbezüglichen Bemerkungen Leyendeckers von Höchst und später Ulrichs werden vom Parteitage mit lebhafter Zustim⸗ mung aufgenommen. Angesichts des Wahl⸗ kampfes müßten die theoretischen Raufereien Kautsky⸗Bernstein aufhören.
Zu der Polenfrage hat Rosa Luxem⸗ burg eine Resolution eingebracht, zu der Bebel einen Zusatz beantragt hat, welcher lautet:
Es muß die Absonderung einer polnischen Gruppe, der„Polnischen Sozialistischen Partei“, die sich in einen
Gegensatz zur Gesamtpartei gestellt hat, als ein unge⸗ rechtfertigtes Vorgehen angesehen werden.
Der Parteitag verurteilt scharf die von der Gruppe „Polnische Soz. Partei“ provozierten Doppelkandidaturen in Oberschlesien und ersucht den Parteivorstand, nochmals den Versuch zu machen, eine Verständigung zwischen den streitenden Parteien herbeizuführen, die im Interesse der gesamten Sozialdemokratie liegt.
Nach längeren Ausführungen von Frau Luxemburg, Gogowsky's, Bebels und Anderer wird die Resolution einstimmig angenommen.
politische Nundschau.
Gießen, den 18. September.
Zur Fleischnot
hat auch der Landwirtschaftsminister, der frühere Husarengeneral Podbielski, seine Meinung gesagt. In Düsseldorf wars, bei einem solennen Frühstück; und es ist ihm ohne Weiteres zu glauben, daß der Herr Minister dabei nicht das geringste von Fleischnot spürte. Außerdem sprach Podbielski bei Agrariern, die sicher merk⸗ würdige Gesichter gemacht haben würden, wenn er etwa eine Rede gegen den Brot- und Fleisch⸗ wucher gehalten hätte. Hohe Schweinepreise, sagte er, wären eine vorübergehende Er⸗ scheinung, die jeden Sommer eintrete. Wenn diesmal mit besonderer Schärfe, so trügen auch die Klagen eines Teiles der Presse über den Fleischmangel, welche manche Landwirte zur Zurückhaltung veranlaßten, mit Schuld daran. Von einer erweiterten Oeffnung der Grenze für Schweine⸗Einfuhr könne aus diesen Gründen(), andererseits wegen der Seuchen⸗ gefahr(Y keine Rede sein.... Die Rede klang aus in ein Hoch auf die rheinische Land⸗ wirtschaftskammer und verständnisinnig leerten die„Notleidenden“ den bis zum Rand gefüllten Becher.
Welch drastische Gegensätze. In Berlin, im ganzen Reiche überfüllte Volksversammlungen mit Tausenden von Besuchern, die Protest er— heben gegen die künstliche, nur der agrarischen Beutesucht dienenden fluchwürdigen Fleischwucher⸗ politik und auf der anderen Seite in Düsseldorf eine Hand voll Vieh- und Schweinezüchter, die sich durch einen der ihren, den preußischen Handelsminister, unter lärmendem Beifall be⸗ stätigen lassen, daß von einer Oeffnung der Grenzen für Schlachtvieh gar keine Rede sein kann.
Die„Notleidenden“ stoßen an, trinken und brechen einer weiteren Flasche den Hals, wäh⸗ rend Millionen deutscher Staatsbürger, denen so die notwendigsten Nahrungsmittel unverschämt verteuert werden, hungern müssen.
Beispielsweise wird aus dem sächs. Erzgebirge gemeldet, daß Fleisch und Speck von den Tischen zahlreicher Arbeiter nahezu verschwunden sei. Das stellt die Handels- und Gewerbekammer für Plauen fest. Und auch weiter, daß die Zahl der geschlachteten Hunde und Pferde verhältnismäßig gestiegen ist. Auch in München wurde bei dem Gemeinderat der Antrag auf Genehmigung einer Hunde⸗ schlächterei eingereicht. Aber Fleischnot existiert nicht— für Minister und ihres Gleichen.
Sie kündigen die Revolution an.
Kürzlich proklamierte das staats- und königs⸗ treue Organ der sächsischen Konservativen allen Ernstes die revolutionäre Erhebung, wenn die Regierung nicht den Wünschen der Agrarier nachgeben würde. Dann würden die Throne krachen, Blut, Brand und greuelvolle Verwüstung würde ausbrechen. Wenn solche blutrünstige Leistungen nicht helfen, dann hilft gar nichts mehr. Also unter Umständen sind die Agrarier bereit, die Throne umzustürzen, die Fürsten aufzuhängen, wenn sie nicht für Aus⸗ hungerung des darbenden Volkes die Hand bieten. Sofort sind sie aber königstreu, wenn sie davon Vorteil haben. Welch unerschütter⸗ liche Treue!
Die„Leutenot“ auf dem Lande
wird von den Agrariern immer in den schwärzesten
Farben geschildert und als Ursache des Ruins der Landwirte hingestellt. Dabei wettert man über den Zug nach den Städten und Industrie⸗ zentren und behauptet, für die Arbeitslosen der Städte sei auf dem Lande Beschäftigung genug, wenn sie nur arbeiten wollten. In Wirklichkeit steht das Bild ganz anders aus. Als in Folge der industriellen Krisis viele Industriearbeiter brotlos wurden und ein Teil derselben sich dem Lande zuwendete, hat sich, wie„Augsb. Abend⸗ zeitung“ schrieb, gezeigt, daß das Land nicht so aufnahmefähig ist, wie man es Jahre lang hinzustellen beliebte; denn das Angebot an Arbeitskräften überstteg gar bald die Nachfrage, und damit sanken die Ar⸗ beitslöhne in fast rapidem Maße. Durch das starke Angebot von Arbeitskräften zu den Erntearbeiten im Niederbaierischen sind die Wochenlöhne gegenüber dem Vorjahre um mehr als 30 Prozent gesunken. Und dabei handelt es sich durchaus nicht um Leute, denen die landwirtschaftlichen Verrichtungen unbekannt waren. Gegenwärtig steht die Hopfenernte vor der Thür, und von verschiedenen Gegenden kommt bereits die Kunde, daß die Hopfenpflücker zum Teil von weither im Anzuge seien und daß voraussichtlich mehr Arbeitskräfte sich in den Hopfengebieten einstellten, als Verwen⸗ dung und Verdienst finden könnten. Man warnt sogar vor Zuzug! Und noch ein Drittes: Ein sehr agrarfreundliches Provinzblatt berichtet, daß man in diesem Jahre, während seither Frauen, Kinder und alte Leute dieses Geschäft besorgten, auch Männer und erwachsene Burschen zum Preißelbeerzupfen geben sehe, was bis jetzt noch nicht dagewesen sei! Ganze Scharen ziehen in der Frühe in den Wald und kehren abends schwer bebürdet heim.— Also Arbeitslosigkeit und damit Not für Tausende; während die Schlot⸗ und Krautjunker im Ueberflusse schwelgen.
Antisemitisches.
Die sogenannte deutsch⸗soziale Reformpartei, ein kleiner Teil der kleinen antisemitischen Sekte, hielt am Sonntag und Montag in Eisenach so etwas wie einen Parteitag ab. 60 stimm⸗ berechtigte Mitglieder sollen, laut Zeitungs⸗ berichten, daran teilgenommen haben. Der Vorsitzende Oswald Zimmermann eröffnete den Diskurs mit dem auch bei den Antisemiten obligaten Kaiserhoch. Einen etwas lichten Augenblick hatte Zimmermann, als er u. A. erwähnte, es gebe Zeiten, in denen Byzantinis⸗ mus und Bauchrutscherei in übertriebener Weise sich breit machen.— Man stelle sich nur vor, wie der Byzantinismus und die Bauchrutscherei, mit denen Zimmermann sich schon abfindet, widerlich wirken in nicht übertriebener Weise. In übertriebener Weise wirken diese modern⸗ teutschen Mannestugenden ekelhaft.— Zimmer⸗ mann referierte auch über„den Aufmarsch der Parteien bei den nächsten Reichstagswahlen.“ Der Antisemit hatte die Stirn, zu erklären, daß es sich bei der Bekämpfung des Zolltarifs und der Fleischteuerung lediglich um„Schlag⸗ worte“ handle. Dabei schrieb noch am Sonntag die antisemitische Staatsbürgerztg., daß das Wort„Fleisch“ für Tausend und Abertausende binnen Kurzem ein leerer Begriff geworden ist und vielleicht Sonntags einmal in vielen Haushaltungen zum greif oder eßbaren Gegen⸗ stand wird. Der Redner suchte dann zu erläutern, wohin ste, die Antisemiten, eigentlich gehörten. In wirtschaftlichen Fragen(also wenn es sich um Nahrungsmittelwucher, um Verteuerung der Lebensmittel handelt) nähern wir uns der konservativen Partei, in vorwiegend natio⸗ nalen Fragen wird es ein großer Teil der Nationalliberalen sein. Nun bewilligen die Nationalliberalen ebenso unbesehen alle vom Weltmachtskitzel diktierten Flotten⸗ und Militär⸗ vorlagen und wenn es verlangt wird, Zucht⸗ häusgesetze gegen die Arbeiter. Die Geständnisse der Herren Antisemiten bezeugen, daß sie an reaktionärer Niedertracht ihre konservativen und nationalliberalen Vorbilder noch zu übertreffen suchen. Und so etwas versucht es noch, sich mit einem volksfreundlich schillerndern Mäntel⸗ chen zu verbrämen?— Im weiteren Verlaufe unterhielten sich die Herren, wie die Beute, in Form von Reichstagsmandaten, auf dem Wege


