Ausgabe 
19.10.1902
 
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Dresden ganz beiseite geschoben.

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Nx. 48.

Mitteldentsche Sountags⸗ Zeitung.

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Sittlichkeit und Zucht besonders zu Hause sein soll. Man 110 diese Sittlichkeit kennen gelernt! Man hat erfahren, schreibt unser Zentralorgan, daß Prostitution und widernatürliche Unzucht in jenem kleinen biederen Landstädtchen ver⸗ hältuismäßig wohl reichlicher zu finden sind, als in irgend einem großstädtischen Sodom und Gomorrha. Die reichliche Gottesfurcht hat nicht verhindern können, daß jeder im Namen Gottes des Allmächtigen und Allwissenden etwas andres beschwor. Dafür hat sich der wüsteste Aberglaube üppig entfaltet. Von oben her benutzte man den Antisemitismus als Mittel gegen denUmsturz. Die Zeiten find vorbei. Aber der Boden, auf dem die antisemitische Sumpfpflanze gedeiht, wird von der konser⸗ vativen Rückwärtserei sorgsam gepflegt und ihm entsprießt die Sittlichkeit und Gottesfurcht der Konitzer Sorte.

Den Autisemiteuführer Zimmermann,

der bei der letzten Wee e in Dresden und in Wetzlar als Kandidat aufgestellt war, aber hier wie dort durchfiel, hat man jetzt in Die Anti- semiten haben nämlich in Sachsen mit den übrigen reaktionären Parteien gemeinsame Sache gemacht und auf Grund der Abmachungen soll der Wahlkreis Dresden⸗Altstadt, den unser Genosse Gradnauer vertritt, den Antisemiten überlassen bleiben. Nun hat aber eine anti⸗ semitische Vertrauensmänner⸗Versammlung nicht Zimmermann, sondern den Rechtsanwalt Häckel, den zweiten Vorsitzenden der Dresdener Stadt⸗ verordneten, als Kandidat proklamiert. Jeden⸗ falls schien Zimmermanns Kandidatur dem Ordnungskartell nicht besonders aussichtsvoll. Aber seinem Nachfolger, der natürlich ebenso rückständige Anschauungen vertritt und ebenso im Gefolge der junkerlichen Brotwucherer ein⸗ hertrabt als Zimmermann, wird es auch nicht gelingen, unserer Partei den Wahlkreis zu entreißen.

Gegen den Mädchenhandel.

welche auf die

dieser Tage in einem in Frankfurt stattgefundenen Kongresse über die Rettung der Mädchen, die durch förmliche Handelsgesellschaften in Halb⸗ asien der Prostitution in die Arme gellefert werden. Die bürgerliche Presse macht viel Rühmens von der Thätigkeit der guten Menschen, welche dieerzwungene Prostitution auszu⸗ rotten bemüht sind.

Die Versklavung der Frau und ihre beson⸗ ders rücksichtslose Ausnutzung zu Profitzwecken aller Art ist doch nur eine Folge des allgemeinen Zustandes. Weshalb sollen in Halbasien ge⸗ wissenlose Kapitalisten nicht mit Mädchen für Bordelle handeln, während in Deutschland unter den Augen der Behörden geschäftskundige Stellenvermittler ihren fetten Verdienst daraus ziehen, daß sie willige italienische, polnische und russtsche Arbeiter ebenfalls weiblichen Geschlechts, ja kindlichen Alters an unsere notleidenden Agrarier und Gutspächter und Bauunternehmer bis weit in den Westen hinein für Hungerlöhne verdingen, die ebenso entweder Entbehrungen oder Prostitution als Voraussetzung haben.

Vor dem Auge der Menschlichkeit muß es doch wohl ganz gleich sein, ob sich eine arme hübsche Polin dem Gutsinspektor oder dem Direktor der Zuckerfabrik zu ergeben gezwungen steht, oder ob ahnungslose Mädchen aus dem Mittelstande zu gleichen Zwecken direkt nach

London, Konstantinopel oder Alexandria ver⸗ handelt werden. Die Herren, die bloß gegen den jüdischen Mädchenhaͤndel kämpfen, brauchen deshalb noch keine Heuchler zu sein. Ihre Klasseninteressen lassen sie einfach nicht tiefer blicken, und das haben wir aufzudecken. Wer 140 fürstliches Vermögen der jahrhundertelangen

usbeutung von Gutstaglöhnern mit allen zmoralischen Zuthaten verdankt, kann beim Mädchenhande. nicht grundsätzlich gegen die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen Stellung nehmen.

Bezeichnend war es für diese Leute, daß sie die einzige Rednerin, Frau Fürth⸗Frankfurt,

sozialen Ursachen des schmachvollen Handels mit Menschenfleisch hin⸗ wies, auszischten! Nette Gesellschaft!

GinKolonialkongreßz⸗

hat dieser Tage in Berlin stattgefunden. Das war sicher ein dringendes Bedürfnis. Da ein wirklicher Herzog Vorsitzender der Kolonialgesellschaft ist, da ferner die Kolonial⸗ sache immer nochoben ganz gern gesehen wird, so bemühen fich sogar die Reichsbehörden um das Amüsement der Teilnehmer. Den Enthusiasmus solcher Tage kann man leicht dämpfen, wenn man die nackten Zahlen unserer Kolonialstatistik vorlegt.

Gemaßregelter Pastor.

Der protestantische Pastor Dörries in Kleefeld bei Hannover ist Mitglied der nationalsozialen Partei und spricht öfter in Versammlungen über politische Fragen. Des⸗ halb hat ihm seine vorgesetzte kirchliche Behörde amtlich eine Verwarnung zugehen 1 8 nicht offen als partei⸗politischer Redner aufzu⸗ treten. Pastor Dörries scheint jedoch den Streit mit der Behörde aufnehmen zu wollen. Er beteiligte sich am national⸗sozialen Parteitag und hielt eine Versammlung ab, in der er über das Thema sprach: Verdirbt die Politik den Charakter? Er vertrat die Ueberzeugung, daß es Pflicht jedes guten Staatsbürgers sei, einen Teil seiner Wirksamkeit dem politischen Leben zur Verfügung zu stellen, Politik treiben heiße mitwirken am Wohle des Vaterlandes. Das bischen politische Freiheit, das wir haben, hätten wir nicht, wenn nicht der Volkswille sich durch eine kräftige Regung geltend mache. Jedenfalls wollten sich auch die evangelischen Geistlichen das Recht, mitzuarbeiten am Wohle des Volkes, nicht schmälern lassen. Inzwischen ist gegen Dörries das Disziplinarver fahren eingeleitet worden.

Gemütlicher christlich⸗sozialer Parteitag.

In St. Pölten bei Wien kand am Sonntag ein Parteitag der Christli. statt, bei

welchen es zu heftigen Zusammenstößen zwischen Klerikalen und Freisinnigen kam. Der berüch⸗ tigte Wiener Bürgermeister Lueger war mit über 3000 Anhängern, welche fünf Extrazüge füllten, nach St. Pölten gekommen. Die frei⸗ sinnigen Stadtbewohner, gleichfalls mehrere Tausend Personen, empfingen die Christlich⸗ Sozialen mit Kundgebungen, die am Abend zu Thätlichkeiten führten. Die Christlich⸗Sozialen unternahmen eine förmliche Attaque gegen die St. Pöltener, worauf diese mit einzelnen Stein⸗ würfen antworteten. Die Gendarmerie war machtlos. Vier Kompagnien Infanterie stellten mit gefälltem Bajonett die Ruhe wieder her. Die Christlich⸗Sozialen fuhren alsdann nach Wien zurück, während die Freisinnigen eine Kundgebung für den Bürgermeister Völkl und gegen Dr. Lueger veranstalteten.

Eine Rede Millerands.

Bei Gelegenheit eines Banketts, das in Carm aur zur Feier der Wiederwahl Jaurés stattfand, hielt Millerand zum ersten Male, seitdem er dem Ministerium nicht mehr ange⸗ hört, eine Rede, in der er unter anderem er⸗ klärte, daß die sozialistische Partei in der äußeren, wie in der inneren Politik friedliche Ziele verfolge. Die französische Republik wolle Frieden. Die Pflicht und die Ehre der Republik und namentlich auch der sozialistischen Partei beständen darin, entschieden danach zu streben, daß die Konflikte, für deren Betlegung der Krieg bisher das einzige Mittel zu sein schten, auf friedlichem Wege beigelegt würden. Auch seien die Beziehungen zwischen den Völkern so zahlreich geworden, daß ein Weltbrand fast unmöglich erscheine und sei es nur erforderlich, die Verträge, welche die Nationen durch wechsel⸗ settige Interessen verbänden, zu vervielfachen, um damit den Krieg in das Reich des Traumes zu verweisen. Dann wandte stch Millerand den Frageu der Arbeiterversicherung zu, worin

Frankreich sich von Deutschland habe überholen

lassen. Zur Durchführung der soztalen Reform sei der Zusammenschluß aller Republikaner nötig. Auf die kümmerlichen sozialen Re⸗ förmchen legt Millerand offenbar zuviel Gewicht; auch kann von einem Weltfrieden in der heutigen Gesellschaft keine Rede sein.

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Bergarbeiterkämpfe.

Zwei riesige Bergarbeiterstreiks sind es, die in den letzten Tagen die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf sich ziehen. In Amerika und in Frankreich kämpfen die Bergarbeiter um Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen.

Der große Kohlenarbeiterausstand, an dem mehr als 150 000 Arbeiter des pennsylvanischen Hartkohlengebietes beteiligt sind, geht nunmehr schon in den sechsten Monat. Seit der Zer⸗ trümmerung der Bergarbeiterorganisation, die Ende der 70er Jahre dem Kohlen- und Eisenbahn⸗ magnaten Austin Corbin gelang, sind die Löhne bis auf das Hungerniveau herabgedrückt worden und Jahr für Jahr sich wiederholende Streiks waren die Folge. Die Bergarbeiterschaft, in der bis Anfang der 8er Jahre Irländer, Schotten, Amerikaner und Deutsche vorherrschten, rekrutiert sich heute zu 70 Proz. aus Polen, Slowaken und Ungarn, der Rest setzt sich aus Deutschen, Italienern, Irländern und Amerika⸗ nern zusammen. Durch Heranlockung einer Reservearmee kam es dazu, daß seit langen Jahren kein Hartkohlengräber mehr als 200 Tage im Jahre beschäftigt war. Kleinere Streiks endigten in der Regel mit einer Niederlage der Streikenden. Erst vor zwei Jahren gelang es zum ersten Mal, die Kohlengräber der ganzen Anthrazitregion in Pennsylvania zum Ausstand

zu bringen, in welchem sie zum Staunen Vieler

bewundernswert zusammenhielten und der nach 14 Wochen durch Gewährung einiger Konzessionen zum Abschluß kam. Zu einer Anerkennung threr Union wollen sich aber die Kohlenbarone nicht verstehen, und da sich auch die Letzteren nicht zu einer festen Lohnskala entschließen konnten, sich überhaupt weigerten, mit den Ar⸗ i Bedingungen abzuschließen, so kam es zu dem jetzigen großen Streik. ie Forde⸗ aner de ern e rungen d res d ite Nuntrel.

ungen für Stückarbeit, achtstündige Arbeits⸗ dauer für Zeitarbeit und Anerkennung der Gewerkschaft als Vertreterin der Arbeiter.

Gerade im letzteren Punkte wollen die Unter⸗ nehmer nicht nachgeben, sie verweigern die Anerkennung der Arbeiterunionen.

Der Streik ist allmählich zu einer großen nationalen Kalamität geworden. Der Mangel an Hartkohlen(Steinkohlen) macht sich immer stärker fühlbar, die Kohlenpreise steigen enorm. In den großen Industriebezirken des Ostens müssen Fabriken schließen, andere behelfen sich mit Weichkohlen und Holz, viele Waschanstalten und Bäckereien gehen in den großen Städten ein, die Preise für Hausbrand⸗Anthrazitkohle sind bis auf 30 Dollar(rund 120 Mk.) für die Tonne und höher gestiegen, alles Brennbare wird als Ersatz für Kohle versucht, Kanada und England liefern zwar Kohlen, aber bei Weitem nicht genug. Mit Bangen sieht man dem Winter entgegen; alles Brennmaterial hat ungeheuere Preise erreicht.

Unter dem schweren Druck des Ausstandes fordert die öffentliche Meinung immer lauter eine Vermittlung. Die Vermittlungsversuche einflußreicher Politiker und Privatleute sind bis jetzt immer an der Hartnäckigkeit der Gruben⸗ besitzer gescheitert. Endlich entschloß sich auch der Präsident Roosevelt einzugreifen.

Am 3. Oktober berief er fünf hervorragende Unternehmer, Eisenbahn⸗Präsidenten und drei Arbeiterführer zu einer Sitzung in Washington zusammen, in welcher er an die Vaterlandsliebe beider Parteien appellierte, die Streitigkeiten einzustellen, damit die Aufnahme der Arbeit ermöglicht und dadurch großes nationales Un⸗ 2 075 verhütet werde. Die Konferenz scheiterte edoch an der strikten Weigerung der Minen⸗ besitzer, die Gewerkschaft als gleichberechtigte Gegenpartet anzuerkennen. Die Arbeiterführer

dagegen erklärten sich bereit, den Streik sof ort

zu beenden, falls die Differenzen einem vom

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